The Fateful Year of 1923
GA 259 — 2 September 1923, London
Versammlung zur Konstituierung der englischen Landesgesellschaft
Rudolf Steiners Ansprache
Meine lieben Freunde!1 Wenn jetzt überhaupt gesprochen werden muß über gewisse Konstitutionsfragen der Gesellschaft in den einzelnen Ländern, so rührt das namentlich davon her, daß ja die anthroposophische Bewegung in den letzten Jahren eine gewisse Fortentwicklung erfahren hat. Die anthroposophische Bewegung hat doch mehr oder weniger so begonnen, daß sie zunächst aus dem spirituellen Leben heraus, das sie vermitteln will, gewirkt hat, sogar lange Zeit hindurch gewirkt hat mit der theosophischen Bewegung zusammen. Understin den letzten Jahren ist es so geworden, daß mit einer gewissen Notwendigkeit die anthroposophische Bewegung als solche vor der ganzen Welt dasteht und viel beurteilt wird - daher auch, was ja eine selbstverständliche Nebenerscheinung sein muß, viel angefeindet wird. Die ganze Gestalt der anthroposophischen Bewegung, nicht im Innern, aber nach außen hin, ist eine andere.
Nun ist es ja bei einer solchen spirituellen Bewegung, wie es die anthroposophische ist, ganz mit inneren Gesetzen zusammenhängend, daß man nichts anderes tut als dasjenige, was aus der Notwendigkeit des spirituellen Lebens selbst kommt, wie man es erkennt. So daß also selbstverständlich in dieser Bewegung selbst keine Rücksicht genommen werden kann auf dasjenige, was von außen kommt, sei es an Widerspruch und Anfeindung, seiesan Anerkennung. Der Sinn der anthroposophischen Bewegung muß derjenige sein, der rein aus der Sache selbst fließt. Man darf nichts anderes tun als das, was man als notwendig aus dem spirituellen Leben heraus für ein bestimmtes Zeitalter erkennt. Jede Rücksichtnahme auf Äußeres, sei es auf Anerkennung, sei es auf Erfolg, sei es auf Widerspruch und Anfeindung, jede Rücksichtnahme führt zu einer Schädigung des spirituellen Lebens, das in einer solchen Bewegung gefördert werden soll. Und das ruft notwendigerweise immer eine Art Zwiespalt hervor: Man muß den inneren Kräften folgen und muß selbstverständlich, damit die Bewegung nicht zugrunde geht, dasjenige tun, was die Bewegung auch in der Welt weiterbringen kann. Das ergibt immer einen Zwiespalt, der eine fortwährende Wachsamkeit von seiten der Mitglieder notwendig macht. Und so muß eben die Konstitution der Gesellschaft so sein, daß diese Wachsamkeit möglich ist, daß gewissermaßen einer solchen spirituellen Bewegung auch eine Art Vakuum geschaffen wird, ein leerer freier Raum, in dem sie sich wirklich entfaltet. Das ist nur möglich, wenn die einzelnen Gruppen und die Zusammenhänge der Gruppen in der richtigen Weise organisiert und administriert sind.
Nun kann eigentlich keine spirituelle Bewegung in unserer Zeit gedeihen, die irgendeine Spezialbewegung der Menschheit ist. Es ist das einfach ein okkultes, sagen wir, Gesetz, daß jede wirklich tragfähige und fruchtbare spirituelle Bewegung allgemein menschlich ist, dasjenige ist, was man im trivialen Leben international nennt, allgemein menschlich ist. In dem Augenblick, wo heute, in diesem Zeitalter, nicht das allgemein Menschliche, sondern eine Gruppe von Menschen in irgendeiner Form ein in gewissem Sinne gruppenegoistischer Träger einer spirituellen Bewegung wird, in dem Augenblicke schädigt man den allgemein menschlichen Fortschritt, nützt ihm nicht, bringt ihn nicht wirklich weiter.
