The Christmas Conference

GA 260 — 24 December 1923, Dornach

Rudolf Steiners Eröffnungsvortrag

Meine lieben Freunde!

Wir beginnen unsere Weihnachtstagung zur Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft in einer neuen Form im Anblicke eines scharfen Kontrastes. Wir haben Sie einladen müssen, meine lieben Freunde, zum Besuche eines Trümmerhaufens. Der Blick, den Sie auf unserer Stätte zuerst wiederum entfalten konnten, als Sie den Dornacher Goetheanumhügel bestiegen, fiel auf den Trümmerhaufen des vor einem Jahre zugrunde gegangenen Goetheanums. Und im wahrsten Sinne des Wortes ist ja dieser Anblick das so tief zum Herzen sprechende Symbolum für die äußere Offenbarung nicht nur unseres Arbeitens, unseres Strebens hier und in die Welt hinaus auf anthroposophischem Boden, sondern es ist dieser Blick auf einen Trümmerhaufen vielfach heute symptomatisch für die Weltverhältnisse überhaupt.

Wir hatten in den letzten Tagen, wiederum in einem engeren Kreise, zunächst auf eine Art Trümmerhaufen zu sehen. Und auch dieser Trümmerhaufen sollte ja in einem ähnlichen Sinne von unseren lieben Freunden angeschaut werden, wie der Trümmerhaufen des uns im Laufe von zehn Jahren so teuer und lieb gewordenen Goetheanums. Meine lieben Freunde, vielleicht darf doch gesagt werden, daß ein großer Teil derjenigen Impulse, welche nunmehr im Laufe von zwanzig Jahren als anthroposophische Impulse durch die Welt gegangen sind, in jenen ja vielleicht allzu vielen Büchern lag, die im Philosophisch- Anthroposophischen Verlag zu Berlin zunächst vor die Welt getreten sind. Sie werden begreifen, da ja eine wirklich zwanzigjährige Arbeit verknüpft ist mit dem, was sich unter dem Titel zusammenfaßt «Philosophisch-Anthroposophischer Verlag», daß auch etwas von den Herzen derer, die mittätig waren bei der Begründung und Fortführung dieses Philosophisch-Anthroposophischen Verlages, daran beteiligt ist. Und geradeso wie beim Goetheanum stehen wir in bezug auf das Äußere mit diesem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag vor einem Trümmerhaufen. In diesem Falle ist das nur deshalb der Fall, weil innerhalb der furchtbaren wirtschaftlichen Verhältnisse, die auf dem Gebiete herrschen, wo dieser Philosophisch-Anthroposophische Verlag bisher war, unter den in ganz außerordentlichem Maße über alle Möglichkeiten hinauswachsenden Steuerverhältnissen, durch alles das die Wogen der Zeitereignisse - man kann das in allerwörtlichstem Sinne sagen -, die Wogen der Zeitereignisse über diesem Verlag zusammengeschlagen sind.

Nun hat sich Frau Dr. Steiner in den letzten Wochen damit zu beschäftigen gehabt, dasjenige, was in diesem Philosophisch-Anthroposophischen Verlag verankert ist, bereit zu machen zur Reise hierher ans Goetheanum nach Dornach. Und Sie sehen bereits hier unten zwischen dem Heizhaus und dem Architektenbüro [Glashaus] einen kleinen Bau entstehen, der in der Zukunft diesen Philosophisch-Anthroposophischen Verlag, das heißt seine Bücherbestände, bergen soll. Auch da haben wir einen Teil dessen, wovon wir in äußerlicher Weise zunächst sprechen müssen als von einem Trümmerhaufen.

Und können wir denn anders, meine lieben Freunde, als das, was diese Trümmerhaufen hervorgebracht hat, in Zusammenhang bringen mit den heutigen Zeitereignissen? Das steht schon vor uns zunächst wie ein bedrückendes Bild. Und man möchte sagen: Jene Flammen, die in der Neujahrsnacht vor einem Jahre hier vor unserem physischen Auge furchtbar und so zerschneidend vor unserem Seelenauge hinaufgebrannt haben in Himmelshöhen, diese Flammen, wir sehen sie im Geiste im Grunde genommen doch über vielem, was wir gebaut haben in den letzten zwanzig Jahren.

Das ist zunächst ein Bild, das sich vor unsere Seelen hinstellt. Aber ich muß schon sagen: Vielleicht kann einem bei nichts anderem in der Gegenwart so unmittelbar entgegentreten die Wahrheit von der alten orientalischen Anschauung, daß das Äußere Maja, Illusion ist. Und wir werden die rechte Stimmung finden, meine lieben Freunde, für diese Weihnachtstagung, wenn wir regsam machen können in unserem Herzen die Empfindung, daß der Trümmerhaufen, vor dem wir stehen, Maja, Illusion ist, daß vieles von dem, das uns unmittelbar hier umgibt, Maja, Illusion ist.

Denken wir uns zunächst heraus aus unserer unmittelbarsten Situation. Wir mußten Sie einladen in diesen Holzverschlag. Wir mußten ihn provisorisch in zwei Tagen aufführen, weil uns erst da klar werden konnte, welche Fülle unserer Freunde erscheinen werde in diesen Tagen. Wir mußten diesen provisorischen Holzverschlag nebenan aufrichten. Und ich kann ja nicht anstehen zu sagen: Diese äußere Umhüllung unserer Versammlung stellt sich ja auch nicht anders dar als das Heim mitten in einem Trümmerhaufen, als ärmliches, furchtbar ärmliches Heim. Die Introduktion hat ja gestern damit begonnen, daß unsere Freunde in dem, was wir ihnen hier bieten konnten, furchtbar gefroren haben. Aber auch diesen Frost, der aus vielem hervorgehen könnte, was Sie hier trifft, meine lieben Freunde, wollen wir hinzurechnen zu dem, was Maja, was Ilusion ist. Und je mehr wir uns hineinfinden können in diese Stimmung, daß das Äußere, was uns hier umgibt, Maja, Illusion ist, desto besser werden wir jene tatkräftige Stimmung entwickeln, die wir für die nächsten Tage hier brauchen, jene Stimmung, die in keiner Weise negativ sein kann, jene Stimmung, die in jeder Einzelheit durchaus positiv sein muß. Und ich möchte sagen: Jetzt, ein Jahr nachdem die Feuerflammen hier aus unserer Kuppel des Goetheanums herausgeschlagen haben, jetzt darf uns dasjenige erscheinen, was im Geistigen in den zwanzig Jahren des Bestehens der anthroposophischen Bewegung gebaut worden ist, nun nicht wie verzehrende Flammen, sondern es kann wie aufbauende Flammen vor unseren Herzen, vor unseren Seelenaugen stehen. Denn überall kann uns aus dem, was der geistige Inhalt der anthroposophischen Bewegung ist, Wärme anmuten, Wärme, die imstande sein kann, unzählige Samen, die für das Geistesleben der Zukunft gerade der Boden von Dornach und was zu ihm gehört, birgt, zu beleben. Und unzählige Samen der Zukunft können durch diese Wärme, die uns hier umgeben kann, ihre Reife zu entfalten beginnen, so daß sie einmal als Vollfrüchte durch dasjenige, was wir für sie tun wollen, vor der Welt stehen können.

Denn heute mehr als je können wir dessen eingedenk sein, daß eine solche geistige Bewegung, wie diejenige ist, die wir mit dem Namen der anthroposophischen umschließen, keine aus irdischer Willkür heraus geborene ist. Und damit möchte ich gleich im Anfange unserer Tagung beginnen, darauf aufmerksam zu machen, daß es eben das letzte Drittel des 19. Jahrhunderts war, wo auf der einen Seite die Wogen des Materialismus hoch gingen, und wo in diese Wogen des Materialismus hineinschlug von der anderen Seite der Welt eine großartige Offenbarung: die Offenbarung eines Geistigen, die derjenige, der eine empfängliche Gemütsauffassung hat, empfangen kann von Mächten des Geisteslebens. Eröffnet hat sich die Offenbarung eines Geistigen für die Menschheit. Und nicht aus irdischer Willkür, sondern aus der Befolgung des Rufes, der aus der geistigen Welt heraus erklungen hat, nicht aus irdischer Willkür, sondern im Anblick der großartigen Bilder, die aus der geistigen Welt heraus sich als die neuzeitlichen Offenbarungen ergaben für das Geistesleben der Menschheit, daraus ist der Impuls für die anthroposophische Bewegung erflossen. Diese anthroposophische Bewegung ist nicht ein Erdendienst, diese anthroposophische Bewegung ist in ihrer Ganzheit mit all ihren Einzelheiten ein Götter-, ein Gottesdienst. Und die richtige Stimmung für sie treffen wir, wenn wir sie ansehen in ihrer Gänze als einen solchen Gottesdienst. Und als einen solchen wollen wir sie in unsere Herzen aufnehmen im Beginne dieser unserer Tagung, wollen in unsere Herzen tief einschreiben, daß diese anthroposophische Bewegung die Seele eines jeden Einzelnen, der sich ihr widmet, verbinden möchte mit den Urquellen alles Menschlichen in der geistigen Welt, daß diese anthroposophische Bewegung den Menschen hinführen möchte zu jener letzten, für ihn vorläufig in der Menschheitsentwickelung der Erde befriedigenden Erleuchtung, die sich über die begonnene Offenbarung kleiden kann in die Worte: Ja, das bin ich als Mensch, als gottgewollter Mensch auf Erden, als gottgewollter Mensch im Weltenall.

