The Fateful Year of 1923
GA 259 — 18 November 1923, The Hague
Ausführungen bei der Gründungsversammlung der holländischen Landesgesellschaft
Den Haag, 18. November 1923 (nachmittags)
[Ein Gesamtprotokoll der in Holländisch geführten Verhandlungen liegt nicht vor. Doch Rudolf Steiners verschiedene Voten wurden wie folgt festgehalten:]
Meine lieben Freunde! Soweit ich mit Hilfe der Interpreten den Gang der Verhandlungen verstehen kann, müssen doch jetzt zur Geschäftsordnung ein paar Worte gesagt werden.
Mir scheint absolut notwendig, daß der Beschluß, der eben gefaßt worden ist, am Ende der Verhandlungen gefaßt wird. Ich möchte also vorschlagen, den feierlichen Beschluß zu annullieren, die Verhandlungen über sich ergehen zu lassen und dann zu überlegen, ob der Entschluß gefaßt werden kann, die holländische Gesellschaft zu begründen.
Über den Charakter der zu begründenden Gesellschaft:
Meine lieben Freunde! Mir scheint, daß der nächste Gegenstand der Verhandlungen sein müßte die Konstituierung der Gesellschaft, und zwar in der Weise, daß das dann zu den Beschlüssen führen kann, die darin bestehen: die Gesellschaft als begründet zu erklären, den Generalsekretär zu wählen, den Vorstand zu wählen und so weiter. Aber es müssen da doch einige Erwägungen vorgehen über die Gründe, warum jetzt überhaupt in solche Verhandlungen eingetreten wird, wie sie den Inhalt dieser heutigen Verhandlungen bilden sollen.
Sie werden wissen, meine lieben Freunde, daß vor einiger Zeit der Gedanke auftauchen mußte, eine Internationale Anthroposophische Gesellschaft zu begründen, die ihren Mittelpunkt in Dornach hat. Wir haben ja allerdings in Dornach den tiefen Schmerz erlebt am Beginn dieses Jahres, die Stätte zu verlieren, auf die wir alles aufbauen wollten, was in Dornach geschehen soll. Aber wir hoffen auch, daß mit Hilfe unserer Freunde in aller Welt ein Wiederaufbau dieses Goetheanum in Dornach möglich sein wird. Ich will mich hier nicht verbreiten über die Tiefe des Schmerzes, der uns befallen hat wegen der Zerstörung des Goetheanum, denn wir wollen uns ja heute den positiven geschäftlichen Verhandlungen der Anthroposophischen Gesellschaft widmen. Allein der Gedanke, eine Internationale Anthroposophische Gesellschaft zu begründen, muß uns doch eigentlich zunächst erfüllen, und wir müssen über seine Bedeutung und seine Tragweite nachdenken.
Sie haben, meine lieben Freunde, gleich zu Beginn der heutigen Tagung eine Anzahl wirklich recht bedeutsamer Auseinandersetzungen gehört über einzelne Gebiete der Arbeit innerhalb der anthroposophischen Bewegung, zum Beispiel über die Absichten in bezug auf die eben begründete Klinik von Herrn Dr. Zeylmans und über die Bestrebungen in bezug auf die hier auch begründete, nach dem Muster der Waldorfschule lehrende Schule. An beiden Institutionen durfte ich in diesen Tagen zu meiner großen Befriedigung einen, wenn auch in der Zeit kurzen, aber um so innigeren Anteil nehmen. Ich möchte nur erwähnen, wie es in einer außerordentlich bedeutsamen Weise Herrn Dr. Zeylmans gelungen ist, eine verhältnismäßig ganz große Anzahl von Ärzten zu interessieren für unsere modernen medizinischen Bestrebungen, vor denen ich dann im Institut von Herrn Dr. Zeylmans zwei Vorträge über diese unsere medizinische Bewegung halten durfte [in GA 319]. Das ist ein Erfolg, der herbeigeführt worden ist durch das Gebiet unseres medizinischen Wirkens, der wirklich in der unmittelbaren Gegenwart nicht genug anerkannt werden kann und der eine ganz große, eine ungeheure Bedeutung hat.
