The Fateful Year of 1923

GA 259 — 28 February 1923, Stuttgart

Nachwort

Wenn man, nachdem nun einige Zeit vergangen ist, seitdem die Delegiertenversammlung stattgefunden hat, versucht, sich das Bild dieser für die Anthroposophische Gesellschaft so wichtigen Veranstaltung vor die Seele zu stellen, so fühlt man sich dadurch nicht gerade sehr erhoben. Gewiß zeigten sich auf dieser Versammlung manche erfreuliche Anzeichen dafür, daß die Sehnsucht nach neuem Leben in der Gesellschaft in vielen Herzen stark gefühlt wird. Auf der anderen Seite mußte aber gerade dadurch auch die Tatsache voll in die Erscheinung treten, daß die Gesellschaft in ihrer gegenwärtigen Gestalt der überragenden Größe und Bedeutung ihrer Aufgabe noch ganz unangemessen ist. Das muß klar erkannt und offen ausgesprochen werden.

Anthroposophie ist eine Sache von umfassender Weltbedeutung. Die Schriften ihres Begründers sind, trotzdem sie ganz gewiß nicht gewöhnliche Anforderungen an den Leser stellen, heute bereits über die ganze Erde hin in Auflagenhöhen verbreitet, wie diejenigen keines zweiten wissenschaftlichen Autors der Gegenwart. Viele von ihnen sind in alle Kultursprachen übersetzt, und es gibt wenige gebildete Menschen, die nicht irgend einmal versucht hätten, sich damit auseinanderzusetzen. Die öffentlichen Vorträge und Kurse Dr. Steiners werden in fast allen Ländern Europas aus allen Bevölkerungskreisen besucht. Man findet dort den einfachsten Handarbeiter und Studenten neben den Angehörigen der höchsten Aristokratie jeder Art. Die Presse der ganzen Welt beschäftigt sich, wenn auch zumeist in verständnisloser Weise, mit der Gestalt und dem Wirken Dr. Steiners. Die heftigste Gegnerschaft gegen Anthroposophie geht aus von den einflußreichsten Gesellschaften der Welt. Das Goetheanum in Dornach war das einzige neuzeitliche monumentale Bauwerk der Erde, das einen neuen Stil offenbarte. Eine spätere Kulturgeschichte wird einmal feststellen, was der Menschheit entzogen worden ist dadurch, daß dieses Bauwerk einem der furchtbarsten Verbrechen zum Opfer gefallen ist, die seit langer Zeit begangen worden sind. Aus dem Geiste der Anthroposophie wurde eine neue Kunst geboren: die Eurythmie. Wer ihre wundersame Entfaltung in den letzten Jahren mit liebevollem Verständnis verfolgt hat und ihre grandiosen Entwickelungsmöglichkeiten ahnt, dem kann die Hoffnung aufdämmern, daß spätere Jahrhunderte in ihr vielleicht doch einmal den ersten Anfang einer neuen Kultur erblicken werden. Die aus der Anthroposophie heraus begründete Waldorfschul-Pädagogik hat bereits in den ersten vier Jahren ihres Bestehens die Aufmerksamkeit und das Interesse der ganzen pädagogischen Welt auf sich gelenkt. Man kann fühlen, daß, wenn erst einmal voll verstanden werden wird, was diese Pädagogik für die heranwachsende Menschheit und damit für die Kultur der Zukunft bedeutet, es wie ein erlösendes Aufatmen durch die ganze Welt gehen wird. Auf manchen anderen Lebensgebieten konnten die Impulse der Anthroposophie infolge des geringen Verständnisses, das die Welt ihnen entgegenbrachte oder weil die Niedergangskräfte auf diesen Gebieten bereits zu sehr überhandgenommen hatten, nicht, oder noch nicht, zur vollen Auswirkung gelangen. Trauernd stehen wir am Grabe so mancher Menschheitshoffnung, der Anthroposophie hätte Erfüllung bringen können, wenn ihre Anregungen von den in Betracht kommenden Kreisen rechtzeitig mit vollem Ernst und vollem Verantwortungsgefühl aufgenommen worden wären. Zahlreiche wertvollste Keime hat hier eine geist- und kulturlose Zeit grausam vernichtet. Unterdessen nimmt die innere Entwickelung der Anthroposophie durch die regelmäßigen Vorträge Dr. Steiners am Goetheanum (in einem einfachen Schreinersaal) einen Fortgang, der jeden, der des Glückes teilhaftig wird, sie zu hören, mit tiefster Ehrfurcht und grenzenloser Bewunderung erfüllen muß. Diese Vorträge, von denen häufig ein einziger genügen würde, einem Menschenleben Inhalt zu geben, werden durch die Jahrhunderte wirken. Vielleicht schon in nicht allzuferner Zeit wird niemand verstehen, daß sie nicht schon zu ihrer Zeit in weitesten Kreisen Stürme von Erschütterung und Begeisterung hervorgerufen haben. (Von dem, was manche Schüler Dr. Steiners auf einzelnen Gebieten bereits geleistet haben oder doch zu leisten imstande sind, soll in diesem Zusammenhang nicht gesprochen werden. Aber auch dies ist, gemessen an anderen Kulturerscheinungen der Gegenwart, nicht ohne Belang.)

