The Christmas Conference
GA 260 — 31 December 1923, Dornach
Freie Aussprache der schweizerischen Delegierten
Am 31. Dezember, nachmittags 2 Uhr 30, fand im Architektenbüro eine Versammlung der Delegierten der Landesgesellschaft der Schweiz statt, von Herrn Aeppli einberufen, der gebeten hatte, Dr. Steiner möge selbst dabeisein und den Vorsitz führen.
Von dem Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft sind anwesend: Dr. Steiner, Albert Steffen, Fräulein Vreede, Dr. Wachsmuth; später noch: Frau Dr. Steiner.
Herr Aeppli begrüßt Herrn Dr. Steiner und bittet ihn, den Vorsitz zu übernehmen.
Dr. Steiner eröffnet die Versammlung, die zwecks freier Aussprache auf Wunsch der Delegierten der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz einberufen worden ist:
Ich danke Herrn Aeppli sehr schön für die eben gesprochenen Worte und will somit ohne Förmlichkeit die Versammlung eröffnen. Ich bitte um Wortmeldungen zu der angekündigten freien Aussprache. — Also ich bitte diejenigen Freunde, die zu sprechen wünschen, das Wort zu ergreifen.
Frau Prof. Bürgi, Bern, bittet Dr. Steiner, den Vorsitz in der Landesgesellschaft der Schweiz anzunehmen.
Dr. Steiner: Ich bin etwas überrascht von dem Vorschlag von Frau Prof. Bürgi. Denn an sich muß es ja weiterhin dabei bleiben, daß - mindestens auf die Dauer - die Inkompatibilität der Ämter des Zentralvorstandes mit anderen Ämtern vorhanden ist, so daß also auch ich gar nicht auf die Dauer irgendwelches Amt in irgendeinem Teil der Anthroposophischen Gesellschaft übernehmen könnte. Aber abgesehen davon möchte ich fragen: Wenn schon in dieser Weise ein provisorischer Zustand geschaffen werden soll, sollte dann nicht Herr Steffen der bessere Generalsekretär für die Schweiz sein? Mir kommt vor, daß, wenn schon ein Provisorium geschaffen werden soll, dann eben dieses Provisorium vorläufig mit Herrn Steffen geschaffen werden sollte. Ich stelle es natürlich vollständig anheim, darüber eine Debatte zu führen. Aber nicht wahr, es erscheint ja doch fast problematisch — oder eigentlich unmotiviert -, wenn ich nun den Posten des Vorsitzenden der schweizerischen Gesellschaft übernehme, da doch Herr Steffen nur dadurch daran verhindert ist, daß er Mitglied des Zentralvorstandes sein muß. Und ich bin in derselben Lage. Vielleicht sprechen Sie sich bitte noch darüber aus.
Herr Steffen: Ich möchte verzichten. Ich glaube, es paßt nicht recht.
Dr. Steiner: Aber, mein lieber Herr Steffen, warum denn? Ich sehe das gar nicht ein - wenn schon ein Provisorium geschaffen werden soll! Ich meine, vielleicht könnten wir über die Kalamität in einer andern Weise noch hinwegkommen. Nicht wahr, die Sache liegt ja wirklich so, daß die beiden Dinge erreicht werden können, meine lieben Freunde: die möglichst schweizerische Art in der Führung der schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft könnte geschaffen werden, und - durch die lokalen Verhältnisse herbeigerufen — ein enges Band mit der zentralen Anthroposophischen Gesellschaft. Oder sollte das nicht möglich sein, daß ein enges Band bestünde zwischen der zentralen Anthroposophischen Gesellschaft, die ja hier in der Schweiz ihren Sitz hat, und der schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft? So könnte es vielleicht sein, daß wir dadurch über die Kalamität hinwegkämen, daß wir aufrechterhalten könnten im Prinzip die Inkompatibilität und Sie zum Ausdruck bringen, daß Sie zwar eine Art Generalsekretär wählen außer uns, daß Sie aber den Vorsitz uns beiden als Vorsitzenden der zentralen Anthroposophischen Gesellschaft mitübertragen. So daß es also durch Versammlungsbeschluß so wäre, daß einfach die schweizerische Gesellschaft heute dies als ein selbstverständliches Ergebnis aus der Mitte ihrer Delegiertenversammlung heraus betrachten würde, daß der Zentralvorstand zu gleicher Zeit Vorstand ist der schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft. Und die schweizerische Anthroposophische Gesellschaft ernennt sich dann einen verwaltenden Generalsekretär. Wenn man es in dieser Weise nämlich macht, brauchen wir kein Provisorium, sondern dann glaube ich, ist das Allerschönste, was sein kann, eigentlich zum Ausdruck gebracht: die schweizerischen Mitglieder fürchten nicht für ihre Selbstständigkeit, indem sie die ganze Anthroposophische Gesellschaft einfach in ihren Schoß aufnehmen. Also ich meine, auf diese Weise könnten wir vielleicht das Problem lösen. Dann werden Herr Steffen und ich eben zusammen den Vorsitz führen in unserer
Eigenschaft als Vorsitzende der Anthroposophischen Gesellschaft.