Das zweite ist die Schule. Auch von der Schule ist ein ähnliches zu sagen. Die Schule durchdringt wirklich — soweit es nur möglich war, das bei den zwei Besuchen zu konstatieren —, die Schule durchdringt zielbewußtes Wollen und eine ganz kluge, verständige, weisheitsvolle Verwendung unseres pädagogischen Inhaltes, wie er aus der anthroposophischen Bewegung gefordert wird. Zielbewußtheit und schon ein ganz hoher Grad von Orientierungskunst auf unserem pädagogischen Gebiete, das tritt einem in dieser Schule entgegen. Hingebungsvolle Arbeit und Tüchtigkeit sind durchaus dasjenige, was einem sofort auffällt. Wenn wir dasjenige, was ja für unsere Schulbestrebungen ganz besonders neu ist, wenn wir die Pflege der Eurythmie an der hiesigen Schule ins Auge fassen, so darf ich gerade darüber auch eine tiefe, innige Befriedigung ausdrücken, denn die Sache durchdringt eine außerordentliche Hingebung, Opferwilligkeit und Tüchtigkeit. Das alles breitet wirklich etwas aus über die ganze Schule, so klein sie noch ist — sie wird ja hoffentlich größer werden —, was schon geeignet ist, Vertrauen einzuflößen.
Und gerade indem ich so etwas betone, meine lieben Freunde, möchte ich noch mit Bezug auf diese Dinge, wie in Parenthese, einige Einzelheiten hinzufügen, die mir aufgefallen sind. Sehen Sie, es wurde gesprochen über die angebliche Teuerheit der Heilmittel. Ja, die Sache liegt so, daß die Heilmittel eben gerade soviel kosten müssen als notwendig ist, um die Kosten der Herstellung, der Versendung und so weiter zu decken. Das ist immerhin gesünder - man muß ja auch bei der Medizin an die soziale und an die finanzielle Gesundheit denken, sonst ist man inkonsequent -, es ist viel gesünder, die Heilmittel so zu bezahlen, wie sie schon einmal kosten müssen nach den Herstellungskosten und so weiter, als sie geringer zu bezahlen und ein Defizit zu haben; das müßten Sie ja doch wieder bezahlen, wenn es nicht vom Monde herunter bezahlt werden soll. Das wären keine gesunden Verhältnisse. Diese Dinge müssen schon gerade bei uns so berücksichtigt werden, daß man für solche Fälle, daß dem einen oder anderen die Heilmittel zu teuer sind, einen Fonds gründet oder dergleichen, von dem aus dann diese Heilmittel bezahlt werden. Auch da müssen wir schon eine Art Vertrauen entwickeln, müssen dieses Vertrauen der Einsicht derjenigen entgegenbringen, die für diese Heilmittel arbeiten müssen. Dies nur in Parenthese.
Im ganzen wird sich doch aus den Darlegungen von Frau Mulder und Herrn Dr. Zeylmans dies mit aller Klarheit ergeben: Wo wir anfangen mit irgend etwas, was von vornherein einen überschaubaren Inhalt hat, den man in Begrenzung sehen kann, zeigt es sich gleich, daß wir weiterkommen, daß wir geistig wirken können. So, sehen Sie, geht es in den berechtigten Sondergebieten unserer anthroposophischen Bewegung.
Wir haben gesehen, wie in der letzten Zeit - und ich hoffe, das wird sich auch in Holland so ergeben — die Eurythmie ganz ungeheure Fortschritte gemacht hat. Es ist kaum möglich für Frau Dr. Steiner, alle die Wünsche, die in bezug auf das Sehen von eurythmischer Kunst überall in der Welt auftauchen, auch nur einigermaßen zu befriedigen. Wir haben auch hier jetzt während dieser Tagung gesehen, wie dasjenige, was wirklich tief notwendig ist in der anthroposophischen Bewegung, insbesondere wenn die Eurythmie auf der einen Seite, das Schulwesen auf der anderen Seite sich ausbreitet, wie die Kunst des Sprechens, das Deklamatorische, das Rezitatorische, Interesse entflammt hat und eigentlich fordert, daß es nun auch in entsprechender Weise gepflegt wird. Ich sagte schon: An dem Klinischen Institut und an der Schule sehen wir, wie dann, wenn wir eben einen substantiellen, überschaubaren Inhalt haben, wir auch vorwärtskommen.
Nun, sehen Sie, meine lieben Freunde, es ist ja so, daß alle diese einzelnen Bestrebungen nicht dasein könnten ohne die Zentralbestrebung, die dabei die Hauptsache doch bleibt: die anthroposophische Bewegung selbst. Alle gehen sie ja hervor, und alle müssen sie gespeist werden aus der anthroposophischen Bewegung selbst. Nun könnten wir geradezu eine Musteridee für das Wirken der Anthroposophischen Gesellschaft gewinnen aus dem Wirken dieser einzelnen Bestrebungen.
