The Fateful Year of 1923

GA 259 — 27 February 1923, Stuttgart

Report on the Meeting of the Delegates III

Dienstag, den 27. Februar 1923, vormittag

Am Dienstag, den 27. Februar, eröffnete Herr Leinhas die Versammlung, indem er die Teilnehmer bat, Herrn Dr. Steiner ihre Glückwünsche zu seinem Geburtstage durch Erheben von den Sitzen zum Ausdruck zu bringen.

Herr Dr. Steiner dankte.

Herr Emil Leinhas, Stuttgart, wies dann darauf hin, welche Fülle von Weisheit, Schönheit und Kraft Dr. Steiner in zwei Jahrzehnten seines Wirkens über die Gesellschaft ausgegossen habe, wie aber die Gesellschaft hinter der Entwickelung der Anthroposophie selbst zurückgeblieben sei und wie besonders ihrer Führung die glückliche Hand gefehlt habe. Er betonte, daß es gegenüber den Aufgaben, die sich aus der Entwickelung der Sache ergeben, keine Entschuldigung geben könne. Die Kritik, die bisher auf der Versammlung geübt worden sei, sei ja den Betroffenen nicht neu, sie sei auch nicht immer sehr höflich gewesen, aber die Tatsache, daß überhaupt Kritik in diesem Ausmaße vorhanden sei, sei ein Zeichen dafür, daß eben die Führung die geschickte Hand vermissen lasse und daß sie nicht imstande gewesen sei, eine Atmosphäre des Vertrauens zu begründen. Vertrauen zur Führung sei aber die Grundvoraussetzung ihres Wirkens. Er hoffe, daß die führenden Persönlichkeiten der Gesellschaft aus einer wirklichen Einsicht in ihre Ohnmacht, aus ihrer Liebe zur anthroposophischen Sache und aus ihrer Liebe zu Dr. Steiner die Kraft gewinnen werden, ihre schwere Aufgabe zu erfüllen.

Herr Ernst Lehrs, Jena: Referat über «Jugendbewegung und Anthroposophie»

Im Verlauf der Mitgliederversammlung, die während des Stuttgarter Kongresses im Herbst 1921 stattfand, hat Dr. Steiner das Wort ausgesprochen: «Hier hat ein Vertreter der Jugendbewegung gesprochen! Hier sitzen eine ganze Anzahl von Vertretern der Studentenschaft, meine lieben Freunde! Daß die Angehörigen solcher Bewegungen oder solcher Körperschaften zu unserer Anthroposophischen Gesellschaft gekommen sind, das ist etwas, was wir als epochemachend innerhalb der Geschichte unserer anthroposophischen Bewegung betrachten müssen!» Damals hat manchem jungen Menschen das Herz höher geschlagen und ein überwallendes Gefühl hat seine Hände zum Beifall gerührt. Und doch waren es nur mehr Hoffnungen und Erwartungen, was ihn bewegte. Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen, da die anthroposophische Jugend kundgeben will, was sie glaubt gefunden zu haben, um mithelfen zu können an der Entfaltung anthroposophischen Lebens.

Seit etwas mehr als einem Jahr ist einer immer größeren Anzahl von jungen Menschen stärker und stärker etwas bewußt geworden, was sie unwillkürlich sich wenden ließ zunächst gegen den Bund für anthroposophische Hochschularbeit, dem sie zum großen Teile ja selber angehörten. Ihnen war es zum Erlebnis geworden, daß sie jungen Menschen begegneten, die eine ganz neue Seelenlage und ungeheure Zukunftskräfte keimhaft veranlagt offenbarten, die aber nichts anfangen konnten mit Anthroposophie, so wie sie sie vorfanden. Und während die einen die Dinge weiter so gestalten wollten, wie sie den Kräften entsprachen, die sie selber mitbrachten, richtete sich der Blick der anderen immer mehr auf die noch nicht aktiv tätigen Kräfte in den ihnen begegnenden jungen Menschen und in der eigenen Brust, und sie empfanden die Verpflichtung, dem, was keimhaft in ihnen und um sie herum vorhanden war, zu helfen, daß es wirklich Anthroposophie treiben konnte. Und während das, was einmal ein durchaus zeitgemäßer Versuch gewesen war, Anthroposophie hineinzutragen in die Hörsäle, im Hochschulbund zur ausschließenden Parole geworden war, mußte jene Jugend sich aufmachen, Anthroposophie zu tragen in junge Menschenherzen. So hat es Dr. Steiner kürzlich selber ausgedrückt.

Wie kam es nun, daß man sogar in den Reihen des eigenen Hochschulbundes so wenig Verständnis fand für das, was hier erstrebt wurde? Das lag daran, daß sich in ihm zwei Generationen gegenüberstanden. Und das ist kein Wunder. Denn wenn man ein Empfinden hat für das rasende Tempo seelischer Entwickelung in der Gegenwart, so erlebt man, daß die Generationen bald semesterweise einander ablösen! Die ältere der beiden Generationen stand unter der Tragik, die Dr. Stein in seinem Berichte aufzeigt, dort, wo er schildert, wie er und seine Freunde zur Anthroposophie kamen, belastet mit dem ganzen Geiste der Vergangenheit. Und das ist wirklich der Gegensatz zwischen diesen beiden Generationen. Die jüngere kam nicht nur ohne diese drückende Last, sondern wie mit einem saugenden Nichts auf den Schultern! Um wieviel mehr muß sich dieser Gegensatz aber noch zeigen zwischen diesen Jungen und den älteren Jahrgängen der Anthroposophischen Gesellschaft überhaupt!

Wenn man sich von den älteren Anthroposophen ihren Weg zur Anthroposophie erzählen läßt, wenn man ihre Jugend nachzuerleben versucht, so empfindet man, wie diese Jugend noch verlaufen ist in einer geistig-seelischen Selbstverständlichkeit. Gebettet war sie noch in Traditionen von allen Seiten her, und nur aus einer gewissen, mehr unbestimmten Sehnsucht heraus, haben sie zur Anthroposophie gegriffen. Bei der gegenwärtigen Jugend aber ist es keine Sehnsucht mehr, kein Bitten um Geist mehr, sondern ein furchtbares - Betteln um Geist, mitten aus dem vollständigen Nichts heraus! Das ganze Weisheitskapital, von dem die Menschheit seit urferner Vergangenheit gelebt hat, ist aufgezehrt. Kein Wissen hilft ihr mehr als eines, das sie selbst sich in jedem Augenblicke erarbeitet: sie ist wahrhaft ein Proletariat im Geiste! So gibt es für sie keine Möglichkeit, Brücken zu bauen von vergangenem Geistesleben in die Zukunft hinein, sondern aus dem Nichts heraus gilt es in der Zukunft selbst ein neues Fundament zu bauen, von dem aus dann die Brückenbögen rückwärts geschlagen werden können.

