The Fateful Year of 1923
GA 259 — 1 March 1923, Stuttgart
Ansprache in einer Sitzung des «Bundes für Freies Geistesleben»
[Den auf die Delegiertentagung folgenden Tag war Rudolf Steiner noch in Stuttgart und nahm an einer Sitzung des «Bundes für Freies Geistesleben» teil. Der folgende Wortlaut seines Votums ist von Dr. Karl Heyer überliefert, dem «Dr. Carl Unger im März 1923 ein Schriftstück mit dem Bemerken gab, es seien Ausführungen, die Rudolf Steiner (kurz vorher) über den Bund für Freies Geistesleben in einer Sitzung in Stuttgart gemacht habe, in freier Wiedergabe nachgeschrieben von Dr. Unger. (Jene Sitzung dürfte eine solche vom 1. März 1923 gewesen sein.)»]
Wenn der «Bund für Freies Geistesleben» Aufgaben bekommen soll, so kann es nur unter Berücksichtigung der Wirklichkeit sein. Schon bei der Konstitution1 habe ich darauf aufmerksam gemacht, auf was es ankommt. Bis zum letzten Drittel des 19. Jahrhunderts hat es eigentlich diesen Bund gegeben und [er] bestand aus Menschen, die sich als freie Geister abhoben von dem philiströsen Geistesleben. Der Unterschied zwischen alt und jung, wie er sich heute heraushebt, ist oberflächlich. Früher bestand von der vierten nachatlantischen Kultur her eine natürliche Autorität, aber schon zur Goethe-Zeit ging der Mensch in seinem Alter in die Philistrosität ein. Goethe selbst war in seinem Alter natürlich immer der geniale Mensch, aber nebenbei auch der dicke Geheimrat mit dem Doppelkinn. Jetzt sind wir in die Epoche der Freiheit eingetreten, das kommt in der Jugend zum Ausdruck. Goethe schildert zum Beispiel in seinen «Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter» einen solchen Bund, der instinktiv vorhanden war. Da besprechen sich Menschen der verschiedensten Sphären auf völlig freiem neutralen Boden; auch ein Spiritist ist dabei. Solche Menschen haben sich immer unterschieden von den philiströsen geistigen Zusammenhängen, wie zum Beispiel Theologen, Juristen, Mediziner und was aus der vierten Fakultät hervorgegangen ist. Ein solcher Bund muß in bewußter Weise entwickelt werden. Zur Zeit des Wiener Kongresses [gemeint ist der internationale Kongreß der anthroposophischen Bewegung vom Juni 1922 in Wien] wurde ein sogenannter Kulturbund von sieben Menschen begründet, natürlich in falscher Weise, es war auch ein Jesuit dabei. Aber es handelt sich um eine weltmännische Angelegenheit. Dieser Kulturbund schilderte in der ersten Nummer seiner Zeitschrift die Idee der Dreigliederung, wenn auch in versteckter Weise, aber durchaus sachgemäß. Da ist die Rede von den banausischen Industriellen auf der einen Seite, den Bolschewiken auf der anderen. Dazwischen gibt es eine gewisse Gesellschaftsschicht, die sich zusammengehörig weiß: deklassierte Adelige, die Bildung haben, Leute, die sonst Bildung haben, aber aus der Entwicklung herausfallen, die werden sich international konstituieren und sich überall erkennen. Auf so realer Grundlage muß sich der «Bund für Freies Geistesleben» begründen, aber mit vollem Bewußtsein. Da werden auch die spirituellen Menschen Geltung haben. Die Leute sind sicher da. Von vorhandenen Beziehungen halte ich nichts. Die Dinge müssen sich natürlich ergeben. Vorträge nützen, wenn man den latenten Erfolg ausnützen kann. Man findet die Menschen, wenn man sie an sich herantreten läßt und sie nicht zurückstößt. Es handelt sich um Menschen besonderer Geistesart, um Leute, die eigentlich das Bedürfnis haben, an ein Geistiges heranzukommen außerhalb der Schablone, in die sie durch ihren Bildungsgang hineingestellt sind. In der zerfallenden Sozietät von Europa sind diese Menschen überall zu finden. Sie haben das Bedürfnis, mit Gleichstrebenden in einer Gemeinschaft zu sein auf geistigem Boden. Aus diesen erwachsen die Interessenten für eine freie Hochschule. Am leichtesten wird es auf künstlerischem Gebiete werden. Die Idee einer freien Hochschule innerhalb Mitteleuropas könnte in Amerika das größte Interesse erwecken, gerade finanziell, aber wir brauchen auch die Dozenten dafür, denn wir können nicht immer die gleichen Menschen mit allem belasten.
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Im Juli 1922, ein Protokll liegt nicht vor. ↩