Dr. Hugentobler: Ich glaube, eine bessere Lösung hätten wir wahrlich nicht aufbringen können!
Dr. Steiner: Wünscht jemand das Wort dazu?
Herr Keller schlägt vor, daß die Wahl des Generalsekretärs dem Vorstand überlassen werde.
Dr. Steiner: Es ist natürlich, glaube ich, für den Vorstand etwas schwierig, eine Wahl zu treffen, wenn nicht die Sache vorher besprochen wird. Denn, nicht wahr, ich verrate ja wohl keine esoterischen Geheimnisse, wenn ich sage: Es ist heute außerordentlich schwer festzustellen, welche Persönlichkeit in allen Teilen der Schweiz sich einer so großen Beliebtheit erfreut, daß sie entgegengenommen wird als ein selbstverständlicher Verwalter. Und ein wenig Aussprache darüber würde vielleicht schon etwas beitragen können, um zu einem Resultat zu kommen. Es wird das Amt dann in enger Fühlung mit Herrn Steffen und mir ausgeübt werden. Dann wird wahrscheinlich dasjenige, was Frau Prof. Bürgi vorgebracht hat, nicht mehr in derselben Weise gelten, als wenn ein selbständiger Generalsekretär gewählt worden wäre. Frau Prof. Bürgi sagte nämlich, daß ja die schweizerische Gesellschaft exponiert sei, weil sie unmittelbar am Goetheanum ist und so weiter, so daß es also wichtig sei, das Amt gerade in einer recht entsprechenden Weise zu verwalten. Nun, nachdem Sie so liebenswürdig waren, uns dieses Amt zu übertragen, werden vielleicht die Argumente nicht in derselben Schärfe mehr gelten. Ich meine, jetzt wird nur mehr die Beliebtheit in Betracht kommen. Aber vielleicht wünscht jemand dazu das Wort?
Dr. Grosheintz glaubt, daß es vielleicht nicht notwendig ist, neben dem jetzigen Vorstand einen Generalsekretär zu haben.
Dr. Steiner: Wird aber vielleicht nicht doch gewünscht, daß zur besseren Besorgung der Verwaltungsgeschäfte eine Persönlichkeit aufgestellt würde, die ja aus der Versammlung selbst heraus nominiert werden könnte? Wird nicht vielleicht das doch gewünscht? Ich bitte, sich darüber doch zu äußern.
Edgar Dürler: Wir von der «Neuen Generation» schlagen Dr. Oskar Grosheintz vor.
Dr. Steiner: Es ist Dr. Oskar Grosheintz vorgeschlagen. Wünscht sonst jemand Vorschläge zu machen?
Herr Thut möchte zur Abklärung der Frage vorschlagen, daß zum Ausdruck gebracht werde, was für Obliegenheiten diese Person hat.