Anknüpfen wollen wir heute an dasjenige, woran wir so sehr gern angeknüpft hätten schon 1913. Da wollen wir den Faden wiederum aufnehmen, meine lieben Freunde, und wollen als obersten Grundsatz in unsere Seelen einschreiben für die anthroposophische Bewegung, die ihre Hülle haben soll in der Anthroposophischen Gesellschaft, daß alles in ihr geistgewollt ist, daß sie sein will eine Erfüllung desjenigen, was die Zeichen der Zeit mit leuchtenden Lettern zu den Herzen der Menschen sprechen.

Nur wenn wir in dieser Art die anthroposophische Bewegung in uns selbst zu unserer tiefsten Herzensangelegenheit machen können, wird die Anthroposophische Gesellschaft bestehen. Wenn wir das nicht können, wird sie nicht bestehen. Denn das wichtigste von allem, was hier getan werden soll in diesen Tagen, ist zu tun in Ihrer aller Herzen, meine lieben Freunde. Was wir sagen und hören, wir werden es nur in der rechten Weise zum Ausgangspunkt für die Entwickelung der anthroposophischen Sache machen, wenn unser Herzblut dafür zu schlagen fähig ist. Und aus diesem Grunde eigentlich, meine lieben Freunde, haben wir Sie hierher gerufen, um im echten anthroposophischen Sinne eine Harmonie von Herzen hervorzurufen. Und wir geben uns der Hoffnung hin, daß gerade dieser Appell in der rechten Weise verstanden werden könne.

Meine lieben Freunde, erinnern Sie sich nur, wie die anthroposophische Bewegung begonnen hat. In der mannigfaltigsten Weise wirkte in ihr dasjenige, was geistige Offenbarung sein sollte für das herankommende 20. Jahrhundert, und gegenüber vielem Negativen darf ja doch wohl das Positive in starker Weise hier zum Ausdrucke kommen, daß die mannigfaltigen Gestaltungen des geistigen Lebens, die durch dies oder jenes in der äußeren Gesellschaft in innere Kreise geflossen sind, wirklich die Herzen unserer lieben anthroposophischen Freunde getroffen haben. Und wir konnten ja dann auch in einem bestimmten Zeitpunkte aufrücken dazu, in den Mysteriendichtungen zu zeigen, wie Menschlich-Intimes, menschliche Herzens- und Seelenangelegenheiten geknüpft sind an die großen kosmischen Ereignisse und an die großen historischen Ereignisse der Menschheitsentwickelung. Und ich glaube doch, daß manches von dem, was diesen Zusammenhang der einzelnen menschlichen Seele mit dem seelisch-geistig-göttlichen Wirken im Kosmos betrifft, unseren Freunden während der lieben, teuren vier bis fünf Jahre, in denen in München die Mysterien aufgeführt worden sind, durch die Seele gezogen ist.

Dann kam ja dasjenige, was Sie in seinen verheerenden Wirkungen alle kennen: der sogenannte Weltkrieg. Alle Bemühungen gingen dahin, in jener schwierigen Zeit die anthroposophische Sache so zu führen, daß sie durch alle Hindernisse und Hemmnisse, die sich ja notwendigerweise während dieses Weltkrieges ergeben mußten, hindurchfahren könnte.

Nun kann ja nicht geleugnet werden, daß manches, was aus der Notwendigkeit der Zeitverhältnisse getan worden ist, mißverstanden worden ist auch in den Kreisen unserer anthroposophischen Freunde. Über jene Stimmungen, welche die Menschheit so zerklüftet haben in alle möglichen Menschengruppen im letzten Jahrzehnt, über die Stimmungen, die dieser Weltkrieg heraufgebracht hat, es wird ja erst in der Zukunft in entsprechender Weise von einer größeren Anzahl von Menschen ein Urteil zu gewinnen sein. Heute beurteilt man ja das Ungeheuerliche, das gerade als die Folge dieses Weltkrieges unter uns allen lebt, noch durchaus nicht in der richtigen Art. Und so darf man schon sagen: In einer gewissen Weise ist schon die Anthroposophische Gesellschaft — nicht die Bewegung zerklüftet aus dem Weltkriege hervorgegangen.

Und dann ist mancherlei gekommen - schon unser lieber Freund Herr Steffen hat darauf hingedeutet -, was in nicht minder mißverständlicher Weise hereingestellt worden ist in unsere Anthroposophische Gesellschaft. Doch ich möchte heute im wesentlichen nur von dem Positiven sprechen. Ich möchte darauf aufmerksam machen, daß, wenn diese Versammlung in der rechten Weise verläuft, wenn diese Versammlung sich so recht bewußt wird, wie GeistigEsoterisches die Grundlage all unseres Wirkens und Wesens sein muß, jene geistigen Samen, die überall da sind, erwärmt von Ihrer Stimmung und Ihrem Enthusiasmus, dann werden aufgehen können. Und wir wollen heute eben auf der einen Seite die Stimmung haben, die in ihrem wahren Ernste das zu nehmen versteht: Das Äußere ist Maja, Illusion; aus der Maja und Illusion keimt auf, zum Entzücken - nicht für unsere Schwäche, aber zum Entzücken für unsere Kraft, für den Willen, den wir entfalten wollen - dasjenige, was unsichtbar unter uns leben kann, das, was in zahlreichen Samen unsichtbar unter uns leben kann. Bereiten Sie, meine lieben Freunde, Ihre Seelen, daß diese Seelen aufnehmen diese Samen; denn Ihre Seelen sind der rechte Grund und Boden zu dem Keimen, zu dem Enfalten, zu dem Entwickeln dieser Geistessamen. Und die sind die Wahrheit. Die glänzen doch heraus wie mit Sonnenschein, der alles Trümmerhafte überstrahlt, auf das unser äußerer Blick fällt. Lassen wir die tiefste Aufforderung des Anthroposophischen, überhaupt alles Spirituellen gerade heute hineinglänzen in unsere Seelen: außen Maja und Illusion, im Innern voll sich entfaltende Wahrheit, voll sich entfaltendes Gottes- und Geistesleben. Anthroposophie soll leben dasjenige, was in ihr als Wahrheit erkannt wird.

Und wo leben wir die Lehre von der Maja und von dem Lichte der Wahrheit? Leben wir sie vor allen Dingen während dieser unserer Weihnachtstagung, und lassen wir uns während dieser unserer Weihnachtstagung das Aufleuchten des Weltenlichtes vor den nur die Armut ihres Herzens in sich tragenden Hirten wie den die Weisheit aller Welt in sich tragenden königlichen Magiern, lassen wir uns dieses auflammende Weihnachtslicht, Weihnachtsweltenlicht zum Sinnbilde für das werden, was durch unsere eigenen Herzen und Seelen geschehen soll!

Dasjenige, was über diese Worte hinaus noch zu sagen ist, werde ich ja morgen bei der sogenannten Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft zu sagen haben. Jetzt aber möchte ich, meine lieben Freunde, dies zu Ihnen sprechen: Ich möchte sagen, daß mir tief zur Seele gegangen ist in den letzten Wochen die Frage: Was soll nun eigentlich gerade bei dieser Weihnachtstagung zum Ausgangspunkte genommen werden, und was lehren die Erfahrungen der zehn Jahre, seit denen die Anthroposophische Gesellschaft besteht?