Über diese Angelegenheit ist eigentlich gar nicht zu diskutieren, ebensowenig wie über ein Naturgesetz zu diskutieren ist. Es ist ein geistiges Gesetz, daß eben einfach jede wirklich die Menschheit fördernde spirituelle Bewegung allgemein menschlich sein muß.
Das hindert natürlich nicht, daß sie gerecht wird allen menschlichen Gruppenzusammenhängen. Man kann ebenso gerecht sein gegen seine eigene Nation wie gegen die anderen. Jede Nation hat selbstverständlich mehr oder weniger ihre großen Impulse in die Gesamtmenschheit zu tragen. Und zu glauben, daß das Internationale verknüpft ist mit einer Mißachtung etwa des eigenen Nationalen, das ist gar nicht berechtigt. Gerade innerhalb des Internationalen werden die Gesichtspunkte gegeben, um das eigene Nationale in der richtigen Weise zu taxieren und in das richtige Licht zu stellen.
Wenn daher das, was Mr. Collison erzählt hat, einem wirklichen, nicht illusionären Urteile entspricht, so ist das selbstverständlich eine Abirrung, sollten sich zwei Gruppen dadurch bilden, daß die eine Gruppe eben sich nicht ihrem nationalen Empfinden überlassen kann, gewissermaßen eine Art Selbstlosigkeit darinnen sehen möchte, sich sogar gegen das Wertvolle der eigenen Nation zu stellen. Ist man wirklich auf dem Boden der Anthroposophie, versteht man ganz das Wesen der Anthroposophie, so kann es sich ja nicht darum handeln, daß eine verschiedene Meinung über diese Dinge auch nur entsteht.
Ebensowenig wie in der Welt - verzeihen Sie, daß ich diese Trivialität sage-ein Zwiespalt darüber entstehen kann, daß Gebirgsluft gut ist und Seeluft gut ist; wenn die Menschen verschiedener Konstitution sind, so braucht der eine Bergluft, sie ist vielleicht gut für eine bestimmte Art von Krankheitsdisposition, der andere braucht Seeluft, sie ist gut für ihn. Ebensowenig wie man verstehen kann, daß nun derjenige, der in die Gebirgsluft geschickt wird, furchtbar schimpft auf die Seeluft, ebensowenig kann man erwarten, daß der Enthusiasmus für eine Nation irgendwie sollte beeinträchtigen die internationale, das heißt die unbefangene Beurteilung alles dessen, was in der Welt aus den Nationalitäten heraus zusammenzuwirken, nicht auseinanderzuwirken hat. Also beim wirklichen Verstehen dessen, was der tiefste anthroposophische Impuls sein muß, kann eigentlich ein solcher Zwiespalt nicht entstehen. Und das muß natürlich gesagt werden: Die wesentlichste Aufgabe von anthroposophischen Zweigen ist dann eben, solche Zwiespalte zu vermeiden, sich über diese Dinge zu verständigen. Wenn die Dinge immer so verlaufen, daß sich die eine Gruppe gegen die andere wendet und immer sagt, wenn die das oder jenes tut, das ist gegen dasjenige, was Dr. Steiner sagt, das sind nicht richtige Anthroposophen — wenn diese Dinge dann so in den Untergründen verlaufen und nur immer davon gesprochen wird, daß nicht homogene Gruppen und keine allgemeinen Gruppen da sind, dann kann ja auch nichts besonders Fruchtbares erwachsen. Aber warum sollte denn das nicht möglich sein, daß gerade solche Dinge durch die Offenheit der Aussprachen in den anthroposophischen Zweigen geordnet würden? Sehen Sie, das ist dasjenige, was ich — neben der Beobachtung der Art und Weise, wie die Außenwelt sich zur Anthroposophie stellt, ob feindlich oder freundlich — nennen möchte: die Wachsamkeit innerhalb eines anthroposophischen Zweiges.
