The Fateful Year of 1923
GA 259 — 15 August 1923, Dornach
Aufruf zum deutschen Goetheanum-Fonds
Liebe anthroposophische Freunde in Deutschland!
In der Sylvesternacht 1922/23 leuchtete eine ungeheure Brandfackel in die Welt als erschütterndes Symbolum eines welthistorischen Augenblickes. Das Goetheanum, die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, brannte in jener Nacht herunter bis auf das Fundament. Ein Unbekannter hatte in heimtückischer Weise den zündenden Feuerfunken in das Heiligtum Tausender von Menschenherzen gelegt.
Dieses Ereignis konnte die Erinnerung wachrufen an ein anderes, in der Geschichte der Menschheit verzeichnetes Verbrechen. Am 6. Februar 356 v. Chr. schleuderte Herostrat die Brandfackel in das Heiligtum der Diana von Ephesus. Er wollte durch diese Tat für seine Person einen unsterblichen Namen erlangen. Schätze uralter Weisheit sanken damals in die Vergessenheit hinab; der Name Herostrat prägte sich der Nachwelt ein.
War der Brand zu Ephesus ein welthistorisches Symbolum dafür, daß uralt-heilige Weisheit untergehen mußte, damit die menschliche Persönlichkeit zur Entfaltung kommen konnte, so kann der Brand des Goetheanum, das eine Stätte der Liebe sein wollte, die jetzt in neuer Gestalt zu den Völkern der Erde kommen will, ein Zeichen dafür sein, wie dem Kommen dieser Liebe sich in unserer Zeit verbrecherische Kräfte entgegenstellen.
In dem Geiste der Liebe hatten, während ringsum der Weltkrieg tobte und die Flammen des Völkerhasses emporschlugen, Anthroposophen aus 17 Nationalitäten unter der Führung ihres Lehrers das Goetheanum erbaut. Das Werk zehnjähriger hingebungsvoller Arbeit und aufopfernder Liebe war durch ein gemeines Verbrechen in wenigen schicksalsschweren Stunden vernichtet worden. —
Schon unmittelbarnach dem Unglück flossenauchinDeutschlanddieGaben für den Wiederaufbau des Goetheanum zur Sammelstätte, die damals als «Verfügungskonto Dr. Rudolf Steiner» in Stuttgart errichtet worden war. Inzwischen sind von seiten unserer ausländischen Freunde Schritte zur finanziellen Sicherung des Wiederaufbaues unternommen worden. Die nötigen Garantien sind von der internationalen Delegierten-Versammlung in Dornach, die vom 20. bis 22. Juli d.J.tagte, aufgebracht worden. WiederwerdenMenschen aus allen Ländern der Erde am Bau eines Goetheanum zusammenwirken. Wir deutschen Anthroposophen sahen uns zunächst außerstande, finanzielle Hilfe zu leisten. Nicht weil wir arm sind; wer etwas so liebt, wie wir den Bau lieben — der nicht uns Anthroposophen gehört, sondern der ganzen Menschheit dienen soll -, der hat, selbst wenn er noch so arm ist, doch noch etwas zu geben. Aber wir mußten uns klar darüber sein, daß Geld und Geldeswert nicht über unsere Landesgrenze gehen darf. Das, liebe Freunde, war unser großer Schmerz: zu erleben, daß das Opfer, das wir für unsere geliebte Sache darbringen wollten, vom Schicksal unmöglich gemacht werden sollte.
Aber die moralische Kraft, die in der Anthroposophie lebt, hat uns den Weg gewiesen, auf dem unser Opfer dennoch wirksam werden kann. Was wir an materiellen Gaben aus Liebe und Opfergesinnung zu dem Bau des ersten Goetheanum beitragen durften, ist durch das Verbrechen der Neujahrsnacht vernichtet worden. Das neue Goetheanum wird zum großen Teil erbaut werden müssen aus der Versicherungssumme, die nicht aus opferfreudiger Freundeshand dargebracht wird. Darin liegt seine Tragik. Und von dem, was an materiellen Opfern von unseren Freunden für den Wiederaufbau gebracht werden wird, mußten wir deutschen Anthroposophen uns ausgeschlossen sehen. Aber der Opfersinn regte sich unter unseren Freunden. Deshalb beschlossen wir, daß alles, was aus Deutschland an Spenden für das Goetheanum gegeben würde, zusammengefaßt werden sollte zu einem «Deutschen Goetheanum-Fonds». Dieser Fonds soll innerhalb der deutschen Grenzen Verwendung finden für Zwecke, die im Sinne der Bestrebungen des Goetheanum liegen. Zum Beispiel ist in Aussicht genommen, aus diesem Fonds deutsche Geistesarbeiter innerhalb der Grenzen unseres Landes zu unterstützen in ihren geisteswissenschaftlichen Arbeiten und Forschungen im Sinne der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Dr. Rudolf Steiner wird selbst das ausschließliche und alleinige Verfügungsrecht über die Mittel dieses Fonds haben.