Und aus alledem, meine lieben Freunde, erstand für mich eine Fragenalternative. Ich hatte ja aus guten Gründen im Jahre 1912, 1913 gesagt, daß die Anthroposophische Gesellschaft als solche sich nunmehr selber leiten müsse, sich nunmehr selber führen müsse, und daß ich mich auf den Platz des Beratenden, des nicht unmittelbar in die Handlungen Eingreifenden zurückziehen müsse. Nun, heute stehen die Dinge so, daß in den letzten Wochen nach schwerem innerem Überwinden eben in mir die Erkenntnis aufgestiegen ist: Es würde mir unmöglich sein, die anthroposophische Bewegung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft weiterzuführen, wenn diese Weihnachtstagung nicht zustimmen würde darin, daß ich nun wiederum selber in aller Form die Leitung, beziehungsweise den Vorsitz der hier in Dornach am Goetheanum zu begründenden Anthroposophischen Gesellschaft übernehme.

Es ist ja während einer Stuttgarter Tagung gerade für mich nötig geworden, jenen schweren Entschluß zu fassen, den Rat zu geben, die Gesellschaft in Deutschland in zwei Gesellschaften zu teilen: in die Fortsetzung der alten Gesellschaft und in die Begründung derjenigen Gesellschaft, in der vorzugsweise die Jugend vertreten sein sollte: der Freien Anthroposophischen Gesellschaft.

Ich sage Ihnen, meine lieben Freunde, es war dazumal ein schwerer Entschluß, diesen Rat zu geben. Es war das aus dem Grunde ein schwerer Entschluß, weil im Grunde genommen ein solcher Rat allen Grundfesten der Anthroposophischen Gesellschaft widersprach. Denn, wenn nicht diese, welche Vereinigung von Menschen hier in der irdischen Welt sollte ein Stätte sein dafür, daß die Jugend, die heutige Jugend, sich voll darinnen geborgen fühlt! Es war eine Anomalie. Und es war vielleicht eins der bedeutsamsten Symptome, die dann einflossen in den Entschluß, Ihnen hier zu sagen, daß ich die anthroposophische Bewegung in der Anthroposophischen Gesellschaft nur weiterführen kann, wenn ich selber in der Anthroposophischen Gesellschaft, die hier neu begründet werden soll, den Vorsitz übernehmen kann. Es ist ja so, daß mit der Jahrhundertwende tief, tief im Innern des geistigen Geschehens etwas vorgegangen ist, etwas, was sich in seinen Wirkungen zeigt in den äußeren Ereignissen, unter denen die Menschen auf Erden stehen.

Einer der größten Umschwünge ist auf geistigem Gebiet geschehen. Er hat sich vorbereitet Ende der siebziger Jahre, er ist zu seiner Kulmination gekommen gerade mit der Jahrhundertwende. Alte indische Weisheit hat auf ihn hingedeutet als das Ende des Kali Yuga. Viel, viel, meine lieben Freunde, ist damit gesagt. Und wenn ich in der letzten Zeit in mannigfaltiger Weise jungen Freunden in allen mir zugänglichen Ländern der Welt entgegengetreten bin - immer wieder und wieder -, mußte ich mir sagen: Das, was in diesen jugendlichen Herzen schlägt, was in einer so schönen und oftmals auch so unbestimmten Weise entgegenlodert geistiger Betätigung, das ist der äußere Ausdruck für dasjenige, was im tiefsten Inneren des geistigen Weltenwebens im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts bis zum 20. Jahrhundert hin sich vollzogen hat. Und, meine lieben Freunde, es soll dies nichts Negatives sein, es ist für mich etwas Positives, was ich nun sagen will: Oftmals, wenn ich gerade der Jugend entgegengetreten bin, wie sie nun wiederum gestrebt hat, sich zu diesem oder jenem zu vereinigen, da paßte immer wiederum nicht die Form der Vereinigung zu dem, was eigentlich gewollt war. Da standen immer wiederum und wiederum diese oder jene Bedingungen, wie man sein müsse oder was man tun müsse, wenn man einer solchen Vereinigung angehören soll.

Sehen Sie, das alles zog sich zusammen zu der Empfindung, daß ja der Grundmangel der Theosophischen Gesellschaft, aus der die Anthroposophische herausgewachsen ist, in der Formulierung ihrer drei Grundsätze bestand. Da mußte man sich zu etwas bekennen. Und die Art und Weise, wie man schon Aufnahmeformulare unterschreiben mußte, so daß es das Ansehen hatte, man müsse sich zu etwas dogmatisch bekennen, das ist etwas, was absolut nicht mehr in die Grundverfassung der Menschenseelen in unserer Zeit hereinpaßt. Die Menschenseele von heute ist der Empfindung nach fremd gegenüber aller Dogmatik und ist im Grunde genommen fremd gegenüber allem sektiererischen Wesen. Und nicht zu leugnen ist, daß es schwierig ist, gerade dieses sektiererische Wesen innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft abzustreifen. Aber es muß abgestreift werden. Und es darf auch kein Fäserchen davon in der Zukunft in der neuen, zu gründenden Anthroposophischen Gesellschaft drinnen sein. Die muß eine wirkliche Weltgesellschaft sein. Bei der muß derjenige, der sich ihr anschließt, das Gefühl haben: Ja, da finde ich dasjenige, was mich bewegt. Da muß der Alte die Empfindung haben: Da finde ich etwas, was ich Zeit meines Lebens angestrebt habe im Verein mit anderen Menschen. Da muß der jugendliche Mensch die Empfindung haben: Da finde ich etwas, was meiner Jugend entgegenkommt. — Denn gern hätte ich schon dazumal, als die Freie Anthroposophische Gesellschaft begründet worden ist, manchem jungen Freunde geantwortet auf die Frage: Was ist die Aufnahmebedingung für die Freie Anthroposophische Gesellschaft? -, gern hätte ich schon dazumal geantwortet, was ich jetzt zur Antwort geben möchte: Nichts anderes ist die Bedingung, als in dem Sinne wirklich jung zu sein, in dem man jung ist, wenn alle Impulse der Gegenwart diese jugendlichen Seelen erfüllen.

Und wie ist man im richtigen Sinne, meine lieben Freunde, alt in der Anthroposophischen Gesellschaft? Wenn man ein Herz hat dafür, was für jung und alt als Weltenjugendhaftes heute aus geistigen Untergründen in die Menschheit hineinsprudelt, erneuernd alle unsere Lebensgebiete.

Ich deute Ihnen nur stimmungsgemäß an, was mich dazu bewogen hat, nunmehr diese Aufgabe zu übernehmen, der Anthroposophischen Gesellschaft selber vorzustehen. Diese Anthroposophische Gesellschaft - solches geschieht ja oftmals — hat schon mancherlei Bezeichnungen gefunden. So zum Beispiel hat sie die Bezeichnung gefunden: «Internationale Anthroposophische Gesellschaft». Nun, meine lieben Freunde, sie soll nicht eine internationale, sie soll nicht eine nationale Gesellschaft sein, und ich möchte hier die herzliche Bitte aussprechen, das Wort «Internationale Gesellschaft» niemals zu gebrauchen, sondern nur davon zu sprechen, daß es eine «Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft» gibt, die ihren Mittelpunkt haben will hier am Goetheanum in Dornach.

Und Sie werden sehen, die Statuten sind in einer Weise abgefaßt, daß alles Verwaltungsmäßige, alles, was jemals durch sich selber Veranlassung geben könnte, in Bürokratie umzuschlagen, aus diesen Statuten heraußen ist. Diese Statuten sind auf das rein Menschliche eingestellt. Sie sind nicht eingestellt auf Prinzipien, sie sind nicht eingestellt auf Dogmen, sondern in diesen Statuten ist etwas gesagt, was rein an das Tatsächliche und Menschliche anknüpft, meine lieben Freunde. In diesen Statuten ist gesagt: Hier in Dornach besteht das Goetheanum. Dieses Goetheanum ist in einer gewissen Weise geleitet. In diesem Goetheanum versucht man zu leisten diese und jene Arbeit. In diesem Goetheanum versucht man die Menschheitsentwickelung in dieser oder jener Weise zu fördern. Wie weit das Wort «richtig» oder «unrichtig» nun darauf anzuwenden ist, darüber darf in Statuten, die wirklich im modernen Sinne gehalten sind, nichts stehen. Allein die Tatsache steht da, daß es ein Goetheanum gibt, daß mit diesem Goetheanum Menschen verbunden sind, die dies oder jenes in diesem Goetheanum tun und glauben, daß sie mit diesem Tun die Menschheitsentwickelung fördern.