Man kann wachen im Leben, man kann schlafen. Ich meine jetzt nicht die gewöhnlichen Zustände — davon sprechen wir dann in dem Vortrage [in GA 228] -, sondern ich meine die Zustände gegenüber dem, was in der Welt geschieht. Da kann man schlafen, trotzdem man äußerlich wach zu sein scheint. Aber schlafen heißt ja doch wirklich nichts anderes als die Aufmerksamkeit von irgendeiner Sache ablenken. Wenn wir in der Nacht wirklich schlafen, so heißt das auch nichts anderes, als die Aufmerksamkeit von alldem, was uns überhaupt in der Erdenwelt beschäftigen kann, abzulenken. Wir lenken die Aufmerksamkeit dann Dingen zu, für die wir noch nicht das Wahrnehmungsvermögen in der gegenwärtigen Menschheitsevolution haben. Deshalb bedeutet schlafen [gegenüber dem, was in der Welt geschieht], auch gar nichts anderes als die Aufmerksamkeit von etwas ablenken. Wir müssen uns aber als Anthroposophen intensiv für dasjenige interessieren, was in der Welt vorgeht. Die Welt interessiert sich für Anthroposophie; wenn wir uns nicht [für die Welt] interessieren, dann wird die Welt gegnerisch. Das erfordert eine Wachsamkeit. Und im Sinne dieser Wachsamkeit muß denn eigentlich nun die Anthroposophische Gesellschaft im ganzen konstituiert werden. Deshalb muß ich seit einiger Zeit aufmerksam darauf machen, daß sich gliedern sollten die einzelnen Ländergesellschaften in nationale Gesellschaften. Solche nationalen Gesellschaften haben sich gegliedert in der Schweiz, in Deutschland, der Tschechoslowakei, in Norwegen, werden sich in diesem Jahre in Österreich und Holland und so weiter bilden. Und es ist von außerordentlich großer Wichtigkeit, daß sich eine solche nationale Gesellschaft auch hier bildet und daß sich diese einzelnen nationalen Gesellschaften wiederum zusammenschließen zur Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft, die in der Zukunft in Dornach ihren Mittelpunkt haben kann. Es soll ja zu Weihnachten, wie bei der Delegiertenversammlung im Juli 1923 in Dornach projektiert worden ist, die Zusammenschließung zur internationalen Gesellschaft in Dornach vorgenommen werden.
Das kann aber nur dann geschehen, wenn die nationalen Gesellschaften im voraus sich gegliedert haben, denn zusammenschließen kann sich nur etwas, was sich schon gebildet hat. Und daher wäre es gut, wenn eben aus den Verhandlungen dieses Meetings die Konstitution der englischen Anthroposophischen Gesellschaft als ein nationaler Körper hervorginge, mit der Tendenz, sich dann zu Weihnachten mit der internationalen Gesellschaft zusammenzuschließen und dann den nationalen Mittelpunkt in London zu haben, den internationalen Mittelpunkt in Dornach in der Schweiz. Das wäre gut.
Das ist im Grunde genommen alles, was von mir selber aus zu empfehlen ist. Denn selbstverständlich alles das, was im einzelnen, im speziellen gemacht werden soll, das muß von dem abhängen, was die Freunde hier für das allerbeste halten.
Wenn ich auf irgend etwas hinweisen darf, so ist es eben das, daß in der Zukunft ein viel stärkerer Zusammenhang, ein Zusammenwirken der Anthroposophen aller Länder stattfinden muß. Immer wieder und wiederum, wo ich hinkomme, werde ich darauf aufmerksam gemacht, daß man eine wahre Sehnsucht darnach hat, etwas zu erfahren von dem, was da oder dort vorgeht. Heute leben Anthroposophen, man kann wirklich sagen, fast in der ganzen zivilisierten Welt, aber sie wissen blutwenig voneinander. Manchmal ist das so stark, daß derjenige, der in einer Straße wohnt, gar nicht einmal weiß, daß um die Ecke ein anderer wohnt. Sie wissen gar nichts voneinander. Und man sehnt sich eben nach einem internationalen Mitteilungsorgan. Das kann aber nicht aus der Idee heraus geschaffen werden, sondern kann nur dann geschaffen werden, wenn wirklich die nationalen Gruppen da sind und zu einer internationalen Gruppe zusammengekommen sind. Dann werden wir in Dornach auch die Möglichkeiten wirklich finden, solch eine Verständigung über die ganze Welt hinüber zu schaffen. Nicht wahr, bisher ist es immer in abstrakto angestrebt worden. Als die Zeitschrift «Das Goetheanum» in Dornach gegründet worden ist, war natürlich auch die Idee da, das solle überallhin Mitteilungen vermitteln. Ja, aber erst muß man sie bekommen! Es muß erst alles nach Dornach berichtet werden, und dann kann von Dornach aus das wieder weiterberichtet werden. Dann bekommen wir auch internationale Wahrnehmungen, internationale Meinungen. Das würde der Weg sein. Aber man kann das nicht aus den Gedanken heraus schaffen, das kann erst in wirklicher internationaler Zusammenarbeit geschaffen werden.