So kommt diese Jugend dazu, nichts anderes zu erstreben als reine Anthroposophie selbst. Sie will Anthroposophie so leben, daß sie das Moralische darin in jeder Beziehung zur Wirklichkeit, zur Tat machen will. Und erst von dort aus will sie sich in die mehr speziellen Formen des Geisteslebens hineinringen. Darin aber glaubt sie ein unmittelbares Verständnis finden zu können gerade bei den älteren Anthroposophen. So manches Mal kommen ältere Menschen und sagen: «Unglaublich gebildete Leute treten mir oft gegenüber und beweisen mir alles Mögliche gegen Anthroposophie. Ihr Jungen, zumal ihr Studenten, habt es da nicht sehr schwer. Was aber tue ich da als ein einfacher, naiver alter Anthroposoph?» Und dann konnte ich solche Menschen in freudiges Erstaunen versetzen, wenn ich, gerade aus der Einstellung von uns Jungen heraus, ihnen sagte: «Gar nichts hilftes, Anthroposophie aus dem Intellekt heraus, gegen den Intellekt zu beweisen. Deshalb lasse ich am liebsten mein ganzes Universitätsstudium beiseite, und bemühe mich, den anderen in seinen Begriffen bis dahin zu führen, wo sie anfangen moralisch - das heißt leider in vielen Fällen unmoralisch — zu werden. Denn, was zunächst not tut, das ist das, daß die Menschen aufhören, sich vor den moralischen Konsequenzen ihrer intellektuellen Begriffe zu drücken!»

Werden durch diese Einstellung nicht aber die ganzen wissenschaftlichen Bestrebungen in der anthroposophischen Bewegung über den Haufen geworfen? Ja, ist es nicht vielleicht sogar ganz richtig, daß das geschieht? Keineswegs! Im Gegenteil! Noch lange nicht klar genug sieht man in der Anthroposophischen Gesellschaft, welche Verantwortung sie hat, dafür zu wirken, daß wirklich Wissenschaft, Kunst und Religion wieder zu einer Einheit werden. Gar mancher ältere Anthroposoph meint, was gehe ihn in seinem Streben nach reiner Anthroposophie die gegenwärtige Wissenschaft an! Aber er ahnt nicht, mit welch furchtbarer Gewalt allein schon das denkerische Betreiben heutiger Wissenschaft die Seele zwingt, in ihren ursprünglichsten Verrichtungen unmoralisch zu sein. Da heraus kommt dann eine Lähmung der Seelenkräfte im Verkehr der Wissenschafter untereinander, mit den Studenten und der Studenten untereinander, die verheerend hineinwirkt in das soziale Dasein der Menschen. Und das ist in allen Wissenschaften so, von der mathematischen bis hinüber zu den sozialen. Das Gefährlichste daran aber ist dies, daß das dauernd so verläuft, daß die Seelen selber davon nichts merken, und daß sie schließlich zu gelähmt sind, um sich überhaupt noch dagegen regen zu können. Und dieser Alp wird so fürchterlich, daß manche Menschen, die eigentlich die Berufensten wären, aus neuen Kräften heraus zu arbeiten am Neuen, wenn sie gar wach geworden sind, aufstöhnen: «Ich kann ja nicht mehr anders!»

Der kommenden Jugend also gilt es, von vornherein einen neuen Wissenschaftsweg zu zeigen, ihr, von der jetzt schon der bekannte Pädagoge Eduard Spranger sagt, sie werde nur noch eine solche Wissenschaft anerkennen, in der sie ihr ethisches Menschenwesen befriedigt findet; die der heutigen Wissenschaft Goethes Wort über Kants Philosophie zurufen wird: «Ich fühle mich in nichts gebessert!».

Warum glauben die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft im Durchschnitt aber immer noch, hierin keine eigene Aufgabe zu haben? Weil das Wort «Wissenschaft» sie zwingt, eine Analogie zur heute gültigen Wissenschaft zu machen. Aus der ganzen Schilderung heraus des Nichts, in dem die gegenwärtige und kommende Jugend steht, kann man sich aber eigentlich genötigt fühlen, das Neue nicht mehr «Wissenschaft» sondern «Könnenschaft» zu nennen!

Inwiefern kann aber ein jeder echte Anthroposoph zu ihr etwas beitragen? Ja, aus all dem Geschilderten geht ja hervor, daß sie sich nur auferbauen kann auf dem alltäglichsten Gewahrwerden des Geistigen selbst. Und wo tritt dieses uns am offenbarsten entgegen? Im Du des anderen Menschen. Als wir hinter den Kulissen des Wiener Kongresses in aller Stille um ein erstes Gestalten dieser Impulse rangen, da rief uns Dr. Steiner in seinem dortigen Zweigvortrage zu: Nicht hat anthroposophische Wissenschaft hinzuführen zu einer Brüderlichkeit, sondern sie selber kann nur erwachsen aus Brüderlichkeit. - Und eben dieses ist es, was die Jugend im Laufe dieser Monate stärker und stärker erstrebte: dieses bewußte Zusammenwirken vom Ich und Du. Das aber ist auf der anderen Seite eine ungeheuer schwere Aufgabe für die Jugend allein. Denn zum rechten Du-Erlebnis braucht man ein gerüttelt Maß Lebensweisheit, wie sie erwachsen kann einem älteren Menschen aus seiner Lebenserfahrung. Und da möchten wir Jungen greifen nach helfenden Menschenhänden aus der Anthroposophischen Gesellschaft. Denn wir fühlen: Ein Nichts sind wir gegenüber dieser Aufgabe des Du-Erlebnisses mit unserer Lebenserfahrung allein. Allerdings eine Lebenserfahrung, wie sie heute beim Alter meist üblich ist, die sich einem dauernd wie ein Klotz vor die Füße wirft, indem sie grinsend von zerstörten Illusionen, von abgeschliffenen Jugendidealen spricht, eine solche brauchen wir nicht! Aber gerade Anthroposophie kann wohl das Alter lehren, Erfahrungen in Weisheit zu verwandeln.

Eine solche Wissenschaft hat aber noch eine weitere wichtige Aufgabe, als nur die, wissenschaftlich strebenden jungen Menschen die Möglichkeit eines menschenwürdigen Seelenweges zu bieten oder sie davor zu bewahren, mit der Klampfe in Feld, Wald und Wiese herumzulaufen, um hernach doch Philister zu werden, oder rein aus dem Gefühl heraus soziale Siedelungsexperimente zu machen. Und diese andere Aufgabe ergibt sich daraus, daß die besten unter den heutigen Proletariern eigentlich müde geworden sind an allen sozialistischen Theorien, allen Parteiprogrammen, aller volkshochschulmäßigen Scheinwissenschaft. Das Denken ist ihnen kompromittiert! Und sie beginnen etwas auszusprechen, was eigentlich ganz russisch ist: «Jetzt wollen wir einmal anfangen, nur zu leben. Das Leben wird sich schon selbst regulieren. Mit unserem vielen Denken haben wir es nur darin dauernd gestört!» — Damit aber machen sie sich ja nur zu einem umso leichteren Opfer des einzigen, worin die Menschheit heute ganz wach ist, des harten, kalten, tötenden, gemütslosen Denkens. Wir können aber nicht anders weiterkommen als dadurch, daß wir diesem Denken ein anderes Denken entgegensetzen. Und so gilt es, durch unsere neue Wissenschaft all diesen Menschen das Vertrauen zum Denken zurückzugeben.

