The Christmas Conference
GA 260 — 31 December 1923, Dornach
Fortsetzung der Gründungsversammlung
Referate und Diskussionen, Medizin, Forschung usw.
Dr. Steiner:
Meine lieben Freunde!
Wiederum wie sonst beginnen wir mit dem von uns aufgenommenen Spruch:
Menschenseele!
Du lebest in den Gliedern,
Die dich durch die Raumeswelt
Im Geistesmeereswesen tragen:
Übe Geist-Erinnern
In Seelentiefen,
Wo in waltendem
Weltenschöpfer-Sein
Das eigne Ich
Im Gottes-Ich
Erweset;
Und du wirst wahrhaft leben
Im Menschen-Welten-Wesen. Menschenseele!
Du lebest in dem Herzens-Lungen-Schlage,
Der dich durch den Zeitenrhythmus
Ins eigne Seelenwesensfühlen leitet:
Übe Geist-Besinnen
Im Seelengleichgewichte,
Wo die wogenden
Welten-Werde-Taten
Das eigne Ich
Dem Welten-Ich
Vereinen;
Und du wirst wahrhaft fühlen
Im Menschen-Seelen-Wirken. Menschenseele!
Du lebest im ruhenden Haupte,
Das dir aus Ewigkeitsgründen
Die Weltgedanken erschließet:
Übe Geist-Erschauen
In Gedanken-Ruhe,
Wo die ew’gen Götterziele
Welten-Wesens-Licht
Dem eignen Ich
Zu freiem Wollen
Schenken;
Und du wirst wahrhaft denken
In Menschen-Geistes-Gründen.
Und das Ganze zusammenfassend in der Erinnerung an das Ereignis von Golgatha, das der ganzen Erdenentwickelung ihren Sinn gibt:
In der Zeiten Wende
Trat das Welten-Geistes-Licht
In den irdischen Wesensstrom;
Nacht-Dunkel
Hatte ausgewaltet;
Taghelles Licht
Erstrahlte in Menschenseelen;
Licht,
Das erwärmet
Die armen Hirtenherzen;
Licht,
Das erleuchtet
Die weisen Königshäupter.
Göttliches Licht,
Christus-Sonne,
Erwärme
Unsere Herzen;
Erleuchte
Unsere Häupter;
Daß gut werde,
Was wir aus Herzen
Gründen,
Aus Häuptern
Lichtvoll führen wollen.
Und wir prägen uns dieses:
[Es wird gesprochen und an die Tafel geschrieben. Faksimile siehe Beilage 4, Tafel VI]
Göttliches Licht,
Christus-Sonne
so ein, daß wir insbesondere die Schlußworte, die morgen wiederum dreigliedrig gesprochen werden sollen, darauf beziehen: wie dieses Göttliche Licht, diese Christus-Sonne leuchten, so daß sie wie die leuchtenden Sonnen gehört werden können von Osten, Westen, Norden, Süden. Wir beziehen insbesondere auf dieses Göttliche Licht, auf diese Christus-Sonne die Schlußworte, die am ersten Tage gesprochen worden sind:
Das hören die Elementar-Geister
Von Osten, Westen, Norden, Süden:
Menschen mögen es hören.
Göttliches Licht
Chr.-Sonne
Das hören die Elementargeister
von
O.W. N. S.
Menschen mögen es hören!
Dr. Steiner: Wir kommen nun, meine lieben Freunde, zu den angekündigten Referaten. Ich darf Herrn Dr. Maier bitten, zuerst sein Referat uns zu geben.
Dr. Rudolf Maier, Stuttgart, spricht über «Der Zusammenhang des Magnetismus mit dem Lichte».
