The Fateful Year of 1923

GA 259 — 18 November 1923, The Hague

Rückblick auf die Gründungsversammlung der holländischen Landesgesellschaft

im letzten Vortrag von «Der übersinnliche Mensch, anthroposophisch erfaßt»

Den Haag, 18. November 1923 (Schluß des Vortrags)

Es erübrigt sich mir nur noch, im Anschlusse an das, was ich Ihnen bei dieser Anwesenheit aus der Anschauung der geistigen Welten heraus aussprechen durfte, anknüpfend an das, was sich für die Gründung der holländischen Anthroposophischen Gesellschaft abgespielt hat, zu sagen, wie es mein inniger Wunsch und meine Hoffnung ist, daß nun von dieser Tagung etwas ausgehen möge, was sich entzünden möge in Ihren Herzen und in Ihren Gemütern.

Wenn wir in der Lage sind, anthroposophische Erkenntnis nicht bloß lesend oder anhörend aufzunehmen, sondern wenn wir durch lebendige anthroposophische Betrachtung immer mehr und mehr dahin kommen, den Inhalt der Anthroposophie mit unserem Herzen, unserem Gemüt zu erleben, dann wird es uns wirklich so, als ob nicht bloß der Sinn von Ideen eindringe in unsere Seelen, wenn wir in den anthroposophischen Zweigen beisammen sind und mit anderen Menschen Anthroposophie treiben oder wenn wir im einsamen Kämmerchen bleiben; sondern dann wird es uns so, als ob lebendige Weltenwesen in unsere Seelen einzögen. Dann erscheint uns immer mehr und mehr die Anthroposophie selber als etwas lebendig Wesenhaftes. Und wir werden dann schon gewahr, wie etwas an die Pforte unseres Herzens klopft mit der Anthroposophie und sagt: Laß mich ein, denn ich bin Du selbst; ich bin deine wahre Menschenwesenheit!

Von dieser wahren Menschenwesenheit möchte Anthroposophie nicht nur erzählen, sondern mit dieser wahren Menschenwesenheit möchte Anthroposophie die menschliche Seele und das menschliche Gemüt erfüllen. Und Sie werden dasjenige, was Sie sich heute vorgenommen haben, am besten zur Ausführung bringen, wenn Sie öfter einmal — sei es auf dem Wege zur Versammlung, sei es, ein Buch in die Hand nehmend oder sonst etwas beginnend, wovon Sie glauben, daß es in der anthroposophischen Bewegung fruchtbar werden soll -, wenn Sie öfter einmal sich dessen erinnern, wie aus einem wahren anthroposophischen Betrachten der Welt in uns aufstrahlen kann das Gefühl und die Empfindung, daß Anthroposophie eigentlich an unsere Herzen pocht, um uns unseren wahren Menschen, unseren eigentlichen Menschen, um uns — uns selbst zu bringen und damit dasjenige in uns zu bringen, was wiederum den Weg hinausfindet in echter Menschenliebe zu den anderen Menschen. Dann, wenn wir Anthroposophie einlassen in unsere Herzen, nachdem sie gepocht hat, dann bringt uns Anthroposophie durch das, was sie selber ist, wahre Menschenliebe.

Oh, in unserer jetzigen Zeit ist es gar sehr notwendig, daß wir in diesem Stile den Inhalt der Anthroposophie betrachten. Denn sehen Sie sich ein wenig um in der Welt: Die Zeit ist da, in welcher die Menschheit schwer geprüft wird. Warum wird die Menschheit so schwer geprüft? Ja, wenige schauen hin auf das, meine lieben Freunde, was in den Tiefen des historischen Weltgeschehens sich abspielt, wo nicht mehr das menschliche heutige Bewußtsein, sondern wo das Unbewußste nur hineindringt. Ziemlich gedankenlos und schläfrig lebt eigentlich der größte Teil der Menschheit heute mit dem gewöhnlichen Bewußtsein dahin. Aber während wir im Kopfe dieses gewöhnliche Bewußtsein haben, schreitet unser tieferes Bewußtsein, welches das Herz ergreift, gerade eben historisch für die moderne Zivilisation durch die Schwelle zur geistigen Welt durch. Oben im Kopfe leben die Menschen mit alledem, was sie heute miteinander reden, namentlich mit alledem, was sie sich über die öffentlichen Verhältnisse vorlügen, und unten geht die ganze Menschheit - ohne daß sie es ahnt, wie wenn einer auf dem Vulkan ginge — durch die Schwelle durch. Und jenseits muß der Mensch entweder verderben — oder er muß vorrücken mit gutem Willen zu einer Erkenntnis der übersinnlichen Welt. Anthroposophie hängt heute schon zusammen mit dem eigentlichen Fortgang der menschlichen Zivilisation. Aber das Elend, das heute innerhalb dieser Zivilisation gesehen werden kann, sollte eine Aufforderung sein, heranzutreten an eine übersinnliche Menschen- und Weltbetrachtung. Das können wir aber nur, wenn wir ein offenes Auge für alles das haben, was in der Welt vorgeht.