Man muß sich ja ganz offen und ehrlich aussprechen. Nehmen Sie einmal an, es besucht irgend jemand, der fachlich wenigstens denken will, die Schule, die hier begründet worden ist. Er wird überall achtgeben, ob dasjenige, was die Erziehungs- und Unterrichtskunst durchdringt, Aussicht hat, die Kinder wirklich vorwärtszubringen, die Kinder so ins Leben hineinzustellen, wie sie nach den gegenwärtigen Zeitforderungen hineingestellt werden müssen. Keinen Augenblick wird ihm einfallen - ich habe die Schule gesehen, ich kann das sagen -, keinen Augenblick wird ihm einfallen zu sagen: Das ist eine sektiererische Schule; da kann man nicht mitgehen, da wird sektiererisch gearbeitet.
Und gehen wir hinüber ins Klinische Institut. Gewiß, diejenigen, die diese beiden Vorträge in den letzten Tagen gehört haben, sie werden gewiß in mannigfaltiger Weise mit dem einen oder anderen, vielleicht auch mit dem Ganzen nicht einverstanden sein; das schadet nichts, das muß im Anfang einer Bewegung so sein; da muß man das Vertrauen haben zu dem, was eben die dahinterliegende Kraft ist. Aber mögen die Leute auch mit Einzelheiten oder mit dem Ganzen nicht einverstanden sein, den Eindruck, daß man es da mit einer medizinischen Sekte zu tun hat, den wird keiner der Teilnehmer irgendwie haben empfangen können. Das war ganz unmöglich. Ebensowenig wird man versucht sein, von sektiererischer Eurythmie, von sektiererischer Rezitation oder sektiererischer Deklamation zu reden.
Nun aber fragen wir uns, ob dasselbe gilt für die zentrale Bewegung, insofern sie in der Anthroposophischen Gesellschaft zentriert ist. Da bekommt eben gar mancher, der von außen hereinkommt, den Eindruck des Sektiererischen, desjenigen, was durchzogen ist von allem möglichen, von Fanatismus, von Eigensinn, von abstraktem Idealismus, von verschwommenem Mystizismus und so weiter, von allem möglichen, was ihm so riecht, wie es riecht in Sektengemeinschaften, geistig-seelisch. Ich sage das ja natürlich nur, weil die Sachen ausgesprochen werden müssen, nicht weil ich Vorwürfe machen möchte und dergleichen. Ich sage es auch nur, um sozusagen das Gegentableau, das sektiererische Gegentableau hinzustellen, weil ich betonen möchte: So, wie es in diesen einzelnen Bestrebungen, die ja so fruchtbar sind, ist, so müßte es eben in der Anthroposophischen Gesellschaft selber auch sein. Da müßte wirklich drinnen sein ein sachlicher, ein rein sachlicher, objektiver Geist, der als solcher sich dokumentiert vor der Welt.
Das lag zugrunde, meine lieben Freunde, der Idee, nunmehr von Dornach aus die Internationale Anthroposophische Gesellschaft zu begründen. Niemals habe ich etwas besser verstanden innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, als wenn mir zum Beispiel gesagt worden ist — und ich sehe auch hier Persönlichkeiten, die mir wiederholt so etwas sagten in den Jahren, in denen ich hier gewesen bin -: Ja, diese Anthroposophische Gesellschaft, sie kommt zusammen in kleineren Zirkeln und so weiter, aber wir brauchen noch etwas anderes. Wir brauchen zum Beispiel in Dornach eine Zentrale, in der in irgendeiner Weise, vielleicht durch ein Blatt oder durch etwas anderes, alles dasjenige bezeichnet wird, was einer, der der Anthroposophischen Gesellschaft angehört, wissen soll, wofür er sich interessieren soll. Das soll dann für die einzelnen Mitglieder erhältlich sein. - Wir waren bisher durch die Zerklüftetheit, die Zerspaltenheit, weil einer vom anderen nichts wissen konnte, eine Gesellschaft, von der auch andere nichts wissen konnten. Wir waren nicht in der Lage, dieser ganz berechtigten Forderung entgegenzukommen. Es ist eine von den Forderungen, die eben einfach erfüllt werden müssen.