Aber gerade und nur aus Anthroposophie kann eine solche Wissenschaft erwachsen. Denn konnte noch Nietzsche, auf dessen glänzende Kritik der Bildungsanstalten in den siebziger Jahren Dr. Steiner letzthin öfters hinwies, in seiner positiven Forderung außer einem nebulosen Naturerleben zu nichts anderem kommen als zu einem Zurückgreifen auf die letzte von kosmischer Weltanschauung getragene Kultur, die hellenische, so gibt erst Anthroposophie einen dem gegenwärtigen Denken erfaßbaren Zusammenhang aller geistigen und körperlichen Vorgänge Himmels und der Erden, und so werden die kommenden Spezialwissenschaften als Gemeinsames haben: den Menschen; auseinanderteilen wie ein Fächer werden sie sich nur bezüglich der Erforschung des Zusammenhanges des Menschen in all seinen Einzelheiten mit all den Phänomenen des Natürlichen und des Sozialen um ihn herum. Das Wort aber, das Dr. Steiner oft von seiner Geistesforschung gebraucht hat: verstehen könne sie ein jeder, nur um sie zu erforschen, brauche man die Geistorgane — dieses Wort wird entsprechend gelten können von der neuen Wissenschaft. In ihr wird der Fachmann vor dem Laien nur das Erforschen voraus haben, nicht aber das Verständnis. Sie wird ihre Popularität in sich selber tragen; — einem heutigen Universitätsprofessor aber darf sie gar nicht verständlich sein! Zwei großartige Beispiele haben wir hierfür: Goethes «Farbenlehre» und Dr. Steiners «Kernpunkte der sozialen Frage».

Und wie kann solche Wissenschaft nun konzentriert und intensiv geschaffen werden, wie die Not der Zeit es gebieterisch heischt? Wie finden wir auch nur genügend künftige Mitarbeiter dazu? Durch nichts anderes, als durch die Arbeit an einer gemeinsamen Stätte, einer neuen Freien Hochschule! Solange wir stets nur vor die Jugend in der Außenwelt hintreten und unsere Worte gipfeln müssen in: «Wir möchten» - «wir könnten» — «man müßte», solange erwecken wir meist nur ein bald erlahmendes Interesse. Ganz anders aber werden wir wirken können, wenn wir gleichsam mit dem Finger auf diese Stätte werden weisen können. So ist uns die Schaffung einer solchen Freien Hochschule ein ebensolcher brennender Wunsch, als wie er von den älteren Waldorfschülern zu hören war. Und das könnte eine heilige Aufgabe sein, an der alle Generationen der Anthroposophischen Gesellschaft zusammen wirken könnten. So ist es nur natürlich, daß wir Jungen aus diesem heraus, was uns so am Herzen liegt und heraus möchte rein menschlich zunächst, und dann erst hinein in die Spezialisierung des geistigen Lebens, daß wir da greifen möchten nach den Händen der ganzen Anthroposophischen Gesellschaft. Wir hatten uns durch unsere Erlebnisse am «Stuttgarter System» verleiten lassen zu einer Opposition gegen die ganze Anthroposophische Gesellschaft. Wir haben aber inzwischen ein brennendes Interesse gewonnen an der Organisation der Anthroposophischen Gesellschaft und wir haben gelernt, daß es nicht unsere Forderung sein kann: «Reorganisiert uns die Anthroposophische Gesellschaft, damit wir etwas davon haben!», sondern daß wir selbst mit unseren besten Kräften zur Reorganisation helfen müssen! Denn wir haben erlebt, wie wir ein Nichts sind ohne die Kräfte der Anthroposophischen Gesellschaft, so wie wir andererseits in einer gewissen Selbstbewußtheit meinen, daß die Anthroposophische Gesellschaft ein Nichts ist ohne uns und die kommenden Generationen. Darum aber bitten wir die älteren Freunde, was uns Jüngeren, die wir so aus dem Nichts als Bettler um Geist kommen, so viel selbstverständlicher ist, daß sie mit uns zusammen hinblicken auf die uns entgegenwachsenden Menschen, damit jede Metamorphose der Anthroposophie, mag sie auch noch so unerwartet sein, sich ausleben kann in der Anthroposophischen Gesellschaft.

Wenn wir in solch gemeinsamem Bewußtsein gemeinsamer Liebe zur Menschheitsaufgabe zusammenarbeiten werden, verbindend das Ursprüngliche der Jugend mit dem dem Alter Eigenen, dann werden wir von jetzt an in alle Zukunft hinein etwas tun, was nicht nur Vergangenes gut machen kann, was die Anthroposophische Gesellschaft nicht nur reorganisieren, nicht nur eine Organisation des Geistigen schaffen kann, sondern was etwas erwirken kann, das wie eine Pflanze ist, die in jedem Augenblick Keim ist für die Zukunft, die unsterblich ist aus einem ewigen «Stirb und Werde» und aus der uns allen gemeinsam noch unendliche Freude und unendliche Aufgaben erwachsen können.

Herr Louis Werbeck, Hamburg, bittet, ein Komitee zu bilden zur Schaffung einer Freien Hochschule, und fordert zu Stiftungen auf.

Herr Louis Werbeck, Hamburg: Referat über «Die Gegnerschaft» [siehe unter Hinweise]

Schon seit Jahren bestand für die anthroposophische Bewegung die Notwendigkeit, sich des Angriffs einzelner Gegner zu erwehren. Erst in neuerer Zeit sieht sich die Bewegung genötigt, mit einer geschlossenen Gegnerschaft zu rechnen. Die Einheit dieser Gegnerschaft ist von innerer Gliederung durchsetzt: Das ganze, in sich differenzierte traditionelle Geistesleben erhebt sich gegen die Anthroposophie und ihren Schöpfer.

Dem Angriffe dieses materiell gewaltigen Phänomens kann man nur methodisch begegnen. Nicht indem man die Schriften der Gegner widerlegt - die Feinde sollen ihre Überzeugungen und Weltanschauungen haben; denn Differenzierung ist die Voraussetzung für die Entwickelung des menschlichen Geisteslebens — sondern indem man das «Wie» der gegnerischen Kampfesweise methodisch und rückhaltlos charakterisiert.

Alle Menschen haben ein Interesse daran, daß die großen Kulturkämpfe, die mit Notwendigkeit an den Wendepunkten der Entwickelung auftreten, nicht aus dem Gebiete herausfallen, in dem sie urständen: aus dem Geistgebiete. Bedient sich eine Gegnerschaft untermenschlicher oder gar krimineller Mittel, so wird damit prinzipiell die Existenz eines jeden Menschen angetastet.

