The Fateful Year of 1923

GA 259 — 28 February 1923, Stuttgart

Report on the Meeting of the Delegates IV

Mittwoch, 28. Februar, vormittags

Herr Emil Leinhas eröffnet die Versammlung um 9 Uhr.

Ansprache Dr. Rudolf Steiners

Meine lieben Freunde! Nach dem Verlaufe unserer Versammlung an den beiden ersten Tagen sah ich mich gestern genötigt, einige Richtlinien zu geben — wie ich schon sagte: aus meiner Sorge heraus für den weiteren Ablauf der Verhandlungen. Denn wir müssen ja heute zu einem positiven Resultat kommen, und die Sache darf nicht so sein, daß unsere lieben Freunde, die zu dieser Delegiertenversammlung hergereist sind, heute abend in derselben Weise abreisen, wie sie am Sonntag angekommen sind. Wir müssen zu einem positiven Resultate kommen. Ich versuchte dasjenige, was ich sagte, aus dem Realen dessen heraus zu sagen, das aus den Verhandlungen hervorging. Wir müssen immer die Dinge so nehmen, wie sie sich in der Realität ausnehmen, und unsere jetzige Realität ist das, was sich durch die Verhandlungen in den zwei Tagen gezeigt und gezeitigt hat. Man konnte zu dieser Versammlung nicht mit einem fertigen Programm kommen, denn dann hätten wir nicht zusammenzukommen brauchen. Sonst hätte irgendein Programm ausgearbeitet und jedem einzelnen geschickt werden können, und die Sache wäre fertig gewesen. Es handelt sich darum, daß diese Verhandlungen ernst genommen werden und daß in dieser Versammlung jedes Mitglied durch die Delegierten zu Worte kommt.

Nun hat sich doch herausgestellt, daß ganz deutlich — ganz abgesehen von kleineren Gruppen — zwei Hauptgruppen in der Mitgliedschaft sich ergeben haben und daß es ganz aussichtslos ist, daß sich diese Hauptgruppen auf ein absolut gemeinsames Programm einigen.

Ich will bei einem ganz anderen Punkte anfangen, ich will zeigen, wie sich die Dinge wirklich ausnehmen. Ich habe gestern im Beginne meines Vortrages gesagt: In den zwei Jahrzehnten des Lebens der Anthroposophischen Gesellschaft ist doch etwas erlebt worden. Die Anthroposophische Gesellschaft ist nicht etwas, was man neu begründen kann, wovon man sprechen kann wie vor 15, 20 Jahren gesprochen worden ist. So muß aber derjenige sprechen, der vor kurzer Zeit erst eingetreten ist. Das kann außerordentlich gut sein, aber es ist von einem anderen Gesichtspunkte aus gesprochen. Dieses Leben der Anthroposophischen Gesellschaft hatte ich von meinem Gesichtspunkte aus mitzuerleben. Und für dieses mein Miterleben waren die in diesen zwei Tagen hervortretenden Schattierungen in den letzten Jahren ganz scharf vorhanden. Wie waren sie vorhanden? Sehen Sie, meine lieben Freunde: Wenn ich nach Stuttgart kam, so traf ich hier die führenden Persönlichkeiten der Anthroposophischen Gesellschaft. So hatten sich nun einmal die wirklich erlebten Verhältnisse zugetragen. Wenn ich herkam, kam ich aus gewissen Gründen her, es waren Intentionen auszuführen, Absichten auszuführen. Wenn ich hier in Stuttgart sprach mit jemandem, der hier langjährig in seiner Tätigkeit darinnen steckte, dann brauchte ich gewissermaßen nur an eine Feder zu drücken, in ein paar Minuten war dasjenige erledigt, was ich zu sagen hatte. Man verstand mich, man kannte die Bedürfnisse der Anthroposophischen Gesellschaft. Zum Beispiel: Ein Waldorfschullehrer steckt lange in seiner Sache drinnen, denn er stand schon, bevor er Waldorfschullehrer war, vom anthroposophischen Gesichtspunkte aus in der Pädagogik drinnen. Der Fehler war nicht darin — das setzen die meisten voraus-, daß ich etwa in Stuttgart nicht verstanden wurde. Ich wurde verstanden — nur ausgeführt wurde dasjenige, was verstanden worden ist, nicht. Das aber braucht man. Für mich ist natürlich nicht die Zeit vorhanden, das alles im einzelnen darzulegen. Warum die Zeit dafür nicht vorhanden ist, das werde ich in meinem heutigen Vortrage noch ausführen.

Also das liegt auf der einen Seite vor: Man wird hier in Stuttgart von den wirklich gut informierten, durch das Erlebnis gestärkten Leuten sogleich verstanden. Es geht alles in bezug auf das Verstehen wie am Schnürchen. Das sind die alten guten Mitglieder, die es in den anthroposophischen Angelegenheiten bis zu einer empfindungsgemäßen Genialität gebracht haben. Nach dieser Richtung ist alles in Ordnung. Und ich habe mich nur zu bemühen gehabt, daß uns das Komitee, das ich selber mit vieler Mühe gefunden habe nach wochenlangen Hinund Herverhandlungen, sagt, wie es nun die Brücke finden will von dem leichten Begreifen zum Willen! Deshalb mein Appell an dieses Komitee, daß es uns endlich sagen soll, was es eigentlich will.

Nicht wahr, wie das Wesentliche mißverstanden worden ist, es trat mir ganz grotesk vor Augen, als aus voller Unkenntnis der Verhältnisse ein Antrag vorgebracht wurde, daß man jetzt, mitten in allem Unerledigten, etwa daran gehen sollte, einen neuen Zentralvorstand zu wählen. Wie unmöglich das ist, das wird begreiflich sein, wenn ich nun die andere Partei charakterisiere.

Sehen Sie, da ist das Folgende ganz natürlich: Wenn ich mit jemandem, seien es Gruppen, seien es einzelne, die im Auftrag von Gruppen kommen, verhandle: Ja, dann versteht man zunächst nichts von dem, was ich sage. Das ist ganz natürlich — nichts versteht man davon, gar nichts! Aber es ist vorhanden eine unendlich große Aktivität, ein unendlich guter Wille. Alles, was man nicht verstanden hat, wird gleich getan! Reden, die gehalten werden von den von auswärts Kommenden, sind im echtesten Sinne durchtränkt von edelstem anthroposophischem Wollen. Aber man muß hineinwachsen in die alte Historie, man muß mit allen Einzelheiten bekannt werden! Und diese zwei Gruppen, die mögen sich noch so lange sagen: Wir haben den besten Willen, zusammenzuwachsen, — sie werden nicht zusammenkommen, sie reden immer aneinander vorbei. Glauben Sie nicht, daß ich damit nur die Jugendgruppe meine. Es gibt sehr alte Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft, die sind in demselben Fall. Alles wird gleich getan, was ich sage — aber es wird dasjenige getan, was nicht verstanden worden ist. Nun handelt es sich darum, daß wir vor der wirklich mit tiefer Sorge erfüllenden Notwendigkeit stehen, die Gesellschaft dennoch in absoluter innerer Solidarität und Solidität weiterzuführen. Das kann man nur, wenn man eine solche Form für sie findet, daß beide Gruppierungen zu ihrem Recht kommen; wenn also gemäß des Entwurfs unserer Grundsätze[] die alte Anthroposophische Gesellschaft fortbesteht, und zwar so fortbesteht, daß sie geleitet wird zunächst von dem Neuner-Ausschuß, der nicht als eine bloße [] Siehe Hinweis zu S. 571.

Verlegenheitssache zustande gebracht wurde, der auch aus den historischen Verhältnissen heraus entstanden ist. Also dasjenige, was historisch geworden ist, muß historisch weitergeführt werden. Und die anderen werden - gleichgültig, ob sie alt oder jung, fünfundneunzig oder fünfzehn Jahre alt sind, ob sie Waldorfschüler oder Senioren sind — eine lose Vereinigung bilden — Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft sind sie ja trotzdem -, so daß sie dann nach den karmischen Zusammenhängen dieser oder jener Mitglieder gewissermaßen einen inneren esoterischen Zusammenhang haben. Da wird schon aus dieser losen Vereinigung etwas Bestimmtes herauskommen. Diejenige Gruppe, welche die Historie vertritt, die wird aus ihren Erfahrungen heraus, die ja reichlich vorhanden sind, anzugeben haben, was sie und jeder einzelne weiter tun will. Diejenigen aber, welche die lose Vereinigung bilden, werden zunächst diese lose Vereinigung dadurch bilden, daß sie sich sagen: Wir sind echte, wahre Anthroposophen — das sind oftmals die Allerjüngsten-—, und wir werden uns nun weiter eine Form für unser Wirken suchen. — Die brauchen gar nicht heute gleich zu irgendeiner Wahl oder dergleichen zu kommen, die werden versuchen, ihre lose Vereinigung so weit zu bringen, daß wir dann das bindende Glied zwischen beiden schaffen können.

Nachdem gestern unsere Verhandlungen beendet waren, bin ich um 12 Uhr [nachts] gebeten worden, noch zu einer Versammlung zu kommen in der Landhausstraße70. Am Ende der Versammlung wurde eingewendet: Wir haben doch gesehen, daß jene, welche die alte Gesellschaft repräsentieren, die hier in Stuttgart ihre führenden Persönlichkeiten hat, nicht in der richtigen Weise vom anthroposophischen Standpunkt sich zu den einzelnen Institutionen, Unternehmungen stellen können. Diejenigen, die nun nicht damit einverstanden sind, erst recht nicht! Da würden ja diese Unternehmungen ganz auf den Sand gesetzt sein, sie würden ohne allen Anhang sein. — Ich sagte: Wenn das so eintrifft, dann ist der wünschenswerte Zustand erreicht; denn das abstrakte Mithelfenwollen ist gar nichts. Es kommt erst ein gesunder Zustand heraus, wenn die Unternehmungen, die hier in Stuttgart sind - ich meine das nicht ironisch —, mit guten Ratschlägen in Ruhe gelassen werden. Es war der Fehler, der bei den Referaten gemacht worden ist, der, daß man immer über die Unternehmungen gesprochen hat und nicht über die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft in bezug auf die Unternehmungen. Die Unternehmungen als solche sind ja entweder in Ordnung oder nicht in Ordnung. In Ordnung ist die Eurythmie-Unternehmung, in Ordnung ist die Waldorfschule, in Ordnung ist der Kommende Tag. Nicht in Ordnung ist der Bund für freies Geistesleben. Aber einen Bund für freies Geistesleben wird man nicht aus dieser Versammlung heraus begründen; ebensowenig — das werden Sie doch einsehen, meinelieben Freunde- werden die zwei Zeitschriften1 etwa von dieser Versammlung jetzt redigiert werden können. Das, worum es sich handelt, ist, daß die Stuttgarter Unternehmungen in Ruhe gelassen werden müssen. Man kann zu ihnen Vertrauen haben, und es ist gar nicht die Rede davon, daß die Persönlichkeiten, die in diesen Institutionen darinnen sind, irgendwie auf das Vertrauen hin geprüft werden sollen. Jeder Tag in der Waldorfschule zum Beispiel zeigt, daß die Waldorfschule eine ganz ausgezeichnete Leitung hat. Wir sind hier, um uns über das zu unterhalten, was die Anthroposophische Gesellschaft in der Zukunft werden soll. Da handelt es sich darum, daß wir in ganz positiver Weise so vorgehen - ich bitte, meinen Vorschlag zu diskutieren —, daß alle jene, die fühlen können: Sie sind nicht historisch verbunden mit dem, wo man nur die Feder zu drücken braucht für ihr gemeinschaftliches Wirken innerhalb der ganzen Sache der Anthroposophie -, eine solche Form finden, die in sich Bestand hat. Dann wird durchaus auch die Sorge nicht dazusein brauchen, die etwa so formuliert werden kann: Was macht dann die alte Gesellschaft mit den Unternehmungen, wenn die Jungen nicht mitmachen? Die lose Vereinigung wird sich schon interessieren, wenn sie — verzeihen Sie das scheußliche Wort — so organisiert ist, wie sie es haben will. Dann wird das Interesse erwachen. Ich möchte, daß eine Form gefunden wird, innerhalb welcher das wirkliche Interesse vorhanden sein kann.

Das ist es, meine lieben Freunde, um was es sich handelt: Nicht um eine Scheidung in zwei Gruppen, sondern um eine Einordnung, so daß jene, welche vertraut sind mit den Dingen, die vorhanden sein müssen, tatsächlich in ihrer Art weiter walten können, daß sie die andern aber nicht stören, sondern daß beide Gruppen einträchtig zusammen wirken können. Man darf sie nicht zusammenbringen wollen. Zusammenreden werden sie sich nie, aber zusammenwirken werden sie prachtvoll. Es muß jeder dasjenige tun, was ihm liegt und so wie er veranlagt ist. Also dadurch kommen wir dazu, tatsächlich einen Modus zu finden, wie die Gesellschaft weiterbestehen kann.

Ich möchte immer wieder eine groteske Tatsache erwähnen. Der Bund für Dreigliederung hat drei Häupter nacheinander gehabt.2 Das erste Haupt — wie ich schon kurz erzählt habe — verblieb so lange, bis ich eben erklärte: Ich kann das nicht mehr mitmachen. — Das zweite Haupt war eine Persönlichkeit, die, wenn sie auf dem richtigen Posten wirkte, ganz außerordentlich gut wirkte; das hat sie gezeigt an vielen Orten ihres Wirkens innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich war längere Zeit nicht da, und kam wiederum hierher. Es fand eine Besprechung statt mit der Führung des Bundes für Dreigliederung. Ich erkundigte mich, was geschehen sei, und man erzählte mir: Wir haben eine Kartothek angelegt von solchen und solchen Zetteln; alle Zeitungsausschnitte, die sind da und da; dann haben wir größere Zettel aus dickerem Papier, da sind dann alle gegnerischen Artikel; und dann haben wir andere Zettel, die sind dünner und können zusammengefaltet werden, da ist der Einlauf darinnen und so weiter. So daß ich endlich sagte: Ja, aber meine lieben Freunde, ich will ja nicht wissen, was ihr in euren Kartotheken habt. Habt ihr denn nicht auch Köpfe? Ich will nicht mit Kartotheken, sondern mit Köpfen verkehren. — Die Köpfe waren nicht etwa nicht vorhanden, aber sie wurden ausgeschaltet, und eine Kartothek wurde mir gegenübergestellt.

Sie lachen darüber! In einem gewissen Sinne ist gar nicht einmal darüber zu lachen. In einem gewissen Sinne ist dies das Stuttgarter System, und diejenigen, die darin stehen, sind manchmal ganz und gar nicht einverstanden mit dem, was sie tun. Ich habe keine größeren Gegner des Stuttgarter Systems gefunden als diejenigen, die es ausführen. Das ist nun einmal so. Ja, meine lieben Freunde, wenn aber das so ist, dann muß man sich doch klar sein, daß es daneben eine solche Form geben muß, die bestehen kann. Diejenigen, die auf der einen Seite unter ihrer Pflicht keuchen, müssen notwendigerweise ganz anders denken als die anderen, die gar keine Veranlassung haben, so zu denken, sondern die gemäß ihrer Einsicht denken: So muß es sein in der Anthroposophischen Gesellschaft, wenn man nicht in der Champignystraße 17 und in der Landhausstraße 70 gesessen hat! — Die bei den Gruppen können ja unmöglich sich miteinander verständigen! Deshalb ist das nicht eine Scheidung in der Gesellschaft, was ich vorschlage, sondern es ist gerade das Mittel zu vereinigen. Auf geisteswissenschaftlichem Boden vereinigt man sich dadurch, daß man differenziert, individualisiert, nicht daß man zentralisiert. Tragen Sie Rechnung demjenigen, was ich gesagt habe, reden Sie von diesem Standpunkte aus, dann kommen wir heute tatsächlich zu Ende.

