The Fateful Year of 1923
GA 259 — 22 December 1923, Dornach
Rudolf Steiner gibt in Dornach erstmals offiziell seinen Vorschlag zur Vorstandsbesetzung bekannt
Dornach, 22. Dezember 1923 Einleitende Worte vor dem Abendvortrag
Meine lieben Freunde! Auch ich muß mit verschiedenen Anliegen kommen,1 die im Zusammenhange stehen mit der Delegiertenversammlung. Zum Teil sind die Dinge von mir schon vorgebracht worden. Auch diejenigen Dinge, die ich schon vorgebracht habe, werde ich noch einmal vorbringen, weil ja jeden Tag neue Freunde hier ankommen.
Das erste, daß wir ja genötigt sein werden, wegen des erfreulichen, außerordentlich großen Besuches hier einen Anbau - ich sagte schon gestern eine Art von «innerer, interner Villa» — zu machen, um die Möglichkeit herbeizuführen, daß alle Besucher wirklich zuhören können bei denjenigen Dingen, die nun einmal gebracht werden können in diesen Tagen.
Dann würde ich aber auch bitten, das zu berücksichtigen, daß die zwei ersten Reihen diesmal ausnahmslos reserviert bleiben sollen für alle diejenigen Freunde, welche irgendwie schwerhörig oder lahm oder dergleichen sind und die diese Reihen brauchen.
Dann würde ich aber im Zusammenhange damit ganz besonders bitten, diesmal zu beachten, daß wir ja genötigt sind, wegen des großen Besuches die Stühle an ihre Plätze zu stellen, und darauf angewiesen sind, daß die Stühle auf ihren Plätzen bleiben. Also, es wird gebeten schon aus feuerpolizeilichen Gründen müssen wir freie Plätze herstellen —, es wird gebeten, dasjenige nicht zu machen, was sonst geschieht nach Vorträgen hier; also daß jeder Stuhl an dem Platz stehen bleibt, wo er gestanden ist.
Weiter bitte ich zu beachten, daß die Räume immer erst eine halbe Stunde vor einer Veranstaltung geöffnet und eine halbe Stunde nach der Veranstaltung geschlossen werden. Es geht eben anders nicht.
Ich möchte auch noch einmal erwähnen, daß wir auch darauf angewiesen sind, eine genaue Kontrolle auszuüben diesmal; deshalb müssen auch schon die älteren Freunde es sich gefallen lassen, bei dem Eintreten die Mitgliedskarte vorzuweisen. Man kann sonst sehr schwer sagen, wer soll sie nicht und wer soll sie vorweisen. Ich sagte schon gestern, es kommt ja nicht vor, aber wenn es doch vorgekommen sein sollte, daß irgend jemand die Mitgliedskarte vergessen hat, so bitte ich, eine Interimskarte sich ausstellen zu lassen, die man jedesmal vorweist, wenn man überhaupt hereingeht.
Dann möchte ich noch darauf hinweisen, daß morgen um fünf Uhr eine Eurythmievorstellung hier stattfindet. Diese Vorstellungen, die Eurythmievorstellung und die Weihnachtsspielvorstellung, die können natürlich immer nur vor einem kleineren Kreise abgehalten werden. Nun wird ja schon dadurch, daß das meiste zweimal ist, gesorgt werden dafür, wenn einiges Entgegenkommen da ist von den Freunden, daß jeder die Vorstellungen besuchen kann. Morgen werden zunächst so viele Karten ausgegeben werden für Plätze, von denen man was sieht. Und dann sollen sich die Freunde, welche morgen nicht Karten bekommen können, eben sich bemühen und sagen, diese morgige Vorstellung wird am Freitag, dem 28. Dezember, wiederholt, so daß alle Gelegenheit haben werden, sie zu sehen. Aber ich bitte wirklich, das jetzt nicht zur Veranlassung zu nehmen, daß morgen kein Mensch kommt und sich etwa dann sagt: Wir sehen’s dann am nächsten Freitag. — Also, ich bitte schon, es trotz des Schnees und so weiter auf sich zu nehmen, daß man, wenn man zu spät kommt, halt keine Karten mehr bekommt. Also, morgen um fünf Uhr.