Eine methodische Untersuchung der Kampfesweise der Gesamtgegnerschaft enthüllt überzeugend die üblen Mittel, die diese in ihrem Angriffe auf die Anthroposophie und ihren Schöpfer verwendet. Alle Gegner stellen das Objekt ihres Widerspruchs unzulänglich dar. Was sie als «Anthroposophie» auf der Grundlage oberflächlichen Teilstudiums der geisteswissenschaftlichen Werke oder gar nach oberflächlichem Einblick in die Gegnerschriften darstellen, ist in den meisten Fällen nichts mehr als eine Karikatur der Anthroposophie. Dieses selbsterzeugte Gespenst machen sie populär, dieses bekämpfen sie.

Bei der Konstruktion dieses Schemens spielen alle Handgriffe niedrigster Journalistik eine Rolle: falsches oder verrenktes Zitat, Wiedergabe schockierender, aus dem Zusammenhang gerissener Tatsachen, suggestive Beeinflussung des Lesers durch Form und Aufmachung der Schriften, Lüge, Verleumdung, Fälschung, Unterschiebung von Absurditäten usw. Diese immer wiederkehrenden Phänomene lassen sich zu Kategorien ordnen, die typisch für die einzelnen Gegnergruppen sind.

Die innere Schwäche und Hohlheit des literarischen Gesamtwerkes der Gegner offenbart sich in einem vierfachen Widerspruche, der sich unter exakten Beweis stellen läßt. 1. widersprechen sich die Einzelschriften in sich selber, 2. widersprechen sie sich untereinander, 3. widersprechen sich die einzelnen Gegnergruppen, und 4. ist der einheitlich aufgefaßte Widerspruch der Gesamtgegnerschaft vor der zulänglich erfaßten Anthroposophie unhaltbar. Sie löst ihn in sich auf. Es läßt sich faktisch der Beweis erbringen, daß sich die Gegnerschaft durch Selbstzeugnis in diesem vierfachen Widerspruche geistig selbst vernichtet.

Aber nicht nur in der Abwehr des gegnerischen Angriffs kann Methode walten, sondern auch in der Art, wie die anthroposophische Bewegung die Aufklärung über die perfide Gegnerschaft an die Zeitgenossen heranbringt.

Der an aller Wahrheitserkenntnis resignierende Zeitgenosse steht dem Inhalte der literarischen Erscheinungen immer skeptischer und gleichgültiger gegenüber. Auch die Inhalte der Streitschriften beginnen ihn kalt zu lassen. Noch aber ist er ästhetisch zu erregen. Schutzschriften für die anthroposophische Bewegung sollten daher von Künstlern geformt werden, sollten Kunsterzeugnisse sein, die durch ihre Form auf den Willen und durch Bildlichkeit auf das Gefühl wirken. Auf diesem Wege allein kann Interesse für den Inhalt solcher Schriften entfacht werden. Heute gilt es, nicht einseitig auf den Kopfmenschen, sondern unmittelbar auf den ganzen Menschen zu wirken. Zur Schaffung von so gearteten literarischen Abwehrwaften muß daher eine Gesellschaft aufgerufen werden, die einen so unaussprechlich köstlichen Besitz zu verteidigen hat wie die anthroposophische; sie muß es um so energischer, als sie ihre Pflichten in diesem Betracht seit Jahren versäumte. Ein vitales Interesse bindet heute die Anthroposophische Gesellschaft an einen organisierten Abwehrkampf. Jeder Anthroposoph, dem es um seine Weltanschauung ernst ist, ist zur Beteiligung an diesem Abwehrkampfe aufgerufen. An ihm scheiden sich die Lauen und Flauen von denen, die eines wahrhaft guten Willens sind.

Hierauf wurde die Versammlung um 12 Uhr unterbrochen. Fortsetzung 2 Uhr.

Dienstag, den 27. Februar, nachmittags

Eröffnung durch den Vorsitzenden, Herr Emil Leinhas, um 2 Uhr.

Es melden sich einige Redner zur Geschäftsordnung. Da sie aber zu den Gegenständen sprechen, die später beraten werden sollen, werden sie vom Vorsitzenden unterbrochen.

Herr Dr. Karl Heyer, Stuttgart: Referat über den «Bund für freies Geistesleben»

Der «Bund für freies Geistesleben», über den hier unter den Gesichtspunkten der Anthroposophischen Gesellschaft gesprochen werden soll, hat seine Daseinsgrundlage darin, daß es heute zahlreiche Menschen gibt, die zwar mit der Anthroposophischen Gesellschaft zunächst nichts zu tun haben wollen, die aber ein lebhaftes Bedürfnis nach dem haben, was als Auswirkungen aus der Anthroposophie auf den verschiedensten Lebensgebieten hervorgegangen ist. An diese sollte der Bund bewußt sich wenden. Dadurch könnten zum Beispiel Studienkreise für bestimmte Gebiete (wie Physik, Nationalökonomie, Pädagogik, Theologie usw.) ins Leben gerufen werden. Damit würde ein Kreis von Menschen sich bilden können, der eine Art von Zwischenschicht zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft und der «Außenwelt» abgeben würde. Eine solche gerade im Interesse der Anthroposophischen Gesellschaft notwendige Zwischenschicht fehlt heute. Sie würde in sachgemäßer Art über Anthroposophie diskutieren und auch ein gesundes, sachgemäßes Urteil über die Gegnerschaft der Anthroposophie entwickeln können. Es kommt vor allem darauf an, daß jeder, der so in die Außenwelt wirken kann, auch den Willen hat, dies zu tun. Gut ist es auch erfahrungsgemäß im Interesse einer sachgemäßig öffentlichen Diskussion über Anthroposophie, daß neue nichtanthroposophische Vereinigungen durch Anthroposophen Vorträge über Anthroposophie halten lassen, wozu ja auch unsere Freunde manches tun können. Redner wird der Bund nach Möglichkeit vermitteln. Ein anderes: Das deutsche Volk ist in Gefahr, immer mehr sich von den Grundlagen seines eigenen Wesens zu entfernen. Auf dieses Wesen, wie es Geister wie Fichte, wie es die Goetheanisten aufgefaßt haben, hinzuweisen, wäre eine der vornehmsten Aufgaben eines Bundes für freies Geistesleben, der dadurch zugleich auch für die im deutschen Geistesleben wurzelnde Anthroposophie Vorarbeit leisten würde. Der Bund kann zur Quelle einer gesunden Urteilsbildung über alle Fragen des gegenwärtigen sozial-kulturellen Lebens werden. Solche Urteilsbildung fehlt der Gegenwart nur allzusehr. Aus Anthroposophie muß und kann sie gewonnen werden. Indem der Bund — zum Beispiel auf dem Gebiet der Völkerpsychologie - in dieser Richtung wirkt, wird er zugleich zum Zeugen werden für die Fruchtbarkeit der anthroposophischen Welterkenntnis. Wenn der Bund für eine Befreiung des Geisteslebens von Staat und Wirtschaft, insbesondere für freie Schulen eintritt, so stellt er sich wiederum gleichermaßen in den Dienst einer allgemeinen Zeitnotwendigkeit wie auch der anthroposophischen Bewegung, die ohne ein freies Geistesleben nicht zu ihrer vollen sozialen Auswirkung kommen kann. Für alle diese und viele andere Aufgaben braucht der Bund die Mitwirkung aktiver Persönlichkeiten. Er selbst kann nichts anderes sein als die Gesamtheit derer, die in solcher oder ähnlicher Art aktiv mitarbeiten wollen mit Ortsgruppen, die nur auf dem Papier stehen und zu denen sich Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft zusammenschließen, die dann nichts anderes tun, als was sie auch bereits als Zweig getan haben, ist dem Bunde nicht gedient. Wer aber in der angedeuteten Weise mitarbeiten will, den bitte ich, sich unter Angabe des Arbeitsgebietes mit uns in Verbindung zu setzen. Gelingt es uns, den Bund zu einem lebendig wachsenden Organismus zu machen, dann wird durch ihn der Vertrauensorganismus, den wir innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft begründen wollen, sich über diese hinaus in die Außenwelt gleichsam fortsetzen, und wir werden auch von dieser Seite her die Isolierung überwinden können, in der sich heute unsere Gesellschaft gegenüber der Welt befindet.