Jene, die daran denken, eine ursprünglichere Gestalt der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft zu realisieren, in einer Vereinigung zu sein von kleineren Gruppen, in denen sie nicht beengt werden, die werden sich darin ausleben können. Und darauf kommt es zunächst an. Ich hoffe doch, daß man auf diese Weise so weit kommt, daß jeder weiß, zu welcher Gruppe er gehört. Dann kann es weitergehen, dann kann sich die lose Vereinigung bilden, kann sich ein Haupt geben auf eine so unfreie oder freie Weise, wie sie es will. Es kann dann ein Verbindungsglied geschaffen werden — nicht zwischen den zwei anthroposophischen Gesellschaften, sondern zwischen den Brüdern, den beiden Gruppen der einigen Anthroposophischen Gesellschaft. Aber über das müssen wir diskutieren, meine lieben Freunde. Das ist dasjenige, was ich nur als eine Richtlinie hineingeworfen habe.

Im Namen des Neuner-Vorstandes, der an die Stelle des alten Zentralvorstandes nun getreten ist, gibt Dr. Unger folgende Erklärung ab:

  1. Aus dem alten Zentralvorstand ist Herr Uehli endgültig ausgeschieden.
  2. Die Beiden anderen Mitglieder des Zentralvorstandes haben sich die Mitglieder des Komitees kooptiert und sind bereit, weitere Persönlichkeiten zu einem erweiterten Vorstand zu kooptieren.
  3. Diese Persönlichkeiten des Komitees sind bereit, als neuer Vorstand die Führung der Anthroposophischen Gesellschaft zu übernehmen.
  4. Die in Stuttgart wohnenden Mitglieder des neuen Vorstandes werden die Verwaltung der Angelegenheiten der Gesellschaft übernehmen.
  5. Sie übernehmen insbesondere die Verantwortung zusammen mit den führenden Persönlichkeiten der in Stuttgart gegründeten Institutionen für die richtige Eingliederung dieser Gründungen in die Anthroposophische Gesellschaft.

Für die Führung der Gesellschaft stellt sich der neue Vorstand die folgenden Richtlinien:

  1. Die Leitung wird sich dafür verantwortlich fühlen, daß das Leben der anthroposophischen Gesamtbewegung in alle Glieder der Gesellschaft hineingeleiter wird. Dazu sollen Berichte über Vorträge, Forschungen und Früchte anthroposophischer Arbeit gehören. Diesen Aufgaben soll ein Mitteilungsblatt als Organ der Gesellschaft dienen.
  1. Die Leitung der Gesellschaft wird sich dafür verantwortlich fühlen, daß sich die individuellen Schaffenskräfte in der Gesellschaft zur Entfaltung bringen können und daß die in der Arbeit stehenden Persönlichkeiten sich durch das Interesse, das die Gesellschaft an ihrer Arbeit nimmt, gefördert sehen.

Für beide Aufgaben ist die Leitung angewiesen auf Vertrauenspersönlichkeiten im Sinne des Entwurfs der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft.

Der Vorstand hofft, in einer zu bildenden Körperschaft der Vertrauenspersönlichkeiten eine Stütze für die Angelegenheiten der Gesellschaft und eine Hilfe in der Durchführung seiner Aufgaben zu finden.

Zu den Arbeitszielen, die sich die Anthroposophische Gesellschaft gemäß dem Entwurf der Grundsätze stellt, gehören die folgenden Aufgaben: Pflege des universellen anthroposophischen Lebens — Entwickelung und Pflege anthroposophischer Gemeinschaft — Vermittlung des anthroposophischen Lehrgutes nach außen — Einführung und Weiterführung — Studienkreise —- Organisation der Abwehr der Gegnerschaft - Einstellung der Arbeit auf die Zukunft.

Herr Dr. Hans Büchenbacher, Stuttgart: Es handelt sich bei unserer Gruppe durchaus um etwas, was erst werden will, und es ist deshalb klar, daß wir nun im Beginne dieses Werdens nicht mit einem Programm aufwarten können. Das ist ganz unmöglich. Ich kann Ihnen also bloß ganz kurz schildern, wie diese ganze Unternehmung eigentlich — sozusagen innerlich — von uns betrachtet wird. Der Ausgangspunkt ist der, daß das, was wir als anthroposophisches Entwickelungsstreben betrachten, sich nicht hat verwirklichen lassen in dem engen Zusammengespanntsein in der Anthroposophischen Gesellschaft, so daß wir zunächst in der Lage waren, daß wir uns absolut nicht verständigen konnten, und daß wir der Anstoß zu dem waren, was gestern schließlich die Gesellschaft in ein Chaos hätte hineinführen können. In dem Augenblick, wo Herr Dr. Steiner den Vorschlag machte, die Gesellschaft in zwei Gesellschaften zu gliedern, weil zwei verschiedene Willensrichtungen da seien, sind wir erschrocken über diese Konsequenz. Wir erkannten dann aber, daß gerade durch diese Gliederung wieder Harmonie in der Gesellschaft sich ergeben kann. So sind wir Herrn Dr. Steiner sehr dankbar, daß er uns geholfen hat, eine Möglichkeit zu finden, unsere eigene anthroposophische Entwickelung weiterzuführen, und eben doch nicht dazu beitragen zu müssen, daß ein solches Chaos, eine Atomisierung der Anthroposophischen Gesellschaft entsteht. Deshalb handelt es sich jetzt darum, daß wir nun versuchen müssen, in einer gewissen Selbständigkeit gegenüber dem, was als historisch gewordene Gesellschaft dasteht, unsere eigenen Entwickelungsbedingungen zur Geltung zu bringen. Aber es ist selbstverständlich für uns — wenn wir nun die Möglichkeit haben, weiter zu wachsen als Anthroposophen -, daß dann die Früchte dieser Entwickelung der ganzen anthroposophischen Bewegung zugute kommen müssen. Daß dann die Entwickelung der anthroposophischen Bewegung ihre stärksten Förderer in uns haben wird, und daß wir von vornherein der Überzeugung sind, daß wir die einzelnen Institutionen, den Verlag, das Institut und so weiter brauchen, daß wir aber eben gerade in einer gewissen Selbständigkeit, in einer gewissen Distanz unsere Entwickelung besser zur Entfaltung bringen können.

Wenn ältere Mitglieder der Gesellschaft mit uns sympathisieren, so ist es für uns ganz selbstverständlich, daß zu diesen «jungen Leuten» auch solche gehören können, die fünfundneunzig Jahre alt sind, wie Dr. Steiner gesagt hat. Es ist zum Beispiel vollkommen möglich nach dieser Ansicht, daß eine und dieselbe Person in beiden Zweigen der Anthroposophie aktiv darinnen steht, und jedes Mitglied von den älteren Freunden kann mitarbeiten bei uns. Wir wollen dieses ganz frei haben, je nachdem sich Menschen eben zusammenfinden aus menschlich-anthroposophischen Impulsen.

Für uns liegt es mit diesem eigentlich Anthroposophischen so, daß dieser Unterschied zwischen Alter und Jugend, der vielfach in höchst philiströser Weise die Debatte erschwert hat, nicht besteht. Es ist so, daß ich selbst älter bin wie mancher von denjenigen, die sich mit der Jugend nicht verstanden haben. So daß von dieser Seite her gesagt werden kann, daß bezüglich der Gefahr des weiteren Auseinanderfallens, Zersplitterns bei uns die Überzeugung vorhanden ist, daß diese Gefahr nicht besteht. Das gehört zu einem Grundimpuls, daß es irgendeinen Unterschied des Alters, des Standes oder Berufes gar nicht geben darf, daß diese Dinge für uns so verwachsen sind mit dem Anthroposophischen, daß wir ja sofort unwahrhaftig würden, wenn uns so etwas passierte, irgendwelchen Unterschied in dieser Beziehung zu machen. Wir müssen da sehen, daß wir anthroposophische Wahrhaftigkeit einführen.

Wir können versuchen, indem wir aus diesen Entwickelungsmöglichkeiten heraus arbeiten, eine gewisse Verbindung anzustreben, die dann zu einer freien Organisation führen wird. Aber das ist eigentlich gar nicht die erste Sorge, wie diese Organisation ausschauen wird, auch nicht wie dieses Verbindungsglied zur alten Gesellschaft sich finden wird. Das sind Dinge - dieser Überzeugung bin ich durchaus -, die sich von selbst ergeben werden, wenn einerseits die Anthroposophische Gesellschaft aus ihren Entwickelungsbedingungen heraus weiterarbeiten kann, ungestört von einer Opposition, die ihr nicht helfen kann, und sich selbst dadurch auch nicht hilft, wenn andererseits die Jugendgruppe sich auch nach ihrer Eigenart entwickeln kann. Dann wird sich diese Verbindung ganz von selbst ergeben, denn schließlich ist es doch so, daß wir nach beiden Seiten das Bewußtsein haben: sie sind Anthroposophen und wir sind Anthroposophen. Damit ist das Bindeglied, als dessen Repräsentant Dr. Steiner selbst da ist, vorhanden.

Aus diesen Gesichtspunkten, die von Herrn Dr. Steiner, von Herrn Dr. Unger und von mir vorgebracht wurden, könnte nun wirklich ganz freundschaftlich und sachlich die Diskussion fortgeführt werden und einen ganz anderen Charakter haben als die gestrige. Es wäre notwendig, daß wir einmal bei den guten Ausgangspunkten bleiben und das durchhalten, was wir als einen positiven Weg, der uns von Herrn Dr. Steiner gewiesen ist, begonnen haben.

Herr Emil Leinhas, Stuttgart, spricht über die Bildung einer Vertrauensorganisation3 und warnt davor, eine solche in bureaukratischer Weise entstehen zu lassen. Eine wirkliche Vertrauensorganisation müsse sich bilden durch lebendige Beziehungen. Das Minimum sei das Recht der Vertrauenspersönlichkeiten, Mitglieder zur Aufnahme in die Gesellschaft in Vorschlag zu bringen. Darüber hinaus müßten sich zwischen dem Vorstand der Gesellschaft und den Vertrauenspersönlichkeiten die mannigfachsten Beziehungen ergeben. Der Vorstand müsse die Möglichkeit haben, in verschiedenen Angelegenheiten mit ganz verschiedenen Persönlichkeiten als Vertrauensleuten zu arbeiten. Die Vertrauenspersönlichkeiten müßten von dem Vorstand ernannt, nicht von seiten der Mitglieder gewählt werden, aber sie müßten getragen sein von dem Vertrauen der Mitglieder. Prinzipiell sei die Angelegenheit der Vertrauensorganisation durch die «Grundsätze» bereits in umfassender Weise geregelt. An Hand dieser Grundsätze lasse sich auch das Verhältnis zur Jugendgruppe in beide Teile befriedigender Weise ordnen.

Wenn man an eine solche Sache wie die Schaffung einer Vertrauensorganisation herangeht, muß man sich hüten, in einen Optimismus zu verfallen. Wir müssen zurückgehen auf dasjenige, was im Ausgangspunkte der Anthroposophischen Gesellschaft bei deren Gründung als Entwurf der Grundsätze gegeben worden ist. Da finden wir ganz genau enthalten, wie eine Vertrauensorganisation gehandhabt werden muß.

Man könnte zum Beispiel denken, eine Vertrauensperson kann dadurch bestimmt werden, daß ein Mitglied von sieben andern dazu vorgeschlagen wird. Die Vertrauenspersönlichkeiten haben bei Anmeldung von Mitgliedern eine Garantie zu übernehmen. Das ist quasi ein Mindestmaß dessen, was die Vertrauenspersönlichkeiten zu tun hätten; darüber hinaus gilt es, die Organisation der Vertrauenspersönlichkeiten auszubauen. Ich meine nun, daß es darauf ankommt, daß wir nicht jetzt irgendwie in theoretischer Weise Vertrauenspersönlichkeiten ernennen, sondern daß eine solche Organisation sich bildet aus der Arbeit heraus. Der Ausgangspunkt wäre der, daß Vertrauenspersönlichkeiten vorgeschlagen werden und das Zentralkomitee diese Persönlichkeiten anerkennt. Dann ist eine Basis geschaffen für die Aufnahme der Mitgliedschaft, und das Vertrauensverhältnis muß anfangen sich zu entwickeln. Das muß nun entstehen aus der Arbeit heraus, die das Zentralkomitee und die so ernannten Vertrauenspersönlichkeiten leisten. Es kann sich nicht darum handeln, daß das Zentralkomitee zu allem Ja und Amen sagt, sondern es muß sich überzeugen, ob es selbst die Verantwortung übernehmen kann. Natürlich finden sich leicht sieben zusammen, die man gar nicht kennt, und bringen so Vertrauenspersönlichkeiten herein, die gar keine sind. Wir können in der Anthroposophischen Gesellschaft nicht nur von unten herauf arbeiten, sondern müssen auch von oben nach unten arbeiten. Dieses darf auch nicht vergessen werden, sonst kommen wir in eine Art Demokratie oder Bolschewismus hinein.

Dann handelt es sich um einen vertrauensvollen, lebendigen Verkehr. Dazu aber gehören beide Teile. Sowohl von der Leitung als auch von den Mitgliedern muß der gute Wille dazu entfaltet werden.

Ferner handelt es sich darum, daß Herr Dr. Steiner entlastet werden muß von den Unternehmungen, aber nicht, daß man ihn an die Luft setzt. Dr. Steiner hat oft durch Jahre hindurch immer dasselbe gesagt, und es wurde nicht gehört. Und _ endlich kommt man heute darauf, daß man eigentlich das tun muß, was Dr. Steiner vor Jahren schon gesagt hat. Das könnte ich Ihnen an praktischen Beispielen zeigen. Wenn er gehört wird, dann kommt er mit sehr wenig Zeit aus, und wir haben alle Hände voll zu tun, das auszuführen. Für die übrigen gilt, daß sie sich sagen müssen: Wir sollen uns nicht hineinmischen in die Unternehmungen. Was glauben Sie, was ich für Ratschläge bekommen habe, überhaupt in bezug auf Engagements? Jeder müßte sich sagen: Nicht, was sollen die andern tun, sondern was soll ich tun?!

Herr Leinhas teilt mit, daß ca. 55 Wortmeldungen und einige schriftliche Mitteilungen vorliegen.

Herr Dr. Eugen Kolisko, Stuttgart: Nachdem sich herausgestellt hat, daß eine solche Spaltung keine «Spaltung», sondern eine «Gliederung» ist, möchte ich sagen, daß ich nicht festhalten will an dem, was ich darüber gesagt habe.

Herr Ernst Lehrs, Jena, betont die Notwendigkeit des Zusammenarbeitens der Jungen mit den Alten.

Graf Hermann Keyserling, Koberwitz bei Breslau: Die Depression, die wohl auf uns allen gelegen hat, ist einem freudigen Gefühl gewichen, als Herr Dr. Steiner uns in freundlicher Weise aus der Not geholfen hat. Redner dankt dem Neuner-Ausschuß für die Selbstlosigkeit, mit der er eine so große Arbeit, wie die Vorbereitung dieser Tagung, unternommen hat. Redner stellt den Antrag, die Diskussion nun nicht weiterzuführen, sondern über das Programm des Neuner-Komitees abstimmen zu lassen.

Herr Otto Coppel, Edenkoben, meint, die Geschäftsleitung hat nicht genügend deutlich gemacht, was sie wolle. Daher war der vorgestrige Versuch, die Versammlung zu sprengen, so unsinnig er war, doch selbstverständlich. Jetzt müsse man, ehe man abstimmt, doch erst über das Programm diskutieren.