Dr. Steiner: Meine lieben Freunde, es wird ja von ganz besonderer Bedeutung sein, daß in die einzelnen Zweige des wissenschaftlichen Lebens durch die Persönlichkeiten, die innerhalb unserer anthroposophischen Reihen berufen sind, eine wirkliche anthroposophische Methodik sich einbürgert. Das ist ganz gewiß von einem gewissen Gesichtspunkte aus von der allergrößten Bedeutung. Denn, wenn Sie nachforschen, woher eigentlich der große Widerstand der Zeit schon seit Jahrzehnten gegen jegliche Art geisteswissenschaftlichen Anschauens kommt, dann werden Sie sehen: dieser Widerstand kommt aus den einzelnen naturwissenschaftlichen Gebieten. Diese einzelnen naturwissenschaftlichen Gebiete haben sich im ganzen entwickelt, ohne irgendeine Anschauung von der Welt im allgemeinen.
So um die Mitte des 19. Jahrhunderts trat eine allgemeine Verzweiflung ein gegenüber einer Gesamtanschauung der Welt. Man sagte: Alle früheren Gesamtanschauungen widersprechen einander, haben doch zu nichts geführt. Man müsse jetzt einmal, abgesehen von jeglicher Weltanschauung, die Wissenschaften rein auf exakten Grundlagen bilden.
Und damit ist wiederum ein halbes Jahrhundert und mehr vergangen, und man möchte sagen: Aus dem Menschenkopf ist überhaupt jede Anlage verschwunden, Weltanschauung und Wissenschaft miteinander zu verbinden. Und wo man es heute unter dem Drängen der wissenschaftlichen Forschung selbst versucht, da zeigt sich eben, daß eine völlige Unfähigkeit vorliegt, weil man auf geisteswissenschaftlichem Gebiete nicht genügend tief gehen kann.
Wird es nun möglich, daß es auf den einzelnen Gebieten der Anthroposophie methodische Impulse gibt, die das in bestimmten Forschungsergebnissen aufzeigen, dann wird eines der Haupthindernisse hinweggeräumt, die gegen die geistige Forschung selbst heute in der Welt vorhanden sind. Deshalb ist es so wichtig, daß auf einzelnen Gebieten wirklich im rechten anthroposophischen Sinne gearbeitet wird.
Es besteht heute ein Abgrund zwischen der Kunst und der Wissenschaft, aber in der Wissenschaft selber wieder ein Abgrund zum Beispiel zwischen der Physiologie und der Physik. Alle diese Abgründe werden überbrückt werden, wenn im rechten Sinne die wissenschaftlichen Arbeiten in unseren Reihen getan werden. Daher müssen wir uns schon von dem allgemeinen anthroposophischen Standpunkte aus für diese einzelnen Dinge, soweit es in unserer Erkenntnis und in unseren Fähigkeiten liegt, interessieren. Es wird von der Anthroposophischen Gesellschaft aus ein wissenschaftlicher Impuls ausgehen müssen. Das muß eben zur Geltung kommen in dem Augenblicke, wo wir die Anthroposophische Gesellschaft sozusagen in ein ganz neues Fahrwasser bringen wollen.
Nun, meine lieben Freunde, da auch zwischen den Gängen des geistig-seelischen Essens für den Magen eine ganz kleine Zwischenzeit nötig sein wird, werde ich nach zwei bis drei Minuten Frau Dr. Kolisko bitten, dann ihr Referat uns zu erteilen.
Dr. Steiner: Darf ich nun Frau Dr. Kolisko bitten, das Referat über ihr Spezialgebiet zu halten.
Frau Dr. Kolisko spricht über die biologischen Arbeiten des Forschungsinstitutes in Stuttgart: «Über die Wirksamkeit kleinster Entitäten».
Dr. Steiner: Nun, meine lieben Freunde, Sie haben gesehen, daß im stillen an den wissenschaftlichen Problemen bei uns gearbeitet wird, und daß es schon möglich ist, aus der anthroposophischen Forschung heraus die Wissenschaft anzuregen in dem Sinne, in dem sie wirklich heute eine Anregung braucht. Allein, solche Dinge sind ja in der Gegenwart, ich meine in der Gegenwart der anthroposophischen Bewegung, wirklich nur möglich dadurch, daß so hingebungsvolle, auf die Sache in einer so selbstlosen Weise eingehende Mitarbeiter da sind, wie es zum Beispiel Frau Dr. Kolisko ist. Denn Sie werden sich vielleicht im Laufe der Zeit, wenn Sie nachdenken über die Sache, eine Vorstellung machen können, welche ungeheure Arbeit notwendig ist, um alle diese aufeinanderfolgenden einzelnen Daten festzustellen, die dann sich in der überschaulichen Kurve finden, die das Resultat, das man braucht, geben.