Dr. Steiner: Wollen wir aber nicht lieber - Jetzt bei der Neuordnung - eine gründliche Neuordnung vornehmen und absehen von den bisherigen Ämtern? Also die alten Geschichten an den Nagel hängen und eben die Organisation von Grund auf vornehmen? Nun glaube ich, daß gar nichts dagegen ist in sachlicher Beziehung, wenn die schweizerische Anthroposophische Gesellschaft so konstituiert ist, daß sie gewissermaßen ihre Hauptvertretung in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft hat, so wie wir es ja jetzt eben beschlossen haben. Ich möchte nur, rein aus dem Gefühl heraus, vermeiden, daß später einmal in irgend jemandem die Empfindung entstehen könnte, die schweizerische Anthroposophische Gesellschaft werde in irgendeiner Weise bevormundet oder werde wie ein Kind zweiter Ordnung behandelt. Eigentlich kann man das ja nicht: wenn man es zunächst an seine Brust drückt, so ist es ja im Grunde genommen das Kind erster Ordnung. Und das würde ja auch in der Tat so gelten müssen. Aber ich meine, daß trotzdem irgendwo ein Soupcon aufkommen könnte, die schweizerische Gesellschaft sei nur ein Anhängsel der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Es würde natürlich das auch eine Taktfrage sein, und ich glaube, es wird sich in der Praxis dies nicht ergeben. Aber wenn dennoch hier in irgend einem Herzen dieser Soupcon sein könnte, so bitte ich, es ruhig auszusprechen, damit wir über die Frage nun wirklich schlüssig werden können. Sonst würde es ja wahrscheinlich das allerbeste sein, wir machten es in der Schweiz so, daß wir Altliebgewordenes berücksichtigen und die allgemeine Verwaltung eben besorgen von uns aus. So daß tatsächlich der Vorschlag des Herrn Thut das Richtige wäre: einfach die schweizerische Gesellschaft von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft mitverwalten zu lassen; und für alle Angelegenheiten, die konstituierend sind, die eine innere substantielle Bedeutung für die Gesellschaft haben, berufen wir immer diejenigen ein, die dann als Vertreter der einzelnen Zweige von den Zweigen aus entsendet werden. Wenn wir das von Zeit zu Zeit tun, so haben wir das Altliebgewordene in der Schweiz, nämlich das Demokratische, zum Ausdruck gebracht. Und ich glaube, wir kommen damit, daß? wenn wir in dieser Weise immer appellieren an die einzelnen Mitglieder, was ja in der Schweiz, da sie ein kleines Territorium ist, möglich ist -— wir könnten es ja bei keiner anderen Landesgesellschaft tun -, dann wohl am allerbesten vorwärts. Wir würden ja auch nicht nötig haben, daß diese Versammlungen immer hier am Goetheanum einberufen werden; sie können auch an einem anderen Orte sein, man kann ja sehr leicht hinkommen. Es wäre sogar ganz gut, wenn diese Versammlungen aus dem Kreise der Mitglieder meinetwillen das wären, was man sonst Wander-Versammlungen nennt. Und auf diese Weise, wenn wir von Zeit zu Zeit in Bern, Zürich, Olten und so weiter Versammlungen hätten — wahrscheinlich immer gelegentlich eines Vortrages, der da von mir gehalten zu werden hätte -, so würden wir am besten gerade in der Schweiz fortkommen.
Herr Thut: Es war nicht meine Absicht, an dieser alten Organisation in jedem Falle festzuhalten, sondern nur, Klarheit zu schaffen, in welcher Weise diese dann bestehen oder nicht mehr bestehen würde, damit wir möglichst klar sind über die Funktionen dieser Dinge, die zur Zeit noch in Frage stehen.
Dr. Steiner: Dann würde ich meinen, daß es auch im Sinne des Herrn Thut liegt und wahrscheinlich der meisten hier, wenn wir die Vertretung der schweizerischen Gesellschaft von der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft hier besorgen würden? Die laufenden Angelegenheiten können ja leicht von der Verwaltung besorgt werden; da braucht man ja nicht einen besonderen Sekretär dazu. Und vielleicht stellt es sich dann doch am besten, wenn wir gewissermaßen um einen Kontakt nach den verschiedensten Orten der Schweiz hin zu haben - außerdem noch als Beirat für den hiesigen Vorstand ein Vertrauensmänner-Kollegium oder Vertrauensfrauen-Kollegium von drei, vier oder fünf Mitgliedern ernennen, an das wir uns dann wenden, wenn wir es brauchen, und mit diesem zusammen dann solche Wander-Versammlungen dann eben abhalten. Die werden dann ja nicht in sehr kurzen Zeiträumen notwendig sein, aber wir können immerhin einen «Rat» dadurch begründen, daß wir ein Vertrauenspersönlichkeits-Kollegium haben über die Schweiz hin. Das würde vielleicht das Erwünschte sein?