Für die folgende Diskussion wird die Redezeit auf zehn Minuten beschränkt. Der Vorsitzende, Herr Leinhas, bittet, nunmehr zum Positiven zu sprechen. Eine Geschäftsordnungsdebatte wird abgebrochen.

Herr Dr. Rudolf Toepel, Komotau, stellt den Antrag, einen neuen Vorstand wählen zu lassen.

Herr Dr. Rudolf Steiner: Diese Versammlung ist hier zusammengekommen, um über das Schicksal der Gesellschaft zu entscheiden. Und es wäre wirklich notwendig, daß die einzelnen Teilnehmer sich bewußt werden der Wichtigkeit des Moments. Die Anthroposophische Gesellschaft ist ganz gewiß kein Kegelklub. Man kann also unbedingt in der Anthroposophischen Gesellschaft nicht, bevor über die Verhältnisse, wie sie nun gegenwärtig sind, eingehend konferiert worden ist, auftreten mit der Prätention: es solle jetzt ein Vorstand gewählt werden. Das kann man in einem Kegelklub, aber nicht in der Anthroposophischen Gesellschaft, wo vor allen Dingen Kontinuität notwendig ist. Es kann sich nur darum handeln, daß diese Versammlung zu Ende geleitet wird von denjenigen, die die führenden Persönlichkeiten in Stuttgart waren. Wie darüber diskutiert werden kann, in diesem Augenblick besonders, ist mir unverständlich. Wir kommen in ein absolutes Chaos hinein, wenn solche Anträge wie die des Herrn Doktor Toepel in solchem Augenblicke fallen. Solche Anträge kann man überhaupt nur dann stellen, wenn man die Absicht hat, die ganze Versammlung in die Luft zu sprengen.

Der Antrag Dr. Toepel wurde abgelehnt.

Herr Erwin Horstmann, Breslau, will positive Vorschläge machen. Die freie anthroposophische Jugend in Breslau habe etwas verwirklicht nach dem Grundsatz, daß, wo zehn leben können, auch der Elfte erhalten werden kann. Er schlägt vor, daß diejenigen, die sich ganz da einsetzen wollen, 5 Prozent ihres Einkommens der Bewegung zur Verfügung stellen, und wünscht unterschriftliche Verpflichtung.

Graf Ludwig Polzer-Hoditz, Wien: Wenn man hört, daß das Schicksal der Gesellschaft entschieden wird und daß das Goetheanum als Menschheitssache auf dem Spiel steht, muß eine Unruhe entstehen, und es ist begreiflich, wenn man mit der Zeit nicht zurechtkommt. Wir müssen etwas finden, was eine Konsolidierung ermöglicht. Er berichtet darauf, wie Österreich auf die Lage reagiert habe. Man habe sich gesagt, es müsse etwas geschehen, der Vorstand habe versagt, also müsse man eine neue Leitung machen. Man hätte sich entschlossen, einen Vertrauenskreis zu bilden, wo die Menschen zusammenkommen können, und zwar in regelmäßigen Zusammenkünften. Dann werden sich Persönlichkeiten herausheben. Die benachbarten Kreise werden sich dann schon verständigen. Ähnlich wie in Wien, wo die beiden Zweige eine Verbindung hergestellt hätten.

Herr Martin Münch, Berlin: Die Anthroposophische Gesellschaft hat keine Satzungen, sondern den Entwurf der Grundsätze. Wir sollten eine Anthroposophische Gesellschaft begründen, welche sich zu diesen Grundsätzen bekennt. Dazu braucht man Vertrauenspersönlichkeiten, die anerkannt werden. In Berlin gab es einen Vertrauenskreis, der funktioniert hat, nämlich die Jugendbewegung. Hier ist ein Anschauungsunterricht, denn die Leitung hat keine Vertrauenspersönlichkeiten ernannt und bestätigt. Bei der Aufnahme von Mitgliedern darf es nicht bei der Registratur bleiben. Die Einführungskurse sollten nicht Sache der Zweige sein, wir brauchen Helfergruppen zum Empfang der Neueintretenden. Der Zentralvorstand muß diejenigen kennen, die Einführungen halten. Es handelt sich um eine Belastungsprobe der Menschen in Stuttgart. Wenn in Stuttgart gar nichts geschehen wäre, dann wären auch keine Fehler gemacht worden. Er verweist darauf, daß die Unterschreiber des Aufrufes da sind, man dürfe nichts abreißen lassen, sondern müsse die Angelegenheiten fortführen. In dem Neunerkomitee könne man etwas sehen, was bestehen bleiben kann.

Herr Dr. Robert Wolfgang Wallach, Stuttgart, sagt, er sehe wesentliches in dem, was Lehrs gesprochen habe. Die wichtigste Frage darin sei, das richtige Verhältnis von Älteren und Jüngeren herzustellen. Dies sei bisher im richtigen Sinne nicht ganz gelungen, denn das, was die Älteren den Jüngeren haben geben wollen, sei nicht das gewesen, was die Jüngeren suchen. Die Jugend suche nicht lehrhafte Belehrung, sondern sie suche solche, die dem entspringt, was die Älteren sich erarbeitet haben.