Auch in Frankreich ist ja eine solche nationale Gruppe unter dem Generalsekretariat von Mlle. Sauerwein gegründet.
Was die anderen hier besprochenen Fragen betrifft, so scheint mir wirklich aus allem einzelnen Vorgebrachten nicht das geringste Hindernis hervorzugehen, daß Mr. Collison die allerbesten Vorbedingungen für sein Generalsekretariat habe. Ich kann nicht sehen, daß irgend etwas dagegen spricht. Diejenigen Dinge, die er selber hier zum Ausdruck gebracht hat, namentlich das über die Freimaurerei, die scheinen mir ganz und gar nicht ausschlaggebend zu sein. Denn - verzeihen Sie, daß man bei solchen Dingen trivial werden muß, aber sie sind Dinge des alltäglichen Lebens, und im alltäglichen Leben laufen eben manche alltäglichen Dinge unter, verzeihen Sie, daß man da trivial werden muß —ich habe immer gesagt, wenn es sich darum gehandelt hat, ob man aus irgendeiner anderen Bewegung - also in diesem Falle war die Freimaurerei gemeint — hereinkommen soll in die anthroposophische Bewegung: Es handelt sich wirklich nicht darum, was jemand in einer anderen Bewegung ist, sondern darum, daß, wenn er in diese anthroposophische Bewegung hereinkommt, er ein guter Anthroposoph ist. Es handelt sich also wirklich nicht darum, ob einer, sagen wir, einer Schusterinnung oder Schlosserinnung noch außerdem angehört - ich vergleiche nicht, ich sage nur das Prinzipielle —, es braucht ja gar nicht dadurch, daß er einer Schuster- oder Schlosserinnung und so weiter angehört, in irgendeiner Weise zu beeinträchtigen dasjenige, was anthroposophisch in ihm ist. Wenn er ein guter Anthroposoph ist, so ist das für die anthroposophische Bewegung das, worauf es ankommt. Ob er ein guter oder schlechter oder mittelmäßiger Freimaurer außerdem ist, geht ja die Anthroposophische Gesellschaft gar nichtsan. Und ich finde es eigentlich etwas merkwürdig, daß man auf die Urteile etwas gibt, die ja der eine oder andere hat, wenn eben Mr. Collisons Vermutungen richtig sein sollten — sonst würde sich ja das modifizieren —; ich sage sonst immer: Unter Anthroposophen kommt ja das nicht vor, aber so im allgemeinen Leben kommt es sonst auch vor, daß der eine oder der andere ein unverständiges Urteil fällt. Und es wäre ein unverständiges Urteil, wenn man überhaupt den Wert eines Mitgliedes als Anthroposoph davon abhängig machte, ob er nun Freimaurer ist oder nicht.