Von demjenigen, der sich dieser Gesellschaft anschließen will, wird kein Prinzip gefordert; kein Glaubensbekenntnis, keine wissenschaftliche Überzeugung, keine künstlerische Intention wird irgendwie dogmatisch hingestellt, sondern lediglich das gefordert, daß er sich heimisch darinnen fühlt, verbunden zu sein mit dem, was am Goetheanum geschieht.

Gerade bei dieser Gestaltung der Statuten ist versucht worden, von allem Prinzipiellen herauszuheben dasjenige, was hier begründet werden soll, und es auf das reinst Menschliche zu stellen. Schauen Sie sich daher die Menschen an, die Ihnen die Vorschläge machen für die Begründungen, die hier gepflogen werden sollen in den nächsten Tagen, ob Sie zu Ihnen Vertrauen haben können oder nicht. Und erklären Sie bei dieser Gründungsversammlung, daß Sie einverstanden sind mit dem, was in Dornach vollzogen werden will: dann haben Sie ein Tatsächliches erklärt; dann haben Sie sich in keiner Weise gebunden, dann haben Sie ein Tatsächliches aus Ihrer Empfindung heraus erklärt. Und dann wird sich alles andere finden. Ja, es wird sich finden. Dann wird man nicht nötig haben, von vornherein auch von Dornach aus ein Heer von Vertrauensleuten zu designieren oder zu ernennen, sondern dann wird die Anthroposophische Gesellschaft dasjenige sein, auf das ich öfter hingedeutet habe, als ich zu meiner großen Befriedigung anwesend sein durfte bei der Gründung der einzelnen Ländergesellschaften. Dann wird die Anthroposophische Gesellschaft das sein, was auf der Grundlage dessen, was sich in diesen Ländergesellschaften gebildet hat, als Selbständiges entstehen kann. Dann aber auch werden diese Ländergesellschaften wirklich autonom sein. Dann wird jede Gruppe, die sich in dieser Anthroposophischen Gesellschaft bildet, wirklich autonom sein.

Damit wir aber auf diesen menschlichen Standpunkt kommen, meine lieben Freunde, müssen wir uns klar sein darüber, daß wir heute gerade mit einer Gesellschaft, welche auf geistigen Grundlagen in der Art gebaut ist, wie ich es dargelegt habe, auf zwei Schwierigkeiten stoßen. Diese Schwierigkeiten müssen wir hier überwinden, so daß sie in der Zukunft nicht mehr da sein werden, wie sie in der Vergangenheit der Anthroposophischen Gesellschaft da waren.

Die eine Schwierigkeit ist diese: Das Zeitbewußtsein in der Gegenwart — jeder, der dieses Zeitbewußtsein richtig versteht, wird dem zustimmen, wie ich glaube - fordert für alles, was geschieht, die volle Öffentlichkeit. Und eine auf festen Grundlagen gebaute Gesellschaft darf vor allen Dingen nicht gegen diese Zeitforderung verstoßen. Es kann einem ja ganz gut besser gefallen, für das oder jenes auch in der äußeren Form das Geheimnis in Anspruch zu nehmen. Aber gerade eine Gesellschaft, die in solcher Weise auf eine Wahrheitsgrundlage gebaut ist wie diese, wird jedesmal, wenn sie dieses Geheimnis für sich im Ernste in Anspruch nimmt, mit dem Zeitbewußtsein in Widerspruch kommen, und es werden die ernstesten Hindernisse für den Fortgang der Gesellschaft entstehen. Daher können wir heute eben gar nicht anders, meine lieben Freunde, als für die zu gründende Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft die volle Öffentlichkeit in Anspruch nehmen.

Sie muß, wie ich bereits ausgeführt habe in einem der allerersten Aufsätze, die in «Luzifer-Gnosis» erschienen sind, als Anthroposophische Gesellschaft so dastehen vor der Welt, wie irgendeine andere Gesellschaft, die meinetwillen zu naturforscherischen oder ähnlichen Zwecken begründet wird. Unterscheiden von all diesen anderen Gesellschaften muß sie sich nur durch dasjenige, was als Inhalt durch ihre Adern läuft. In der Form, wie sich die Menschen zusammenfinden, kann ein Unterschied gegenüber anderen Gesellschaften in der Zukunft nicht mehr bestehen. Malen Sie sich nur aus, was wir alles hinwegschaffen, wenn wir von vornherein erklären, daß wir für die Anthroposophische Gesellschaft die volle Öffentlichkeit gelten lassen.

Wir müssen uns durchaus auf den Boden der Wirklichkeit stellen, das heißt auf den Boden des gegenwärtigen Zeitbewußtseins. Das aber bedingt, meine lieben Freunde, daß in der Zukunft in bezug auf unsere Zyklen ganz andere Usancen eintreten, als sie in der Vergangenheit üblich waren. Die Geschichte dieser Zyklen ist ja ein tragisches Kapitel innerhalb der Entwickelung unserer Anthroposophischen Gesellschaft. Diese Zyklen sind zunächst erschienen, indem man geglaubt hat, man könne sie in einem gewissen Kreise erhalten; sie sind erschienen für die Angehörigen der Anthroposophischen Gesellschaft. Heute sind sie längst in solcher Lage, daß die Gegner mit Bezug auf die äußere Kundgebung über die Dinge nun viel mehr sich für unsere Zyklen interessieren als die Angehörigen der Gesellschaft selber. Nicht innerlich, Sie müssen mich nicht mißverstehen, nicht innerlich. Innerlich beschäftigen sich schon die Angehörigen unserer Gesellschaft mit diesen Zyklen. Aber das bleibt eben nur innerlich, das bleibt eben Egoismus, wenn auch schöner gesellschaftlicher Egoismus. Das Interesse, das seine Wogen hinausschlägt in die Welt, das Interesse, das die Gesellschaft abstempelt gegenüber der Welt, dieses Interesse bringen heute die Gegner den Zyklen entgegen. Und wir erleben es, daß ein Zyklus heute erscheint - und in drei Wochen zitiert ist in der schlimmsten gegnerischen Schrift. Wir stecken die Augen in den Sand und glauben, weil es für uns finster ist, ist es auch draußen in der Welt finster -— wenn wir die alte Gepflogenheit mit den Zyklen weitertreiben.

Daher erstand für mich, ich möchte sagen, schon seit Jahren die Frage: Was ist mit den Zyklen eigentlich zu machen? Und heute ist keine andere Möglichkeit, als die Grenzwand, die man bisher physisch ziehen wollte und die überall durchschlagen worden ist, diese Grenzwand moralisch zu ziehen.

Das habe ich versucht, im Statutenentwurf zu tun. Die Zyklen sollen nun in der Zukunft alle ausnahmslos öffentlich verkauft werden, gerade so wie andere Bücher. Aber, meine lieben Freunde, denken Sie sich, es gäbe irgendwo ein Buch über die Integration partieller Differentialgleichungen. Das Buch ist für eine große Anzahl von Menschen außerordentlich esoterisch, und vielleicht gehe ich gar nicht fehl, wenn der esoterische Kreis, der sich fruchtbringend beschäftigen kann mit der Integration partieller Differentialgleichungen oder linearer Differentialgleichungen, auch jetzt innerhalb dieser zwei Säle ein außerordentlich kleiner ist. Man kann nämlich diesen esoterischen Kreis für die Integration linearer oder partieller Differentialgleichungen sehr klein ziehen, aber man kann dieses Buch an alle verkaufen. Wenn aber dann einer kommt, der nicht nur nichts von partiellen Differentialgleichungen versteht, sondern der überhaupt nicht differenzieren und integrieren kann, der vielleicht nicht einmal von den Logarithmen etwas anderes weiß, als daß ein Logarithmenbuch das ist, was einmal einem seiner Söhne gehört hatals Vater hat er nichts von Logarithmen gewußt, aber die Söhne mußten lernen, was Logarithmen sind -, da hat er in das Logarithmenbuch hineingeschaut und hat da eine Zahl nach der anderen gesehen und nichts davon verstanden. Nun haben ihm die Söhne gesagt, das seien die Hausnummern von allen Städten der Welt. Der Vater hat dann gemeint: Nun ja, das ist sehr vorteilhaft, daß man solche Sachen lernt, man weiß dann gleich, wenn man nach Paris kommt, welches die Hausnummer von dem oder jenem Hause ist.