Wir haben einmal in der letzten Zeit auf wissenschaftlichem Gebiete zwei eminent bedeutsame Entdeckungen, meinetwillen, sagen wir, zu verzeichnen. Ich will nur das hervorheben. Es sind zwei biologische Entdeckungen über die Milz und über die Wirksamkeit kleinster Entitäten. Ich will das jetzt nicht ausführen, aber es wäre interessant, wenn man einmal darüber abstimmen würde und alle die aufstehen würden, die noch nichts gehört haben von der Bedeutung dieser wissenschaftlichen Entdeckungen. Es muß wirklich bei uns so etwas geben, durch das man erfährt, was alles geschieht. Es geschieht ja ungeheuer viel in der Anthroposophischen Gesellschaft, aber der einzelne hat nicht einmal die Möglichkeit, die Dinge zu wissen. Ich empfand das, wie gesagt, als eine sehr berechtigte Forderung. Aber man kann das alles nur machen, wenn die Gesellschaft, so wie sie sein soll, da ist. Deshalb wurde der Entschluß gefaßt, die internationale Gesellschaft in Dornach so zu bilden - und das soll ja in den kommenden Weihnachtstagen geschehen -, daß sie solche Aufgaben erfüllen kann. Also nicht bloß äußerlich formell soll diese Gesellschaft dastehen, daß man also zum Beispiel einheitliche Mitgliedskarten hat, daß man Register hat, wo alle drinstehen, daß man eine Zentralstelle hat, wo alle bezahlen müssen und so weiter. Also nicht bloß in äußerlich formaler Weise soll eine Internationale Anthroposophische Gesellschaft dasein, sondern in einem organischen Zirkulieren desjenigen, was in ihr geschieht. Denken Sie sich nur, wenn sie einmal da ist in dieser Form, die Internationale .Anthroposophische Gesellschaft, dann werden unzählige Schwierigkeiten, die wir heute haben, einfach wegfallen.
Nun kann aber eine solche internationale Gesellschaft nur begründet werden in Dornach, wenn die einzelnen Ländergesellschaften zuerst zustande gekommen sind und ihre Delegierten nach Dornach schicken. Dann kann aus den Ländergesellschaften heraus die Internationale Anthroposophische Gesellschaft begründet werden. Das war der Grund, warum in meiner Anwesenheit in verschiedenen Ländern Landesgesellschaften begründet wurden. In Schweden haben wir ja längst eine [seit 1913]; in Norwegen ist eine während meines Aufenthaltes gegründet worden [im Mai 1923]; die Schweizerische Anthroposophische Gesellschaft und die englische sind begründet worden. In Italien wurde der Versuch gemacht. Die deutsche Anthroposophische Gesellschaft ist begründet worden. Die französische Anthroposophische Gesellschaft ist in etwas anderer Form begründet worden, das liegt in den Verhältnissen; sie ist dadurch begründet worden, daß von mir Mlle. Sauerwein als Generalsekretär ernannt worden ist. Also alle diese Landesgesellschaften sind begründet worden, und ich durfte rechnen bei meiner Anwesenheit hier auf die Begründung der holländischen Anthroposophischen Gesellschaft, die dann ihrerseits die mit allen möglichen Willensinhalten der gesamten Gesellschaft versehenen Delegierten zu Weihnachten nach Dornach schickt. Dadurch kommen wir dann zu einer Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft, die endlich einmal wirklich arbeitet.
Nun wird es sich heute zunächst darum handeln - in vollem Bewußtsein dessen, daß auch die ganze Anthroposophische Gesellschaft den Charakter tragen muß, den die einzelnen Bestrebungen, die Schule, die Medizin und so weiter tragen, die aus diesem Charakter heraus begründet wurden -, es wird sich darum handeln, daß man wirklich einmal draußen läßt alle sonstigen Differenzen und eben doch bedenkt, daß ja auch die anthroposophische Sache selber wirklich vor der Welt heute vertreten werden kann. Dazu ist natürlich notwendig, daß in der Leitung der einzelnen Landesgesellschaften die Persönlichkeiten bedacht sind darauf, so sachlich zu wirken, wie da auf den einzelnen Gebieten gewirkt wird. Man kann nicht sagen, daß auf den einzelnen Gebieten die führenden Persönlichkeiten nicht hinauskommen über ihre subjektiven Meinungen. Sie kommen hinein in das sachliche, inhaltsvolle Wirken. Das muß aber auch auf dem Gebiete der gesamten Anthroposophie geschehen. Und darum muß man sich zunächst verständigen über die Statuten, aus deren Inhalt hervorgehen muß: Die Anthroposophische Gesellschaft kann sich heute vor die Welt hinstellen in durchaus unsektiererischer Weise, so wie die einzelnen Bestrebungen. Auch über die Gestalt, über den Inhalt des Wirkens der Anthroposophischen Gesellschaft — daß das aus den Statuten hervorgeht — darüber wäre zunächst zu sprechen. Ich bin ja ganz der Meinung des einen Herrn, der hier gesprochen hat über Statuten oder so etwas. Mir sind ja die Statuten auch ein Greuel; aber darauf kommt es nicht an. Man könnte sich ja auch einfach über die Bedingungen der Anthroposophischen Gesellschaft verständigen, aber Statuten sind ja äußerlich einmal notwendig. Ich möchte sagen: Wenn ich selber zum Beispiel hier Holländer wäre unter Ihnen und wenn ich gefragt würde, ob ich Generalsekretär der holländischen Gesellschaft werden wolle und mich jetzt wählen lassen wolle, so würde ich sagen: Ja, erst muß ich hören, was diese Gesellschaft werden soll, wie sie aussehen soll; erst dann werde ich mich entschließen können, ob ich die Wahl annehmen will oder nicht. - Es ist selbstverständlich, daß nicht zuerst beschlossen werden kann, die Gesellschaft zu begründen, dann den Generalsekretär zu wählen - das alles muß am Ende der Verhandlungen stehen.
