An Marie Steiner in Berlin

GA 259 — 6 December 1923, Dornach

An Marie Steiner in Berlin
Donnerstag, 6. Dezember 1923

Dornach, 6. Dezember 1923 Meine liebe Maus!

In Bezug auf Meyer bin ich mit allem einverstanden, was Du getan hast und in diesem Sinne weiter tust. Auch für den Fall, dass er gleich niederlegt, bin ich der Ansicht, dass man, nach allem, was geschehen ist, dies hinnehmen muss und ihm weiter sagen, was nötig ist. Also Du kannst vollkommen frei tun, was Du für richtig hältst.

Die Dinge, die Du schreibst, sind ja alle greulich. Und ich bedaure, dass Du das alles durchmachen musst. Am meisten, dass Du solange in Berlin festgehalten bist. Nun hat aber Meyer in Berlin auch einen leichten Stand gehabt. Denn er steht im Grunde, so groß auch der Zweig ist, lauter Nullen gegenüber. Oder, was z.B. Büttner betrifft, Menschen, die wegen ihrer Unbesonnenheit Nullen gleichkommen. Natürlich muss man dennoch mit diesen Nullen einen neuen Vorstand bilden. Man kann gar nicht anders. Dass aber diese Leute, wie z. B. Münch etwas leisten werden, kann nicht angenommen werden. Meyer ist ein unbewusster Intrigant, ein bodenloser Schwätzer und versteht — wie auch sein erster Vortrag gewesen sein mag — von all den in Betracht kommenden Dingen doch eigentlich nicht die wahre Grundlage. Er ist auch gar nicht im wirklichen Sinne wissenschaftlich durchgebildet. Aber er schwätzt eben mit Oberflächen-Wissenschaft; und er hat sich im Reden Allüren angewöhnt, von denen die «Wissenschaftler» glauben, dass sie den ihrigen ähnlich sind. Daher hört man ihm zu. Er ist im Grunde als Vortragender noch schädlicher denn als Vorsitzender. Das natürlich sagt nicht, dass er als Vorsitzender weiter brauchbar ist. Er sollte so schnell als möglich gehen nach der Art, wie er sich jetzt benommen hat. Aber die andern sind auch nicht brauchbar. Aber wo können wir denn überhaupt nur mit brauchbaren Menschen arbeiten? -— Dass Du über Dr. Unger Gutes schreibst, freut mich gewiss. Er gibt sich jetzt alle Mühe. Und ich will der erste sein, der dies anerkennt. Zur Leitung aber der anthroposophischen Gesellschaft in dem Sinne, was diese jetzt durch die anthroposophische Bewegung geworden ist, kann er auch dadurch nicht geeignet werden, dass er, wenn er einmal irgend wohin kommt, die Dinge sagt, die man erst selbst in unzähligen Sitzungen einbleuen musste. Das reicht dann für ein paar Vorträge, weiter nicht. Es würde nur weiter reichen, wenn reales eigenes Nachdenken dahinter steckte. Das ist aber eben doch auch jetzt nicht der Fall. Doch betrachte ich das alles als mein Amtsgeheimnis.

Real wirken werden nur die Dinge, hinter denen Kraft steckt. Das ist der Fall da, wo wie in den Sprechkursen, in der Eurythmie und anderem eben Reales gegeben wird. Deshalb freut es mich herzlich, dass Du mit dem Sprechkursus so großen Erfolg gehabt hast und dass Du so schnell eine Eurythmievorstellung zustande gebracht hast. Gewiss, zu alledem ist die anthroposophische Gesellschaft notwendig. Aber sie wird verfallen, wenn nicht neues Blut in sie hineinkommt. Das wird nicht hineinkommen, solange die, die drin sind, abschreckend wirken. Die Leute von außen kommen da nicht. Trotzdem kann man nichts anderes tun, als mit den Leuten, die nun einmal da sind, arbeiten und, wenn die Leute so zweifelhaft werden wie Meyer, sie eben abwimmeln.