Herr Storrer: In diesem Fall möchte ich für den Vorstand des Zweiges «Neue Generation» erklären, daß wir natürlich unseren Vorschlag zurücknehmen.
Dr. Steiner: Wünscht sonst jemand das Wort?
Dr. Usteri stellt eine Frage.
Dr. Steiner: Nicht wahr, was die Frage betrifft, die Sie an das Programm angeschlossen haben, so ist es ja so, daß dies lediglich eine Frage der Tagesordnung ist. Sie meinten, Sie kamen heute morgens an und fanden vielleicht nicht im Saale dasjenige, was Sie erwarteten? Ist es so? - Nun, nicht wahr, es mußte von dem Programm deshalb abgegangen werden, weil eigentlich die Möglichkeiten nicht gegeben waren in der allgemeinen Versammlung, erschöpfend über alle Fragen zu sprechen, die nun einmal zu behandeln sind, wenn man nicht die Versammlungen fortwährend vertagt hätte und eine fortlaufende Tagesordnung für die Mitgliederversammlung gehabt hätte. Daher bin ich selber in der Zusammenfassung der Tagesordnung abgegangen von dem ursprünglichen Projekt, aber es ist jedes Mal am vorhergehenden Tag die Tagesordnung für den folgenden Tag genau verkündet worden, so daß also die entsprechende Ärzteversammlung heute morgen eben doch stattgefunden hat. Schade, daß Sie nicht mehr die Gelegenheit gehabt haben, irgendein Mitglied, das schon gestern da gewesen ist, zu fragen; es würde Ihnen jedes Mitglied haben sagen können, daß um 8 Uhr 30 die Versammlung der praktizierenden Ärzte hier im Glashaus stattgefunden hat.
Denn sehen Sie, wir wollten gerade die Weihnachtsversammlung so fruchtbar als möglich machen, wollten so wenig als möglich bloß in allgemeinen Diskussionen die Sache verlaufen lassen, und deshalb sollte das Ärztliche wirklich nur unter praktizierenden Ärzten besprochen werden; es wurde daher aus der allgemeinen Versammlung herausverlegt und wird nun besonders behandelt werden in drei Zusammenkünften, wovon die eine heute morgens um 8 Uhr 30 war, die zweite morgen und die dritte wahrscheinlich auch - das wird noch verkündet werden - am Mittwoch um 8 Uhr 30 morgens sein wird. Also die Dinge, die angekündigt waren, finden sogar in besserer Weise statt, als wie sie angekündigt waren. Denn aus einer allgemeinen Diskussion bei der Mitgliederversammlung wäre ja doch nichts Besseres herausgekommen. Aber ich habe sogar die Einrichtung getroffen, daß auch alle Versammlungen, die nicht alle Mitglieder, sondern nur eine Gruppe von Mitgliedern betreffen, wie in diesem Fall, ganz allgemein in der Mitgliederversammlung verkündet werden, so daß auch derjenige, der bei irgendeiner Versammlung nichts zu suchen hat, weiß, daß sie stattfindet. Daß Sie es nicht erfahren haben, ist natürlich nur durch den Umstand herbeigeführt, daß Sie wahrscheinlich nicht vor 8 Uhr 30 da waren und jemanden fragen konnten. Im übrigen glaube ich nicht, daß da ein Generalsekretär besser Auskunft hätte geben können als eigentlich jedes Mitglied, wenn Sie heute morgens angekommen wären. Im Haus Friedwart hätten Sie ganz genau Auskunft darüber haben können.
Nun aber kann es natürlich gute Gründe selbstverständlich geben, dennoch einen Generalsekretär zu ernennen. Das ist ja etwas, was weiter besprochen werden könnte. Es ist zwar nicht zur Abstimmung gekommen, aber ich möchte doch darüber abstimmen lassen. Ich bitte diejenigen schweizerischen Freunde, die dafür sind, daß weiterhin durch Albert Steffen und mich der Vorsitz der schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft besorgt wird, die Hand zu erheben. (Es geschieht.) Wer dagegen ist, bitte ebenfalls die Hand zu erheben. (Es meldet sich niemand.) - Also: der Vorschlag ist angenommen worden. Und es würde sich darum handeln, ob wir den Modus wählen, daß die Verwaltungsstelle der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft auch die fortlaufende Verwaltung der schweizerischen Anthroposophischen Gesellschaft übernimmt und ein solches Ältesten- oder Jüngsten-Kollegium eben einsetzen will, an das wir uns von Zeit zu Zeit wenden, wenn wir es brauchen, oder ob etwas anderes beschlossen wird.