Auf diese Weise konnten wir hoffen, daß unser Opfer, das in materieller Form dem Wiederaufbau des Goetheanum selbst nicht zugeführt werden konnte, dennoch über die Grenzen unseres Landes hinauswirken würde durch die ihm innewohnende moralische Kraft. Was uns durch Schicksalsmacht in materieller Beziehung zu tun versagt ist, sollte aufgewogen werden durch den Geist, aus dem heraus wir unser Opfer darbringen wollten.
Diese unsere Absicht haben wir unseren ausländischen Freunden auf der internationalen Delegierten-Versammlung in Dornach vorgetragen. Unsere Freunde haben den Geist unseres Goetheanum-Opfers in schönster Weise zu würdigen gewußt. Ihre Delegierten haben die Erklärung abgegeben, sie seien entschlossen, demjenigen, was sie bereits willens waren, von sich aus für den Wiederaufbau des Goetheanum zu tun, noch soviel hinzuzufügen, als der in Deutschland für den Deutschen Goetheanum-Fonds gesammelte und dort verbleibende Betrag ausmachen werde. Und zwar würden sie dieses leisten aus Mitteln, die niemals nach Deutschland geflossen wären. Dadurch ist die Möglichkeit geschaffen, daß unsere Gabe innerhalb Deutschlands verbleiben kann und daß ihr Gegenwert dennoch dem Wiederaufbau des Goetheanum zugeführt werden wird.
Jeder von uns will für das Goetheanum ein Opfer bringen. Ein Opfer, das er, aus einer klaren Einsicht in die weltgeschichtliche Notwendigkeit dieses Baues, nur für diesen Zweck zu bringen vermag. Diesem Opfer soll eine moralische Kraft innewohnen, als Gegengewicht gegen die tragischen Tatsachen, die in das werdende Goetheanum hineinwirken werden.
Dieses Opfer soll ein einmaliges sein, durch das solchen Unternehmungen in unserem eigenen Lande, wie zum Beispiel der Waldorfschule, nichts entzogen werden soll von den regelmäßigen Unterstützungen, die für diese Unternehmungen in dieser Zeit so unentbehrlich sind.
In diesem Sinne wenden wir uns heute an unsere deutschen anthroposophischen Freunde mit der Bitte um Spenden für den Deutschen Goetheanum-Fonds. Dieser Fonds wird dem Wiederaufbau des Goetheanum dienen, ohne daß unserem Volke dadurch irgend etwas entzogen wird. Wie während des Weltkrieges die Nationen, die draußen miteinander im Kampfe lagen, in Dornach gemeinsam am Aufbau des Goetheanum gearbeitet haben, so stehen jetzt beim Wiederaufbau, während Deutschland wirtschaftlich zugrunde geht, die Anthroposophen der anderen Nationen wirtschaftlich für uns ein.
Diese Tatsache beweist, daß Anthroposophie über den Haß der Völker hinweg den Weg zum Menschen zu bahnen vermag. Weil dem so ist, dürfen wir noch einmal bauen. Bauen wir, Freunde, hinein in diesen Bau die Kraft der Moralität, die Kraft der Liebe, damit der starke Bau eine starke Gesellschaft hinter sich habe!
Möchte doch das Verhalten der anthroposophischen Freunde in außerdeutschen Ländern gegenüber den deutschen Anthroposophen beispielgebend sein für die Nationen! Dann könnte mit dem Neubau in Dornach das Zeitalter der Verständigung der Völker beginnen. Möchte in diesem Sinne der Neubau des Goetheanum von der ganzen Welt aufgenommen werden!
Stuttgart, im August 1923. Der Vorstand der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland: Jürgen von Grone, Dr. Eugen Kolisko, Emil Leinhas, Johanna Mücke, Dr. Otto Palmer, Dr. Friedrich Rittelmeyer, Dr. Walter Johannes Stein, Dr. Carl Unger, Wolfgang Wachsmuth, Louis Werbeck. Das Komitee der Freien Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland: Moritz Bartsch, Dr. Hans Büchenbacher, Jürgen von Grone, Dr. Ernst Lehrs, Ren& Maikowski, Wilhelm Rath, Dr. Maria Röschl, J. G. W. Schröder. Die deutschen Vorstandsmitglieder des Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft: Graf Otto Lerchenfeld, Gräfin Pauline Kalckreuth, Dr. Felix Peipers. Alle Spenden erbitten wir an das Bankhaus Hans Stammer & Co., Stuttgart, Rotestr. 4, zugunsten der Treuhandgesellschaft des Goetheanum in Stuttgart, für das «Verfügungskonto Dr. Rudolf Steiner».