Zur Angelegenheit des Bücherlagers in Berlin. Ich bin damit einverstanden; nur bitte ich Dich, zu bedenken, ob die Rath’sche Buchhandlung nicht die Fortsetzung der des Judge-Theosophen Rath1 ist. Ich kann das nicht wissen. Wenn es der Fall wäre, so schiene mir die Sache doch recht bedenklich. Aber ein Bücherlager sollte schon in Deutschland sein. Und die Frage wäre doch zu erwägen, wenn nicht Rath-Schmidt taugt, ob man das Lager nicht dem Kommenden Tag-Verlag in Stuttgart nur in Kommission geben wollte. Doch wäre, wenn’s ginge, Rath besser.

Die Weihnachtsspielproben werden wir machen. Die Aufführung in Schaffhausen ist angesetzt. Wenn es geht, noch im Advent hier zu spielen, so soll es geschehen.

Die Sache mit dem Eurythmieraum für ein Massenquartier werde ich nun unterlassen nach dem, was Du schreibst. Ich denke auch daran, dass der Saal, der gerade dann eben brauchbar wird, für Eurythmieproben sehr notwendig sein wird. Aber das rechtzeitige Fertigstellen des Brodbeckhauses — das sehe ich voraus — wird doch nicht gehen, was auch Aisenpreis2 verspricht. Ich kann nur mit dem rechnen, was ich selber sehe. Nun aber habe ich wegen der Bücher einen Plan gehegt, den ich Dir auch gleichzeitig telegraphisch vorlege. Wenn es nötig sein sollte, ein dauerndes Bücherlager zu haben, so könnte ich vom Goetheanum aus jetzt gleich einen Schuppen bauen lassen. Der könnte neben dem Glashaus stehen gegen hinauf zu auf dem Wege zur Schreinerei. Das könnte bis zu der Zeit fertig sein, wo die Bücher hier ankommen, wenn das erst Anfang Januar ist. Du wirst den Plan phantastisch finden. Doch könnte es sonst in der Tat passieren, dass für die Bücher schwer Raum zu finden wäre, wenn sie ankommen, so lange wir im Haus Hansi sein müssen. Ich denke mir, dass in dem Schuppen das dauernde Lager und im Haus Hansi später die Büro- und Versandräume sein werden. Doch tue ich solches natürlich nur, wenn Du einverstanden bist, und wenn man das Bücherlager genug: versichern kann. Aber, das kannst Du versichert sein, Raum für die Zeit, wo etwa die Bücher noch nicht im Haus Hansi sein können, werde ich unter allen Umständen schaffen. Mir graut nur auch davor, dass dann wieder alles von der Ablagerungsstätte nach Haus Hansi geschafft werden muss.

Noch einmal: ich bin betrübt, dass Du so lange in Berlin aufgehalten bist, dass Du so viele unangenehme Sachen gehabt hast; aber es freut mich, dass es mit dem Sprechkursus so gut gegangen ist.

Die Sache mit dem Eurythmieraum, die ich, wie gesagt, nun nicht mache, habe ich Dir nur vorgeschlagen, weil hier wirklich vorläufig niemand weiß, wie man die phantastisch große Zahl von Teilnehmern unterbringen wird. Von Deutschland allein sind 200 Leute gemeldet, für die alle noch kein Quartier da ist, ganz zu geschweigen, dass wir auch kein Geld haben, um die Quartiere für diese NichtZahlenden zu bestreiten. Und doch hängt jetzt alles davon ab, dass die Weihnachtsveranstaltung am Jahrtage des Brandes eine würdige werde, auch durch die Zahl der Teilnehmer. Wenn das nicht der Fall sein würde, so hielte ich es für das beste, überhaupt nicht mehr zu bauen. Nach den bitteren Versammlungen in London und Haag3 kann es doch hier gut gehen; aber man muss auch alles dafür tun.

Allerherzlichste Grüße Dein Rudolf Steiner



  1. Der Anhänger der Leipziger Gesellschaft, den Rudolf Steiner im Sinn hatte, hieß Paul Raatz. ↩

  2. Ernst Aisenpreis (1884-1949), Mitglied seit 1908, ab Sommer 1914 leitender Architekt an den beiden Goetheanum-Bauten. ↩

  3. Bei der Gründung der englischen und der holländischen Landesgesellschaft im September bzw. November 1923. (GA 259). ↩

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