Dann, meine verehrten Anwesenden, habe ich noch etwas vorzubringen gerade mit Rücksicht auf dasjenige, was eben sich abspielen sollin.den Tagen, in denen hier unsere Delegiertenversammlung ist. Es wird ja diese Delegiertenversammlung die Anthroposophische Gesellschaft zu gestalten haben, und diese Gestaltung wird jetzt schon eine solche werden müssen, meine lieben Freunde, daß diese Anthroposophische Gesellschaft die Bedingungen erfüllt, die eben einfach sich aus den heutigen Verhältnissen heraus ergeben. Und da muß ich sagen, es muß diese Weihnachtsversammlung so ablaufen, daß man sich von ihr versprechen kann: Nun wird eine arbeitsfähige Anthroposophische Gesellschaft entstehen. — Ich muß schon sagen, wenn diese Aussicht nicht vorhanden sein sollte, so würde ich doch nun einmal müssen jene Konsequenzen ziehen, von denen ich wiederholt gesprochen habe. Daher betrachte ich das, was während und durch diese Weihnachtsveranstaltung zu geschehen hat für die Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft, der vorangegangen sind die [Begründungen der] Ländergesellschaften, als etwas außerordentlich Seriöses und etwas außerordentlich Bedeutungsvolles. So daß tatsächlich hier in Dornach wird etwas geschaffen werden müssen, was dann einfach durch seinen Bestand selber real ist. Über das Eigentliche werde ich ja zu sprechen haben bei der Eröffnungsversammlung, die am nächsten Montag stattfindet; aber was heute schon gesagt werden muß — weil auch schon der, ich möchte sagen, Urbeginn so geschehen muß, daß man sieht: Es wird jetzt aus anderem Grundtone heraus gehen in der Anthroposophischen Gesellschaft, die da begründet wird -, das ist, daß zunächst schon, und zwar von dem morgigen Tag ab, wo ja die meisten der Freunde da sein werden, die diese Gesellschaft mitbegründen wollen, ein Probevorstand, der aber im Laufe der allernächsten Tage der definitive Vorstand werden muß, da sei, der als solcher wirklich arbeiten kann. Und wirklich, meine lieben Freunde, ich habe mich mit der Frage, wie nun die Gesellschaft zu gestalten ist, in der letzten Zeit viel, viel beschäftigt. Ich habe ja auch manche Begründungen von Ländergesellschaften mitgemacht, mancherlei erfahren, was jetzt unter den Mitgliedern lebt und so weiter, und ich habe mich recht gründlich beschäftigt mit dem, was unmittelbar in der nächsten Zeit notwendig ist. Und da möchte ich heute zunächst eben meine Vorschläge vorbringen, präliminarisch zunächst, weil einfach die Sache schon da sein muß, bevor man beginnt.
Sehen Sie, es kann nicht anders sein: Dem Ernste der Sache wird nicht Rechnung getragen, wenn die Bedingungen zum Fortbestande, das heißt eigentlich zur Neubegründung der Gesellschaft, von denen ich am Montag sprechen werde, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden. Aber um diese Bedingungen zu erfüllen, muß ich eben selber gewisse, vielleicht zunächst manchem etwas radikal anmutende Bedingungen stellen. Es sind aber Bedingungen, die eigentlich so sind, daß ich sage: Ich sehe nur die Möglichkeit, weiterzuarbeiten mit der Gesellschaft auf anthroposophischem Boden, wenn diese Bedingungen erfüllt werden. Und so möchte ich denn meinerseits, damit Sie sich mit dem Gedanken vertraut machen können, den Vorschlag machen zur Konstituierung des Vorstandes, der einfach dadurch, daß ich Ihnen den Vorschlag heute mache, zunächst provisorisch funktionieren wird, und ich hoffe, er wird ein definitiver Vorstand werden.