Herr Walter Hartwig, Lörrach-Stetten: Es sei genug an Kritik. Man müsse zu praktischen Vorschlägen kommen. Das Komitee solle als Vorstand vorläufig fungieren. Es könne dann ergänzt werden durch Persönlichkeiten wie Lehrs, Büchenbacher. In drei Tagen könne man es nicht herausbringen, wer die Leitung haben solle. Dr. Steiner dürfe scharf kritisieren, denn er könne es selbst besser machen. Man möge es mit den Persönlichkeiten des Komitees versuchen, denn sie hätten bewiesen, daß sie einen guten Willen haben. Jeder Gruppenleiter wisse genau, wie schwer es sei, Vertrauen zu erwerben.

Herr Eugen Storck, Eßlingen: Man müsse nicht nur über das Proletariat, sondern mit ihm denken. Wir brauchen eine Vertrauensorganisation mit Menschen aus allen Schichtungen. Es sollen dies nicht nur denkende, sondern auch fühlende Menschen sein.

Herr Dr. Friedrich Rittelmeyer, Stuttgart, ging nochmals vom «Stuttgarter System» aus und charakterisierte es aus seiner eigenen früheren Erfahrung. Man möge ihm seine eigenen Worte vorhalten, wenn sie in der religiösen Bewegung in dieselben Fehler verfallen: Das Alles-besser-Wissen, die Meinung, man müsse alles von Stuttgart aus machen, während man dann doch nicht dazu kommt, die Weltfremdheit in der Isolierung, die Neigung zum Intellektualismus, ohne die nötige menschliche Wärme, die ungenügende Führung der Mitarbeiter in Stuttgart selbst. Man habe die größten Besorgnisse haben müssen, wie es gehen wird, wenn einmal Dr. Steiner physisch nicht mehr unter uns weile. Wenn sich die Gesellschaft eine neue Leitung gebe, so müsse diese Leitung auch einen neuen Willen haben, müsse sich dafür verantwortlich fühlen, daß das beste Leben der Gesamtheit überallhin geleitet werde, daß alle lebendigen Kräfte in der Gesellschaft durch Hilfe Anregung und Förderung möglichst zur Funktion gebracht werden, daß starke Parolen für die gemeinsame Arbeit und Orientierung von Stuttgart ausgehen. Durch eine Vertrauensorganisation von etwa zwölf hervorragenden Anthroposophen, die vor allem auch das Leben von außen zurückströmen lassen, müsse die Leitung beweglich erhalten werden. Als die wichtigsten Aufgaben der nächsten Zukunft ergeben sich: Es muß die anthroposophische Hauptaufgabe wieder stärker erfaßt werden, vom Intellektualismus zur Sophia, vom Spezialistentum zum Anthropos müsse zurückgekehrt werden. Nach lebensvoller Gemeinschaft aus anthroposophischer Spiritulität heraus müsse gestrebt werden. Das Geistesgut der Anthroposophie müsse viel mehr nach allen Seiten vermittelt und nicht nur im engen Kreis gepflegt werden, wofür aus der Erfahrung einige Vorschläge gemacht werden, die Verteidigung der Anthroposophie und ihres Führers müsse viel großzügiger geführt werden. Ganz besonders müsse erstrebt werden, ein unorganisierter Gesinnungsbund aller anständigen Menschen, die die Anthroposophie nicht vernichten lassen, sondern sie ernst genommen und geprüft haben wollen. Die Zwischenschicht derer, die zwischen den Anthroposophen und den Anthroposophiegegnern stehen, müsse vergrößert werden. Schließlich müsse die ganze Arbeit auf die Jugend eingestellt werden, dann fangen auch die Alten wieder zu hoffen an und die Feinde müssen es leiden.

Herr Bernhard Behrens, Hamburg, spricht von der Notwendigkeit, feste Gemeinschaften in der Jugend zu bilden.

Herr Dipl.-Ing. Ulrich Hallbauer, Hamburg: Eine Vertrauensorganisation muß sich auf Freiheit und Vertrauen gründen. In den einzelnen Städten und Arbeitsgruppen sollten sich in freier Weise einzelne Persönlichkeiten ihren Wirkungskreis suchen. Je vielseitiger, desto besser. Geisteswissenschaftliche Arbeit könne nur von den Zweigen geleistet werden. Die anderen Gebiete, insbesondere das Fachmäßig-Wissenschaftliche, gehöre außerhalb der Zweige. In kleinen Gruppen könne eine eigene Initiative zur Geltung kommen. Auch Eurythmie könne sich so einfügen. Die einzelnen Gruppen könnten sich zusammenschließen in der Gemeinschaft der Vertrauenspersönlichkeiten. Dadurch ergeben sich größere Kreise, deren Zusammenfassung den Vorstand. bilden könnte. Außerdem müßten die einzelnen Gruppen direkte Verbindung mit der Zentrale haben.

Herr Johannes Pingel, Hamburg, wird nach wenigen Sätzen unterbrochen.

Herr Emil Leinhas, Stuttgart, als Vorsitzender gibt zum Schluß eine Zusammenfassung.

Schluß ½5 Uhr.

Dienstag, den 27. Februar 1923, abends

I. Vortrag von Herrn Dr. Rudolf Steiner über «Die Bedingungen einer Gemeinschaftsbildung in einer Anthroposophischen Gesellschaft» [mit dem Vorschlag: zwei Gesellschaften zu bilden. Siehe GA 257]

Herr Emil Leinhas, Stuttgart: Wir hatten beschlossen, Ihnen vorzuschlagen, die Diskussion dem anzupassen, was durch Dr. Steiners Vortrag gegeben ist. Herr Ernst Uehli, Stuttgart: Nicht als Mitglied des Zentralvorstandes möchte ich in diesem Augenblicke, nachdem Herr Dr. Steiner gesprochen hat, mir erlauben, das Wort zu ergreifen. Ich möchte Sie herzlich bitten, vor allen Dingen Dr. Steiner bitten, davon überzeugt zu sein, daß ich aus ehrlichem Wollen heraus vor Ihnen stehe und aus ehrlichem Wollen heraus den Weg suchen will zu dem, was für die Zukunft nottut. Nicht nur aus ehrlichem Wollen heraus, sondern aus ehrlicher Liebe, die ich Dr. Steiner gegenüber und gegenüber der Anthroposophischen Gesellschaft, so gut ich konnte, im Herzen bisher getragen habe. Es war mir die Aufgabe gestellt, zu sprechen heute oder morgen, ich möchte dies aus sachlichen Gründen sagen, über eurythmische Kunst, und wollte im Verlaufe des Vortrages dann einmünden in das, was zur Fortentwickelung der Gesellschaft notwendig ist, weil ich mir sagte, daß in der eurythmischen Kunst etwas vorliegt, das immer im anthroposophischen Sinn positiv gewirkt hat, dann aber, von einem solchen Felde aus, den Weg besser zu finden für dasjenige, was für die Fortentwickelung der Gesellschaft zu sagen sei.