Ich habe das in Holland dazumal auf Mr. Collisons Frage geantwortet, eben ganz von diesem Gesichtspunkt aus. Ich habe gesagt, daß eine Anzahl gerade der ältesten und wertvollsten Mitglieder Freimaurer sind. Ich kann mir gar nicht denken, woraus ein Hindernis erwachsen sollte aus irgendeiner Form der Freimaurerei für das Angehören zur Anthroposophischen Gesellschaft. Ich kann mir das gar nicht denken. Ich finde, die anthroposophische Bewegung will selber etwas sein. Nicht wahr, sie würde eben nicht fruchtbar sein können in der Welt, wenn sie nicht aus sich heraus - lassen Sie mich den Ausdruck gebrauchen -, aus ihrem eigenen Samen heraus positiv wirkte. Darauf kommt es an: was sie positiv wirkt. Wie das sich nun ausnimmt, wenn man es mit dem einen oder anderen vergleicht, darauf kommt es doch nicht an. Wenn ich mir einen Anzug kaufe, so handelt es sich darum, daß er meinem Geschmack entspricht, aus meinen Intentionen hervorgeht. Was hat das damit zu tun, daß einer kommt und sagt: Der Anzug schaut ja nicht so aus, wie derjenige, den der andere anhat.- Es handelt sich ja wirklich gar nicht darum, daß man den Anzug des anderen anziehen soll, sondern seinen eigenen. Man zieht doch nicht, wenn man Anthroposoph wird, die Freimaurerei an. Also es ist eigentlich ganz unmöglich, dieses Urteil zu fällen.
Aber etwas anderes natürlich ist hinter einer solchen Sache. Es wird — verzeihen Sie, daß ich das so sage —, es wird meiner Meinung nach die Anthroposophie gerade auch nicht immer von den Mitgliedern hoch genug eingeschätzt. Es ist eine solche Tendenz in der gegenwärtigen Menschheit, daß man immer dasjenige, was älter ist, was mehr Getue an sich hat, was mehr geheimnisvoll tut und so weiter, nun höher schätzt und daß man das, was offen und ehrlich einfach auftritt, dann abschätzt nach dem Maßstab des Getues und dergleichen, was sich so ein Ansehen gibt in einer unbestimmten Weise. Es ist eine Art von Herabwürdigung der anthroposophischen Bewegung, wenn man sie so taxiert, daß man sagt: Sie kann geschädigt werden dadurch, daß dieses oder jenes Mitglied aus dieser oder jener anderen Bewegung herkommt. — Sie müßte doch furchtbar schwach sein, wenn sie geschädigt werden könnte durch solche Dinge!
Also ich glaube, dahinter steckt eben, daß man doch da oder dort immer eine geheime Sehnsucht hat zu sagen: Der oder jener ist kein guter Anthroposoph. — Dann sucht man nach Gründen. Man sucht ja eigentlich immer bei dem, was einem sympathisch oder antipathisch ist, nach Gründen - man macht nicht die Sympathie nach dem Grunde, sondern man sucht dann die Gründe zu dem, was einem sympathisch oder antipathisch ist —, dann sucht man nach Gründen, und dann findet man zum Beispiel: Der andere ist Freimaurer, der kann also kein ordentlicher Anthroposoph sein, und so fort. — Man schaue doch, ob er ein Anthroposoph ist, ein richtiger, und dann komme man erst zu dem Urteil, daß er hereingehört oder nicht; man sehe gar nicht darauf, ob er Freimaurer ist oder so etwas.
Das erinnert mich immer an ein Urteil, das ich in dem erleuchteten Weimar hörte — aber ich meine das nicht ironisch, es ist etwas, was ich wirklich einmal auf dem Marktplatz gehört habe -: Da sprachen einmal zwei Frauen miteinander, und die eine sagte von irgend jemand, der sei ein Liberaler. Die andere sagte: Was, ein Liberaler ist der? Ich kenne ihn schon seit Jahren, ein Schuhmacher ist er!
Die Sache ist eben doch diese, daß man ungefähr in derselben Urteilsrichtung drinnenstehen würde, wenn man sagen würde: Freimaurer können doch nicht in die anthroposophische Bewegung hineinkommen!