Nun folgt eine Geschäftsordnungsdebatte, ob abgestimmt werden solle oder ob man weiterdiskutieren soll.

Herr Ernst Lehrs, Jena: Wir drohen in eine falsche Richtung hineinzukommen. Wir sind doch alle miteinander Anthroposophen und unterscheiden uns nur durch die Art, wie wir es geworden sind; nicht darum handelt es sich, ob abgestimmt werden soll oder ob weiterdiskutiert werden soll, sondern ich möchte die folgende Anregung geben: Nachdem die Richtung für die Weiterentwickelung gegeben ist, wäre es doch nötig, daß eine Anzahl von Menschen sich herstellt und sich so äußert: Das und das, glaube ich, ist das Richtige, und ich halte es aus den und den Gründen für gut.

Frau Emma von Staudt, München, betont, man sollte das ungeheure Maß von Selbstkritik und Selbsterkenntnis, die von innen heraus geübt wurde, nicht übersehen. Es werde schwierig sein, zu zwei Familien unter einem Dach zu leben. Darum möchte sie einen taktischen Vorschlag machen für das Zusammenleben. Wenn die drei verschiedenen Richtungen: Kunst, Wissenschaft und Religion unbeschadet der eigentlichen Leitung der Zweige mehr vertreten wären, so würde dieses Zusammenleben leichter sein.

Herr E. A. Karl Stockmeyer, Stuttgart: Es handelt sich nicht darum, daß wir etwa abstimmen, wer sich zu der alten und wer sich zu der neuen Gesellschaft schlägt, sondern darum, zu erkennen, daß die Dinge so geworden sind und daß wir innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft nur so weitermachen können, daß wir jetzt auf der einen Seite so arbeiten, wie es aus der Geschichte geworden ist, auf der anderen Seite so arbeiten, wie es denen richtig erscheint, für die eben Herr Dr. Büchenbacher gesprochen hat. Es wurde vorhin davon gesprochen, daß einzelne Teile der Gesellschaft sich mit anderen Teilen nicht verstehen. Mir scheint, daß davon nicht die Rede sein kann, man versteht sich wohl. Es käme aber darauf an, daß möglichst stark und von möglichst vielen Seiten zum Ausdruck gebracht würde, inwiefern man sich sehr wohl verstehen kann, wie man eine Verbindung herstellen könne zu den Institutionen und ein Verständnis für diese Institutionen bei den Mitgliedern. Es schiene mir sehr notwendig, daß nicht einfach durch Stillschweigen zum Ausdruck gebracht würde: Ja, nun ist es halt so, wir sind damit einverstanden, sondern daß dieses Einverständnis durch Reden zum Ausdruck gebracht würde. Es wäre notwendig, daß in ganz kurzer Weise darüber gesprochen würde, wie man die ganze Angelegenheit versteht, wie man glaubt, innerhalb dieser so getrennten Gesellschaft arbeiten zu können.

Es wäre selbstverständlich zu dem Programm Dr. Ungers das eine oder andere zu sagen, aber mir scheint es nicht darauf anzukommen, das Programm zu erörtern, sondern darauf, daß man es durchführt.

Die Versammlung stimmt auf Befragen des Vorsitzenden dem Programm einstimmig zu.

Herr Louis Werbeck, Hamburg, weist darauf hin, daß in Hamburg immerhin verhältnismäßig viel geschehen ist; spricht von einem «Hamburger System», das in der Aktivierung des Menschen beruhe. Die Persönlichkeiten hier hätten sich Antipathie erworben neben Sympathie, weil die «Aktivierung des Menschen» nicht geschehen sei. Er habe in der Arbeit des Komitees allerdings jetzt schon manches gefunden, was in diese Richtung gehe. Was in seiner geringen Kraft liege, das solle geschehen, damit diese «Aktivierung des Menschen» in dem Komitee, das sich noch ergänzen werde, allmählich maßgebend werde. Herr Ernst Uehli, Stuttgart: Ich möchte zu der jetzt geschaffenen überschaubaren Lage einiges sagen, was ich gestern nicht sagen konnte, weil ich die Dinge nicht überschaute. Wie Sie gehört haben, bin ich aus dem Zentralvorstand ausgeschieden, weil es mir nicht möglich war, in fruchtbarer Weise zu arbeiten. Nun ist ja die Lage die, daß ich von selber hineinwachse in die Organisation der Freien Gemeinschaft, weil ich der Meinung bin, daß ich arbeiten kann in der Weise, wie es möglich ist, aus Menschenfreundschaft heraus. Ob ich die anderen Dinge weiterführe oder nicht weiterführe, werde ich mit dem Komitee abzumachen haben, das gehört nicht hierher, zum Beispiel «Bund für freies Geistesleben», Zeitung «Drei». Ich will als freier Mensch arbeiten können.

Herr August Everbeck, Brake: Gestern drohte sich die Gesellschaft in ein Chaos aufzulösen - heute sind die Schwierigkeiten nicht mehr vorhanden, nachdem man Dr. Steiner gehört hat. (Er will ausführen, wie sich die Stuttgarter Arbeit von der Peripherie ausnimmt. — Es ertönt der Zwischenruf: Positive Vorschläge! - Redner faßt seine Ausführungen daraufhin zusammen: Das einzige, das man draußen in den Zweigen vermissen konnte, war der Zusammenhang mit Stuttgart.)

Herr Dr. Josef Kalkhoff, Freiburg: Hätten wir «Praktisches Denken» und «Die Philosophie der Freiheit» in uns aufgenommen, dann hätte nicht ein großer Arzt uns erst sagen müssen, woran es fehlt. Wer glaubt, daß er Dinge in der Diskussion vorzubringen hätte, kann das nach Stuttgart schicken in Form eines Referates, dann wird es schon verarbeitet werden — oder in den Papierkorb wandern.

Was zu geschehen hat, ist nicht so furchtbar neu, es muß nur erst ins Bewußtsein gehoben werden. Wir haben eine medizinische Arbeitsgruppe. Man kann auch in der Dreigliederung weiterarbeiten, denn nicht die Arbeit soll abgeschafft werden, nur die Organisation. Man soll, was aus der Besprechung hervorgeht, nicht in den Papierkorb werfen. Nicht auf ein Programm soll man sich festlegen, das würde sich schon ergeben.

Herr Professor Hermann Craemer, Bonn: Es handelt sich um praktische Vorschläge für die Zukunft, und was die Versammlung an Anregungen gegeben hat, in die Tat umzusetzen, und dazu die ersten Schritte sich klarzumachen, von .der Natur einer solchen Versammlung ausgehend. Da sind über tausend Menschen, die sich verständigen sollen, und das ist ungeheuer schwer. Wir haben auch gesehen, daß innerhalb dieser großen Schar einzelne Scharen sind, namentlich die Jugendbewegung, die, wenn einer aufsteht, sich ausgezeichnet verstehen, ohne daß der Betreffende viel gesagt hat. Wir müssen die Kunst noch lernen, in großen Versammlungen uns zu verständigen und nicht aneinander vorbeizureden. Das kann geschehen, wenn es in den Zweigen so gehalten wird, daß man lernt, auf den anderen Menschen zu hören, daß man sich nicht nur interessiert für den Inhalt dessen, was er sagt, sondern dafür, daß er es sagt. Dieses Zum-Erleben-des-DuKommen, wenn man das in den Zweigen übt und weiter in etwas größerem Kreise übt, so werden wir ja wohl allmählich auch dazu kommen, uns in größeren Versammlungen zu verstehen. Die Leute, die in geographischen Bezirken wohnen, sollten gemeinsam arbeiten, vom einfachsten persönlichen Verkehr an bis zur Durcharbeitung der Probleme, mit denen wir es zu tun haben. Hier müssen wir von vorne anfangen und kein Opfer scheuen, damit wir von unten herauf dazu kommen, aus Zersplitterung und Atomisierung zusammenzuwachsen zu einem Organismus.

Herr Heinrich Weishaar, Stuttgart, erklärt sich mit dem Programm des neuen Zentralvorstandes als Sprecher des Kerning-Zweiges Stuttgart einverstanden. Leider war zu bemerken, daß gegen eine Person des neuen Zentralvorstandes eine Mißstimmung herrscht, die auch er teilt; dies sei die Person des Dr. Carl Unger (Zwischenrufe.) Redner erklärt, er werde sich persönlich mit Herrn Dr. Unger aussprechen.

Herr Dr. Praußnitz, Jena, steht voll und ganz hinter Herrn Leinhas, hat eine Bitte an die Versammlung: Heute abend auf die Bewegung zur religiösen Erneuerung zurückzukommen.

Herr Ernst Lehrs, Jena: Es kann gar keine Frage sein, ob das Neuner-Komitee die Sache weiterführt oder nicht. Die Sache erfordert es doch, daß die Angelegenheiten von diesem Komitee weitergeführt werden.

Herr Louis Werbeck, Hamburg, bespricht die Angelegenheit der Gründung der Freien Hochschule; er teilt mit, daß Herr Emil Molt zehn Millionen Mark für die Freie Hochschule gestiftet hat.

Herr Emil Leinhas, Stuttgart: Sie fragen sich, die Mitglieder des Neuner-Ausschusses: Was sollen wir tun, wenn wir durch das Vertrauen getragen sind? Glauben Sie gewiß nicht, daß es nur eine Ehre ist, hier am Komiteetisch zu sitzen und sich Schmeicheleien sagen zu lassen. Das ist das nicht, was uns reizt, sondern aus Pflichtgefühl und Verantwortungsgefühl heraus stellen wir uns zur Verfügung. Ihnen braucht es nicht so schwer zu fallen, zu sagen: Ihr müßt!, wie es uns schwer wird zu sagen: Wir müssen! Wenn wir wieder zusammenkommen, werden wir uns nicht herausreden können: Wir haben keine Zeit gehabt! (Stimme aus der Versammlung bittet, einstimmig zu rufen: Ihr müßt!)

Schluß der Vormittagsdiskussion.

II. Vortrag von Herrn Dr. Rudolf Steiner über «Die Bedingungen einer Gemeinschaftsbildung in einer Anthroposophischen Gesellschaft» [in GA 257]

Mittwoch, den 28. Februar 1923, nachmittags

Herr Emil Leinhas eröffnet die Versammlung um ½3 Uhr.

Herr Ernst Lehrs, Jena, teilt mit, daß sich ein Ausschuß gebildet hat, der aus folgenden Persönlichkeiten besteht: J. G. W. Schröder, Dr. Hans Büchenbacher, Rene Maikowski, Jürgen von Grone, Dr. Maria Röschl, Wilhelm Rath, Berlin, wahrscheinlich Rektor Bartsch und Ernst Lehrs.

Herr Rene Maikowski, Stuttgart, teilt die Persönlichkeiten des Komitees mit, das sich mit der Gründung und mit den Aufgaben der Freien Hochschule befassen will: Emil Molt, Dr. Walter Johannes Stein, Ernst Lehrs, Werner Rosenthal, Louis Werbeck, Rene Maikowski.

Herr Manfred Kries, Jena, weist auf die Notwendigkeit der gemeinsamen Arbeit speziell auf medizinischem Gebiet. Man müsse als Mediziner beim Anthroposophischen beginnen. Das Moralische, die Liebeskräfte, seien das, wovon ausgegangen werden müsse. Mit der Verbreitung der Heilmittel können wir nur Erfolg haben, wenn wir den nötigen Rückhalt haben von der Klinik. Wir können nicht nur in propagandistischer Weise arbeiten, sondern wir brauchen die Erfahrung derjenigen, die hinter uns stehen. Es gibt eine Charakteristik, wie anders die Jungen drinnenstehen in der Medizin als die Älteren. Wir können nicht aus einer Erfahrung heraus uns eine neue Methode aneignen und davon aus heruntergehen ins Physische, sondern wir müssen von dem reinen Anthroposophischen ausgehen. Wir müssen erst als Menschen einmal soweit sein, daß wir das rein Menschliche, das Allgemeine, so spezialisieren können, daß wir hineinfinden bis ins einzelne Organ des Physischen.

Herr Otto Maneval, Stuttgart, führt aus, daß die Sorge um die Waldorfschule eine wichtige Aufgabe der Anthroposophischen Gesellschaft sei. Es seien noch lange nicht alle Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft Mitglieder des Waldorfschulvereins. Auch gegenüber dem Staat müsse man die Waldorfschulidee zur Geltung bringen, indem man sich zu ihr bekenne.

Herr Wilh. Salewski, Düsseldorf, meint, daß die Grundlage echter Gemeinschaftsbildung künstlerische und pädagogische Einstellung sei. Man müsse nicht nur mit Anthroposophen, sondern auch mit Nicht-Anthroposophen sich zu gemeinsamer Arbeit finden. Mit solchen könne man auf irgendwelchem Gebiete arbeiten. Tut man es richtig, so führt sich eine solche Arbeit von selbst in eine anthroposophische über. Wenn man aus dem Ruhrgebiet komme, empfinde man besonders die Notwendigkeit, aus der Stunde heraus zu den Menschen zu sprechen, sie moralisch aus der Weltsituation heraus zu ergreifen. Darauf müssen wir merken: Was sagt die geistige Welt, was sagt Herr Dr. Steiner, was es heute zu tun gibt? Wenn wir darauf hören, wird sich ein rhythmisches Aus- und Eiinatmen ergeben. Die Brücke zu den andern Menschen kann nur aus dem Herzen, aus der Liebe kommen. Herr E. A. Karl Stockmeyer, Stuttgart, führt aus, daß das, was vorhin Herr Maneval vorgebracht habe, beachtet werden sollte. Die finanzielle Lage der Waldorfschule sei eine sehr schwierige, und in dieser Beziehung müsse er erinnern an die Gefahren, von welchen Herr Dr. Steiner gesprochen habe anläßlich der letzten Generalversammlung des Waldorfschul-Vereins. Es sei wirklich für den wirtschaftlichen Fortbestand der Schule unerläßlich, daß sie die stete Sorge der gesamten anthroposophischen Mitglieder werde. Die Schule hätte sich bisher überhaupt nicht halten können, wenn nicht ausländische Freunde geholfen hätten. Aber dies genüge in keiner Weise. Gegenüber dem Staat sei zu sagen, daß 1925 das Grundschulgesetz zum letzten Male die Aufnahme von Schülern in die erste Klasse von Privatschulen zulasse. Es käme daher darauf an, der Waldorfschule so starke Sympathien zu erwerben, daß dieser Paragraph auf sie keine Anwendung haben könnte. Also materielle Mittel und ideelles Interesse, das sei es, was die Waldorfschule in ihrem Fortbestand sichern könne.

Herr Jürgen v. Grone, Stuttgart: Meine lieben Freunde! Ich bin aufgefordert worden, in dem provisorischen Ausschuß der Jüngeren mitzuwirken, und bin somit in beiden Komitees tätig. Um meine Stellung zu erklären, will ich auf ein Erlebnis hinweisen, das ich im Jahre 1908 in Berlin hatte.