Dieser Vorstand muß so sein, daß er tatsächlich Dornach in den Mittelpunkt der Anthroposophischen Gesellschaft stellen kann. Wie gesagt, ich habe mich viel mit der Frage, wie nun die Gesellschaft zu konstituieren ist, beschäftigt, und Sie dürfen mir glauben, gründlich. Und nach dieser gründlichen Beschäftigung kann ich keinen anderen Vorschlag machen, meine lieben Freunde, als den, daß Sie zum Vorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft, und zwar zum ganz offiziellen Vorsitzenden, mich selber wählen. Ich muß also aus den Erlebnissen der letzten Jahre einfach die Konsequenz ziehen, daß ich eigentlich nur mitarbeiten kann, wenn ich selber zum wirklichen Vorsitzenden gewählt werde. Ich will auf alles verzichten, von Ehrenvorsitzenden und so weiter; darauf gehe ich nicht mehr ein, auf alle diejenigen Dinge, wo man sozusagen nur hinter den Kulissen zu stehen und brav zu sein hat für das, was die andern tun. Ich werde also tatsächlich nur fortarbeiten können, wenn ich selber zum wirklichen Vorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft, die hier begründet werden soll, gewählt werde. Selbstverständlich ist ja dann notwendig, daß, da ich die Arbeit selber in die Hand nehmen werde, dann mir zur Seite stehen werden diejenigen Menschen, die nun schon durch die Bedingungen in der Arbeit, die sich vorbereitet hat, die nächsten sind, die hier mit mir im Zentrum arbeiten können. Also, wenn ich gewählt werde zum Vorsitzenden - sonst würde ich ja gar nicht mitmachen -, so werde ich meinerseits vorschlagen zum zweiten Vorsitzenden, also Vorsitzenden-Stellvertreter, Herrn Steffen; als drittes Vorstandsmitglied Frau Dr. Steiner; als viertes Vorstandsmitglied Frau Dr. Wegman als Schriftführerin. Als fünftes Vorstandsmitglied schlage ich meinerseits vor Fräulein Dr. Vreede, als sechstes Vorstandsmitglied Herrn Dr. Guenther Wachsmuth, der dann das Amt des Sekretärs und Schatzmeisters zu versehen hätte.
Ich werde am Montag die Gründe auseinandersetzen, warum ich für den eigentlichen Zentralvorstand nur Vorschläge von solchen Persönlichkeiten mache, die unmittelbar hier in Dornach am Orte ansässig sind. Ein Vorstand, der überall in der Welt zusammenzusuchen ist, der wird niemals ordentlich arbeiten können und kann nicht eigentlich arbeiten. Also es müssen in Dornach wohnende Menschen sein. Und diejenigen, die ich jetzt vorgeschlagen habe, wie gesagt mich selbst, Herrn Steffen als Stellvertreter, Frau Dr. Steiner, Frau Dr. Wegman als Schriftführer, Fräulein Dr. Vreede, und Dr. Wachsmuth als Sekretär und Schatzmeister, das würde dann der Vorstand sein, der von hier aus zu arbeiten hätte.
Nun aber fasse ich ja, wie ich einigen Freunden schon neulich im Haag gezeigt habe,* die Vorstandschaft so auf, daß sie tatsächlich nicht nur auf dem Papiere steht, sondern daß sie in aller Verantwortlichkeit auf dem Vorstandsplatze steht und die Gesellschaft repräsentiert. Deshalb werde ich bitten, daß von morgen ab dieser provisorische Vorstand bei jeder Gelegenheit eben hier den Freunden gegenüber sich auch tatsächlich als Vorstand repräsentativ plaziert, so daß die Sache wirklich so ist, wie ich ja den Freunden im Haag klargemacht habe: Es kann nicht ohne eine gewisse Form in einer ordentlichen Gesellschaft, die funktionieren soll, abgehen. Form muß vom Anfang an dasein. Ich bitte also, daß das berücksichtigt wird, daß soviel, als zunächst provisorische Vorstandsmitglieder sind, Stühle stehen und diese Vorstands
- Siehe Seite 664 f. mitglieder mit den Gesichtern gegen die übrigen Mitglieder da sind, so daß man fortwährend vor Augen hat, daß das eben der Vorstand ist. Wenn einer da sitzt, der andere dort, so kann man sie niemals zusammenkriegen, wenn man sie braucht. Also es handelt sich darum, daß nunmehr wirklich die Dinge als Wirklichkeiten aufgenommen werden. Wie gesagt, es ist das bloß, weil ich haben wollte, daß wir von morgen ab schon einen Vorstand haben, deshalb habe ich diesen provisorischen Vorstand ernannt. Die Begründungen für die Dinge, die schon in dem liegen, was ich ja damit gesagt habe, die werde ich dann am Montag bei der Eröffnungsrede noch ausführlich bringen. Ebenso werde ich am Montag selber einen Statutenvorschlag machen — ich hoffe, die Statuten sind dann gedruckt bis dahin -, der aus den jetzigen Bedingungen heraus der Konstitution der Gesellschaft zugrunde liegen soll.
Nun, meine lieben Freunde, damit habe ich zunächst dasjenige gesagt, was mein Anliegen war beim Ausgangspunkte unserer Weihnachtstagung hier. Ich habe aber zunächst in diesen beiden Vorträgen noch heute und morgen auszubauen und fortzusetzen, was in den letzten Vorträgen aus dem Mysterienwesen der verschiedenen Zeiten heraus hier von mir gesagt worden ist.
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Vorher hatte Dr. Wachsmuth vom Abgeben der Pässe gesprochen. ↩