Das ist nun die Anthroposophie! Von manchen erfühlt, von wenigen nur in ihrer vollen Bedeutung erkannt. Eine Sache, so groß und herrlich, daß das gegenwärtige Geschlecht, das seine Daseinsfreuden nur noch in den Niederungen des Lebens sucht, den Blick, wie durch ihre Schönheit geblendet, von ihr abwendet.

Diese Sache zu vertreten, wäre die Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft. Wie sie das bisher tat, dafür bot diese Delegiertenversammlung ein nicht sehr erfreuliches Bild. Wahrlich, Anthroposophie bedarf einer anderen Vertretung. Sie fordert eine Gesellschaft, die ihrer würdig sei; die achtunggebietend dasteht in der Welt; eine Gesellschaft, der anzugehören für jeden kultivierten Menschen als Ehre empfunden werden müßte; eine Gesellschaft, deren Mitglieder ohne Hochmut, aber in vornehmem Stolz, als Anthroposophen vor die Welt hinzutreten verstehen; die sich weder in sektiererischen Zirkeln abschließen, noch auf den Märkten umherziehen und durch auffälliges Benehmen die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken versuchen.

Nun müht man sich um die Konsolidierung der Gesellschaft. Man fühlt: es muß anders werden. Aber gegenüber der Frage: Wie? herrscht allgemeine Ratlosigkeit. Man zerquält sich das Hirn und man erhitzt sich die Köpfe. Man ergreift Maßnahmen und sinnt auf Organisationsformen. — Aber vielleicht kommt es auf alle diese Dinge gar nicht in erster Linie an! Vielleicht sieht man auch hier den Wald vor lauter Bäumen nicht — oder vor lauter Gestrüpp, in das man sich verfängt. Vielleicht ist es viel wichtiger, daß man — anstatt sich in äußeren Anstrengungen zu ermüden und in äußeren Maßnahmen zu erschöpfen — sich mehr besinnen würde auf Anthroposophie selbst und auf die ungeheure Bedeutung, welche sie für die Zukunft der Menschheit besitzt, und daß man ein Herz habe für diese Sache und ein lebendiges Interesse für alles, was mit ihr zusammenhängt, und eine große Liebe! Und in sich jene starke Hoffnung, die vertraut, daß zuletztdoch, was groß und göttlich ist, bestehen wird!