Um diese Zeit trat es ein, daß mehrere junge Menschen aus ganz verschiedenen Lebenskreisen heraus, aus verschiedenen Himmelsgegenden sich zusammenfanden und in der Motzstraße 17 sich allwöchentlich zusammenfanden, um philosophische Schriften Dr. Steiners intensiv zu studieren. Es war eine scheinbar zufällige Gemeinschaft. Das Bedeutsame aber war dabei, daß das, was die Menschen bewog, sich in Gemeinschaft zusammenzufinden, die bei jedem vorhandene Liebe war, sich in die Ideenwelt zu vertiefen. Unter den betreffenden Persönlichkeiten wurde nun durch diese Zusammenarbeit in der Motzstraße ein wirkliches Sichkennenlernen im intensivsten Maße ermöglicht, und, wie ich nachträglich bemerken konnte, es entstanden aus dieser Arbeit Schicksalsverknüpfungen. Als ich vor einigen Jahren nach Stuttgart kam, traf ich wieder mit Menschen zusammen, die diesem Kreise angehört hatten, und ich kann die Versicherung geben, daß wir unmittelbar spürten, wie ein gemeinsames inneres Erleben gerade seit diesem Studium der philosophischen Werke uns verbunden hatte. Es leuchteten gewissermaßen die Augen auf, als wir uns wiedersahen.

Als ich nach dem Kriege beim Studium der «Kernpunkte» bemerkte, daß aus dem Anthroposophischen heraus etwas getan werden sollte, das unmittelbar in die sozialen Nöte der Gegenwart eingreifen wollte, da war es dieser Impuls, der meine Mitarbeit an der Zeitung herbeiführte. Es war für mich in der Tat eine starke Verbindung da zwischen den Erinnerungen aus dem Jahre 1908, dem anthroposophischen Erlebnis der damaligen Zeit und dem Willen, dieses anthroposophische Erleben einzuführen in eine soziale Tat. Auf der anderen Seite muß ich hervorheben, habe ich seit der scheinbar so unwillkürlichen Gemeinschaftsarbeit in der Vergangenheit ein tiefes, inneres Verständnis für dasjenige, was die heutige anthroposophische Jugend und alle die, die sich mit ihr verbunden fühlen, wollen. Seit der Zeit habe ich ein intensives Interesse daran, mitzuarbeiten für solche Gemeinschaften, die vor allen Dingen es für notwendig erachten, daß durch eine intensiv geleistete Mittäterschaft wahre Anthroposophie in einem Kreise von Menschen gefördert wird.

Ich wollte nur auf diese beiden Gesichtspunkte hindeuten, damit Sie sehen, warum ich mich bereit erklärt habe, dem Komitee anzugehören, und warum ich auf der anderen Seite mich bereit erklärt habe, vorläufig dem provisorischen Ausschuß anzugehören.

Frl. Dr. Gabriele Rabel, Stuttgart: Es ist mir sehr lieb, Gelegenheit zu haben, vor einem größeren Kreise von Anthroposophen zu sprechen. Ich will meine persönliche Stellung zur Anthroposophie möglichst klar verständlich machen. Ich bin vor zwei Jahren eingetreten, um die Anthroposophie gründlich kennenzulernen. Bei der Aufnahme wußten alle, daß ich keine Anhängerin bin. Es war auch Dr. Steiners Absicht, daß mir Gelegenheit geboten würde, die Sache gründlich zu studieren. Das Resultat dieser zweijährigen Prüfung ist ein eigentümliches Gemisch aus Sympathie und Antipathie.

Warme Sympathie bringe ich all dem entgegen, was ich an Menschlich-Persönlichem, an Seelischem in der Bewegung beobachtet habe und an ehrlichem Streben nach Seelischem Sichvervollkommnen; die allerwärmste Sympathie empfinde ich demgegenüber, was in der Landhausstraße und hier in diesen Tagen sich abspielt. Es war wunderschön von Dr. Steiner, daß er den Brand des Goetheanums so weise ausgenützt hat, daß er ihn zum Anlaß genommen hat, um eine große Buß- und Einkehrbewegung zu inaugurieren.

Dieser Geist, der in diesen Reden herausgeleuchtet hat, von Selbsterkenntnis, läßt vermuten, daß es leicht sein könnte, daß vielleicht in einigen Jahren der Brand des Goetheanums nicht als ein Unglück, sondern als ein Glück zu bezeichnen ist. Jedes Ereignis ist nur das, was man aus ihm macht.

Ich habe das Wort gehört: Das Goetheanum hätte nicht abbrennen können, wenn wir so wären, wie wir sein sollten, Das ist eine ausgesprochen religiöse Einstellung. Meine persönliche Überzeugung ist die, daß in dieser Einstellung, in der Betonung des religiösen Charakters, das Heil und die Zukunft der Anthroposophie liegt.

Hingegen stehe ich einem anderen Gebiet, auf das Dr. Steiner einen sehr großen Wert legt, der anthroposophischen Wissenschaft, mit großer Skepsis gegenüber. Da bin ich Gegnerin. Ich bin nicht nur sogenannter Gegner, wie Dr. Steiner sagte, ich bin wirklicher Gegner. Ich habe mit wahrem Schauder in den Abgrund von Unwissenheit, Denkunfähigkeit und Anmaßung von Menschen hineingesehen, der aus einer großen Zahl von anthroposophischen Arbeiten mir entgegenkommt. Es ist wirklich trostlos, solche Arbeiten zu lesen. Es reden da Leute, die keine Ahnung haben von der Naturwissenschaft. Die betreffenden tragen den Doktortitel. Es ist leider so an den Universitäten, und es ist eines der traurigsten Kapitel, daß der Doktortitel heute sehr leicht zu erwerben ist.

Ich kann hier natürlich diese Behauptungen nicht näher beweisen. Ich habe in dem letzten Artikel in der «Drei» schon angefangen, den Beweis zu führen, und will ihn weiter fortsetzen und zwar so lange, als die Redaktion der «Drei» so loyal und liebenswürdig ist, meine Kritik anzubringen. Ich fühle mich verpflichtet zu einer Kritik. Es ist notwendig, daß man sachlich auf die Einzelheiten eingeht. Aber es ist nicht damit getan, daß man sagt, die ganze Polemik ist wesenlos. Es ist notwendig, daß in Einzelheiten gezeigt wird, wo die Denkfehler stecken. Ich werde mich bemühen, das so klar und deutlich als möglich zu machen.

Diese Diskussion über Atomtheorie hat mich in anderer Weise die Gefahren der Anthroposophischen Gesellschaft noch deutlich erkennen lassen. Es handelt sich um Gefahren, auf die schon vielfach kingewiesen worden ist, auch von mir selbst. Aber es ist doch eine ganz andere Sache, ob man allgemein von etwas spricht oder ob man konkrete Beispiele hat, an denen man zeigen kann: Da liegt es. Ich habe in dem ersten Artikel folgendes geschrieben: Die Stellung der Anthroposophie zur Atomtheorie ist vollständig unklar. Herr Dr. Steiner selbst hat früher nicht an die Realität der Atome geglaubt, ist aber inzwischen, wie er gesprächsweise geäußert hat, in diesem Punkte durch die Tatsachen belehrt worden und glaubt jetzt, wie wir, an die Existenz der Atome. Darauf wurde mir von anthroposophischer Seite geantwortet, das sei wieder einmal eine Legende, die nur zu dem Zweck aufgetischt wird, um das Vertrauen in die Persönlichkeit Dr. Steiners zu erschüttern. Einer solchen Gesinnung steht ein wissenschaftlicher Mensch vollständig ratlos und verständnislos gegenüber. Mir wäre es selbstverständlich, daß dann mein Vertrauen erschüttert wäre, wenn er sich nicht durch Tatsachen belchren ließe, und eigensinnig an etwas festhielte, was er einmal gesagt hat, nur weil er es gesagt hat.

Aber wie steht es in der Anthroposophie? Wenn Sie auf dem Standpunkte stehen, daß Dr. Steiner nicht darauf angewiesen ist, die Tatsachen zu berücksichtigen, daß er aus seinem eigenen Denken heraus alle Zusammenhänge durchschaut, ja, dann natürlich, dann ist es nur folgerichtig, wenn man zu solchen Anschauungen kommt. Da ist eben eine Kluft zwischen Anthroposophie und Wissenschaft. Als Anthroposophen glauben Sie an die Unfehlbarkeit Dr. Steiners; als Wissenschafter dürfen Sie nicht daran glauben. Ich weiß sehr gut, daß Sie mir darauf sagen: Wir glauben nicht an die Unfehlbarkeit Dr. Steiners, auf Seite so und so viel steht doch: Der Hellseher kann sich irren. Ja, da steht es, da lesen Sie es ab, aber in Praxis habe ich es noch nie erlebt, daß jemand einen Zweifel geäußert hat an dem, was Dr. Steiner gesagt hat. Wenn er in einer Geschäftsordnungsdebatte oder in irgendeiner wissenschaftlichen Diskussion das Wort ergriffen hat, dann war der Fall erledigt. Und jetzt hat Dr. Steiner neulich zu dieser Atomdiskussion gesprochen, und hat die Legende, die ich damals aufgetischt habe, bestätigt. Er hat ausdrücklich gesagt, daß ich (dieser Gegner) recht habe, daß es keinen Zweck habe, Resultate der Wissenschaft zu negieren. Ja, was machen jetzt diese Herren, die sich so fanatisch dafür eingesetzt haben, daß es keine Atome gibt? Wenn Sie zu dieser Überzeugung gekommen sind, nicht durch Autoritätsglauben, sondern nach reiflicher Überlegung auf sachliche Gründe hin, dann können Sie doch von dieser ihrer Überzeugung nicht so einfach lassen, dann müssen Sie doch folgerichtig gegen Dr. Steiner polemisieren. Dieser Gedanke kommt Ihnen ganz absurd vor, daß einer von Ihnen gegen Dr. Steiner polemisieren könnte. Das ist der große Krebsschaden. Das ist das, was wir nicht verstehen können. Es ist eine religiöse Einstellung. Ich meine dieses Wort «religiös» jetzt im besten Sinne, daß man das eigene Urteil unterwirft unter etwas, das man als ein Hohes empfindet, zu dem man in Demut und Ehrfurcht aufsieht. Ich will Ihnen diese Gesinnung nicht verekeln. Aber die wissenschaftliche Gesinnung ist es nicht. Der wissenschaftliche Mensch muß vollständig frei sein Urteil sich bilden. Und darum, je mehr ich in die Anthroposophie hineinsche, um so tiefer wird die Überzeugung in mir — früher war es nur eine Ahnung -, daß eben zwischen Glaube und Wissenschaft keine Synthese möglich ist, weil der wissenschaftliche Mensch frei und unabhängig sein muß, und der religiöse Mensch gerade das Gegenteil davon zu sein wünscht. Beide Einstellungen haben ihr Gutes und Schönes. Aber miteinander vermengen kann man sie nicht. Ich habe den Eindruck, daß das, was als das System der doppelten Buchhaltung gegeißelt wird, die einzig mögliche reinliche Trennung ist: Auf der einen Seite Wissenschafter, auf der anderen Seite religiöser Mensch. Ich wollte nur sagen, das sind einige von den Gründen, warum die Wissenschaft der anthroposophischen Wissenschaft mit Skepsis gegenüberstehen muß. Ich kann vorläufig nicht sehen, daß dieser Konflikt gelöst werden kann, wenn mich die anthroposophische Wissenschaft nicht eines Besseren belehren wird.

Ich möchte noch auf einen Punkt zu sprechen kommen, der auch einen sehr starken Stein des Anstoßes gibt für die Wissenschaft. Ich weiß, es ist Ihnen und mir schon langweilig, das ist das unheilige Mysterium der Wandlungen Dr. Steiners. Es ist nicht möglich, daß man über diesen Punkt hinwegkommt. Es muß diese Frage gründlich behandelt werden.

Ich habe mich in der letzten Zeit mit sämtlichen Artikeln befaßt, die Dr. Steiner zwischen 1886 und 1903 geschrieben hat. Ich habe die Artikel sämtlich gelesen und viel Schönes und Gutes gefunden. Aber ich sehe absolut nicht ein, wie man über diese Widersprüche hinwegkommen soll.

Rednerin liest folgende Stellen vor:

«Aber wie sehr man sich auch Mühe geben mag, nie wird es jemandem gelingen, Einklang zu stiften zwischen der christlichen und der naturwissenschaftlich modernen Weltanschauung. Ohne eine persönliche, weise Führung der Weltgeschicke, die sich in Zeiten der Not durch Fingerzeige ankündigt, gibt es kein Christentum. Ohne die Leugnung einer solchen Führung und die Anerkennung der Wahrheit, daß in dieser unseren Sinnen zugänglichen Welt alle die Ursachen der Ereignisse liegen, gibt es keine moderne Denkweise. Nichts Übernatürliches greift jemals in die Natur ein; alles Geschehen beruht auf den Elementen, die wir mit unseren Sinnen und unserem Denken erreichen, erst wenn diese Einsicht nicht in das Denken allein, sondern in die Tiefe des Empfindungslebens eingedrungen ist, kann von moderner Anschauungsweise gesprochen werden. Aber davon sind unsere modernen Geister recht weit entfernt. Mit dem Denken geht es. Der Verstand der Zeitgenossen findet sich allmählich mit dem Darwinismus ab. Aber die Empfindung, das Gefühl, sind noch durchaus christlich.»4

«Wir gehen in das neue Jahrhundert hinüber mit wesentlich anderen Gefühlen als sie unsere im Christentum erzogenen Vorfahren hatten, Wir sind wirklich «neue Menschen» geworden; aber wir, die wir uns zur neuen Weltanschauung auch mit dem Herzen bekennen, wir sind eine kleine Gemeinde. Wir wollen Kämpfer sein für unser Evangelium, auf daß im kommenden Jahrhundert ein neues Geschlecht erstehe, das zu leben weiß, befriedigt, heiter und stolz, ohne Christentum, ohne Ausblick auf das Jenseits.»5

Ich kann es nicht fertigbringen, das zu. lesen, und dann die Aufsätze zu lesen, die fünf Jahre später in «Luzifer-Gnosis» stehen, und dann anzunehmen, daß der Mann, der die beiden Aufsätze geschrieben hat, sich nicht geändert hat. Wenn da eine Bekehrung stattgefunden hat, würde ich es begreiflich finden. Ich habe mir die Deutung selbst gegeben, daß es sehr häufig vorkommt in der Weltgeschichte, daß man das alles verdammt, was man vorher gepredigt hat, und umgekehrt. Aber daß ohne eine solche Umwandlung beide Meinungen sich miteinander vertragen, das verstehe ich nicht. Ich habe auch keine Erklärung darüber bekommen von irgend jemand. Das Einverständnis mit Haeckel geht sogar so weit, daß er sagen konnte: Wir, die kleine Haeckelgemeinde, sind die Gemeinde der Zukunft, wir verkünden das Evangelium. In einem Artikel in der «Drei» hat er versucht zu sagen, was ihn gefesselt hätte, wäre wohl das Künstlerische gewesen. Ich muß dringend bitten, auch im Namen all der Wissenschaftler, die Vertrauen zu Dr. Steiner zu haben versuchen: Nun ja, die Götter sind diesseits; die Götter gehören auch zu der Natur. Das sind Taschenspieler-Kunststücke. Ich bitte, daß diese Frage behandelt wird. Ich bin sehr gern bereit, mich belehren zu lassen und werde gerne auch öffentlich und laut, wie ich jetzt mit meiner Anklage hier stehe, verkünden, daß man dem Dr. Steiner Unrecht getan hat und daß mir die Sache jetzt aufgeklärt ist.

Rednerin schließt mit der Bitte, daß Herr Dr. Steiner selbst nach Möglichkeit zu dieser Frage Stellung nimmt.

Herr Dr. Praußnitz, Jena: Ich muß zuerst meine Anerkennung des außerordentlichen Mutes aussprechen, den Fräulein Dr. Rabel bewiesen hat, indem sie ihren Standpunkt ruhig und unbekümmert dargetan hat. Ich weiß, was dazugehört, wenn man als Anthroposoph vor Gegnern spricht. Was die Frage der Atomtheorie betrifft, muß ich feststellen, daß ich auch vom Fache bin; mir sind dieselben Schwierigkeiten entgegengekommen wie Fräulein Dr. Rabel, auch mir ist der Weg von der philosophischen Seite her der einzig mögliche gewesen, erstmalig heranzukommen. Ich bekenne ebenso offen, daß ich mich mit der anthroposophischen Wissenschaftsbehandlung noch nicht habe befassen können.