Sie sehen, es ist unschädlich, wenn derjenige, der von einer Sache nichts versteht, über diese Sache urteilt, denn man sagt: Das ist ein Dilettant, das ist ein Laie. - Und das Leben selber zieht die Grenze in bezug auf die Urteilsfähigkeit und Nichturteilsfähigkeit.

Daher kann auch wenigstens der Versuch gemacht werden, innerhalb unserer anthroposophischen Erkenntnisse die Grenze nun nicht weiter auf physische, sondern auf moralische Weise zu ziehen. Wir verkaufen die Zyklen an alle, die sie haben wollen, erklären aber von vorneherein, wer uns so kompetent erscheint für die Beurteilung dieser Zyklen, daß wir auf sein Urteil etwas geben; jeder andere ist den Zyklen gegenüber Laie. Und wir erklären, daß wir uns in der Zukunft überhaupt nicht mehr einlassen auf das Urteil, das von einem Laien über die Zyklen gefällt wird. Das ist der einzige moralische Schutz, den wir finden können. Wir werden es dahin bringen, wenn wir ihn nur richtig durchführen, daß unsere Dinge ebenso aufgefaßt werden wie die Bücher über die Integration partieller Differentialgleichungen, so daß die Leute allmählich einsehen werden, daß es ebenso absurd ist, wenn irgendeiner, auch wenn er in anderen Dingen noch so gelehrt ist, über einen Zyklus urteilt, wie es absurd ist, wenn einer, der nicht einmal die Logarithmen kennt, ein Urteil abgibt und sagt: Das ist ja lauter Unsinn, was in diesem Buche über partielle Differentialgleichungen steht! - Dahin müssen wir es bringen, daß auch der Unterschied zwischen dem Laien und dem Sachverständigen in der richtigen Weise gezogen werden kann.

Ein weiteres, meine lieben Freunde, was uns große Schwierigkeiten bereitet, ist dieses, daß nicht überall in durchgreifender Art die Impulsivität der anthroposophischen Bewegung in der richtigen Weise eingeschätzt wird. Man kann einfach da oder dort Urteile hören, die ganz und gar die anthroposophische Bewegung dadurch verleugnen, daß sie sie in Parallele bringen mit dem, was durch sie für die Menschheitsentwickelung abgelöst werden soll. Mir ist es erst in den letzten Tagen wiederum passiert, daß mir jemand gesagt hat: Wenn man vor diese oder jene Leute dasjenige hinträgt, was die Anthroposophie gibt, da nehmen es sogar die stärksten Praktiker an; man darf ihnen nur nicht von Anthroposophie und Dreigliederung sprechen, man muß diese verleugnen. — Sehen Sie, das ist etwas, was von vielen gepflogen worden ist seit vielen Jahren. Das ist das Falscheste, was wir tun können. Wir müssen überall unter dem Zeichen der vollen Wahrheit, auf welchem Gebiete es auch ist, als Vertreter des anthroposophischen Wesens in der Welt auftreten, und wir müssen uns bewußt werden, daß, insofern wir das nicht können, wir eben eigentlich die anthroposophische Bewegung nicht fördern können. Alles verschleierte Eintreten für die Anthroposophische Bewegung führt doch zuletzt zu keinem Heil.

Natürlich ist in solchen Dingen alles individuell. Es kann nicht alles in eine Schablone eingefaßt werden, aber was ich eigentlich meine, ist dieses. Ich will es an mehreren Beispielen klar machen, was ich meine.

Da ist die Eurythmie. Die Eurythmie wird so, wie ich es ja auch gestern im Beginne der Eurythmie-Vorstellung gesagt habe, wirklich aus den tiefsten Untergründen des anthroposophischen Wesens heraus geholt und gepflegt. Und dessen muß man sich bewußt sein, daß mit der Eurythmie, so unvollkommen sie heute noch sein mag, etwas in die Welt hineingestellt wird, was ein ganz Ursprüngliches ist, ein Primäres, und was in keiner Weise verglichen werden darf mit irgend etwas anderem, was scheinbar ähnlich heute in der Welt auftritt. Diesen Enthusiasmus müssen wir für unsere Sache aufbringen, daß wir die äußerlichen oberflächlichen Vergleichsmöglichkeiten ausschließen. Ich weiß, wie ein solcher Satz mißverstanden werden kann, aber ich spreche ihn dennoch hier im Kreise von Ihnen, meine lieben Freunde, aus; denn er drückt eine der Grundbedingungen für das Gedeihen der anthroposophischen Bewegung in der Anthroposophischen Gesellschaft aus.

Ebenso habe ich zum Beispiel in der letzten Zeit viel Blut schwitzen müssen, möchte ich sagen - es ist natürlich symbolisch gemeint -, über allerlei Diskussionen über jene Form des Rezitierens und Deklamierens, wie sie in unserer Gesellschaft durch Frau Dr. Steiner ausgebildet worden ist. Ebenso wie die Eurythmie, ist der Grundnerv dieses Deklamierens und Rezitierens derjenige, der aus anthroposophischer Grundlage heraus geholt und gepflegt ist, und auf diesen Grundnerv muß man sich einstellen. Den muß man erkennen und nicht glauben, daß wenn man da oder dort irgendeinen Fetzen von dem, was nun gut oder sogar besser in anderen ähnlichen Formationen da ist, hineinführt, so käme etwas Besseres heraus. Dieses Ursprünglichen, dieses Primären, dessen muß man sich bewußt sein auf allen unseren Gebieten.

Ein drittes Beispiel: Eines derjenigen Gebiete, wo Anthroposophie besonders fruchtbar werden kann, ist das medizinische. Ganz gewiß wird Anthroposophie für das Medizinische, namentlich für die Therapeutik unfruchtbar bleiben, wenn die Tendenz besteht, innerhalb des medizinischen Betriebes in der anthroposophischen Bewegung die Anthroposophie als solche in den Hintergrund zu drängen und etwa den medizinischen Teil unserer Sache so zu vertreten, daß wir denen gefallen, die vom heutigen Gesichtspunkte aus Medizin vertreten. Wir müssen mit aller Courage die Anthroposophie in alles Einzelne, auch in das Medizinische, hineintragen. Nur dann kommen wir so zurecht, wie wir zurechtkommen müssen mit der Anthroposophie selber im engeren Sinne, mit dem, was Eurythmie sein soll, mit dem, was Rezitation und Deklamation sein soll, mit dem, was Medizin sein soll, und vielem anderen, das ja als Einzelnes innerhalb unserer Anthroposophischen Gesellschaft lebt.

Sehen Sie, damit habe ich Ihnen die Grundbedingungen wenigstens angedeutet, die beim Ausgang unserer Tagung vor unsere Herzen hingestellt werden müssen für die Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Sie muß in dem angedeuteten Sinne eine Gesinnungsgesellschaft, keine Statutengesellschaft sein. Die Statuten müssen nur äußerlich ausdrücken dasjenige, was lebendig in den Seelen ist.

Und so möchte ich denn den Statutenvorschlag1 nun zur Verlesung bringen, der in der Richtung orientiert ist, wie ich nun, allerdings zunächst in flüchtiger Weise, hier angedeutet habe:

«Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft»