Also: Zuerst ist zu sprechen über den Inhalt der Statuten, über dasjenige, wodurch sich die Anthroposophische Gesellschaft in der Welt zeigen soll; wodurch sie zeigen soll, was sie will. Das muß sich ausgedrückt finden in formulierten Sätzen in den Statuten. Dann kann erst geschritten werden zur Wahl der Funktionäre. Zuerst die Konstituierung der Gesellschaft, dann die Wahl der Funktionäre, denn dann können die Funktionäre erst wissen, ob sie gewählt werden wollen.
Im Verlauf der Diskussion über die Statuten ergreift Rudolf Steiner das Wort:
Vielleicht kann ich etwas helfen, wenn ich einiges von dem sage, was ich auch vorhabe, zu Weihnachten in Dornach vorzubringen. Nehmen wir einmal Ihren Artikel 2: «Die Holländische Anthroposophische Gesellschaft will eine Menschengemeinschaft sein zur Pflege echter Geisteswerte der Gegenwart...» und so weiter. Das mag _Janun nachgebildet sein dem «Entwurf der Grundsätze einer Anthroposophischen Gesellschaft». Dieser Entwurf war zunächst gerichtet an diejenigen Persönlichkeiten, die dazumal in der Theosophischen Gesellschaft vorher waren und die sich entschließen sollten, eine Anthroposophische Gesellschaft zu begründen. Wer real denkt, der denkt ja immer aus den gegenwärtigen Verhältnissen heraus. Sie müssen sich also die Situation vorstellen des Überganges von der Theosophischen zu der Anthroposophischen Gesellschaft 1912/13. Da ist dieser Entwurf der Statuten als eine Anleitung geschrieben worden, aus dem ja erst Statuten hervorgehen sollten. Wenn man dann solche Statuten macht, die nun als fertige Statuten dienen sollen für diejenigen Menschen, die neu eintreten sollen, dann muß man vermeiden im Sinne dessen, was ich mir heute vormittag zu sagen erlaubte, den Eindruck hervorzurufen des Sektiererischen. Das ist eine Lebensfrage für die Anthroposophische Gesellschaft, daß das vermieden wird. Wenn man ein klassisches Beispiel liefern will dafür, wie man den Eindruck des Sektiererischen machen kann, dann macht man es eben so, daß man in Statuten diesen Artikel 2 und diesen Artikel 3 unmittelbar nach der Namengebung anbringt. So kann man es aber in Statuten nicht machen. Man muß in Statuten etwas weltmännischer reden. Jeder stößt sich sogleich daran, wenn er eine solche Stilisierung findet: «Die Holländische Anthroposophische Gesellschaft will eine Menschengemeinschaft sein...» und so weiter. Erstens ist damit nichts gesagt, denn jeder hält diejenigen Geisteswerte schon ohne weiteres für die echten Geisteswerte der Gegenwart, die er anerkennt. Also, erstens ist nichts Besonderes damit gesagt; aber zweitens macht es den Eindruck, daß man eine Sekte ist. Sie müssen ja auch in Erwägung ziehen: Die Theosophische Gesellschaft war eine Sekte, ist es heute noch; die Anthroposophische Gesellschaft soll es nicht sein und kann es nicht sein nach ihrem ganzen Inhalt. $o ist es auch nicht zu verwundern, daß der damalige Entwurf der Statuten erst sanft und gelinde [sich] herausarbeitet aus der sektiererischen Gesinnung der Theosophischen Gesellschaft.