Man muß die Frage aufwerfen: Ist die anthroposophische Wissenschaft, wie sie in Stuttgart vertreten ist, eigentlich den Weg gegangen, den sie gehen muß, um sich der anderen, draußenstehenden Naturwissenschaft verständlich zu machen? Ich glaube, daß hier der Haken liegt... Unsere jungen Freunde wollen, daß wir durch Anthroposophie andere Menschen werden, und nicht bloß uns mit Anthroposophie beschäftigen. Ich für meine Person stehe schon lange in der Bewegung, und habe noch nicht die Zeit gehabt, mich in die Wissenschaft zu vertiefen wie Sie. Wir können an diese Wissenschaft erst heran, wenn wir andere Menschen geworden sind. — Redner bespricht noch weiter Einzelheiten der Atomtheorie.

Herr Dr. Walter Johannes Stein: Herr Dr. Steiner hat in seinem Vortrag darauf hingewiesen, daß allen Einzelaktionen unserer Gegner letzten Endes dies zugrunde liegt, daß sie sich sagen: «Wie zwingen wir den Geistesforscher dazu, daß er sich selber verteidigen muß?» Fräulein Dr. Rabel hat ihre Ausführungen darin gipfeln lassen, daß sie bat, Herr Dr. Steiner möchte selbst Stellung nehmen zu dem, was sie gegen ihn vorgebracht habe. Dr. Steiner soll sich also selbst verteidigen.

Nun, ich weiß nicht, ob er das tun wird, aber ich möchte das, was ich vorzubringen habe, jedenfalls so vorbringen, wie er von uns gefordert hat, daß wir uns den Gegnern gegenüber verhalten sollen. Herr Dr. Steiner forderte uns auf, uns mit aller Liebe hineinzuversenken in die Seelen der Gegner. Es liegt mir ganz fern, zu glauben, daß etwa bewußt in Fräulein Dr. Rabel das ist, worauf ich jetzt hinweise. Aber es wirkt in ihr, wie in jedem Gegner, doch das, wovon Dr. Steiner eben sagte, daß es allen Gegneraktionen zugrunde liegt. Und auf diese Tatsache sollten wir merken. Dr. Steiner sprach davon, daß unendlich viel darauf ankommt, die Grenzen der verschiedenen Bewußtseinslagen zu kennen und diese nicht zu verwischen. Man darf das Traumbewußstsein nicht in die Sinneswelt tragen, und das, was richtig ist für die Sinneswelt, nicht in die übersinnliche Welt. Man muß beim Übergang von einem Gebiet in das andere seine Denkart ändern. Das aber gerade ist es, was Fräulein Dr. Rabel nicht tut. Was sie nicht versteht in Dr. Steiners Wirken und Sichverhalten, das versteht sie deshalb nicht, weil sie mit jenen Urteilsgewohnheiten und Denkformen, die richtig sind für das Gebiet der gewöhnlichen Wissenschaft, auch umfassen möchte, was dem Geistgebiet des Übersinnlichen angehört. Man müßte das natürlich Satz für Satz zeigen aber man könnte zeigen, daß Herr Dr. Steiner das, was er selber zu den Einwänden von Fräulein Dr. Rabel zu sagen hat, Punkt für Punkt - natürlich mit Ausnahme jener Zitate, die vorgebracht worden sind - sonst aber wirklich alles — beantwortet hat im vorhinein durch seinen Vortrag. Sehen Sie, das, was Fräulein Dr. Rabel nicht richtig beobachten kann, ist das, was wir nennen: das richtige Überschreiten der Schwelle, das heißt die tatsächliche Wirklichkeitsforderung, daß man eine andere Art haben muß für das Sichverhalten im Sinnlichen als im Übersinnlichen. Sie sagt: Mit dem Religiösen kann ich sympathisieren, mit dem Wissenschaftlichen nicht. Sie sieht auch eine Trennung zwischen diesen Gebieten. Aber was ist der Grund für das, was sie zwingt, von doppelter Buchführung zu reden? Der Grund ist, daß sie sich nicht zum Bewußtsein bringt den Akt, den der Mensch vollziehen muß beim richtigen Überschreiten der Schwelle, von dem einen in das andere. Daher begreift sie auch nicht für die verschiedenen Gebiete des Lebens oder der Gegenstände des Erkennens, warum Dr. Steiner einmal innerhalb des einen Bereiches so sich verhält, daß es im vollen Gegensatz steht zu seinem Verhalten in einem anderen Bereich. Ihr stellen sich die Bereiche nebeneinander, und sie möchte sie alle in einer Art umfassen oder doppelt Buch führen, anstatt die Metamorphose als in dem Gebiet sachlich begründet zu erkennen. Da liegt für sie die Schwierigkeit, und dafür hat sie nicht das richtige Verständnis. Sie hat auch nicht das richtige Verständnis für das, was Herr Dr. Steiner heute behandelte: die Toleranz. Denn das Wesen der Toleranz besteht darin, daß man immer aus der Sache heraus spricht. Wenn Herr Dr. Steiner in seinen Aufsätzen im «Magazin» zu bestimmten Urteilsformen kommt, so kommt er dazu aus ganz bestimmten Voraussetzungen heraus, und die müssen eben beachtet werden.

Ich habe mich wiederholt bemüht und wirklich in redlichem Sichmühegeben bemüht — wenn auch vielleicht manchmal in etwas temperamentvoller Weise —, Fräulein Dr. Rabel klarzumachen, wie es sich auf diesem Gebiete verhält. Aber es liegt doch wohl als Grund des Mißverstehens nichts anderes vor als dieses, daß zwei Grundbedingungen nicht genügend berücksichtigt worden sind.

  1. Wie das Herr Dr. Steiner ausführte, die Berücksichtigung der Umstellung beim Überschreiten der Schwelle zwischen Sinneswelt und übersinnlicher Welt.
  1. Die Berücksichtigung der Umstellung beim Schreiten aus einem Tatsachenbereich zum andern.

Selbstverständlich sind alle die Sätze, die von Fräulein Dr. Rabel vorgelesen worden sind, und die zum Beispiel im «Magazin für Litteratur» stehen, so, daß Herr Dr. Steiner sie heute Wort für Wort geradeso hinschreiben könnte, wie sie dort stehen. Denn wenn er dort das Christentum ablehnte, so meinte er damit nicht das Christentum, das er später in seinen geisteswissenschaftlichen Arbeiten dargestellt hat, sondern er wollte zeigen, wie er damals jenes Christentum ablehnen mußte, das damals als das einzige in der Welt bekannt war: nämlich das Christentum der christlichen Theologen. Und diese Theologen lehnt Dr. Steiner heute genau so ab mit dem, was sie Christentum nennen, wie sie ihn ablehnen. Also wo da ein Wandel Dr. Steiners liegen soll, weiß ich nicht. Es gibt keinen in dem Sinne von Fräulein Dr. Rabel. Es handelt sich nur darum, daß man sich vollständig auf die Sache einläßt und aus der Sache heraus urteilt, dann versteht man Herrn Dr. Steiner, versteht sein Verhalten und redet aus dem eigenen Nichtverstehen heraus nicht von Taschenspielerkunststücken. Für uns Anthroposophen aber ist noch etwas anderes wichtig. Wir müssen in unserer Gesellschaft künftig wachsam sein. Und zur Wachsamkeit gehört schon auch, daß man bemerkt dieses gewaltige Phänomen, das darin besteht, daß erst Herr Dr. Steiner auftritt und sich selbst in seinem Vortrage verteidigt, und daß nachher die Anklage vorgebracht wird mit der Zumutung, Dr. Steiner zu einer Äußerung, zu einer Selbstverteidigung zu zwingen.

Mittwoch, den 28. Februar 1923, abends

Der Vorsitzende, Herr Emil Leinhas, eröffnet die Versammlung.

Herr Dr. Hans Theberath, Stuttgart:Wenn Fräulein Dr. Rabel etwas Gefährliches in der anthroposophischen Wissenschaft sieht, so kann sie sich dabei nicht auf meine Atomaufsätze beziehen, da Herr Dr. Steiner selbst diese Aufsätze als anthroposophiefeindlich bezeichnete. In diesen Aufsätzen besteht aber kein Grund, sich gegen die anthroposophische Wissenschaft zu wenden.

Herr Dr. Steiner hat auch früher nicht die Existenz der Atome geleugnet, sondern sich nur dagegen gewandt, Atome in die Phänomene hineinzuinterpretieren. Deshalb verwies ich diesen angeblichen Gesinnungswandel Dr. Steiners in das Gebiet der Sage.

Fräulein Dr. Rabel fragt, was jetzt die Herren machen, die früher nicht an Atome geglaubt haben. Das weiß ich nicht, denn ich habe immer an die Existenz von Atomen geglaubt. [Siehe hierzu unter Hinweise.]

Herr Dr. Eugen Kolisko, Stuttgart: Ich möchte nur einiges sagen zu dem Punkte, daß die Ereignisse, die hier in der Anthroposophischen Gesellschaft stattgefunden haben, mit der Vernichtung des Goetheanums zusammenhängen. Es ist hier auch schon wiederholt betont worden, daß alle diese Ereignisse vollständig unabhängig sind von der Dornacher Katastrophe, da ja die Anfänge für diese Krise bis auf den 10. Dezember zurückgehen, wo das erwähnte Gespräch mit Herrn Uehli stattgefunden hat. Es ist notwendig, daß dies betont wird gegenüber Mißverständnisse, die entstehen können, wenn so ironisch über die Dinge gesprochen wird, die einem in der Anthroposophischen Gesellschaft am heiligsten sein müssen. Eine derartige Stellungnahme können wir uns nicht gefallen lassen.6

In bezug auf die Polemik in der «Drei» möchte ich sagen, daß der Aufsatz von Dr. Rabel angenommen ist und erscheinen wird zugleich mit einem Aufsatz von mir, der versuchen wird, diese ganze Polemik aus dem bisherigen toten Geleise herauszuführen.

Herr Ernst Lehrs, Jena: Durch die Worte, die Fräulein Dr. Rabel in ihrer «Abschiedsrede an die Anthroposophische Gesellschaft» gesprochen hat, wurde ich lebhaft erinnert an dasjenige, was Dr. Rittelmeyer während der Tagung bei der Behandlung der Gegnerfrage gesagt hat. Er sprach davon, daß wir es erreichen müssen, daß die vielen Menschen guten Willens, die sich zwar nicht selber zur Anthroposophie bekennen könnten, doch bewußt die Einstellung hätten: «Sie ist aber etwas, deren Ernst und hohes Streben wir zu klar erkannt haben, als daß wir zulassen könnten, daß sie durch Schlechtigkeit zertrümmert wird», daß diese als ein «Bund anständiger Menschen» ein Wall um die Bewegung sein könnten. Nun — ich konnte empfinden, daß Fräulein Dr. Rabel zu solchen Menschen gehört, und hoffe von Herzen, daß sie immer weiter dazu gehören wird! Und wir können dankbar sein, daß wir unter dem ganzen Wust und Schmutz von Gegnern einmal einen Menschen hören konnten, der wirklich versucht hat, sich mit Anthroposophie auseinanderzusetzen.

Auf zweierlei Punkte in Dr. Rabels Worten möchte ich eingehen: einmal Dr. Steiners Artikel aus dem «Magazin», und dann die Atomtheorie.

Ich habe bis auf ganz wenige Ausnahmen, die ja auch in der Öffentlichkeit bekannt sind, vordem keine der von Dr. Rabel aus dem «Magazin» zitierten Stellen gekannt. Mir fiel aber sofort auf, mit welcher Ausschließlichkeit sich Dr. Steiner beruft auf dasjenige, was die Sinnesforschung an Tatsächlichem ergeben hat. Mit keinem Worte hat er in jenen Artikeln sich zu den gedanklichen Spekulationen über die Hintergründe der sinnenfälligen Erscheinungen bekannt! Und umgekehrt: auf dem allerjüngsten naturwissenschaftlichen Kursus um die letzte Jahreswende in Dornach ging wie ein roter Faden durch Dr. Steiners ganzen Zyklus hindurch die Aufforderung, anzuerkennen die gewaltigen Ergebnisse der Sinnesforschung, ja sie ist überhaupt zu erlösen aus ihrem Zauberschlaf, in den sie der Intellektualismus gebannt hat, durch geistige Forschungsmethoden! Zeigt sich also hier, wenn man nur richtig hinsieht, das Gegenteil jenes behaupteten «Bruches der Weltanschauung», so kann man sich dennoch vielleicht im ersten Augenblick wundern, warum Dr. Steiner sich mit solcher Energie für die aus dem Darwinismus hervorgegangene Weltanschauung seinerzeit eingesetzt hat. Als ich nun, wie schon gesagt, zum ersten Male jene Worte Dr. Steiners hörte, da hatte ich ein ganz wundervolles Erlebnis. Ich erlebte nämlich, vor welcher Weltanschauungssituation sich Dr. Steiner damals befunden hat. Und nicht besser kann sie geschildert werden als mit Nietzsches Worten, die er in den schon bei anderer Gelegenheit zitierten Reden «Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten» gebraucht hat, dort, wo er über das Gymnasium spricht. Man braucht in den wenigen Worten, die ich zitieren werde, nämlich nur stets das Wort «Gymnasium» durch «herrschende Weltanschauung» zu ersetzen. Mit dieser Veränderung lautet die Stelle so:

«Wir kennen beide die herrschende Weltanschauung; glauben Sie zum Beispiel auch in Hinsicht auf diese, daß hier mit Ehrlichkeit und guten neuen Einfällen die alten zähen Gewohnheiten aufgelöst werden könnten? Hier schützt nämlich nicht eine harte Mauer gegen die Sturmböcke eines Angriffs, wohl aber die fatalste Zähigkeit und Schlüpfrigkeit aller Prinzipien. Der Angreifende hat nicht einen sichtbaren und festen Gegner zu zermalmen: dieser Gegner ist vielmehr maskiert, vermag sich in hundert Gestalten zu verwandeln und in einer derselben dem packenden Angriffe zu entgleiten und immer von neuem wieder durch feiges Nachgeben und zähes Zurückprallen den Angreifenden zu verwirren.»

Das war die schreckliche Situation, in der sich Dr. Steiner damals befand! Kein Mensch vor Haeckel hatte den Mut gehabt, nicht nur am Alltag, sondern auch am Sonntag Materialist zu sein! Ein weichlich-schwüler Dunst verschleierte den Blick auf die Konsequenzen des Erkenntnislebens. Wie ein frischer Frühlingswind fegten da Dr. Steiners Worte hinein. Ein zäher Brei philiströser Denk- und Glaubensbequemlichkeit wurde von der geistig tonangebenden Volksschicht um alles gelegt. Und wenn Dr. Steiner es als seine Aufgabe sah, die Mauer des Materialismus einzurennen, so mußte er jene zähe Masse erst selber erhärten und zur Mauer aufrichten helfen. Was aber war das Härtemittel? Konsequenz! Dr. Steiner mußte die Welt erst einmal zwingen, konsequent zu sein! Kein Aufruf zu spiritueller Konsequenz konnte Resonanz finden ohne materialistische Konsequenz. Und das ist es ja, was uns Jungen so am Herzen liegt, die denkerische, die gefühlsmäßige, die moralische Konsequenz, die die Welt immer und immer noch nicht kennt! Und darum sind jene jahrzehntealten Worte Dr. Steiners gerade aus dem Herzen an uns Jüngsten in der Anthroposophischen Gesellschaft gesagt!