«1. Die Anthroposophische Gesellschaft soll eine Vereinigung von Menschen sein, die das seelische Leben im einzelnen Menschen und in der menschlichen Gesellschaft auf der Grundlage einer wahren Erkenntnis der geistigen Welt pflegen wollen.» «2. Den Grundstock dieser Gesellschaft bilden die in der Weihnachtszeit 1923 am Goetheanum in Dornach versammelten Persönlichkeiten, sowohl die einzelnen, wie auch die Gruppen, die sich vertreten ließen. Sie sind von der Anschauung durchdrungen, daß es gegenwärtig eine wirkliche Wissenschaft von der geistigen Welt schon gibt und daß der heutigen Zivilisation die Pflege einer solchen Wissenschaft fehlt. Die Anthroposophische Gesellschaft soll diese Pflege zu ihrer Aufgabe haben. Sie wird diese Aufgabe so zu lösen versuchen, daß sie die im Goetheanum zu Dornach gepflegte anthroposophische Geisteswissenschaft mit ihren Ergebnissen für die Brüderlichkeit im menschlichen Zusammenleben, für das moralische und religiöse sowie für das künstlerische und allgemein geistige Leben im Menschenwesen zum Mittelpunkte ihrer Bestrebungen macht.» Merken Sie, meine lieben Freunde, wie damit gebaut ist nicht auf Grundsätze, sondern auf Menschen, auf diejenigen Menschen, die hier versammelt sind. Und was werden die anderen erklären, die hinzukommen? Daß sie mit diesen Menschen im Wesentlichen einverstanden sind in bezug auf dasjenige, was hier steht. So ist von allen Abstraktionen abgesehen, auf Menschen diese Anthroposophische Gesellschaft gebaut. «3. Die als Grundstock der Gesellschaft in Dornach versammelten Persönlichkeiten» - Sie sehen, überall sind die Persönlichkeiten die, auf die es ankommt — «erkennen zustimmend die Anschauung der Goetheanum-Leitung in bezug auf das Folgende an: «Die im Goetheanum gepflegte Anthroposophie führt zu Ergebnissen, die jedem Menschen ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion als Anregung für das geistige Leben dienen können. Sie können zu einem wirklich auf brüderliche Liebe aufgebauten sozialen Leben führen. Ihre Aneignung als Lebensgrundlage ist nicht an einen wissenschaftlichen Bildungsgrad gebunden, sondern nur an das unbefangene Menschenwesen.>» Damit ist ausgedrückt, daß dasjenige, was hier als Ergebnis erscheint, für alle Menschen verständlich ist in dem Sinne, als die unbefangene Menschenseele ihm entgegenkommen kann. Etwas anderes ist es aber - und das kommt gleich zum Ausdrukke - mit der Forschung über dasjenige, was zu diesen Ergebnissen führt. Diese Forschung muß streng unterschieden werden. Daher heißt es weiter: «‹IhreForschungunddiesachgemäßeBeurteilungihrerForschungsergebnisse unterliegt aber der geisteswissenschaftlichen Schulung, die stufenweise zu erlangen ist. Diese Ergebnisse sind auf ihre Art so exakt wie die Ergebnisse der wahren Naturwissenschaft. Wenn sie in derselben Art wie diese zur allgemeinen Anerkennung gelangen, werden sie auf allen Lebensgebieten einen gleichen Fortschritt wie diese bringen, nicht nur auf geistigem, sondern auch auf praktischem Gebiete.›» «4. Die Anthroposophische Gesellschaft ist keine Geheimgesellschaft, sondern eine durchaus öffentliche. Ihr Mitglied kann jedermann ohne Unterschied der Nation, des Standes, der Religion, der wissenschaftlichen oder künstlerischen Überzeugung werden, der in dem Bestand einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum in Dornach als Freie Hochschule für Geisteswissenschaft ist, etwas Berechtigtes sieht.» Sie sehen, meine lieben Freunde, es ist sogar die Vorsicht gebraucht, daß nicht einmal hier, wo es exakt darauf ankommen muß, wodurch man Mitglied werden kann, nicht einmal hier gesagt ist, daß derjenige, der Mitglied werden will, in dem Bestand des Goetheanums, sondern nur «einer solchen Institution, wie sie das Goetheanum in Dornach als Freie Hochschule für Geisteswissenschaft ist, etwas Berechtigtes sieht.» — Sie müssen sich alle einzelnen Wendungen dieses Statuten-Entwurfes entsprechend gründlich überlegen. Er ist kurz. Statuten sollen kurz sein, sollen nicht ein Buch darstellen; aber Sie werden sehen, es ist jede einzelne Wendung so zu geben versucht, daß sie aus dem unmittelbaren Bewußtsein heraus geschrieben ist. «Die Gesellschaft lehnt jedes sektiererische Bestreben ab. Die Politik betrachtet sie nicht als in ihren Aufgaben liegend.» Diesen Satz brauchen wir, weil zahlreiche Mißverständnisse aus allerdings nicht klarem Verhalten vieler unserer Mitglieder während der Dreigliederungszeit entstanden sind. Anthroposophie ist vielfach zu dem Ansehen gekommen, als ob sie sich in die politischen Angelegenheiten der Welt hineinmischen wollte — was sie nie getan hat, nie tun kann - dadurch, daß die Dreigliederungssache von unseren Freunden vielfach an die politischen Parteien herangebracht worden ist, was von vornherein ein Fehler bei diesen Freunden war. «5. Die Anthroposophische Gesellschaft sieht ein Zentrum ihres Wirkens in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach. Diese wird in drei Klassen bestehen.» Bitte, erschrecken Sie nicht vor diesen drei Klassen, meine lieben Freunde. Die drei Klassen waren ursprünglich in der Anthroposophischen Gesellschaft schon da, nur in einer anderen Form, bis zum Jahre 1914. «In dieselbe werden auf ihre Bewerbung hin aufgenommen die Mitglieder der Gesellschaft, nachdem sie eine durch die Leitung des Goetheanums zu bestimmende Zeit die Mitgliedschaft inne hatten. Sie gelangen dadurch in die erste Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Die Aufnahme in die zweite, beziehungsweise in die dritte Klasse erfolgt, wenn die um dieselbe Ansuchenden von der Leitung des Goetheanums als geeignet befunden werden.» «6. Jedes Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft hat das Recht, an allen von ihr veranstalteten Vorträgen, sonstigen Darbietungen und Versammlungen unter den von dem Vorstande bekannt zu gebenden Bedingungen teilzunehmen.» «7. Die Einrichtung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft obliegt zunächst Rudolf Steiner, der seine Mitarbeiter und seinen eventuellen Nachfolger zu ernennen hat.» Ich bemerke schon hier, daß ich vorhabe, diese Freie Hochschule für Geisteswissenschaft in der Zukunft in einzelne Sektionen zu verteilen, zu deren Leitung ich die hierzu geeigneten Persönlichkeiten dann berufen werde. Diese geeigneten Persönlichkeiten, welche die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach in einzelnen Sektionen leiten werden, werden zu gleicher Zeit Beiräte sein in dem zu bildenden Vorstande, von dem ich gleich nachher sprechen werde. «8. Alle Publikationen der Gesellschaft werden öffentlich in der Art wie diejenigen anderer öffentlicher Gesellschaften sein. Von dieser Öffentlichkeit werden auch die Publikationen der Freien Hochschule für Geisteswisssenschaft keine Ausnahme machen;» —- die Zyklen werden in der Zukunft heißen: Publikationen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft - «doch nimmt die Leitung der Schule für sich in Anspruch, daß sie von vorneherein jedem Urteile über diese Schriften die Berechtigung bestreitet, das nicht auf die Schulung gestützt ist, aus der sie hervorgegangen sind. Sie wird in diesem Sinne keinem Urteil Berechtigung zuerkennen, das nicht auf entsprechende Vorstudien gestützt ist, wie das in der anerkannten wissenschaftlichen Welt üblich ist. Deshalb werden die Schriften der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft» - das werden in Zukunft die Zyklen sein - «den folgenden Vermerk tragen: «Als Manuskript für die Angehörigen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Goetheanum, Klasse ... gedruckt.» Es wird niemand für diese Schriften ein kompetentes Urteil zugestanden, der nicht die von dieser Schule geltend gemachte Vor-Erkenntnis durch sie oder auf eine von ihr selbst als gleichbedeutend erkannte Weise erworben hat.» Kaufen kann jeder; urteilen kann nur derjenige, der der betreffenden Klasse angehört, die da steht, wo dieser Vermerk aufgedruckt ist: «Als Manuskript für die Angehörigen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft, Goetheanum, Klasse ... gedruckt.» «Andere Beurteilungen werden insofern abgelehnt, als die Verfasser der entsprechenden Schriften sich in keine Diskussion über dieselben einlassen.» «9. Das Ziel der Anthroposophischen Gesellschaft wird die Förderung der Forschung auf geistigem Gebiete, das der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft diese Forschung selbst sein. Eine Dogmatik auf irgendeinem Gebiete soll von der Anthroposophischen Gesellschaft ausgeschlossen sein.» «10. Die Anthroposophische Gesellschaft hält jedes Jahr um die Zeit des Jahresbeginns im Goetheanum eine ordentliche Jahresversammlung ab, in der von dem Vorstande ein vollständiger Rechenschaftsbericht gegeben wird. Die Tagesordnung zu dieser Versammlung wird mit der Einladung an alle Mitglieder drei Wochen vor der Tagung von dem Vorstande bekanntgegeben.» Darüber können ja Beschlüsse gefaßt werden. «Außerordentliche Versammlungen kann der Vorstand berufen und für sie die Tagesordnung festsetzen. Er soll drei Wochen vorher die Einladungen an die Mitglieder versenden. Anträge von einzelnen Mitgliedern oder Gruppen von solchen sind eine Woche vor der Tagung einzusenden.» Hier wird es sich darum handeln, noch einen Passus einzufügen, daß auch von seiten der Mitgliedschaft außerordentliche Versammlungen verlangt werden können. «11. Die Mitglieder können sich auf jedem örtlichen oder sachlichen Felde zu kleineren oder größeren Gruppen zusammenschlieBen.» Für die Allgemeine Gesellschaft ist jede Gruppe, auch die Landesgruppe, in diesem Paragraphen enthalten. Die Allgemeine Gesellschaft ist weder international noch national, sie ist allgemein menschlich - und alles andere ist für sie Gruppe. Dadurch bekommen wir wirklich auf Freiheit gestütztes Leben in die Anthroposophische Gesellschaft hinein und auch überall, wo es sich entfalten will, durchaus autonomes Leben. Anders kommen wir nicht weiter. «Die Anthroposophische Gesellschaft hat ihren Sitz am Goetheanum. Der Vorstand hat von da aus das an die Mitglieder oder Mitgliedergruppen zu bringen, was er als die Aufgabe der Gesellschaft ansieht.» Dieser Satz, meine lieben Freunde, ist von ganz besonderer Wichtigkeit, weil in ihm enthalten ist dasjenige, als was sich der Vorstand überhaupt auffaßt. Er faßt sich nicht auf als etwas Gewähltes, er faßt sich auf als eine Gruppe von Menschen, die da sagt: Wir wollen hier am Goetheanum etwas tun und werden über dies oder jenes, was wir tun, mit denjenigen, die es als Einzelne oder als Gruppe wollen, in Verkehr treten, werden jeden einzelnen oder jede Gruppe, die sich zu diesen Statuten bekennt und mit diesen Statuten einverstanden erklären kann, als Mitglied anerkennen. Damit erklärt dieser Vorstand, daß er sich in der freiesten Weise in die Gesellschaft hineinstellt: daß er also nicht etwas anderes sein will als eine Gruppe von Menschen mit Initiative für die anthroposophische Sache. Und dieses Ausleben der Initiative für die anthroposophische Sache, das wird das Herzblut dieses Vorstandes sein müssen. Also er ist nicht eine Vertretung in abstracto von Menschen, sondern Vertreter der anthroposophischen Sache hier am Goetheanum; er hat die Aufgabe, die anthroposophische Sache hier am Goetheanum zu vertreten. Und sich dazu zu bekennen, Mitglied zu sein einer Gesellschaft, für die dieser Vorstand gelten will, das heißt eben, sich anschließen an die Förderung der anthroposophischen Sache. Es ist ganz allgemein menschlich, ganz in freier Weise in der Zukunft Mitgliedschaft und Vorstand in ihrem Verhältnisse gedacht. Dazu haben wir es eben noch nicht gebracht; das müssen wir vor alle Welt hinstellen. Dann werden solche Urteile wie das Leisegang’sche nicht mehr auftreten, daß ja ein willkürlicher Vorstand durch seine eigene Ernennung in den letzten zehn Jahren bestanden hätte, der nirgends gewählt worden sei. Man muß von Anfang an die Tatsache scharf betonen, daß ein eigentliches Wählen in der Anthroposophischen Gesellschaft unmöglich ist, sondern daß nur Initiative möglich ist. Also dieser Vorstand: «Er tritt in Verkehr mit den Funktionären, die von den einzelnen Gruppen gewählt oder ernannt werden.» Wie die entstehen, das ist Sache der Statuten der einzelnen Gruppen. Für uns hier wird es sich lediglich darum handeln, daß wir aus Gründen, die wir uns verschaffen werden, vertrauensvoll mit diesen Funktionären werden verhandeln wollen. «Die einzelnen Gruppen besorgen die Aufnahme der Mitglieder; doch sollen die Aufnahmebestätigungen dem Vorstande in Dornach vorgelegt und von diesem im Vertrauen zu den Gruppenfunktionären unterzeichnet werden, Im allgemeinen soll sich jedes Mitglied einer Gruppe anschließen; nur wem es ganz unmöglich ist, die Aufnahme bei einer Gruppe zu finden, sollte sich in Dornach selbst als Mitglied aufnehmen lassen.» «12. Der Mitgliedsbeitrag wird durch die einzelnen Gruppen bestimmt; doch hat jede Gruppe für jedes ihrer Mitglieder ... an die zentrale Leitung am Goetheanum zu entrichten.» Ich habe hier Punkte gemacht, obwohl ich schon eine Ansicht habe darüber und sie unter Umständen auch dann vertreten werde; aber ich habe hier zunächst Punkte gemacht, damit die möglichst weitgehenden Überlegungen darüber bis morgen zur Verhandlung gemacht werden können. Denn wir werden ja hier auch Geld brauchen. Der Idealismus kann nicht darinnen bestehen - ich habe das schon öfter ausgesprochen -, daß man sagt: Ach was, so etwas schrecklich Ahrimanisches wie Geld, davon darf man die Ideale gar nicht berühren lassen! Möglichst freilassen davon soll man die Ideale. - Die linke Hand auf die Geldbörse, die rechte erhoben für die Ideale! Man muß schon auch einmal die unbequeme Bewegung machen mit der rechten Hand in die linke Geldtasche, um die Ideale so hochzuhalten, daß man für sie auch kleine Opfer aufbringt. «13. Jede Arbeitsgruppe bildet ihre eigenen Statuten; nur sollen diese den Statuten der Anthroposophischen Gesellschaft nicht widersprechen.» «14. Gesellschaftsorgan ist das «Goetheanum>, das zu diesem Ziele mit einer Beilage versehen wird, die die offiziellen Mitteilungen der Gesellschaft enthalten soll. Diese vergrößerte Ausgabe des «Goetheanum> wird nur an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft abgegeben.»