Dr. Usteri stimmt dem Vorschlag zu.
Herr Geering unterstützt Dr. Usteri.
Herr Thut, Bern, fragt, ob eine Vertretung durch den Generalsekretär nicht günstiger wäre als durch Zweigvertreter.
Dr. Steiner: Ich denke, das Beste würde sein, wenn die einzelnen Zweige uns ihre Delegierten vorschlagen. Es kann ja das Delegierten-Kollegium so groß sein wie die Zahl der Zweige. Denn das Unvorteilhafte war bis jetzt nur, daß diese Vertretung der Zweige zugleich als Vorstand galt. Mit einem solchen Vorstande kann man nichts machen. Dagegen, wenn hier — vielleicht renommiere ich, aber es ist unsere Absicht - von Seiten der Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft stramm in die Hand genommen wird die Verwaltung, dann wird es ja an dieser Leitung liegen, die Initiative zu ergreifen, die Delegierten der einzelnen Zweige zusammenzurufen. Dann wird auch ein größeres Delegierten-Kollegium wahrscheinlich nicht irgendwie eine Schwierigkeit bieten. Daher, meine ich, könnten wir ganz gut die Sache so machen, daß jeder einzelne Zweig seinen Vertreter für dieses Kollegium nominiert. §o, scheint mir, wird es das beste sein. Wenn die Tendenz etwa bestehen sollte, daß einzelne Zweige sich zusammenschließen zu solch einer Delegation, so könnte das ja auch sein. Aber es ist nicht notwendig, daß das heute geschieht, sondern es würde vielleicht sich empfehlen, über diese Sache in den einzelnen Zweigen gründlich zu verhandeln und uns im Laufe der nächsten zwei bis drei Wochen die Vertretung der Zweige bekanntzugeben. Dann haben wir eine vollständig demokratische Verwaltung, wie sie beliebt ist in der Schweiz.
Nun werde ich nur bitten, ob Sie noch Angelegenheiten auf dem Herzen haben. Ich kann mir doch nicht denken, daß nicht noch mehr Wünsche, Begierden, Lüste auf dem Herzen liegen sollten.
Herr Aeppli möchte wissen, ob die Frage der Geschäftsführung nun so gelöst sei.
Dr. Steiner: Es würde nun so sein, daß über das rein Administrative - die Zusammenkünfte würden trotzdem stattfinden - dann diesem Kollegium Rechenschaft abgelegt würde, so daß sich die Verwaltung entlastet fühlen würde, wenn von seiten des Kollegiums die Entlastung gegeben wird. - Wünscht sonst jemand das Wort?
Dr. Usteri: Eine formale Abstimmung über die zwei Punkte wird wohl, nachdem man den Applaus gegeben hat, nicht mehr nötig sein?
Dr. Steiner: Doch würde ich bitten, wenn niemand mehr das Wort wünscht, abzustimmen. — Wünscht also nun jemand das Wort zu diesem Kollegium beziehungsweise zu dem, was ich dazu gesagt habe, der Entlastung durch das Kollegium?
Herr Storrer: Ich möchte den Antrag stellen, daß die kleinen Zweige einen, die großen zwei Delegierte oder Vertreter entsenden.
Dr. Steiner: Es ist also der Antrag gestellt, daß die kleinen Zweige einen, die größeren Zweige zwei Delegierte entsenden. Aber dann müßten wir eigentlich natürlich Definitionen haben, was «groß» oder «klein» ist.
Herr Trinler glaubt nicht, daß es auf ein oder zwei ankommt, sondern daß es die richtigen sind!
Dr. Steiner: Wünscht noch jemand das Wort dazu? Werden Sie einen Antrag stellen? - Es ist der Antrag gestellt, daß also die kleinen Zweige einen, die großen einen oder zwei Delegierte stellen.