Aber heute sind wir doch schon wiederum mehr als zehn Jahre weitergekommen als damals, wo dieser Entwurf niedergeschrieben wurde. So daß ich meine, es wird notwendig sein, wirklich diesen Statuten —- ich muß das Wort noch einmal gebrauchen - einen weltmännischeren Stil zu geben. Ich habe mir die Sache auch noch nicht gründlich überlegt, weil ich erst Weihnachten darüber sprechen sollte. Ich möchte die Dinge immer ehrlich sagen. Es ist nicht richtig, zu sagen, es solle in Dornach erst verhandelt werden und es hätte keinen Zweck, alles festzulegen. In Dornach sollen die einzelnen Ländergesellschaften mit ganz fertigen Statuten kommen. Also das Richtige ist, schon heute die Statuten bis zum I-Tüpfelchen festzustellen.
Ich würde Ihnen vorschlagen, aber natürlich nur der Richtung nach, versuchen Sie den Stil der Statuten etwa in der Richtung zu halten: «Die Holländische Anthroposophische Gesellschaft soll die Aufgabe haben, ein geistiges Leben in der Art zu pflegen, wie dies von der Gründungsversammlung am 18. November 1923 zu Haag im wesentlichen als richtig angesehen wird.» — Da haben Sie einen positiven Ausgangspunkt. Da sagen Sie: Wir haben heute eine Meinung, und die Anthroposophische Gesellschaft soll diejenige Gesellschaft sein, die dann diese Meinung weiterführt. «Die hier versammelten Persönlichkeiten sind der Ansicht, daß in der heute schon in weitem Umfange vorhandenen anthroposophischen Geisteswissenschaft etwas vorliegt, das auf die geistigen und physischen Seiten der Zivilisation und des einzelnen menschlichen Lebens einen noch größeren Einfluß haben kann als die Ergebnisse der Naturforschung, der Naturwissenschaft auf die materiellen und technischen Seiten.» Dann müßte man etwa in Parenthese sagen: «Unter diesen Ergebnissen, die hervorgehen werden aus dem hier Intendierten, wird sein: ein wirkliches Menschenzusammenwirken in den Zivilisationen im Sinne von Brüderlichkeit; ein wirkliches Verstehen der auseinander sich ergebenden, äußerlich differenzierenden Weltanschauungen; die Gewinnung der eigenen, individuellen Weltanschauung durch das Verständnis der verschiedenen Religionen und Weltanschauungen und ein wirkliches Verständnis des geistigen Kernes in allen Wesen und in allen Vorgängen.»
In dieser Art ungefähr könnte man in weltmännischer Weise etwas sagen, wobei kein Mensch daran denkt, du kommst in eine Sekte hinein, weil das so klingt, wie überhaupt solche Dinge in anderen Vereinigungen klingen, zum Beispiel in Naturforscherversammlungen. Aber in dem Augenblick, wo Sie den Leuten etwas sagen, was schon eine Theorie ist, indem Augenblick macht das den Eindruck des Sektiererischen. Es ist schon eine Theorie, zu sagen: «Jeder, der ein wahrhaftiges Interesse hat...» und so weiter. Da ist ja schon ein ganzer Umfang von Dogmatismus darinnen. Wer das liest als Außenstehender, der muß ja denken: Ich komme da bis über den Kopf in das Wasser des Sektiererischen hinein. — Und das muß man streng vermeiden. Sonst werden Sie es weiter erleben, daß die anthroposophische Bewegung nicht mehr aufzuhalten ist, daß aber die Anthroposophische Gesellschaft nicht mehr imstande ist, zu fassen, was in der anthroposophischen Bewegung enthalten ist. Die Anthroposophischen Gesellschaften machen vielfach auf die Welt den Eindruck von kleinen Sekten. Das ist die anthroposophische Bewegung nicht.
In der Art möchte ich empfehlen, über die Sache nachzudenken. Man kann natürlich alles hineinbringen, aber es handelt sich um das «Wie», wie man es hineinbringt. Die drei Punkte müssen hinein, Herr van Leer hat recht, aber wie müssen sie hinein. Man muß es so abfassen, daß niemand Anstoß daran nehmen kann, daß es nicht sektiererisch klingt. Damit wäre also der Artikel 2 gegeben.