Das ist ein Paragraph, der mir auch besonders auf dem Herzen liegt aus dem Grunde, weil überall, wo ich hingekommen bin, mir das entgegengetreten ist, daß mir urteilsfähige Mitglieder gesagt haben: Man hört ja gar nichts davon, was eigentlich vorgeht in der Anthroposophischen Gesellschaft. - Wir werden nun gerade durch diese Einrichtung eine sorgfältige Korrespondenz führen, die die Korrespondenz von jedem Einzelnen immer mehr und mehr wird sein können, und man wird gerade dadurch ganz drinnen leben können in der Anthroposophischen Gesellschaft.

Nun habe ich Ihnen, meine lieben Freunde, für den Fall, daß Sie sich überlegen und zu dem Zwecke und zu dem Ziele kommen, einverstanden zu sein mit der Annahme, daß ich selbst den Vorsitz der Anthroposophischen Gesellschaft übernehme, noch den Vorstand vorzuschlagen, der derjenige ist, mit dem ich tatsächlich werde die Aufgaben erfüllen können, die ich wenigstens skizzenhaft Ihnen hier angedeutet habe.

Vorstandsmitglieder müssen für die wirkliche, tatsächliche Führung der anthroposophischen Sache solche Persönlichkeiten sein, die hier in Dornach sind. So wie ich mir die Gesellschaft denke, so kann nicht der Vorstand überall in der Welt zusammengesucht werden. Das wird nicht hindern, daß die einzelnen Gruppen sich ihre Funktionäre in ihrer Autonomie wählen. Und wenn diese Funktionäre herkommen hier nach Dornach, werden sie während ihrer Anwesenheit als beratende Mitglieder bei den Vorstandssitzungen aufgenommen werden. Also in die ganze Sache soll Leben hineinkommen: nicht bürokratisch ein in aller Welt zerstreuter Vorstand, sondern für die einzelnen Gruppen verantwortliche Funktionäre, die aus den Gruppen selbst hervorgehen, die aber jederzeit Gelegenheit haben werden, sich im vollsten Maße als gleichberechtigte Mitglieder des Vorstandes, der aber in Dornach lokalisiert ist, zu fühlen. Die Arbeit muß aber von diesem Vorstand in Dornach hier besorgt werden.