Und so betrachten Sie den heutigen Tag als den Anfang zu dem, daß Sie wirklich nicht bloß sich zusammensetzen in Ihren anthroposophischen Zweigen, um sich gewissermaßen einsam abzuschließen von der Welt, sondern daß Sie hinausschauen in das, was im Leben vorgeht. Nehmen Sie das Wort, das ich heute vielfach gebraucht habe1 - das ich sozusagen «totgetreten» habe —, das Wort «weltmännisch», «weltfraulich» in vollem Ernste: Versuchen Sie, mit der Welt zusammenzuwachsen! Das wird das beste, das wichtigste «Programm» sein. Das kann man nicht in Statuten hineinbringen; das sollen wir aber als eine Flamme in unsere Herzen hineinbringen können. Nicht mit Programmpunkten kann ich Ihnen am meisten dienen, sondern indem ich Sie hinlenke zu den rechten Empfindungen, den rechten Gefühlen, welche das anthroposophische Leben begleiten sollen. Und wenn Sie etwas warm werden von der Anregung zu diesen rechten Empfindungen, diesen rechten Gefühlen, dann ist einiges von dem erfüllt, was ich eigentlich erreichen wollte mit den Betrachtungen, die ich vor Ihnen anstellte über den übersinnlichen Menschen, wie man ihn anthroposophisch erfassen kann. Und wenn Sie immer wieder glauben werden, manches von dem ginge nicht, was Sie programmatisch in der Anthroposophischen Gesellschaft wollen: es wird immer helfen, wenn Sie gerade an das zurückdenken, was in diesen wenn auch wenigen Vorträgen nur andeutend leben konnte über den übersinnlichen Menschen. Denn es wird Sie jederzeit erinnern können an das Gewichtige der Anthroposophie. Und wir können für die Verbreitung, für das richtige Hintragen der Anthroposophie vor die Welt eigentlich nichts Besseres tun, als wenn wir uns immer mehr und mehr bewußt werden des gewichtigen Impulses, der die Anthroposophie sein soll für den weiteren Fortgang unserer Zivilisation.

Damit, meine lieben Freunde, möchte ich den heutigen Tag und diese Vorträge abschließen und Ihnen so recht ans Herz legen, was ich eigentlich als den Empfindungsstrom habe durchziehen lassen wollen durch die Worte, die ich gerade in diesen Tagen über den übersinnlichen Menschen zu Ihnen gesprochen habe. Wenn wir solche Gedanken rege und warm in unseren Herzen behalten, dann werden wir ja auch immer beisammen sein können, wenn wir auch räumlich getrennt sind. Dann werden wir die Gelegenheiten, in denen wir wieder zusammen sein werden, sein lassen können Ausgangspunkte eines weiteren geistigen Zusammenseins. Dann wird uns ein solches physisches Zusammensein der Anlaß sein zu einem wirklichen geistigen Zusammensein. Möge ein solches geistiges Zusammensein zwischen uns allen sich wiederum fester und fester noch knüpfen als ein Ergebnis dessen, was wir zusammen in diesen Tagen erleben durften.



  1. Bei der am Nachmittag stattgefundenen Gründungsversammlung der holländischen Landesgesellschaft. ↩

German original of Review of the Inaugural Meeting of the Dutch National Society · ← Previous · Next →