Nicht wahr, es ist ja so, daß ich mich selbst, wenn nicht Opposition oder Feindschaft da wäre, wirklich immer enthalte, ein Urteil über andere gegenwärtige Bewegungen zu fällen. In dem Augenblick natürlich, wo von irgendeiner Bewegung Feindschaft ausgeht, offene oder geheime Feindschaft, dann handelt es sich darum, daß man Stellung nimmt, dann muß man es tun, ich möchte sagen, zur Ehre der Anthroposophie. Aber solange das nicht der Fall ist, ist es gar nicht möglich, daß man zu anderen Bewegungen irgendwelche Stellung offiziell oder inoffiziell nimmt. Und das gehört sogar zu den inneren Entwicklungsgesetzen einer solchen Bewegung, wie es die anthroposophische ist. Wenn man fortwährend nach der einen Seite stößt, nach der anderen schaut, so hat man nicht den freien Raum, innerlich positiv aus dem eigenen Keim der Sache vorzugehen. Man muß versuchen, sich ganz und gar den inneren Impulsen zu überlassen, nicht nach außen zu gehen. Und das, meine ich, müßte die Grundlage der Verhandlungen werden. Und sofern dies dann die eigentliche Grundlage der Verhandlungen sein wird, wird ja alles, meine ich, recht gut werden können.
Ich glaube, daß Mr. Collison unter diesen Gesichtspunkten, die zweifellos die seinigen sein werden, das Generalsekretariat annimmt. Er ist derjenige Mann, der das meiste getan hat für die Übersetzung und für die Verbreitung der anthroposophischen Literatur hier in England und in den Kolonien; er wird auch in Zukunft dasjenige, was an impulsiver Kraft in der Gesellschaft hier steckt, vertreten und am besten derselben dienen können. Daß selbstverständlich solch ein Mann wie Mr. Collison nicht jeden Brief selber schreiben kann, auch nicht bei jedem Meeting, Council, selber sein kann, ist ja ganz selbstverständlich. Er muß also einen wirklich tüchtigen Sekretär haben. In welcher Weise man nun den Vorstand hier zusammensetzt, das werden die Herzen der Mitglieder, die sich auf den eben gekennzeichneten Standpunkt stellen und für eine Weile vergessen, was sonst an Schwierigkeiten hier ist, am besten selbst aus ihrer Gemeinschaft heraus finden. Damit glaube ich am besten die Frage eigentlich berührt zu haben, die hier in Betracht kommt.
Dr. Steiner zu dem Vorschlag, seinen Namen der Anthroposophical Society beizusetzen:
Darf ich ein paar Worte dazu sagen: Gerade wegen der Gestalt, welche die anthroposophische Bewegung angenommen hat im Laufe der Jahre, von der ich ja vorhin gesprochen habe, ist es eigentlich immer eine schwierige Frage für mich, irgendwie an ein äußerlich Genanntes mich heranzubringen. Ich habe ja darauf aufmerksam gemacht: Die anthroposophische Bewegung hat eben in sich gewisse Gesetze für eine so geartete geistige Bewegung, und das ist es immer wieder, was mich natürlich nachdenken machen muß, wenn es sich um eine solche Frage handelt, wie diejenige, die Mr. Dunlop vor einigen Tagen oder eigentlich schon vor Monaten, schon bei der vorjährigen Besprechung, an mich gestellt hat, und deshalb ist es notwendig, daß ich hier ein paar Worte über die Sache sage.
Nach außen hin muß die anthroposophische Bewegung wachsam vertreten werden. Nach innen, ich habe es heute schon ausgesprochen, muß sie rein aus ihrem eigenen Keim heraus wirken und nichts tun als dasjenige, was mit wirklichen okkulten Gesetzen in Übereinstimmung steht. Das hat mich denn bewogen, schon seit langer Zeit in bezug auf all das, was real spielt zwischen mir und der anthroposophischen Bewegung, in bezug auf all dieses eigentlich nichts anderes in der Gesellschaft sein zu wollen als das, was sich daraus ergibt, wozu ich innerhalb der Gesellschaft absolut notwendig bin.