Nun müssen die Vorstandsmitglieder selbstverständlich solche sein, welche ihr Leben in restloser Weise der anthroposophischen Sache gewidmet haben, äußerlich und innerlich. Und aus langen Überlegungen der letzten Wochen erlaube ich mir, Ihnen als den Vorstand die folgenden Persönlichkeiten vorzuschlagen:

Ich glaube, es wird nirgends so etwas wie auch nur ein leiser Widerspruch sich ergeben, sondern es wird sich in allen Herzen die ungetrennteste, vollste Zustimmung erheben, wenn ich Ihnen vorschlage, zum Stellvertreter des Vorsitzenden Herrn Albert Steffen zu haben. (Lebhafter Beifall)

Damit ist zu gleicher Zeit in dem Vorstande selbst dasjenige ausgedrückt, auf was ich heute schon hingewiesen habe: unsere Verbindung als Anthroposophische Gesellschaft mit der Schweiz. Und ich spreche vor Ihnen meine Überzeugung, ich möchte sagen, mit dezidierten Worten aus, indem ich Ihnen sage: Wenn es sich darum handelt, einen Schweizer hier mit aller Kraft in der Anthroposophischen Gesellschaft als Vorstandsmitglied und als Stellvertreter des Vorsitzenden zu haben, einen besseren Schweizer findet man nicht.

Dann wird es sich handeln, in dem Vorstand diejenige Persönlichkeit zu haben, die von allem Anfange an mit der Anthroposoph:schen Gesellschaft verknüpft ist, die Anthroposophische Gesellschaft zum großen Teil aufgebaut hat, heute in einem der allerwichtigsten Gebiete gerade auf anthroposophische Art innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft wirkt: Frau Dr. Steiner. (Lebhafter Beifall)

Sie haben alles gesagt und damit deutlich zum Ausdruck gebracht, daß wir ja gar keine Furcht zu haben brauchen, daß unsere Wahl irgendwie nach dieser Richtung hin nicht das Richtige treffen wird. Als weiteres Vorstandsmitglied muß ich Ihnen vorschlagen, aus namentlich den Tatsachen der letzten Wochen hier, diejenige Persönlichkeit, mit der ich in der Gegenwart so recht die Möglichkeit habe, anthroposophischen Enthusiasmus in der richtigen Weise auszuprüfen dadurch, daß ich mit ihr zusammen das medizinische System der Anthroposophie ausarbeite: Frau Dr. Ita Wegman. (Lebhafter Beifall)

Sie hat ja durch ihre Arbeit - und namentlich durch die Auffassung ihrer Arbeit - gezeigt, daß sie auf diesem Spezialgebiete die Anthroposophie in rechter Weise zur Geltung bringen kann. Und ich weiß, daß das segenbringend wirken wird. Deshalb habe ich es auch unternommen, für die nächste Zeit schon das anthroposophische System der Medizin gemeinschaftlich mit Frau Dr. Wegman auszuarbeiten. Es wird der Welt vor Augen treten, und dann werden wir ja sehen, daß wir gerade an in solcher Art arbeitenden Mitgliedern die richtigen Freunde der Anthroposophischen Gesellschaft haben.

Fernerhin habe ich Ihnen vorzuschlagen ein Mitglied, das nun wirklich für die Dornacher Arbeiten im großen und in allen Einzelheiten bis ins i-Tüpfelchen hinein ausprobiert ist und sich immer erwiesen hat als getreues Mitglied. Die Mitglieder des Vorstandes sind ja wirklich eigentlich, wie ich glaube - es soll keine Selbstbespiegelung sein -, richtig ausgewählt. Albert Steffen ist schon Anthroposoph gewesen, bevor er geboren worden ist; das muß man ihm anerkennen. Frau Dr. Steiner ist selbstverständlich Anthroposophin immer gewesen, während es eine Anthroposophische Gesellschaft gibt. Eines der allerersten Mitglieder, das nach uns eingetreten ist in der allerersten Zeit, ist Frau Dr. Wegman; sie ist ja mehr als zwanzig Jahre Mitglied der anthroposophischen Bewegung. Sie ist hier im Saale mit Ausnahme von uns selbst das älteste Mitglied. Ebenso ist ein sehr altes Mitglied diejenige Persönlichkeit, die ich nun meine und die wirklich bis ins i-Tüpfelchen hinein als getreueste Mitarbeiterin hier ausgeprobt worden ist, mit der Sie wirklich auch bis ins i-Tüpfchen einverstanden sein können, Fräulein Dr. Lili Vreede. (Beifall)

Und nun brauchen wir im anthroposophischen Vorstand noch eine Persönlichkeit, welche uns viele Sorgen abnehmen wird, die wir nicht selber alle aufnehmen können, weil ja die Initiativen getrennt sein müssen; aber einer, der denken muß für alle. Das muß auch dann sein, wenn die andern - es soll auch keine Selbstbespiegelung sein - sich schon auch bemühen werden, ein bißchen erleuchtete Köpfe zu haben in anthroposophischen Angelegenheiten; aber man braucht einen, der sozusagen die Köpfe nicht zusammenschlägt, aber zusammenhält. Das wird eine Persönlichkeit sein, die ja in vieler Beziehung erst zu erproben sein wird für viele andere, aber von der ich glaube, daß sie jede Probe aushalten wird. Das wird unser lieber Dr. Guenther Wachsmuth sein, der ja wirklich in allem, was er hier für uns zu leisten hat, eine ganze Summe von Proben schon gezeigt hat und gezeigt hat, daß er in der harmonischsten Weise zusammenwirken kann. Mit ihm wird man also nach und nach mit der Zeit recht zufrieden sein. Ich bitte, auch mit Dr. Guenther Wachsmuth - Kassierer will er nicht sein, aber der als Sekretär und Schatzmeister bei uns funktionieren soll - einverstanden zu sein. (Beifall)

Der Vorstand muß klein sein, deshalb ist auch die Liste zu Ende, meine lieben Freunde. Und es ist auch unsere Zeit für den Vormittag zu Ende. Ich darf noch die Bitte aussprechen, daß wir uns alle bemühen möchten, vor allen Dingen Stimmung und Stimmung und wieder Stimmung in dieser Versammlung zu haben. Aus dieser Stimmung, aus dieser anthroposophischen Stimmung wird dasjenige hervorgehen, was wir brauchen für die nächsten Tage. Und wenn wir es für die nächsten Tage haben, werden wir es auch haben für die Zukunftszeiten, in die wir für die Anthroposophische Gesellschaft hineingehen. An Ihre Herzen habe ich appelliert, an dasjenige von Ihrer Weisheit, was durch Ihre Herzen durchglüht, verenthusiasmiert werden kann. Möchten wir diese Durchglühung, diese Wärme, diesen Enthusiasmus durch die folgenden Versammlungen hindurchtragen können und dadurch etwas recht Fruchtbares in diesen nächsten Tagen leisten können.

Es sind noch zwei Ankündigungen zu machen: Heute nachmittag wird zweimal eine Vorstellung des einen Weihnachtsspiels, des Paradeis-Spieles sein. Die erste Vorstellung wird stattfinden um 4 Uhr 30, und diejenigen, die da nicht hineinkönnen - es können alle heute das Paradeis-Spiel sehen -, die werden es dann um 6 Uhr sehen können.

Die nächste Versammlung, die wir dann haben, ist abends um 8 Uhr, wo mein erster Vortrag über «Die Weltgeschichte in anthroposophischer Beleuchtung» stattfinden wird.

Morgen Dienstag, 10 Uhr, werden wir uns hier versammeln zu der Grundsteinlegung der Anthroposophischen Gesellschaft, und dann wird sich daran die Gründungsversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft schließen.

Dann ist noch anzukündigen, daß die für heute nachmittag angekündigte Versammlung der Generalsekretäre und Delegierten heute nicht stattfinden wird, weil es besser ist, sie stattfinden zu lassen, wenn die Gründungsversammlung schon stattgefunden hat. Sie wird dann morgen um 2 Uhr 30 stattfinden, im Glashaus unten, im Architektenbüro: also die Versammlung des Vorstandes, der Generalsekretäre und derjenigen, die dann wiederum deren Sekretäre sind.

Herr Abels soll nun noch in die Nähe kommen, und da bitte ich, die Karten für die Essensserien in der entsprechenden Weise entgegenzunehmen. Wir suchen da natürlich unten in der Kantine, da nicht alles durcheinander gehen kann, die entsprechenden Ordnungen zu haben.



  1. Siehe die handschriftliche Vorlage und die jedem Teilnehmer ausgehändigten gedruckten Statuten in der Beilage 1 und 2. ↩

German original of Rudolf Steiner's Opening Lecture and Reading of the Statutes · ← Previous · Next →