Ich wollte im Laufe dieses Referats zurückkommen auf diejenigen Worte, die heute früh von Herrn Lehrs gesprochen worden sind; deshalb, weil sie zumeinem Herzen gesprochen haben und mich tief ergriffen haben, wollte ich auf die Worte des Herrn Lehrs zurückkommen. Ich gehöre zwar zu den Alten, die seit zwei Jahrzehnten in der Bewegung stehen. Daß ich aber ein junges Herz habe, das dürfen Sie mir glauben. Ich empfinde es tief, was da durch die Jugend hereingerragen worden ist, und ich kann es mitempfinden, und ich will das, was sich mir als wesensfremd übergestülpt hat, abwerfen. Ich möchte Ste bitten, nehmen Sie es an. Glauben Sie mir, daß es mein ehrlicher Wille ist. Dann möchte ich das andere, was ich auch heute morgen sagen wollte, erwähnen. Wenn es mir gegönnt sein kann, daß es von den jungen Freunden verstanden und aufgenommen werden kann, so werde ich in jeder Weise, so wie es in mir erlebt wurde, so wie ich glaube es gestalten zu können in Zukunft, zusammenarbeiten wollen in wahrem anthroposophischen Sinn, so wie es von Dr. Steiner in so durchgreifender und eindringlicher Weise hingestellt worden ist. Das möchte ich in Zukunft zu meiner ernsten und echten Lebensaufgabe machen, und in diesem Sinne möchte ich auch mit der Jugend zusammenarbeiten können. Aber nicht nur dieses möchte ich als meine Aufgabe ansehen können. Auch da, wo die alten Anthroposophen der Gesellschaft sind, möchte ich mitarbeiten können. Ich möchte hineinwachsen, mehr als es bisher möglich gewesen ist, in die anthroposophische Familie, möchte alles dasjenige zu meinen Pflichten und heiligen Aufgaben machen, was wir aus ehrlichem anthroposophischem Willen, soweit wir es unter Führung von Dr. Steiner vermögen, lebendig machen können. Glauben Sie mir, es ist mein ernster und mein heiligster Wille, das zu suchen. Ich will nicht viele Worte machen. Ich will nur sagen, daß ich in diesem Sinne meine Aufgabe in der Zukunft für die Fortentwickelung der Anthroposophischen Gesellschaft suchen will.

Ich glaube dann, meine lieben Freunde, wenn es uns gelingt, die Hand einzuschlagen in die Hand der Jungen und auf der anderen Seite in dasjenige, was früher schon da war als Anthroposophische Gesellschaft, und wenn wir Hand in Hand und Herz in Herz weiterarbeiten wollen und glauben wollen in Zukunft an die Anthroposophische Gesellschaft, dann hoffe ich, daß auch das, was seit 1919 als die verschiedensten Institutionen gegründet worden ist, von allen getragen werden kann. Ich bin der festen Überzeugung, daß wir dann die Institutionen hintragen können zu dem, was für sie nötig ist. Wenn Sie einschlagen in die Hand und in die herzliche Bitte, die ich nur stammelnd vorbringen kann, dann werden wir doch den Weg finden. Das möchte ich aus gedrängtem Herzen heraus sagen.

Dr. Unger: Ich fühle mich verpflichtet, aus einem etwas anderen Tone und aus anderen Hintergründen heraus zu sprechen, als das, was eben Herr Uehli aus seinem Herzen zu Ihnen gesprochen hat, denn es handelt sich für mich in diesem Augenblick darum, Rechenschaft abzulegen über das, was geschehen ist seit der Zeit, als hier in Stuttgart begonnen worden ist mit den Gründungen, die dann zu den Schwierigkeiten geführt haben. Wir wissen, daß diese zum Untergang der Anthroposophischen Gesellschaft führen können. Was bedeutet das, wenn wir rückblickend auf die Geschehnisse hinschauen? Gestatten Sie mir, gerade in dieser Beziehung manches zu schildern, was bis jetzt in diesen Verhandlungen noch nicht zum Ausdruck gekommen ist. Es handelt sich darum, daß wir uns klar darüber werden, inwiefern gerade diese Gründungen als Realitäten unter uns stehen, inwiefern wir imstande sind zu verantworten, dafs sie vorhanden sind. Ich möchte davon ausgehen, daß wir in älterer Zeit, in den ersten Jahren bis zum Jahre 1918, eine Anthroposophische Gesellschaft gehabt haben, die in sich das Streben trug, Anthroposophie als solche zu betreiben. Wir haben es einerseits zu tun mit weiten Kreisen, die hindrängen an die Anthroposophische Gesellschaft, um Anthroposophie kennenzulernen; aber wir haben es bei dieser Gesellschaft auch zu tun mit etwas, das eine Geschichte hat. Wir dürfen und können sie nicht übergehen. Und wenn wir hinschauen darauf, daß wir, unter Erwägung all dieser Gründungen, den Aufruf hinausgesandt haben, daß wir in diesen Verhandlungen referieren wollten von den verschiedensten Gesichtspunkten heraus über die Tatbestände, so stoßen wir auf ein Unverständnis für diese Tatsächlichkeit. Wenn von Stuttgart aus Gründungen ausgegangen sind, die in ihrer Art auch dienen wollten der anthroposophischen Bewegung, die aber in Anspruch nahmen die anthroposophische Hilfe, die Beratung von Dr. Steiner, die Belastung von Dr. Steiner, so obliegt es uns, das Interesse für diese Gründungen wachzurufen bei allen denen, die in der Anthroposophischen Gesellschaft drinnen sind. Man kann sagen, die Anthroposophische Gesellschaft hat sich diese Gründungen gefallen lassen ... aber das Interesse für diese Dinge den Menschen beizubringen, das haben wir von der Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft aus vielleicht nicht verstanden. Betrachten wir, was aus dieser Bewegung hervorgegangen ist an einzelnen konkreten Gründungen; nehmen wir das, was mit der wirtschaftlichen Bewegung zu tun hat: die Gesellschaft war nachher nicht mehr die gleiche wie vorher. Die Außenwelt hat sich angeschaut, was gemacht worden ist; es hat sich dadurch Gegnerschaft gebildet, gerade im Zusammenhang mit diesen Gründungen im schärfsten Sinne. Daher mußten wir auf die Gründungen hinschauen und prüfen, was nicht in Ordnung ist. In Ordnung ist die Waldorfschule, in seiner Art in Ordnung ist der «Kommende Tag»; nicht in Ordnung sind die Gründungen der wissenschaftlichen Bewegungen. Die wissenschaftlichen Institute, die aus den Mitteln des «Kommenden Tages» gestaltet worden sind, sind nicht in Ordnung, weil aus der Art ihrer Vertretung Gegnerschaft gebildet worden ist. Es ist nicht verstanden worden, in den Gründungen den anthroposophischen Geist so lebendig zu halten, daß sie der Anthroposophischen Gesellschaft zugemutet werden können. Diese Zumutung wurde aber gestellt, und es handelt sich darum, ob die Anthroposophische Gesellschaft nun weiterleben will ohne sie oder ob sie einverstanden ist, daß diese Institutionen in ihrer Mitte weilen und zu Recht bestehen. Was zu dieser Krise geführt hat, ist, daß wir in einem großen Kreise von Mitarbeitern dieser Institutionen uns vor die Frage gestellt sahen: Werden wir imstande sein, sie so gesund zu machen, daß die Anthroposophische Gesellschaft sie zu tragen vermag; werden wir ein solches Interesse für sie zu erwecken vermögen, wie es notwendig ist?