Welche Anstrengungen sind doch gemacht worden im Interesse der Gesellschaft! Wieviel Arbeit und Mühe ist aufgewendet worden! Wieviel schlaflose Nächte sind geopfert worden — ohne daß eine durchgreifende Wirkung erzielt werden konnte! Am mangelnden Fleiß kann es nicht liegen. Geschäftigkeit ist genug vorhanden. Aber es fehlt - im ganzen genommen — doch noch immer die rechte Liebe zur Sache. Nicht als ob sie nicht da und dort vorhanden wäre! Aber sie ist noch nicht da als der große Zug, der durch die ganze Gesellschaft geht. Der ist aber die notwendige Voraussetzung für jede gedeihliche Arbeit in der Gesellschaft. Denn nur, wenn die Gesellschaft als solche erfüllt ist von wirklicher Liebe zur Sache, kann jenes lebendige Interesse, jene warme innere Anteilnahme zustandekommen, die dann alle einzelnen Glieder ergreift, und ohne die eine geistige Bewegung sich in der Welt nun einmal nicht durchsetzen kann.

Was vor den Besten der Zeit bestehen soll, muß durch einen aus voller Seele quillenden, reinen Enthusiasmus getragen sein. Die Liebe und die Begeisterung öffnen den Mund des Sängers, daß er die Schönheit der Welt in Liedern preist. Diese Lieder sind es, die uns fehlen. Wie oft sprechen wir doch über Anthroposophie in einer Sprache, die ohne innere Schönheit ist und ohne den zündenden Funken der Begeisterung! Weil unser Mund nicht überläuft, wovon das Herz voll ist — und nicht nur der Kopf.

Weil jene Liebe nicht vorhanden ist, die scheu und andächtig verehren will, fehlt auch so vielfach der rechte Takt, die Bewegung in würdiger Weise vor der Welt zu vertreten; es fehlt jene glückliche Fähigkeit, in jedem Augenblick zu wissen, was man für die Sache tun kann, und am rechten Ort stets auch das rechte Wort zu finden.

Wo die Liebe spricht, da wird alles einfach und groß. Da schweifen nicht die Gedanken mühsam in nebulose Fernen, sondern die Hände greifen nach dem Zunächstliegenden, und tun es mit Freuden. Sie finden darin ihr Glück. Da wird aus harter Pflicht Neigung. Und alles Schwere wird leicht. Da entsteht eine Atmosphäre, in der man arbeiten kann; weil die Arbeit jedes einzelnen gestützt und getragen wird von der Anteilnahme und dem Interesse aller anderen.

Diese Stimmung, dieses Gefühl, diese seelische Atmosphäre, bilden eine fundamentale Voraussetzung für eine gedeihliche Arbeit in unserer Gesellschaft. Eine Voraussetzung, die bisher nicht gegeben war, die aber geschaffen werden muß, wenn Segen auf unserer Arbeit ruhen soll. Sie kann nur erwachsen aus inniger, aus ernster Erkenntnisarbeit geborener Liebe zur Sache. Möchte diese immer mehr zu einem Grundzug der Gesellschaft werden! Denn: gibt es eine Sache, die man mit größerem Recht lieben kann, als die Anthroposophie?! Gibt es eine Sache, die man mehr lieben kann als diese?! —

Aus der rechten Liebe zum Werke wird sich dann auch die rechte Liebe zu den Menschen entwickeln, die am Werke mitarbeiten. Die aber wird uns lehren, an unseren Mitarbeitern nicht nur die Schwächen und Unvollkommenheiten zu sehen (wie das jetzt in so ausreichendem Maße geschieht), sondern auch ihre positiven Qualitäten, die doch in unserer Gesellschaft in einem Maße vorhanden sind, wie in keiner anderen Gemeinschaft der Weit. Lernen wir diese Qualitäten zu sehen und anzuerkennen! Dadurch werden wir Kräfte entbinden, die mehr bewirken können als die scharfsinnigste Kritik es je zu tun vermöchte. — Nicht soll gegen die leider allzu berechtigte Kritik als solche etwas gesagt werden. Nur gegen ihre Ausschließlichkeit. Nur dagegen, daß sie nicht immer aus blutendem Herzen kommt, und daß sie nicht immer gepaart ist von dem Wunsche, anzuerkennen, was anerkennenswert, und zu lieben, was liebenswert ist.

Emil Leinhas.

German original of Postscript to the Report on the Meeting of the Delegates · ← Previous · Next →