Herr Trinler wendet etwas ein (unverständlich).
Dr. Steiner: Wir würden aber doch nötig haben - diese beiden Anträge sind ja zusammenstimmend, sind sich ja nicht gegensätzlich -, die Definition «größerer» und «kleinerer» Zweig zu geben. Was ist also ein großer und was ist ein kleiner Zweig?
Herr Storrer: Wenn man die schweizerischen Zweige anschaut: große Zweige sind zum Beispiel am Goetheanum, in Bern, in Basel, Zürich, St. Gallen.
Dr. Steiner: Aber man kann sich doch vorstellen, daß ein heute kleiner Zweig nach einiger Zeit ein großer wird. Also eine Zahl müßten wir schon dafür haben, wenn ein Zweig anfängt, ein großer zu werden.
Herr Storrer: Ein kleiner Zweig ist der, welcher nicht mehr als zehn Mitglieder hat.
Dr. Steiner: Also, wer zehn und darunter hat, ist ein kleiner Zweig; wer elf Mitglieder und darüber hat, ist ein großer Zweig.
Herr Trinler meint: Ein Zweig kann hundert Mitglieder haben, und er leistet doch nicht mehr als ein kleiner.
Herr Thut: Es kommt nicht auf die Leistung des Zweiges an. Vierzig oder fünfzig Mitglieder könnten als Zahl für einen großen Zweig gelten.
Herr Schweigler, St. Gallen, frägt, wie das aufzufassen ist mit den Delegierten: Abstimmung oder impulsive Zustimmung? Was ist besser?
Dr. Steiner: Die Verhältnisse sind ja verschieden über die einzelnen Länder hin. Sie werden gehört haben, daß ich in England den Vorschlag gemacht habe, daß man diese Vertretungen nicht nach Zweigen macht, sondern nach einer Anzahl von Mitgliedern, welche herauskommt, wenn man die gesamte Landesgruppe durch sieben dividiert. Nun, nicht wahr, ich glaube, daß dies für England sehr gut ist, daß es aber für die Schweiz nicht gut wäre, nach der Denkweise hier. Ich glaube, daß es schon zu einem Ziel führen würde, wenn diese Delegation so wäre, daß vielleicht diejenigen Zweige, die mehr als fünzig Mitglieder haben, zwei Delegierte entsenden, diejenigen, die unter fünfzig Mitglieder haben, einen Delegierten entsenden; sonst ist nämlich der Unterschied doch nicht ein so wesentlicher. Also ich meine, das würde vielleicht dasjenige sein, was am ehesten in Betracht kommt. Man kann natürlich ganz gut sagen: Ein Zweig von zehn Mitgliedern kann vielleicht besser arbeiten als ein Zweig von zweihundert Mitgliedern, ganz gewiß. Aber das bezieht sich ja auf alle Arten demokratischer Vertretung, und ich glaube nicht, daß man dadurch irgendeine Maßregel begründen kann. Sonst müßte man sagen: Diejenigen Zweige, die gut arbeiten, haben zwei Vertreter, die schlecht arbeiten, haben einen Vertreter. — Das würde eben dann doch recht schwer zu bestimmen sein! Jedenfalls würden es einem die Zweige, die schlecht arbeiten, nicht glauben, daß sie schlecht arbeiten. (Heiterkeit)
Dr. Hugentobler: Ich glaube, Herr Schweigler macht sich nicht recht klar, daß es Dinge gibt, über die nicht abgestimmt werden kann.
Herr Schweigler widerspricht dem. Dr. Hugentobler erwidert etwas (unverständlich).
Dr. Steiner: Es würde also, wenn ich richtig verstanden habe, der Antrag dieser sein, daß man in dieser Delegiertenvertretung nun so vorgeht: erstens bildet man die Delegiertengruppe; zweitens, man beschließt, daß der Zweig von über fünfzig Mitgliedern zwei, der Zweig von unter fünfzig Mitgliedern einen Delegierten wählt. Ein Herr frägt: Sind die Vorstände nicht die geeigneten Persönlichkeiten?
Dr. Steiner: Aber der Vorstand wird nicht erst durch diese Delegiertenversammlung bestimmt, sondern aus dem Zweige heraus! Also ich meine, mit dem gegenwärtigen Vorstand wird das ja gar nichts zu tun haben.