Und nun zu der Auseinandersetzung über die Atomtheorie, gegen die sich Dr. Steiner ja in letzter Zeit so sehr gewehrt hat. Was ist denn hier geschehen, und wogegen mußte sich Dr. Steiner und muß sich eigentlich jeder Anthroposoph wehren? Bei den Diskussionen, wie sie in der «Drei» geführt worden sind, haben ja unsere Wissenschafter sich von dem Gebiete der Anthroposophie von Dr. Rabel hinüberziehen lassen auf ihr Gebiet, anstatt sie zu nötigen, sich auf anthroposophisches Gebiet zu begeben! Das ganze Gefecht hat überhaupt gar nicht auf anthroposophischem, sondern auf intellektualistischem Gebiete stattgefunden! Denn man hat mit Beweisen gefochten. Gerade während der Tagung konnten wir ja wieder von Dr. Steiner hören, was von «Beweisen» auf dem Gebiete der Anthroposophie zu halten ist. Man kann tatsächlich jede Behauptung und ihr Gegenteil «beweisen»: es kommt nur auf die Einstellung an! Dr. Rabel kann so gar nicht widerlegt werden, denn sie hat recht! Jeder, der versucht, sie durch Beweise zu widerlegen, ist ihr gegenüber im Unrecht!

Ein Beispiel auf einem anderen Gebiete, das ich kürzlich erlebt habe, kann ein helles Licht werfen auf dasjenige, auf das es hier ankommt. Ein antisemitischer Verlag hat eine Schrift herausgegeben: «Moses, ein Sprengbomben- und Dynamitfabrikant!» Darin wird behauptet: Moses war ein großer Eingeweihter. Das Eingeweihtentum bestand darin, daß gewisse Persönlichkeiten die Gewalt über die höheren Naturkräfte hatten. Die höheren Naturkräfte sind diejenigen, die seit dem Anbruch des naturwissenschaftlichen Zeitalters allen Menschen zugänglich sind: die physikalisch-chemischen Energien. Andere gibt es nicht. Daher erklärt sich das Feuer auf dem Sinai, die Unberührbarkeit der Bundeslade usw. usw. Moses hat durch Feuerwerksscherze und dergleichen dem jüdischen Volke eine Gottesfurcht eingejagt, durch die er sich zu dessen Herrn machen konnte und unter deren lügenhaftem Zeichen alle jüdische Entwickelung seitdem steht. Usw.! — Hier liegt also das Merkwürdige vor, daß dieses Buch, genau so wie wir, den Moses einen «großen Eingeweihten» nennt! Aber das Schreckliche ist das, daß es recht hat mit seinen Folgerungen, wenn man behauptet: es gibt nur materielle Energien! Kann man das Gegenteil beweisen? Nein! Zwei Weltanschauungen stehen einander gegenüber: beide nennen Moses einen großen Eingeweihten, die eine kennt nur materielle Kräfte, die andere auch übersinnliche; die eine kommt zu dem Resultat, daß Moses ein schwindelhafter Sprengbombenfabrikant gewesen ist, die andere sieht in ihm einen Götterboten!! Was allein kann hier die Entscheidung bringen? Allein wieder das Verfolgen dieser Gedankengänge bis dahin, wo sie moralisch werden, wo sie Menschenwert und Menschenwürde berühren. Und da zeigt es sich denn, daß wenn man mit allen Konsequenzen sich in dem Strome des Menschlichwerdens zu erleben versucht mit der Einstellung jener Bücher, einem nichts übrig bleiben kann, als sich am nächsten Fensternagel aufzuhängen, während die andere Einstellung einen das Haupt freier tragen läßt, den Schritt stolzer macht und doch Demut und Liebe im Herzen walten läßt! So nur «beweist» sich Anthroposophie! .

Und so nur kann sich Dr. Rabel Gültigkeit oder Ungültigkeit der Atomtheorie beweisen. Sie behaupte sie weiter, sie betreibe, sie lehre sie weiter, denn es ist ihre Pflicht, solange sie «das andere» nicht erlebt hat! Das aber wird sie nie, solange man sie dort angreift, wo sie von sich aus im Rechte ist! Vielmehr rufe ich ihr zum Abschied zu: «Sie haben von Ihrem religiösen Gefühl gesprochen, dem Anthroposophie so sympathisch sei. Nun bitte ich Sie recht von Herzen: Gehen Sie durch die kommenden Jahrzehnte Ihres Lebens mit einem immer klareren Blick für die Seelen der Ihnen begegnenden Menschen! Werden Sie wacher und immer wacher in diesen Erlebnissen! Nehmen Sie sie tiefer und tiefer auf in Ihr Herz und lassen Sie sie in der Wärme Ihres religiösen Gefühles wachsen und immer wachsen! Und wenn Sie dann zu einer Stunde beginnen werden, darunter zu leiden, daß es immer kältere und lebensfremdere Seelen sind, die sich für Ihre Atomtheorie noch interessieren können, daß aber all die, deren Wesensart Sie aus tiefstem Herzen bejahen, Ihnen stärker und stärker zurufen werden: Oh wie muß ich leiden unter deiner Atomtheorie, wie ertötet sie mein Edelstes, wie erstarre ich in der Kälte deiner Wissenschaft! Wo, wo ist die Wissenschaft, in deren wärmendem Lichte die Blume meines Lebens gedeihen kann! — Wenn diese Rufe Ihnen entgegentönen werden, Sie bis ins Lebensmark erschütternd, dann wird sich Ihnen vielleicht die Realität der Atomtheorie beweisen!»

Herr Dr. Friedrich Rittelmeyer, Stuttgart, sprach im Namen der religiösen Bewegung zunächst Herrn Dr. Steiner den tiefsten Dank aus für die ungeheure Lebenswohltat, die er durch seine Hilfe und seinen Rat in dieser Bewegung der Menschheit geleistet hat in selbstlosester Reinheit und Größe, dankte dann auch den Anthroposophen, die durch ihre freiwillige Unterstützung in der ersten schwersten Zeit der Bewegung Wege bereitet haben. Es sei an vielen Orten noch nicht recht gelungen, an die nichtanthroposophischen Kreise, für die man durchaus zu arbeiten entschlossen sei, heranzukommen. Auch habe man vor dem Dornacher Vortrag Dr. Steiners die Gefahren nicht genug wahrgenommen, die durch die neue Bewegung der Anthroposophischen Gesellschaft besonders entstehen, sowohl dadurch, daß ihr finanzielle Hilfe entzogen wird, als dadurch, daß die Befriedigung des menschlichen Gemeinschaftsbedürfnisses in der Kultusgemeinschaft viele von der Gesellschaft ablenkt, als vor allem dadurch, daß viele den Erkenntnisweg, den sie einmal eingeschlagen haben, mit dem wohltuenderen Weg des Kultus vertauschen. Die Christengemeinschaft könne keine Freude haben an anthroposophischen Mitgliedern, die ihre finanzielle Verantwortung gegenüber der anthroposophischen Bewegung über der Christengemeinschaft versäumen, oder nicht die Möglichkeit finden, ihrem Erkenntnisweg volle Treue zu bewahren. Andererseits bittet er die Anthroposophen, diejenigen Mitglieder der Christengemeinschaft, die jetzt oder in Zukunft nach Kenntnis des Materials aus ihrer Freiheit heraus bei beiden Bewegungen mitarbeiten wollen, als Vollanthroposophen gelten zu lassen, da der Kultus ja viele Möglichkeiten der inneren Beteiligung biete und nicht notwendig nur in einem gefühlsmäßigen Untertauchen mitgefeiert werden müsse, was gewiß unanthroposophisch sei, sondern auch geistig, nicht seelisch und aktiv, nicht passiv. Ferner bittet er die Anthroposophen, niemals als Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft bei der Christengemeinschaft irgendwelche besonderen Vorrechte zu erwarten, da sich die neue Bewegung ganz. gleichheitlich zu allen Menschen stellen müsse, wenn sie sich zu Recht durchkämpfen wolle. Und schließlich bat Dr. Rittelmeyer noch um dauernde Unterstützung darin, daß die Christengemeinschaft die Menschen finde, die sie brauchen, und um inneres Verstehen und Mittragen in der ungeheuer schweren Aufgabe, die sie zu erfüllen habe.

Herr Dr. Carl Unger, Stuttgart: Herr Weishaar hat heute vormittag auf das Wort verzichtet. Es liegt mir aber außerordentlich viel daran, von mir aus dasjenige zu tun und zu sagen, was ich von mir aus für notwendig halten muß, damit künftighin in dem, was mein Verhältnis zur Kerning-Gruppe betrifft und zu deren Leiterin Fräulein Völker, es nicht zu weiteren Mißdeutungen kommen kann. Es tut mir leid, wenn sich Reste noch zeigen aus einer Zeit, in der es notwendig war, aus der Loslösung von der Theosophischen Gesellschaft her Front zu machen und aufzutreten gegen mancherlei Erscheinungen, die eben zusammenhingen mit der in der Anthroposophischen Gesellschaft unberechtigten Mystik oder mystischen Verschrobenheit. Ich bin vielleicht manchmal über das Ziel hinausgeschossen. Was aber mein Verhältnis betrifft zu der Gruppe und zu ihrer Leiterin persönlich, so möchte ich doch betonen, daß ich in dieser Beziehung schon seit vielen Jahren überall dafür eintrete, daß gerade die vollberechtigte Arbeitsweise dieser Arbeitsgruppe, und ihr Bestreben, in geschlossenem Kreise diese Arbeit zu vollziehen, respektiert werden muß. Über mein persönliches Verhältnis kann ich nicht anders sagen, als daß ich nur weiß, daß ich seit vielen Jahren in freundschaftlichem Verkehr mit Fräulein Völker stehe, daß wir häufig beisammen waren und die anthroposophischen Angelegenheiten besprochen haben, und daß ich wünsche, daß das künftighin auch weiter geschehen möge.

Herr Heinrich Weishaar, Stuttgart: Fräulein Völker kann sich mit diesen Erklärungen noch nicht voll und ganz zufrieden geben. Aber damit möchte ich nicht die Versammlung behelligen. Ich möchte die ganze Angelegenheit dem neuen Zentralvorstand zur weiteren Behandlung übergeben und ihm das entsprechende Aktenmaterial aushändigen.

Man muß unterscheiden zwischen dem persönlichen Verhältnis, zwischen Fräulein Völker und Herrn Dr. Unger. Nach dieser Richtung hin ist Fräulein Völker durchaus zufrieden und einverstanden mit dem, was Herr Dr. Unger gesagt hat. Aber man muß einen anderen Standpunkt auch ins Auge fassen: daß Fräulein Völker als Vorsitzende einer alten Arbeitsgruppe auf der einen Seite steht und Herr Dr. Unger auf der anderen Seite als Mitglied des alten Zentralvorstandes, und daß hierwegen nötig ist, Aufklärungen zu geben in bezug auf Dinge, die vorliegen, die in Ordnung gebracht werden müssen; aber die Sache wird dann ja wohl erledigt werden.

Herr Dr. Walter Johannes Stein, Stuttgart: Referat über «Die Gegner» [siehe hierzu unter Hinweise]

Unsere Gegner wollen den Quell, aus welchem die spirituellen Erkenntnisse fließen, verstopfen. Denn sie dienen bewußt oder unbewußt einer Strömung geistiger Weltauffassung, die meint, die Veröffentlichung spiritueller Erkenntnisse müsse verhindert werden. Der erste Satz in dem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» lautet: «Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann.» Da spricht eine Geistesrichtung, die alle Menschen einbeziehen will in das übersinnliche Wissen, die ein solches selber erlangen wollen oder wissen wollen, wie andere ein solches erlangen. Dadurch dokumentiert sich die Anthroposophie als ein Geistesweg, der keine Machtaspirationen in sich schließen kann. Macht nämlich entsteht durch Wissen, das man anderen vorenthält. Die Geistesrichtungen, welche Machtaspirationen haben, die haben ein anderes kosmisches Ziel als die Geistesrichtung, die Freiheit und Liebe zu allen Wesen entfalten will.

Um Ihnen ein Bild zu geben, worauf Wirksamkeiten, die entfaltet werden, beruhen, soll das Folgende vor Sie hingestellt werden: In seinem Buch «Exercitia spiritualia» gibt Ignatius von Loyola folgende Meditation: «Stelle dir vor, wie Luzifer seine Fahne aufsteckt auf einem öden Felsen bei Babylon, wo alles in der größten Verwirrung und Unruhe ist; wie er die Höllengeister in die Welt ausschickt, um die menschlichen Seelen zu seiner Nachfolge anzulocken. Christus hingegen hat die Kreuzesfahne auf einem Felde bei Jerusalem aufgepflanzt, wo alles in der schönsten Ruhe lebt; er sendet seine heiligen «Seeleneiferer> aus, die ganze Welt zu seiner Nachfolge einzuladen, mit der Versicherung, daß jeder, welcher der Kreuzesfahne Gehorsam schwört, Verachtung und Leiden geduldig erträgt, in alle Ewigkeit sein himmlisches Reich besitzen werde.» Hier haben Sie zunächst zwei Bilder hingestellt, die gleich näher besprochen werden sollen. Beide zeigen, daß wir es mit einer geist-militärischen Organisation zu tun haben, die nicht auf Freiheit, sondern auf Gehorsam basiert ist. Dieser Gehorsam erstreckt sich sogar auf das Erkenntnisvermögen: «... es kann nicht geleugnet werden, daß der Gehorsam nicht nur die Ausführung umfaßt — daß man das Befohlene tut — und nicht nur den Willen -—, daß man es mit Lust tut -; sondern auch das Urteil, so daß alles, was der Vorgesetzte befiehlt und urteilt, dem Untergebenen sowohl richtig als wahr erscheint, so weit, daß, wie gesagt, mit seiner Kraft der Wille die Urteilskraft zu beugen imstande ist.» (Briefstelle aus einem Briefe des Ignatius von Loyola vom April 1553. Vgl. «Jesuitica» von Roman Boos, Dreigliederungszeitung Nr.40, April 1920.) Also wir haben es da mit einer geist-militärischen Organisation zu tun, die Macht entfaltet bis tief hinein in das Innerste des Menschen. — Nun aber wollen wir sehen - an einem historischen Beispiel sehen -, wie solch eine Macht wirkt. In Schillers «Dreißigjährigem Krieg», im Ersten Buch, lesen wir von Ferdinand II., daß er auf der Akademie von Ingolstadt durch Jesuiten erzogen und unterrichtet worden ist. Und dann heißt es: «Man zeigte ihm auf der einen Seite die Nachsicht der Maximilianischen Prinzen gegen die Anhänger der neuen Lehre und die Verwirrung in ihren Landen, auf der anderen Seite den Segen Bayerns und den unerbittlichen Religionseifer seiner Beherrscher; zwischen diesen beiden Mustern ließ man ihn wählen.» Hier haben Sie ein geschichtliches Beispiel dafür, wie ein Fürst eine Meditation bekommen hat, für deren Wirksamkeit der Verlauf der Geschichte Beweis ist. So war es zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Damals galt es, eine Geistesströmung auszurotten, die symptomatisch erfaßt werden kann in dem Werk des Comenius, das den Titel Pansophia trug. Warum nannte Comenius, was er vertrat, eine Pansophia? Weil, er eine Weisheit für alle Menschen schaffen wollte. In ihm lebte derselbe Impuls, auf den auch der erste Satz in «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» hinweist: Er wollte sich an das wenden, was in jedem Menschen lebt. Darum redete er von einer Pansophia. Sie ist ausgerottet worden aus Impulsen, die schon charakterisiert worden sind.