Also sozusagen innerhalb der Gesellschaft selbst möchte ich nichts anderes sein, als was von selber wird dadurch, daß gewisse Dinge von mir gemacht werden müssen.
In einer gewissen Beziehung wird das auch von Frau Dr. Steiner gelten, mit der das seit Jahren immer wieder besprochen worden ist, daß auch sie als nichts anderes gelten soll, benamst werden soll, wenn man so sagen darf, als dasjenige, was unbedingt eben von ihr gemacht werden muß.
Daraus ergibt sich schon von selbst die Position. Und diese Position sollte weder durch Wahl noch durch irgend etwas anderes aufgebessert — oder meistens wird es nur verschlechtert - werden, sondern es sollte so sein, daß eben all das, was an Beziehung besteht, sich unmittelbar aus der Art ergibt, wie man die Persönlichkeiten braucht.
Nun, natürlich handelt es sich darum, daß das als Grundlage ganz und gar innerhalb der Gesellschaft verstanden wird, dann kann man ja in bezug auf dasjenige, was man für notwendig hält, solche Gründe, wie sie Mr. Dunlop vorgebracht hat, voll würdigen. Und insofern dies in der Gesellschaft verstanden wird, daß es eben nur die Gründe sind, die Mr. Dunlop vorgebracht hat, bei der Vertretung, auch ideellen Vertretung der Gesellschaft nach außen — des Identifizierens der Gesellschaft in einer gewissen Beziehung mit mir -,, insofern es nur diese Gründe sind, die vielleicht heute es als wünschenswert erscheinen lassen, daß ich nicht widerstrebe, dasjenige anzunehmen, was hiermit angeboten ist gerade für diese Gegend, willich estun. Aber eben das ist das eine: das Annehmen, das Übernehmen dieses Namens. Das andere ist aber, daß in der Gesellschaft wirklich das verstanden wird, daß ich aus einer solchen offiziellen Benamsung keine andere Konsequenz ziehe als diejenige, die ich mir bis jetzt auch durch die Selbstverständlichkeit der Tatsachen gezogen habe: Nicht eine andere Macht, nicht ein anderes Ansehen, nicht irgend etwas, was an ein Recht erinnern kann, möchte ich erringen durch solch eine Benennung, sondern möchte nur so in der Gesellschaft wirken, wie es sich aus der Sache selbst heraus ergibt. Ich möchte nur das sein in der Gesellschaft, was ich einmal sein muß, weil die Dinge, die in Betracht kommen, von mir gemacht sein wollen. Und das ist, was die Sache zu einer Zweiheit macht. Beide Seiten müssen in genügender Weise berücksichtigt werden.
Wenn das so der Fall ist - und das ist ja in den Intentionen des Mr. Dunlop gelegen, die Gründe sind ja daraus hervorgegangen -, so steht nichts irgendwie dem im Wege, daß der Vorschlag Mr. Dunlops angenommen wird. Ich glaube nicht, daß er dann zu etwas anderem führt, als zu dem, wovon ich auch nicht einen einzigen Schritt abweichen kann. Es muß die anthroposophische Bewegung eine innere bleiben, muß in gewisser Beziehung den esoterischen Charakter tragen, daß nichts anderes gemacht wird von mir selbst als dasjenige, was sich unmittelbar aus der Sache ergibt. Also muß die Sache nur wirklich gründlich so angesehen werden: Ich strebe keine andere Macht an als diejenige, die sich aus der Sache selbst ergibt. Das muß ich wegen der Gesetze einer spirituellen Bewegung. Und gerade bei der Art und Weise, wie Anthroposophische Gesellschaft und Bewegung heute in der Welt drinnen steht, muß im striktesten beobachtet werden, daß man auch keinen Schritt abgeht von dem, was durch die innere Gesetzmäßigkeit der Bewegung selbst vorgezeichnet wird.
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Von der Versammlung — ausgenommen Rudolf Steiners Ansprache, die von Helene Finckh mitstenographiert wurde - liegt kein Protokoll vor. ↩