An Marie Steiner in Berlin

GA 259 — 25 November 1923, Dornach

An Marie Steiner in Berlin
Sonntag, 25. November 1923

Dornach, 25. Nov. 1923

Meine liebe Maus,

Dank für die Briefe. Den letzten [Nr. 165] hat Frl. Vreede gestern gebracht. Hoffentlich bist Du bald aus dem Gröbsten des Aufarbeitens heraus. Meine Briefe wirst Du mittlerweile nun auch bekommen haben. Gestern abends sind die Eurythmiespieler angekommen und berichten über Erfolge in ähnlicher Art wie es in dem Telegramm stand, von dem ich geschrieben habe.

Nun besteht noch eine Unklarheit wegen der Weihnachtspielaufführung in Schaffhausen. Ich habe geglaubt, dass das alles abgesagt sei. Nun aber sagt mir Käthe [Mitscher], dass Gnädinger1 nun doch eine Aufführung für den 16. Dezember in Schaffhausen angesetzt haben will. Bitte schreibe mir ein Wort darüber, ob ich für die Weihnachtspiele etwas Proben vorbereiten soll, bevor Du kommst. Für die Aufführung, von der Du schreibst, für nächsten Sonntag werde ich sorgen.

Nun ein recht Unangenehmes. Von Del Monte sind eben zwei Briefe angekommen, einer an Dich, einer an Waller. Darin wird gesagt, dass Du gebeten wirst, für das Eurythmeum in Stuttgart sogleich weitere 20 000 Fr. zur Verfügung zu stellen; Waller für ihr Haus 12 000 Fr. Waller ist wütend, hat kategorisch erklärt, dass sie das nicht tue und hat telegraphiert, dass sie ihren Bau unter solchen Umständen nicht weiter führe. Heute ist sie zunächst nach Winterthur zur Schwester gefahren. Ich weiß nicht, ob sie morgen nach Stuttgart fährt. Sie hat Angst, weil dann Del Monte und Schmid2 sie um das Weiterbauen bestürmen werden. Übrigens haben die Leute ohnehin schon die zur Verfügung gestellten Mittel überschritten, und bei Stammer3 auf Deinen und Wallers Namen Schulden gemacht.

Ich finde das alles empörend. Denn man konnte, wie ich beim Beginne des Baues sagte, auf die Schmid’sche Berechnung keinen Pfifferling geben. Wenn Du nach Stuttgart kommst, wird Dir das «System Stuttgart»4 klar zu machen suchen, dass das alles so sein muss, weil 1914 der Liter Milch 18 Pfennige gekostet hat und er jetzt 32 Goldpfennige5 kostet. Doch ist das alles Unsinn; und alle Projektierungen, die man dort macht, sind eben Wischiwaschi. —

Spiller6 hat um das Folgende gefragt: Goldacker will irgendwo in Zürich ihre Gedichte vortragen und Spiller - ich weiß nicht, ob noch wer - will sie dazu eurythmisierend begleiten. Sie sagt sogar, dass sie dazu schon geübt hat. Ich sagte ihr: ich müsse mich erst mit Dir besprechen. Nun soll aber das Zeug schon Sonntag losgehen. Wenn Du nichts Besonderes dagegen hast, so glaube ich, man lässt die Spiller da machen, was sie will. Doch werde ich ihr nichts sagen, bis ich von Dir ein Wort gehört habe.

Ich habe hier viel Sorge. Ich muss diese Tage mit dem Entschluss fertig werden, in welchem Umfang das Goetheanum wieder gebaut werden soll und das ist schwer, weil man so gar nicht sagen kann, wie es mit den Mitteln stehen wird. Alles ist recht schwer. . Gerne wäre ich auch dort in Berlin. Nun werden wir sehen, was Du schreibst über die nächsten Tage.

Allerherzlichst Rudolf Steiner



  1. Franz Gnädinger (1894-1971), ab 1928 als Priester der Christengemeinschaft in der Schweiz tätig. ↩

  2. Dr. Carl Schmid (gest. 1931), verheiratet mit Hilda Curtius, Mitglied seit Oktober 1907, Architekt des ersten Stuttgarter Gesellschaftshauses, Landhausstr. 70, und von 1911-1914 erster Architekt des Bauprojektes München-Dornach. ↩

  3. Hans Heinrich Carl Stammer (1886-1956), Leiter des Bankhauses H. Stammer & Co., Stuttgart, das von 1922-1924 mit der «Kommende Tag AG.» verbunden war. ↩

  4. Von Rudolf Steiner gebrauchte Bezeichnung für die führenden Mitglieder in Stuttgart. ↩

  5. Die Goldmark war eine Rechnungseinheit während der Inflationszeit in Deutschland, entsprach der Mark vor dem Kriege, definiert als der 2790. Teil des Kilogramms Feingold, also 100 GM = 35,8423 g Feingold. ↩

  6. Agnes Spiller, Eurythmistin in Dornach. Goldacker: Dagmar v. Goldacker, Mitglied im Berliner Zweig seit Februar 1911. ↩

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