In unserem Zeitalter spricht man allerdings anders. Da sagt man zu Jung-Solothurn: «Schare dich zusammen! Sturm dem Goetheanum!» (Vgl. «Das Goetheanum» vom 7. Januar 1923.) Diese Worte wurden gesprochen in einer Versammlung von katholischen Vereinen von Dornach, Arlesheim, Reinach. Es war am Nachmittag des 19. September 1920 im Hotel Ochsen in Dornach-Brugg. Referent in dieser Versammlung war Pfarrer Kully. Eine Broschüre gegen Anthroposophie gerichtet, von diesem Pfarrer Kully verfaßt, schließt mit den Worten: Christus vincit / Christus regnat / Christus imperat.

Es ist nicht ohne Bedeutung, daß ein anderes Buch, die Goethe-Biographie des Jesuiten Baumgartner, mit denselben Worten schließt. Ich habe das Buch in einem Vortrag charakterisiert, der dann abgedruckt worden ist in Heft 8 der «Drei», November 1921, Erster Jahrgang. Niemand wird die fleißige, mit wissenschaftlichem Ernst geschriebene Goethe-Biographie, die in zwei Bänden mit Goldschnitt erschienen ist, mit der Broschüre des Pfarrers Kully auf einen Boden stellen wollen. Aber beide Bücher dienen dem selben Impuls. Es gibt schon etwas, wenn man nicht übersieht, daß sie mit den gleichen Worten schließen. Das eine Buch wendet sich gegen Goethe, das andere gegen alles, was vom Goetheanum ausgeht. Goethes wahres Wesen wird übersehen und verleugnet. Wogegen er selber kämpfte, als sein wahres Wesen hingestellt. Und dies, weil man etwas ganz bestimmtes in der Welt will. Goetheanismus, Pansophie, Anthroposophie haben ihre Feinde. Denn sie wenden sich an alle, und das darf nicht sein. Denn die höhere Erkenntnis sollen nur einige wenige besitzen, welchen die vielen Gehorsam schulden, gradweise abgestuften Gehorsam. Und das soll erreicht werden durch ein geist-militärisches System. Und das Spiegelbild dieses Systems? Wo ist es? Es gibt auch eine Militarisierung des Wirtschaftslebens. Das äußerste Ende derselben ist der Bolschewismus. Wozu hat man denn das erfunden, zum Beispiel die Arbeiterschaft zu organisieren? Wozu ihnen Parteimeinungen beigebracht? Weil es Mächte gibt, die eigenes Urteil, freie Willensinitiative des einzelnen ausrotten wollen. Theoretisch lebt dies als Wille in der materialistischen Geschichtsauffassung, praktisch in alldem, was diese Geschichtsauffassung, die an sich so einseitig wie nur möglich ist, immer mehr und mehr zum einzig und allein Richtigen macht. Das Spiegelbild einer auf Freiheit und Liebe gebauten Weltauffassung ist eine assoziative Wirtschaft, in der einer dem andern seine Lebenserfahrung selbstlos hinopfert und dadurch auf jegliche Machtentfaltung verzichtet, wie sie zum Beispiel im Konkurrenzkampf lebt. Militarisiertes Geistesleben aber spiegelt sich in militarisierter Wirtschaft. So verschieden oft die Dinge der Welt sind — betrachtet man sie tief genug, so erweist sich sehr Unähnliches als Offenbarung einer Kraft. Viel konnte man dazulernen auch aus Vorträgen, die Pater Muckermann S.]. hier in Stuttgart hielt. Er sprach über wissenschaftliche Probleme. Der Unterton seiner Ausführungen war, Wissenschaft soll bloße Leibeswissenschaft sein. Als solche ist sie mit Recht materialistisch. Wissenschaft aber findet überall ihre Grenze. Jenseits derselben waltet die Kirche. Diese hat ebenso die Seelen zu verwalten, wie die Wissenschaft den Leib. Vom Geist muß man ja heute nicht mehr reden. Der ist seit 869 abgeschafft. Die materialistische Wissenschaft dient den selben Impulsen wie die die Seelen verwaltende Kirche. Die beiden gehören zusammen. Wenn Wissenschaft sich erkühnte, Leib, Seele und Geist zu umfassen, dann würden die Seelen anfangen, sich selber zu verwalten. Daher darf es keine Geisteswissenschaft geben. Es darf nur Leibeswissenschaft geben. Also die materialistische Naturwissenschaft, die braucht man. Die dient dem selben Impuls wie alles schon erwähnte Machtstreben.

In den Vorträgen, die Dr. Steiner in Dornach über Thomas von Aquino hielt, ist klar gezeigt, wie Goetheanismus und Anthroposophie geradlinige Fortsetzungen dessen sind, was als Realismus im Mittelalter vorhanden war. Und kurz zusammengefaßt ist, was über die Stellung der Anthroposophie zum Katholizismus zu sagen ist in dem ersten Teil der Schrift «Die Hetze gegen das Goetheanum». Dort ist besonders auf Seite 24 und 25 gezeigt, wie voller Einklang besteht zwischen dem Methodischen des Buches «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?» und dem, was der allerrechtgläubigste Katholizismus für das Richtige erklärt hat. Trotzdem erklärt man von katholischer Seite, zum Beispiel tut das Pater Zimmermann S$.J., daß Anthroposophie mit echtem Katholizismus unverträglich sei. Auch wird dort Anthroposophie geflissentlich mit anglo-indischer Theosophie vermengt und als Gnosis und alles Mögliche hingestellt. In Wahrheit ist aber in den Katholizismus alles Mögliche eingeflossen, was ganz gewiß nicht christlich ist. So ist zum Beispiel aristotelisch und nicht christlich die Lehre von der Ewigkeit der Höllenstrafen. Um dies zu belegen, setze ich Brentanos Worte hierher, mit denen er Seite 146 seines Buches über Aristoteles und seine Weltanschauung die Lehre des Aristoteles wiedergibt: «... Wenn die abgeschiedenen Menschengeister den Weltplan schauen und sich selbst mit ihrem Erdenleben darein verflochten sehen, so erkennt der eine sich als identisch mit einem, der Edles übt, und ein anderer mit einem, der schmähliche Taten vollbringt. Es ist die Erkenntnis, zu der sie gelangen, zugleich ein ewiges, verherrlichendes oder verdammendes Weltgericht. .. .»

Ebenso ist die Lehre des Kreatianismus aristotelisch. Diese Lehre besteht darin, daß die Präexistenz geleugnet wird und gedacht wird, daß das menschliche höhere Wesen, das in die Verkörperung steigt, gelegentlich der Zeugung von Gott geschaffen wird. Ebenso ist die Messe großenteils eine Fortsetzung ägyptischer Einweihungsvorgänge. So würde eine genaue Untersuchung zeigen, wie der Katholizismus in sich Elemente enthält, die älteres vorchristliches Geistesgut darstellen, teilweise orientalischen Ursprunges. Die Behauptungen, welche ähnliches über Anthroposophie aussagen, sind nicht nur falsch, sondern projizieren gerade das auf die Anthroposophie, was für den Anschuldiger selbst charakteristisch ist. Anthroposophie hat an sich etwas wie einen Spiegel. Der Gegner sieht in denselben und entwirft, indem er angeblich Anthroposophie schildert, sein Porträt. Anthroposophie lehrt nun tatsächlich die Präexistenz. Dadurch verstößt sie gegen das Konzil von 869. Dieses hatte den Geist auszurotten. Aller Orientalismus, der immer auf das Vorgeburtliche hinwies, wurde durch Aristotelismus verdeckt. Nur vom Nachtodlichen durfte geredet werden. Dies gilt auch für die evangelischen Theologen. Man begann damit an den Seelenegoismus zu appellieren. Die Seele hat ein Interesse, den Tod zu überdauern, nicht aber schon vorher dagewesen zu sein. Eine Art Horror vor dem Vorgeburtlichen, geistig Kosmischen entstand, aus dessen Regionen die Seele in die Geburt herabsteigt. Dieser Horror ist zum Beispiel an Professor Traub gut zu beobachten. Er hat Angst, daß die ethische Bedeutung des Mysteriums von Golgatha verlorengeht, wenn man seine kosmische in den Vordergrund rückt. Dieser Angst liegt eine wichtige Tatsache zugrunde. Diese Tatsache sei an einem symptomatischen Fall aufgezeigt. Thomas Morus hat die Ergebnisse übersinnlicher Erlebnisse in seiner Schrift Utopia (= Nichtörtlichkeit) dargestellt. Er schildert, wie auf seine Insel zwar ägyptische und römische Weise kommen, nicht aber das Christentum. Das heißt, Thomas Morus muß sich durch die Erlebnisse, welche er hat, die Meinung bilden, daß in der übersinnlichen Welt, die er schildert, der Christus nicht zu finden ist. Trotzdem hat die katholische Kirche den Thomas Morus selig gesprochen. Also die Wege derer, die selig gesprochen werden, in die höheren Welten, sind so, daß sie dort den Christus nicht finden. Man kann also begreifen, daß eine Art Horror sich ausbildet vor dem Betreten der übersinnlichen Welt. Es hat schon seine Untergründe, wenn man auf gewisser Seite den Geist-Kosmos, aus dem Christus einst auf die Erde herabstieg oder aus dem die Seele in die Geburt herabsteigt, so denken muß, daß er unverträglich sei mit Ethik oder Moral. Und man muß begreifen, wozu man von dieser Seite den Aristotelismus brauchte, der die Präexistenz ableugnet. Sei sehen an diesem Fall, auf den Dr. Steiner aufmerksam gemacht hat, daß gewisse Realitäten den Horrors der Gegner zugrundeliegen, die ja nicht allen, die solch einen Horror haben, bewußt sein müssen.

Ein anderes ist mir bewußt geworden in einem langen Gespräch, das ich einmal mit unserem Gegner Gogarten geführt habe. Der hatte einen anderen Horror. Er nahm Anstoß daran, daß wir zwischen Gott und den Menschen die Hierarchien schalten. Aus dem, was Gogarten mir erzählte, mußte ich entnehmen, daß er innere Erlebnisse habe. Er schilderte, wie er sich mit Gott vereinigt fühle, ja erlebe. Er schilderte Gott. Wenn ich seine Schilderung auf das anwende, was wir kennen, so müßte ich sagen, er schilderte, was wir einen Engel nennen. Nun müssen wir Gogarten verstehen. Wir schieben ja auch zwischen den Engel und den Menschen nicht Hierarchien ein. Wir glauben doch auch, daß der Engel unmittelbar über dem Menschen steht. Aber wir beten dieses Wesen, das so unmittelbar über dem Menschen steht, nicht an. Denn der Engel ist ja das höhere Selbst des Menschen, und jeder Mensch hat seinen besonderen Engel. Wenn also jemand zu seinem Engel betet, so würde er einen Gott verehren, der nicht der allgemeine Menschengott ist. Selbstvergötterung wäre die Folge und außerdem hätte jeder seinen Gott und einen anderen, wie der andere.

Sehen Sie, aber das sind wieder Dinge, die man der Anthroposophie vorwirft. Selbsterlösung, jaSelbstvergottungtreibesie. Esgibtschonsolche Dinge, daraufhat ja auch Dr. Steiner aufmerksam gemacht - aber nicht bei der Anthroposophie sind sie zu suchen. - Wenn man irgend etwas sagt über die Anthroposophie - sie sei das oder jenes — und sie ist es nicht — dann sind es ja doch irgendwelche Gedankenformen, die die Leute denken, die also auch irgendwo herstammen müssen. Meist ist es so, daß die, welche über Anthroposophie etwas behaupten, was nicht stimmt, der Anthroposophie aufhängen, was sie selber charakterisiert. So ist Anthroposophie ein Wesen, das sich wehrt, mit einem Schild, der hell strahlt, der spiegelt, der jedem sein wahres Antlitz entgegenhält. Und sieht man im Spiegel das wahre Gesicht, dann weiß man, wie sie alle unsere Gegner demselben Ziel zustreben.

Da leben sie in einem Geist-Kosmos, den sie unmoralisch denken, weil ihnen der Christus in diesem Geist-Kosmos nicht erscheint, oder weil sie ihn nicht erscheinen lassen wollen durch die Wege, die sie gehen. Da leugnen sie darum die ganze vorgeburtliche geistige Welt, oder wollen wenigstens nur einige wenige hineinlassen. Da beanspruchen sie die Seelen für eine irdische Kirche. Da lehren sie eine bloße Leibeswissenschaft und gestalten das soziale ökonomische Leben so,

daß Willensinitiative erlahmt, daß Individualität erstirbt. Und darüber organisiert sich ein Netz der Macht. Wohin führt das? Es führt dazu, daß nach Ertötung von Geist und Seele bloße Leibesautomaten bleiben ohne Urteil, ohne eigenes Wollen, hingeordnet auf Höhere, denen sie gehorchen. Ein untermenschliches Geschlecht, gelenkt und geleitet von einer oder mehreren dirigierenden Gruppenseelen. Die wollen die Erde umschweben, die Erde, die einst in Staub zerfallen soll, verewigen und bevölkern mit jenen untermenschlichen Wesen. Das ist ein furchtbares kosmisches Ziel. Daran arbeiten sie alle bewußt oder unbewußt. Dann ist das Erdenziel dahin. Dann wird keine Jupiterentwicklung möglich sein.

Einen Nebel schaffen diese Mächte, die das anstreben. Einen Nebel, in dem ununterscheidbar werden Irrtum und Wahrheit. Gedankenflocken, Affektferzen schwirren in diesem Nebel. Herausgerissene Zitate, Gedankenfetzen, umhüllt mit dem, was Instinkte als Hülle geben können, eine elementarische Nebelflut, ziehen sie um die Erde. In diesem Nebel gebiert sich die Macht. Alle unlautere Macht stützt sich auf Lügenfeldzüge. Diese Machtinstinkte stehen heute auf aus allerlei Gruppenseelen. Familien-, Rassenseelen stehen auf gegen die Bewegung, die auf sich zur Freiheit ringende Individualität gestellt ist. Anthroposophie kämpft um ein kosmisches Ziel. Das letztemal durfte ich Ihnen zeigen, wie der Zeitgeist unsere Gesellschaft ergreifen will, heute muß ich weisen auf den Geist des Planeten. Für die Erdenzukunft kämpft Anthroposophie. Hell leuchtet ihr Schild, hell blinkt ihr Schwert. Aber dies Schwert ist das Wahrheitswort, das keine Macht entfaltet, die da herrscht, das Liebe entwickelt, die da bildet. Nicht Ritter vom Schwert, sondern Ritter vom Wort müssen die sich fühlen, die da kämpfen für die Erdenzukunft. Denn Himmel und Erde werden vergehen, auch wenn dunkle Mächte verewigen wollen, was Staub werden soll - aber das Wahrheitswort wird bleiben, wenn wir uns fühlen als verantwortlich für Erden- und Menschheitsentwickelung und Zukunft durch die Liebe zu allen Wesen, die Menschen und Genossen des Menschen sind.

