The Fateful Year of 1923

GA 259 — 28 April 1923, Prague

Begrüssungsworte für die Mitglieder in Prag

Es sind eben so herzliche Worte gesprochen worden, daß es natürlich nur nüchtern klingen muß, wenn ich nunmehr sage, daß es mir eine große, tiefe Befriedigung gewährt, nach einigen Jahren in Ihrer Mitte wieder einmal verweilen zu können. Sie wissen, wie wir uns hier in Prag auf anthroposophischem Boden innig nahegetreten sind, und da wir wissen, daß geistige Arbeit im Zusammenhange der Welt eine wirkliche Arbeit ist, dürfen wir sagen, daß wir hier auch wirklich geistig zusammen gearbeitet haben. Die sehr lieben Worte, die hier gesprochen worden sind, sie betrafen auch eine Art von Werturteil über meine Arbeit. Nun, meine lieben Freunde, Sie dürfen glauben, daß ich auf der einen Seite außerordentlich dankbar bin, daß ich aber selbstverständlich das, was als Urteil über meine Arbeit abgegeben wurde, nicht selbst in einer solchen Weise werten darf, sondern daß es im Herzen und Gemüte der lieben anthroposophischen Freunde liegen muß, wie über diese Arbeit geurteilt wird. Aber darum lassen Sie mich nicht weniger meinen herzinnigsten Dank sagen — sagen darum, weil alles, was gesprochen worden ist, in eine warme Liebe getaucht war, und diese warme Liebe gehört wirklich unter uns. Was wären wir Anthroposophen, wenn nicht diese Liebe unter uns wäre?

Auch ist erinnert worden an jenes schmerzliche Ereignis in der Silvesternacht des letzten Jahres. Dieses schmerzliche Ereignis in seinem ganzen Umfange zu beurteilen, kann mir heute noch nicht obliegen. Aber die Gegnerschaft, die sich im Anschluß an jenes schmerzliche Ereignis geltend gemacht hat, darf mit jenen Worten bezeichnet werden, die Herr Professor Hauffen hier gebraucht hat. Denn es überkam unseren Freund, den Schweizer Dichter Albert Steffen, als er die Anwürfe niederster Art wahrnahm, welche entgegengeworfen wurden unserem Streben, einige nicht einmal allzuscharfe Worte gegen die Gegnerschaft zu sprechen: man hat alle möglichen Dinge ihm vorgeworfen. Er erinnerte daran, daß er unter seinen schriftstellerischen Leistungen eine Arbeit habe, welche die Roheit charakterisiert; was er vorgebracht hat, wurde nicht vorgebracht gegen eine Weltanschauung, sondern gegen die Roheit. Von der Roheit, welche sich oft zur Groteskheit gesteigert hat, will ich Ihnen heute nicht sprechen, da wir zu etwas Besserem zusammengekommen sind. Aber ich will Ihnen zwei Dinge mitteilen. Eine Zeitung, die ganz besonders auf das schimpft, was in Dornach gepflegt wurde, schrieb: Nun, man kennt ja die ganzen Dinge, die da getrieben wurden am «Grutluanum». — Nicht einmal den Namen hat man gekannt! Eine andere Zeitung schrieb: Die Absurdität ging so weit, daß die Anthroposophen in Scharen während des Brandes gebetet haben, daß das Feuer aufhören möge.

Es ist schwer, etwas gegen Gegner auszurichten, die so gut organisiert sind wie unsere. Als Beispiel hierfür möchte ich folgenden Vorfall anführen, der sich zutrug nach einem Vortrag, den ich in einer Schweizer Stadt hielt. Nach dem Vortrag sprach ich mit einer Persönlichkeit, die nie vorher zu uns in Beziehungen getreten war. Aber zwei Tage nachher bekam diese Persönlichkeit die schmutzigsten Gegenbroschüren zugeschickt, was wohl hinweist auf die gründliche Organisation der Gegnerschaft, der keine Mittel zu schlecht sind. Ich will keine anderen Beispiele anführen.

Dem steht gegenüber, daß eine von seltener Hingebung getragene Zusammenarbeit geleistet wurde, daß gerade bei diesem Unglück in der allerschönsten Weise die Liebe und Hingebung - ja man kann nicht anders als es sagen - sich gezeigt haben in dem Versuch, die Flammen zu bezwingen. Das konnte nicht gelingen; der Brand war von solcher Art, daß nicht daran gedacht werden konnte, ihn zu bezwingen. Und was im Laufe von zehn Jahren gebaut worden ist, wirklich von den allerverschiedensten Nationen angehörigen Kräften, ist in dieser Nacht ein Opfer der Flammen geworden. Und es ist schon so, daß das furchtbare Flammenlicht, das da gebrannt hat, sich geltend machen muß in allen, die mit unserer Sache verbunden sind. Und Sie können es schon glauben, daß es seither unmöglich ist, über Anthroposophie zu sprechen, ohne daß einem dieser Verlust vor Augen tritt.

Was physischer Natur ist, kann durch Flammen verzehrt werden. Diejenigen Flammen aber, die ich gerne sehe bei denjenigen, die begeistert sind, diese Flammen sind andere Flammen; diese zerstören nicht, sondern flammen an — durch sie wird sich, was wir durch unsere Arbeit erstreben, als unzerstörbar erweisen.

German original of Welcome Address for Members in Prague · ← Previous · Next →