Aber diese Versuche alle, sie sind im Grunde genommen gerade vor dem anthroposophischen Blicke Einzelheiten zu einer Gesamtheit, zu einer Gesamtheit, die eigentlich heute wissenschaftlich so dringend wie möglich gebraucht wird. Und wenn unsere Arbeit so fortgeht, wie sie bisher geleistet worden ist in unserem Forschungsinstitut, dann werden wir vielleicht in fünfzig, fünfundsiebzig Jahren zu demjenigen kommen, zu dem eigentlich gekommen werden muß: daß sich viele Einzelheiten zu einer Gesamtheit verbinden. Diese Gesamtheit wird dann von einer großen Tragweite sein nicht nur für das Erkenntnisleben, sondern für das gesamte praktische Leben.
Man hat gar keine Vorstellung heute, wie tief in alles praktische Leben diese Dinge eingreifen können, eingreifen können in die Erzeugung von den Menschen notwendigen Produkten, eingreifen können aber namentlich in die Heilmethode und ähnliches.
Nun können Sie ja sagen: Die Fortschritte der Menschheit sind immer langsam vonstatten gegangen, und es wird ja auch auf diesem Gebiete nicht anders sein. — Es könnte aber sehr gut sein, daß bei der gegenwärtigen Bröckligkeit, Zerstörbarkeit der gegenwärtigen Zivilisation mit den fünfzig und fünfundsiebzig Jahren nicht der Anschluß gefunden würde, um noch dasjenige zu leisten, was unbedingt geleistet werden muß. Und da darf ich es vielleicht aussprechen, nicht als einen Wunsch, nicht einmal als eine Möglichkeit, sondern nur als, ich möchte sagen, eine Illusion möchte ich es aussprechen: daß es schon möglich wäre, dasjenige, was sich, wenn es in diesem Tempo weitergeht, in dem wir arbeiten müssen, in dem wir auch nur arbeiten können durch so hingebungsvolle Mitarbeiter, wie zum Beispiel Frau Dr. Kolisko ist, es wäre schon möglich, daß dasjenige, was unter diesem Tempo in fünfzig oder fünfundsiebzig Jahren erreicht wird, auch in fünf oder zehn Jahren sogar erreicht werden könnte. Und ich bin überzeugt: Wenn wir imstande wären, die nötigen Apparaturen, die nötigen Institute zu schaffen, Mitarbeiter zu haben, was immer möglich wäre, die aus diesem Geiste in größerer Zahl arbeiten würden, wir würden das leisten können, was sonst in fünfzig oder fünfundsiebzig Jahren vielleicht geleistet werden kann, in fünf oder zehn Jahren. Wir würden gar nichts anderes brauchen zu dieser Arbeit, als etwa 50 bis 75 Millionen Franken. Wir würden dann tatsächlich die Arbeit in einem Zehntel der Zeit vielleicht leisten können. Wie gesagt, ich stelle das nicht als einen Wunsch, nicht als eine Möglichkeit hin, sondern nur als eine Illusion, aber eine sehr reale Illusion. Hätten wir die 75 Millionen Franken, wir würden tatsächlich das leisten können, was unbedingt zu leisten notwendig ist. Das ist etwas, was vielleicht wenigstens bedacht werden kann.
Ich werde nun nach ein paar Minuten wieder fortsetzen und werde heute damit beginnen, ein paar Andeutungen zu geben über der künftigen Baugedanken von Dornach, welche Andeutungen ich dann morgen fortsetzen werde.
(Es folgt eine kurze Pause vor dem nachstehenden Vortrag von Dr. Steiner.)