Herr Rektor Moritz Bartsch, Breslau: Frl. Dr. Rabel meinte, wir seien in unseren Ansichten und Entschlüssen zu sehr von der Autorität des Herrn Dr. Steiner abhängig. Wir nehmen alles gläubig von ihm hin, sehen die Widersprüche bei ihm nicht usw. Stimmt das? Sind wir so unfreie Menschen oder haben wir eine andere Auffassung von Freiheit als viele Gegenwartsmenschen? Nun, es wird wohl vielen von Ihnen so ergangen sein wie mir. Bei einer oberflächlichen Befassung mit Steinerschen Werken stoßen einem zunächst Widersprüche auf. Ich habe vor vielen Jahren dieserhalb Herrn Dr. Steiner selbst einmal befragt. Herr Dr. Steiner ist ein richtiger moderner Arbeitspädagoge. Er stößt einen nicht mit der Nase auf die Sache, sondern erwartet, daß man sich anstrenge, um des Rätsels Lösung selbst zu finden. Auch mich wies Herr Dr. Steiner darauf hin, solche Aussprüche aus den Zusammenhängen heraus zu verstehen, dann werde ich schon erkennen, daß wirkliche Widersprüche nicht vorhanden seien. Das tat ich; es gelang mir nach Jahren mühsamen Suchens den roten, niemals unterbrochenen Entwickelungsfaden in Steiners Werdegang zu finden: die «Widersprüche» lösten sich auf. Heute ist mir’s schier unbegreiflich, wie man einmal so töricht sein konnte, so entsetzlich oberflächlich. In den Einleitungen zu Goethes naturwissenschaftlichen Schriften, die doch schon in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts von Dr. Steiner verfaßt wurden, wird u.a. der Gedanke von der Kommunion mit dem Weltengeiste im Erkenntnisakte vertreten. Zu meiner Entschuldigung muß ich allerdings anführen, daß ich damals diese Bücher noch nicht studiert hatte. — Beim Studium der Geisteswissenschaft macht man überhaupt merkwürdige Erfahrungen. Unserem intellektualistisch durchtränkten Bewußtsein wird es zunächst recht schwer, Steiner zu verstehen; da man sich selbst eben als einen sehr klugen Menschen betrachtet, hält man die geisteswissenschaftlichen Schriften für unklar, verworren oder für töricht und falsch. Mit der Zeit bemerkt man, daß solche dunkle Stellen gerade sehr tiefe Wahrheiten ausdrücken. Man sieht ein, daß Fichte recht hat, wenn er meint, zum Philosophieren müsse ein Mensch geboren werden oder sich dazu erziehen. Ja, der Mensch muß zum Empfange der Wahrheit heranreifen. Wie ein Mensch ist, ist seine Weltanschauung, muß man gleich Fichte erkennen. Die Klugheit allein weiß nichts vom Inhalte der Welt; Denken gibt nur die Form hin für den Ideengehalt des Seins. Um ihn empfangen zu können, muß der Mensch seinen Charakter läutern, muß vor allen Dingen Beachtung und Ehrfurcht gegenüber der Weltenweisheit besitzen. Den Weg über die Bescheidenheit zur Ehrfurcht findet man, wenn man beim Studium der Steinerschen Schriften das eigene Reifen erlebt und erkennt, daß die Grenzen seiner Erkenntnis doch noch nicht die Grenzen der Erkenntnis aller Menschen sind, daß es Geister mit viel weiterem Horizonte gibt als es der eigene ist. Da wird man bescheiden und dankbar gegenüber Menschen, deren Horizont sogar über die Pforte des Todes in die übersinnliche Welt hineinreicht. Einem solchen Menschen gegenüber entsteht als eine menschliche Selbstverständlichkeit das Gefühl der Verehrung. Und ist es denn für den modernen Menschen ein so großes Verbrechen, wenn er wieder lernt, verehrend zu einem Größeren aufzuschauen, wenn er von seinem selbstüberheblichen Subjektivismus geheilt wird!? Gibt er damit seine Freiheit auf? Keineswegs! Ich habe noch heute zu Herrn Dr. Steiner ein ganz freies Verhältnis. Ich vertrete das von der Geisteswissenschaft, was ich mir in jahrelanger Arbeit zum Eigentum gemacht habe, und was ich noch nicht verstehe, lasse ich vorläufig liegen in der Hoffnung, daß ich vielleicht doch noch an diese tieferen Wahrheiten heranreife. Freilich, ehe man diesen Standpunkt errungen hat, fürchtet man manchmal um seine Selbständigkeit. Ich habe vor Jahren über diese Angelegenheit mit Herrn Dr. Steiner einmal ein Gespräch geführt. Ich glaubte, daß ich dadurch in eine gewisse Unselbständigkeit hineingeriete, daß ich in Vorträgen Steinersches Geistesgut vertrete. Ich konnte mich aber davon überzeugen lassen, daß es im Geistgebiete ähnlich ist wie auf dem physischen Plane: der Landwirt hat den Acker auch nicht hervorgebracht, aber was er mit seinem Fleiß darauf erzeugt, betrachtet er als sein Eigentum. Das Geistesgut wird der Mehrheit der Menschen auch geschenkt von wenigen schöpferischen Geistern; was sich der einzelne durch Fleiß davon erringt, darf er als sein Eigentum betrachten. Der heutige Mensch hat einen falschen Fresheitsbegriff. Er sucht ihn in jenem Subjektivismus, der alles besser zu wissen glaubt und jedwede Sache bekrittelt. Wahrhaft frei ist aber nur der Mensch, der defi Ideengehalt der Welt zu seinem Gedankengehalt gemacht hat und ihn zu Motiven seines Handelns werden läßt. Ein solcher Mensch folgt sich selbst und darf sich folgen; er ist frei. Zu solcher Freiheit kommt man aber nicht durch Überhebung, sondern durch Demut. Sophia neigt sich nur zu dem herab, der ihr Verehrung entgegenbringt. — Man sieht: Unsere Verehrung gegenüber Herrn Dr. Steiner führt nicht zur Unfreiheit, im Gegenteil, sie ist die Vorläuferin wahrer Freiheit. — Redner äußert sich dann noch in humorvoller Weise zur Jugendbewegung und erklärt seine Zustimmung zur Wahl in den Vorstand der Freien Anthroposophischen Gesellschaft.

Schlußworte von Herrn Emil Leinhas

(Die Veranstaltung hat furchtbar viel Geld gekostet... ., draußen sind Körbe zum Sammeln von Geld aufgestellt.)

Das Komitee hat einen Entschluß gefaßt: In Kürze als Mitteilungsblatt einen Bericht über diese Delegiertenversammlung zu erstatten, der dann allen Mitgliedern zugänglich gemacht werden kann.

Ich glaube, daß in uns allen die Überzeugung lebt, daß wir in diesen Tagen ein wichtiges Stück Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft miteinander durchlebt haben. Mit bangen Sorgen sind wir ja eingetreten, nach den heftigen Vorbereitungen, die stattgefunden haben, in die Delegiertenversammlung. Und die Delegiertenversammlung selbst hat durch ihren Verlauf bewiesen, daß diese Sorgen nicht unbegründet waren. Und wenn wir durch mancherlei Chaos, das da aufgetreten ist, glücklich hindurchgekommen sind, so verdanken wir das ja in erster Linie dem, daß im geeigneten Moment in der richtigen Weise eingegriffen worden ist von Herrn Dr. Steiner selbst. Ihm muß daher auch am Ende dieser Delegiertenversammlung unser Dank für die tatkräftige Hilfe erstattet werden. Wenn wir mit froher Zuversicht nun in die Zukunft hineinschauen, so ist das in erster Linie diesem Eingreifen Dr. Steiners zu danken.

Dann richtet sich auch unser Dank an Frau Dr. Steiner und die Eurythmistinnen, die dazu beigetragen haben, daß nicht nur unangenehme Dinge Platz gegriffen haben, sondern daß auch die Möglichkeit vorhanden war, Erholung zu finden im Bereich der Kunst und Schönheit.

Dank im Auftrag des Komitees an die verschiedenen Referenten, die sich ja, mögen sie nun mehr oder weniger Beifall gefunden haben, redliche Mühe gegeben haben, ihr Referat zu halten.

Dank auch den Diskussionsrednern, die ja dafür gesorgt haben, daß die Dinge hier in einen gewissen Fluß hineingekommen sind. Nicht vergessen werden dürfen neben den Rednern die Delegierten und Mitglieder, die hierhergekommen sind, und die sich angestrengt haben, hier als Aufnehmende so manches über sich ergehen zu lassen. Ganz besonders danken müssen wir der Jugend, die durch ihr Eingreifen das erstemal in der Anthroposophischen Gesellschaft eine gewisse Frische und Lebendigkeit in die Beratungen hineingebracht hat. Mögen sie sich diese erhalten, einige Anzeichen dafür sind ja vorhanden.

Es ist halt doch die schönste Gesellschaft auf der Welt, sagte mir gestern einer unserer Freunde, und die Freude war ihm anzumerken trotz aller Trübungen. Ein anderer Freund von auswärts sagte: Ja, als ich im Sommer hier war, da war mir die Kehle wie zugeschnürt, das kam von der eisigen Luft; aber jetzt habe ich wieder Hoffnung.

Einen gewissen Erfolg hat dieses Beisammensein doch gehabt. Möge es darüber hinaus auch dahin wirken, daß das Verständnis für die Aufgaben der Anthroposophischen Gesellschaft in all unseren Köpfen und Herzen und Seelen in der richtigen Weise Platz greife. Möge darüber hinaus nicht nur Verständnis vorhanden sein, sondern der Wille sich entzünden, die Aufgaben zu erfüllen. Ein Anfang muß gemacht werden, dann wird sich aus den Arbeiten heraus auch das richtige Tun finden. Nicht aus Diskussionen und Erwägungen heraus kann der Fortgang der Arbeit geschehen, sondern dadurch nur, daß wir in der Arbeit selbst und mit der Arbeit selbst die Kraft finden zu immer größerer und weiterer Arbeit.

Der Segen muß im Tun liegen, nicht im Reden darüber, was die anderen zu tun haben. Das Tun selbst, nicht reden, sondern Arbeit, soll unsere Aufgabe sein. Wenn wir die Dinge so auffassen, können wir froh in die Zukunft hineinschauen.

Möge in uns allen recht lebendig werden ein solches Aufschauen zu unserer Sache, ein Aufschauen auch zu dem Vorbild, das vor uns gelebt wird, das uns Mut und Kraft und Stärke gegenüber der Schwere der Aufgaben, die vor uns liegen, geben kann. Möge die Tagung mit dazu beitragen, daß in unserer aller Herzen recht lebendig werde, daß wir alle sagen und fühlen, nicht nur, wenn wir hier beisammen sind, sondern auch, wenn wir hinausgehen an unsere Arbeit, daß geadelt werden muß unsere Arbeit durch die Überzeugung, daß wir vertreten die herrlichste Sache, die es heute in der Welt gibt.

Damit schließe ich die Versammlung.

Dr.-Ing. Carl Unger, Dr. phil. Walter Johannes Stein *



  1. «Anthroposophie», «Die Drei». ↩

  2. Es waren: 1) Herr Hans Kühn, 2) Herr Walter Kühne, 3) Herr Ernst Uehli. ↩

  3. Siehe Seite 463 dieses Bandes. ↩

  4. Die hier angeführte Stelle im «Magazin für Literatur» findet sich in dem Artikel «Charles Lyell. Zur 100jährigen Wiederkehr seines Geburtstages», Magazin für Litteratur 1897, Nr. 47 [heute in GA 30], und lautet: «...Ich kann nicht von Lyell oder Darwin sprechen, ohne an Haeckel zu denken. Alle drei gehören zusammen. Was Lyell und Darwin begonnen haben, das hat Haeckel weitergeführt. Er hat es ausgebaut in dem vollen Bewußtsein, damit nicht nur dem wissenschaftlichen Bedürfnis, sondern auch dem religiösen Bewußtsein der Menschen zu dienen. Er ist der modernste Geist, weil seiner Weltanschauung nichts von alten Vorurteilen mehr anhaftet, wie das zum Beispiel bei Darwin noch der Fall war. Er ist dermodernste Denker, weil er in dem Natürlichen das einzige Gebiet des Denkens sieht, und er ist der modernste Empfinder, weil er das Leben nach Maßgabe des Natürlichen eingerichtet wissen will. Wir wissen, daß er mit uns den Geburtstag Lyells als Festtag begeht, weil er für ihn der Tag sein muß, der den einen Begründer der neuen Weltanschauung gebracht hat. Der Festtag, der Lyell gilt, bringt uns so recht zum Bewußtsein, daß wir zur Haeckelgemeinde gehören. Wenn Haeckel über die Vorgänge der Natur mit uns redet, hat jedes Wort für uns eine Nebenbedeutung, die mit unserem Empfinden verwandt ist. Er sitzt am Steuer; er steuert kräftig. Wenn wir auch an mancher Stelle, an die er uns führt, nicht gerade vorbei wollen, er hat doch die Richtung, die wir einschlagen wollen. Aus Lyells und Darwins Händen hat er das Steuerruder bekommen; sie hätten es keinem besseren geben können. Er wird es an andere abgeben, die in seiner Richtung führen. Und unsere Gemeinde segelt rasch vorwärts, hinter sich lassend die hilflosen Fährmänner der alten Weltanschauungen. Dies sind die Vorstellungen, die der 14. November, an dem Lyells Geburtstag zum hundertsten Male wiedergekehrt ist, in mir aufgeregt hat.» In einem Vortrag auf dem Stuttgarter anthroposophischen Kongreß am 1. September 1921 (wiedergegeben in «Die Drei», 2. Jahrgang, Heft 7/8) [heute in GA 78] sagte Dr. Steiner über die vorher zitierte Stelle das Folgende: «Und als ich zu schreiben hatte 1897, am hundertsten Geburtstage Lyells über Charles Lyell, einen Begründer der modernen naturwissenschaftlich-monistischen Denkweise, da stand mir auch Haeckel lebendig vor dem Seelenauge. Mir erschien im Geiste eine Gemeinde, welche imstande sein könnte, jenes Hineinleben in die Natur, welches man finden kann in der Linie der Geister von Lyell bis Haeckel, fortzusetzen in der Richtung, in der es fortgesetzt werden muß. Deshalb schrieb ich für diese ideelle Gemeinde, die suchen sollte den Weg, der begonnen war gerade mit dem Haeckelschen Monismus, diejenigen Worte, welche, wenn man sie richtig versteht, andeuten können, daß nun mit diesem Monismus zunächst dennoch ein Wall überschritten worden ist, über den man nicht mehr in frühere Zeiten zurückkehren darf, wenn man es nicht mit Niedergangs-, wenn man es mit Aufgangskräften der menschlichen Entwickelung zu tun haben will. Jawohl, meine sehr verehrten Anwesenden, vorwärts geschritten werden muß von diesem Monismus; nie und nimmer darf zurückgegangen werden zu dem, was durch diesen Monismus an alten Weltanschauungen überwunden worden ist. Deshalb schrieb ich dazumal die Worte nieder: Wenn wir auch an mancher Stelle - ich bitte, das zu beachten -, an die er uns führt (nämlich Haeckel) nicht gleich vorbei wollen - das kann niemand, in dessen Seele Anthroposophie keimt -, er hat doch die Richtung, die wir einschlagen wollen; aus Lyells und Darwins Händen hat er das Steuerruder bekommen, sie hätten es keinem Besseren geben können, und unsere Gemeinde segelt rasch vorwärts! Ja, möge sie dem strengen Wissenschaftsgeist, den die wahre Naturforschung heraufgebracht hat, in sich aufnehmen und rasch vorwärts schreiten in diejenigen Untergründe des Weltendaseins, die im Übersinnlichen liegen und doch nur durch übersinnliche Forschung ergründet werden können!» ↩

  5. Magazin für Litteratur 1898, pag. 310. [Heute in GA 33, Seite 129.] ↩

  6. Es bezog sich diese Verwahrung insbesondere auf den Ausspruch von Frl. Dr. Rabel, daß Dr. Steiner den Brand des Goetheanums «weise ausgenützt» und «ihn zum Anlaß genommen hat, um eine große Buß- und Einkehrbewegung zu inaugurieren». ↩

German original of Report on the Meeting of the Delegates IV · ← Previous · Next →