Der Artikel 3 müßte weitherzig gefaßt sein, so, daß man gewiß im einzelnen Falle unerwünschte Ansucher abhalten kann, aber auch so, daß nicht immer gerade diejenigen Leute abgehalten werden, die eigentlich am besten in der Gesellschaft drinnen wären. Es werden heute wirklich viele Leute abgehalten, in die Gesellschaft einzutreten, dadurch, daß man ihnen in einer bestimmten Weise entgegenkommt von den Vorständen. Sie können nicht eintreten, wenn man sie so mit Aufnahmebedingungen traktiert, wie es heute vielfach geschieht. Das lassen sich die Leute nicht gefallen, da treten sie eben nicht bei. Es soll nicht getadelt, noch irgend jemand getroffen werden, aber ich muß doch Folgendes sagen: Da werden Einführungskurse gehalten, in denen einfach dasjenige gesagt wird, was in diesem oder jenem Buche oder Zyklus steht. Dann kommt jemand, der wirklich durch sein sonstiges Leben reichlich die Bildung hat, durch die er zu uns gehören kann, und es wird ihm gesagt: Ja, du hast aber keinen Einführungskurs durchgemacht. — Meine lieben Freunde, wenn solch eine Sache von der Gesellschaft gemacht werden kann, dann wird sie niemals wachsen, wie sie wachsen soll. Ich möchte in dieser Richtung die Diskussion jetzt orientieren, nicht etwa mit dem Gesagten Bestimmtes geben.
Der Schwerpunkt des Artikels 3 müßte in dem Modus für die Aufnahme der Mitglieder liegen, für die Mitgliedschaft. Der Artikel 2 müßte so gestaltet werden, wie ich es eben charakterisiert habe, daß er einen weltmännischen Charakter hat. Aber der Artikel 3 muß dann eine gewisse Richtung geben für den ganzen Charakter der Gesellschaft. Es muß also etwas in den Statuten schon enthalten sein, wodurch bestimmt werden kann, wer Mitglied werden kann. Aber auch das wieder in einer möglichst toleranten, liberalen, wiederum weltmännischen Form. Alles das sind aber nur Hinweise, nicht einmal Vorschläge. Ich lege großen Wert darauf, daß alles, was in den Statuten der Landesgesellschaften steht, nicht von mir kommt, sondern von den Landesgesellschaften selber. Ich möchte nur eingreifen und helfen, wenn die Diskussion stockt.
Ich meine also, es müßte dann naturgemäß in den Statuten enthalten sein: «Die hier charakterisierten Bestrebungen haben ihren Mittelpunkt in alledem, was in wissenschaftlicher, medizinischer, in künstlerischer, in religiöser Beziehung ausgeht vom Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, und daran angeknüpft werden kann.» Wenn Sie diesen Paragraphen in irgendeiner Fassung drinnen haben, dann haben Sie als aufnehmende Vertrauenspersönlichkeit ein Recht, jemanden abzuweisen, der vielleicht sagt: Ich habe ein Bestreben, das Geistesleben zu pflegen, aber Dornach sehe ich als einen Dreck an. — Also eine gewisse Richtung muß schon angegeben sein. Es genügt nicht, daß man nur sagt: Die Aufnahme erfolgt durch Vertrauenspersönlichkeiten. — Es kann nicht einfach Willkür herrschen. Solch ein Paragraph müßte sich anschließen, und dann könnte man sagen: Jeder, der ein Interesse hat für die hier charakterisierten Bestrebungen, kann sich zur Mitgliedschaft melden. Die Aufnahme erfolgt so und so - bitte das so zu wählen, wie es die Landesgesellschaften für richtig halten. So ungefähr müßte sich das Denken bewegen; denn man muß doch irgend etwas sagen in den Statuten.
Es kommt wirklich bei solchen Dingen auf die Stlisierung an. Bedenken Sie, was es für ein Unterschied ist, ob Sie einen persönlichen Namen gebrauchen, wie in Artikel 2, oder ob Sie sagen: «Die charakterisierten Bestrebungen haben ihren Mittelpunkt in alledem...» und so weiter. Es gibt zahlreiche Menschen, denen es gar nicht einfallen würde, sich einer Bewegung anzuschließen, die sich auf einen Namen gründet. Prinzipiell tun sie es nicht. Bei der eben angegebenen Stilisierung wird kein Mensch vor dem Passus zurückschrecken. Wer zurückschreckt vor dieser Fassung, den können wir auch wirklich nicht gebrauchen. Solche Sachen müssen wir wissen und berücksichtigen, sonst lebt man außerhalb der Wirklichkeit, wenn man Statuten macht.
Über das Amt des Generalsekretärs:
Das Amt des Generalsekretärs.der Landesgesellschaften ist ein eminent wichtiges Amt, und selbst, wenn es das heute noch nicht wäre, so müßte es das doch werden. Es obliegen dem Generalsekretär zweierlei Verpflichtungen: Erstens die gesamte Repräsentation der Anthroposophischen Landesgesellschaft gegenüber den eigenen Mitgliedern; zweitens die Repräsentation der Landesgesellschaft gegenüber der Leitung der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach. Dazu kommt aber ein Drittes, eine absolut notwendige
Stenographische Notizen Rudolf Steiners auf dem Blatt 1 «Vorläufiger Entwurf der Statuten einer Holländischen Anthroposophischen Gesellschaft».