Der Herr: Aber es wird ja doch gesagt, daß ... (unverständlich).
Herr Geering: Das ist ein Mißverständnis dieses Herrn!
Dr. Steiner: Es handelt sich darum, daß bei irgend jemandem die Initiative ist. Die Initiative wird nun hier in Dornach bei uns sein, und wir werden in den Delegierten den Rückhalt haben: als eine Art Kontroll-Körperschaft wird diese Delegiertenversammlung da sein. Die braucht dann nicht als Vorstand zu funktionieren. Die Schwierigkeit besteht ja nur darinnen, daß, wenn man einen so in der Welt herum verteilten Vorstand hat, der eigentlich niemals etwas tut. Das ist die Schwierigkeit.
Dr. Usteri: Wird der Antrag Hugentobler auf Abstimmung angenommen?
Dr. Steiner: Es ist der Antrag gestellt, daß abgestimmt werde. Bitte. Der Antrag von Dr. Hugentobler ist ja der weitestgehende gewesen: daß also die einzelnen Zweige ihre Delegierten dann selbst wählen und sie uns bekanntgeben. Und zwar so, daß Zweige über fünfzig Mitglieder zwei Delegierte, Zweige unter fünfzig Mitglieder einen Delegierten wählen. Wünscht jemand, daß ich den Antrag in zwei teile? - Wenn das nicht der Fall ist, so bringe ich den Antrag ungetrennt zur Abstimmung und bitte diejenigen Freunde, die dafür sind, daß in dieser Weise verfahren werde, die Hand zu erheben. Wer ist dagegen? — Es scheint also angenommen.
Damit ist ja die ganze Verwaltung und Führung der Gesellschaft in der Schweiz eigentlich konstituiert.
Wünscht sonst jemand das Wort zu irgendeiner Angelegenheit, welche die schweizerische Gesellschaft betrifft?
Herr Stokar: Ich möchte nur den jetzigen Vorsitzenden, Herrn Dr. Steiner, fragen, wie er sich stellt zu der Frage, daß die schweizerische Gesellschaft nun Stellung nimmt zum Statutarischen? Wir werden doch, so wie es aus den Statuten hervorgeht, nun eine Statutenberatung vornehmen müssen und für unsere Landesgesellschaft eine entsprechende Form, vielleicht durch Zusätze zu dem, was in den allgemeinen Statuten steht, finden müssen.
Dr. Steiner: Das wird natürlich den Inhalt der ersten Delegiertenversammlung bilden, und wir werden ja die Aufgabe haben, einen unverbindlichen Statutenentwurf, wenn wir schon einmal Vorstand sind, auszuarbeiten. Da darf dann die erste Delegiertenversammlung Veranlassung geben, mit uns zu beraten darüber, wie wir diesen Statutenentwurf dann annehmen oder modifizieren oder dergleichen. Ich meine, so wird das ja ganz ordnungsgemäß gehen können, nicht wahr, nachdem das Heutige beschlossen ist.
Herr Stokar hat noch eine Frage: Wie man sich nun einzustellen habe? Wird von hier aus in der Öffentlichkeit etwas offiziell bekanntgemacht oder wird erwartet, daß irgend etwas von den Vertretern an den verschiedenen Orten bekanntgemacht wird?
Dr. Steiner: Zunächst wird ja ein offizieller Bericht erscheinen in der ersten Beilage des «Goetheanum», und abgesehen von diesem offiziellen Bericht sind ja eine ganze Anzahl Freunde dagewesen, die alles miterlebt haben. Die werden alles dasjenige erzählen, was sie für richtig halten. So stelle ich also mir die Sache vor. Ich stelle mir vor, daß man sogar die Verpflichtung hat, das, was man hier erlebt hat, in dem Kreise der Gesellschaft zu erzählen, daß man aber auch sich veranlaßt sehen kann, daß überall sonst die Erzählung dessen, was hier geschehen ist, in taktvoller Weise, wie man es eben für die Öffentlichkeit notwendig hält, gegeben wird.
Dr. Hugentobler wünscht, die Verbindung mit Dornach besser herzustellen.
Herr Geering: Es wird gar nichts an die Öffentlichkeit kommen?