Das Komitee der Neun, das sich gebildet hat, repräsentiert in gewisser Beziehung ja auch das, was an solchen Gründungen vorhanden ist, was vertretbar ist in ihrer Idee, in ihrer Anlage. Die Kämpfe, die wir ausgefochten haben, bestanden darin, daf die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft sich nun auch dafür verantwortlich fühlen will, daß gerade aus anthroposophischer Gesinnung heraus etwas geleistet werde, was vertretbar ist der Außenwelt gegenüber. Die Gegner dürfen nicht recht haben. Das ist es, worum es sich handelt. An sich allein sind die Institutionen als solche nichts; nur durch die Menschen, die in ihnen arbeiten, haben sie Bedeutung, und an die Menschen wollen sie sich wenden, damit sie tragen helfen. Dazu ist notwendig, daß ein Zusammenschluß der hier Arbeitenden zu einer Gemeinschaftsbildung wirklich vorhanden sei. Damals, als die neuen Menschen hierher gekommen sind, um die Dinge hier zu übernehmen, wurde damit auch die Verpflichtung übernommen, sie durchzutragen.

Nehmen wir die Angelegenheit des Verlages. Er wurde gegründet, weil man Neues brauchte. Es gab ja schon einen Verlag, der gesund war, der als solcher herausgewachsen war aus den selbstgewordenen Dingen der Anthroposophischen Gesellschaft, nämlich den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag. Der Verlag des »Kommenden Tages« aber ist gegründet worden, und man mußte ihm erst einen Inhalt geben. Für diesen Interesse zu erwecken, ist eine Aufgabe. So geht es auch mit den anderen Dingen. Wir haben ein Klinisch-therapeutisches Institut. Es muß sich so darstellen, daß es innerhalb der eigenen Kreise mit Recht besteht.

Und nun, wenn wir eine einheitliche Anthroposophische Gesellschaft sein wollen, müssen wir imstande sein, diese Unternehmungen in Ordnung zu bringen. Wenn Sie den Mut haben, uns nach dieser Richtung hin Vertrauen zu schenken, so hoffen wir imstande zu sein, die ersten Schritte zu tun, um den lebendig fließenden Strom, der uns mit der Gesellschaft verbinden soll, wach erhalten zu können. Zu diesem Ziele zu gelangen wird die Aufgabe des morgigen Tages sein. Es wird die Aufgabe des Komitees sein, morgen zu erklären, was es unternehmen will.

Dr. Kolisko: Ich möchte den ganzen Ernst der Situation noch einmal vor Sie hinstellen. Es ist dies durch den alten Zentralvorstand, durch das, was Dr. Unger und Herr Uechli sagten, nicht zur Genüge geschehen. Herr Dr. Steiner hat die Möglichkeit einer Trennung der Gesellschaft vor Sie hingestellt. Es scheint mir, daß wir uns ganz klar machen müßten, was diese Trennung bedeutet. Wir haben zwei Gruppen in der Gesellschaft. Die einen, welche an den Institutionen hängen, die anderen, welche das nicht tun. Letztere sind die alten Mitglieder sowie die der jüngeren Generation, welche jerzt hinzugekommen sind. Früher trieb man anthroposophische Arbeit in den verschiedensten Kreisen. Diese Mitglieder fühlten sich nicht verantwortlich für die Institutionen, ebensowenig die jungen, welche jetzt aus Sehnsucht nach Anthroposophie herangekommen sind. Wir stehen vor der tragischen Situation, daß es uns nicht gelungen ist, diese Gruppen von Mitgliedern zu der Überzeugung zu bringen, daß die ganze Anthroposophische Gesellschaft sich für diese Institutionen interessieren muß, sie mittragen muß. Das war die Schuld des alten Zentralvorstandes, daß er nicht die Aufgabe erfüllt hat, die ganze Gesellschaft zu einer Einheit zu gestalten, welche die Institutionen trägt. Unsere Referate sollten dem Zweck dienen, bei Ihnen ein wahres Interesse für die Institutionen zu erwecken. Es ist uns leider nicht gelungen, durch diese Referate das zu erreichen: sie waren unvollkommen. Wir müßten bei einer solchen Spaltung der Gesellschaft alle die Hoffnungen zu Grabe tragen, die wir hatten! Machen Sie sich die Konsequenzen ganz klar! Die neue freie Gesellschaft würde sich um diese Institutionen nicht kümmern. Es ist der letzte Moment, wo wir noch zu einer Einsicht kommen können, und ich glaube, daß es meine Aufgabe ist, von diesem Standpunkt aus zu sprechen, da ich meine ganze Kraft diesen Institutionen zur Verfügung gestellt habe, seit ich in der Bewegung wirke. Es war die Schuld des alten Vorstandes, daß es nicht gelungen ist, alle Mitglieder für die Institutionen zu gewinnen. Jetzt kann noch ein letzter Versuch gemacht werden, um es zu verhindern, daß die Gesellschaft sich spalten muß. Ich bitte Sie also, sich bewußt zu sein, daß diese Spaltung die Vernichtung aller dieser Hoffnungen bedeutet.

Dr. Steiner: Ich habe nur eine Bitte: Sie haben gesehen aus dem, was besprochen worden ist, daß wir morgen alle Veranlassung haben, über diejenigen Dinge zu sprechen, die zu einer Art Konsolidierung der Gesellschaft in der einen oder anderen Form führen. Ich sehe keine Notwendigkeit, daß gesprochen wird über solche Dinge, die in Ordnung sind, zum Beispiel das Referat über Eurythmie.1 Es muß damit begonnen werden, daß der bisherige Zentralvorstand seine Ansicht in kurzer Weise darlegt, so daß zu etwas Positivem gekommen werden kann. Ich sehe nicht ein, daß es notwendig ist, über die Dinge zu sprechen, die in Ordnung sind! Warum will man die Zeit damit ausfüllen und nicht endlich eingehen auf diejenigen Dinge, die in Ordnung gebracht werden sollen? Auf diese Notwendigkeit möchte ich hinweisen mit der Perspektive, daß ich Sie bitte, heute nacht oder morgen etwas zu überlegen und sich zunächst mit dem zu beschäftigen, was nötig ist, umzugestalten — oder neu zu gestalten.



  1. Diese Bemerkung bezieht sich auf die Äußerung Uehlis am vorigen Abend (s. Seite 419), daß er ein Referat über Eurythmie hatte halten wollen. ↩

German original of Report on the Meeting of the Delegates III · ← Previous · Next →