Die Holländische Anthroposophische Gesellschaft soll die Aufgabe haben, die Ergebnisse der heute schon bestehenden anthroposophischen Geisteswissenschaft, die durch ihre Natur eine noch weit größere Bedeutung für das Leben haben können als die für die moderne Zivilisation so fruchtbaren Naturwissenschaften, zu ihrer Wirksamkeit in der Welt zu bringen.
Die Holländische Anthroposophische Gesellschaft will ihre Wirksamkeit in dem Sinne entfalten, wie es der Versammlung ihrer Begründer... [Punkte im Original] entspricht. Diese kennen die heute schon in weitem Umfang vorhandenen Ergebnisse der anthroposophischen Geisteswissenschaft für die Entwicklung der mehr geistigen Seite der menschlichen Zivilisation und des einzelnen menschlichen Lebens.
Langschriftliche Hinzufügungen von unbekannter Hand:
Gemeinschaft der Vertrauenspersönlichkeit einer Gruppe
Die Vertreter der Gruppen werden von den Gruppen für mindestens ein Jahr ernannt
Sache, wenn die Gesellschaft wieder blühen soll. Der Generalsekretär muß eine Persönlichkeit werden in den einzelnen Landesgesellschaften, die man kennt, die man nennt, wenn man die Gesellschaft nennt. Daraus folgt, daß er nicht auf kurze Zeit ernannt werden kann, sondern daß er eigentlich auf eine möglichst lange Zeit hin wirken soll. Nun haben Sie heute, so daß es, wie mir scheint, sogar Inhalt der Statuten werden soll, Herrn Dr. Zeylmans zum Generalsekretär erwählt. Nun müßte also für dieses Amt des Generalsekretärs sich zunächst ein entsprechender Statuten-Paragraph vorfinden. Es müßte ungefähr folgendes dastehen: «Das Amt des Generalsekretärs gilt auf unbestimmte Zeit und kann nur aufhören: 1. bei eigener Demission; 2. wenn die Majorität der Mitglieder der Holländischen Anthroposophischen Gesellschaft mit dem Generalsekretär nicht mehr einverstanden ist; 3. wenn von der Leitung der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft in Dornach Einspruch erhoben wird.»
Über das Verhältnis zwischen den Landesgesellschaften und der internationalen Gesellschaftsleitung:
Es ist besser, die ganzen Paragraphen und Formulierungen von internationaler Leitung und so weiter wegzulassen. Die Landesgesellschaften selbst, die müssen auf irgendeine Weise zutage treten aus den Statuten. Die Landesgesellschaften werden ja formiert vor der Begründung der internationalen Gesellschaft in Dornach. Diese internationale Gesellschaft soll ja erst entstehen auf Grundlage der Landesgesellschaften. Daher sollte aus diesen Statuten hervorgehen, daß die heutige Gründungsversammlung designiert den Vorstand. Und dann muß wiederum ausgedrückt werden, wie auch beim Generalsekretär, wie lange der Vorstand bleibt. Und bezüglich der Erweiterung des Vorstandes sollte dann etwas gesagt werden. Der heutige Vorstand wird aus der souveränen Gründungsversammlung heraus designiert, da braucht es keine Anerkennung der internationalen Leitung. Aber dann könnte vielleicht dastehen: «Der Vorstand kann kooptiert werden; er kann erweitert werden durch eine Versammlung von Mitgliedern, bei der wenigstens soundso viele Mitglieder versammelt sind mit einer Majorität von soundso viel.» — Meinetwillen könnten Sie auch sagen: «Der Vorstand kann erweitert werden durch Ernennung seitens des bisherigen Vorstandes...» und so weiter: «Die Wahl oder Ernennung zukünftiger Vorstandsmitglieder gilt, wenn von seiten der internationalen Leitung in Dornach kein Einspruch erhoben wird.» — Es ist meine Meinung, daß das etwas zu weitgehend sein würde, aber wenn Sie es wollen, können Sie es so machen. Es ist in gewisser Beziehung gut, wenn, falls einmal die internationale Gesellschaft da ist, die Zusammengehörigkeit auch dadurch zum Ausdruck kommt, daß die internationale Leitung ein Veto einlegen kann gegen eine Ernennung, daß sie aber kein positives Mitbestimmungsrecht hat. Ein Einspruchsrecht ist ja ganz was anderes als ein positives Mitbestimmungsrecht.