Dr. Steiner: Das lag schon in dem, was ich vorhin sagte: Verpflichtet soll man sich fühlen, so viel man erlebt hat, im Kreise der Mitglieder zu geben. So viel man erlebt hat! Aber man soll sich veranlaßt fühlen, nur in - ja, wie soll ich es nennen - in taktvoller Weise die Sache vor die Welt zu bringen. Zu dieser gehört die Presse. Es wird schon in der entsprechenden Weise möglich sein, und wir werden in der entsprechenden Weise schon dafür sorgen. Wie ich überhaupt bemerken möchte: Ich rechne schon etwas - und soweit ich den Vorstand, an dessen Zustandekommen ich ja so sehr beteiligt bin, kenne, tut es auch der ganze Vorstand -, ich rechne schon etwas im weiteren Umfange die Höflichkeit zu demjenigen, was in unserer Gesellschaft sein sollte. Höflichkeit brauchen wir. Und auch betrachten manche es als eine der schlimmsten Tatsachen, die haben vorkommen können, daß eines der wertvollsten Mitglieder in der Schweiz uns sozusagen verlorengegangen ist, und zwar sogar ein Vorstandsmitglied, und es war unter den Gründen, die das betreffende Vorstandsmitglied hat anführen können, zum Beispiel auch der, daß er einmal erschienen ist im Goetheanum, ins Innere des Goetheanums gegangen ist als Vorstandsmitglied - und dort hinausgeworfen worden ist. Also es sind mannigfaltige Beispiele von «Nichthöflichkeiten» vorgekommen. Und wir werden es uns dringend zur Aufgabe machen, daß unter den ungeschriebenen, unter den nicht niedergeschriebenen Statutenparagraphen die Höflichkeit wirklich nicht zu allerletzt steht. Das wird etwas sein, worum wir uns sehr, sehr werden bemühen müssen. Und in diesem liegt ja wohl viel von dem eingeschlossen, was Dr. Hugentobler gemeint hat.
Es ist ja jetzt schon keine kleine Aufgabe gewesen für den provisorischen Vorstand, der da gearbeitet hat, alle die Menschen, die gekommen sind - allerdings zum Teil in dürftigen Quartieren und in schrecklichster Weise - unterzubringen. Doch ging es halt. Aber nicht wahr, die Arbeit war deshalb nicht eine geringere! Und zu all dem dürfte nach und nach auch dieses kommen - haben Sie nur Geduld, lassen Sie uns ein bißchen Zeit -: Wir werden es schon dahin bringen, daß wir ganz richtig höflich sein können, sowohl nach der Seite der Schweiz, wie nach der Seite von auswärts, in jeder Beziehung! Ein Sprecher sagt, daß vielleicht besser aufgepaßt und daß einiges berücksichtigt werde: Gestern abend sei jemand, der seine Legitimationskarte schon seit zwei bis drei Jahren verloren habe, nach Dornach gekommen. Alle Stühle hatten schon ihren Herrn, es war nicht möglich, einen Platz zu finden und so weiter.
Dr. Steiner: Es würde gerade in diesem Fall doch nichts geholfen haben, wenn die schweizerische Gesellschaft einen Vertreter oder einen Vorstand gehabt hätte, weil dies ja die Versammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft gewesen ist. Und wir hätten uns sehr gefreut, wenn Sie zu uns an den Vorstandstisch gekommen wären. Ich habe ausdrücklich für diese Zwecke gleich im Beginn der Versammlung das zur Bedingung gemacht, daß der Vorstand sichtbar ist. Er wird auch künftig bei jeder Versammlung sichtbar sein, und wie ich hoffe, wie ich den Vorstand kenne, wird er eben in der Zukunft höflich sein. Also wenn Sie so gütig sind, sich bei dieser Veranstaltung an den Vorstand zu wenden, so wird die Sache schon gehen. — Hat sonst noch jemand etwas zu fragen?
Allgemeine Antwort: Nein.
Dr. Steiner: Ich meine auch, daß die Tagesordnung im wesentlichen erschöpft sein wird, und was die Höflichkeitsfrage betrifft, so werden wir sie ja lieber dann praktisch üben! - Ich glaube, daß wir dann damit die Veranstaltung jetzt schließen können. Ich bitte also, die Versammlung schließen zu dürfen.