The Constitution of the General Anthroposophical Society
GA 260a — 30 January 1924
Die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft Innerhalb der Konstitution Der Anthroposophischen Gesellschaft · Ihre Gliederung In Sektionen
Es muß nunmehr nach und nach dazu kommen, daß wir hier in Dornach gewissermaßen als in einem Musterbeispiel dasjenige einrichten, was ferner in der Anthroposophischen Gesellschaft sein muß. Das kann aber nur geschehen, wenn wirklich hier in Dornach auch ein durchdringendes allgemeines Verständnis von dem vorhanden ist, wie in der Zukunft die Gliederung der Gesellschaft und ihre allgemeine Konstitution gedacht ist.
Ich habe nun aus den Briefen, die ich mit Meldungen für die Klasse bekommen habe, gesehen, daß ein solches Verständnis keineswegs schon überall vorhanden ist. Daher werde ich, bevor wir zur Einrichtung kommen desjenigen, was eben eingerichtet werden soll, einiges hier noch sprechen müssen über das, was zu geschehen hat, und werde daher die nächsten drei Vorträge — Freitag, Samstag und Sonntag — noch ganz als allgemeine Vorträge für alle Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft halten, und mit der Gliederung der Vorträge für die verschiedenen Klassen dann in der nächsten Woche beginnen, wenn vollständig klar sein wird, wer sich der ersten zunächst einzurichtenden Klasse zuwendet.
Es muß zum Beispiel einiges noch schwinden, was in einzelnen Briefen so stark hervorgetreten ist. Es gab Briefe, in denen einfach gesagt worden ist, man bitte darum, nicht nur die Vorträge am Samstag und Sonntag, sondern auch die Vorträge am Freitag hören zu können. Nun, sehen Sie, daraus geht ja hervor, daß dasjenige, was mit der Gliederung der Gesellschaft als solcher und den in ihr zu errichtenden Klassen gemeint ist, eben noch nicht in durchgreifender Weise verstanden ist. Und darüber möchte ich heute einiges sprechen.
Es wird ja ganz gleichgültig sein, an welchem Tage in der nächsten Zeit für die Mitglieder der ersten Klasse gesprochen werden wird. Es könnte ja auch so sein, daß man die Einteilung trifft, daß am Freitag und Samstag für die allgemeine Gesellschaft gesprochen wird, und am Sonntag für die Mitglieder der ersten Klasse. Also nicht wahr, so leicht darf eben diese Sache nicht genommen werden. Daß sie nicht leicht genommen werden darf, das könnte ja hervorgehen aus der strengen Art, in der die Dinge in den Statuten ausgesprochen worden sind. Es handelt sich wirklich darum, jetzt einzusehen, was die Anthroposophische Gesellschaft werden soll.
Von der Anthroposophischen Gesellschaft soll zunächst wirklich jeder Mensch, der von ihr hört, wissen können, daß sie nichts zu tun hat mit irgendwelcher Geheimnistuerei; daß sie durchgreifend, wie andere Gesellschaften, eine öffentliche Gesellschaft ist. Ich hätte sehr gern erlebt, daß von dem Zeitpunkt an, wo die Anthroposophische Gesellschaft eingerichtet worden ist, 1912, 1913, dies sogleich verstanden worden wäre. Dann wäre manches leichter gewesen, als es jetzt ist. Denn dazumal habe ich, weil das ein integrierender Bestandteil der Maßnahmen war, eben dies vollzogen, daß ich mich selber von der eigentlichen Verwaltung der Anthroposophischen Gesellschaft zurückgezogen habe und nichts anderes sein wollte, als derjenige, der das Erkenntnisgut oder die Impulse, die in die Anthroposophische Gesellschaft fließen sollen, hereinträgt. So daß also die Möglichkeit gegeben gewesen wäre, daß die Anthroposophische Gesellschaft — gerade weil nicht derjenige, der die Impulse hereinträgt und die Leitung in einer Person vereinigt sind —, daß die Anthroposophische Gesellschaft leicht in der Welt hätte wirken können zur Fixierung des Urteiles über die anthroposophische Sache.
Das ist, was nicht geschehen ist, und weswegen eben jetzt dieser Zustand eintreten mußte, daß ich zu gleicher Zeit die Impulse hineinzutragen habe und den Vorsitz der Gesellschaft übernehmen mußte, was gerade dazumal eben vermieden werden sollte.
Das war wirklich ein außerordentlich schwerer Entschluß, weil dadurch im Grunde genommen alles anders werden muß, und es sehr schwierig sein wird nach manchen Gebräuchen, die eingerissen sind im Laufe der Jahre, eben dies oder jenes nun gründlich anders zu machen.
Die Anthroposophische Gesellschaft muß wirklich nach zwei Seiten hin ihre Lage ganz genau erkennen. Das erste ist eben, daß sie sich bewußt sein muß, daß sie für jeden Menschen in der Welt da sein muß, der in seiner Seele die Wege zum Geistigen sucht, daß sie also in dieser Beziehung eine völlig öffentliche Gesellschaft, eine Gesellschaft, die nach außen hin ganz unabhängig ist, sein muß. So daß man innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft wirklich nicht wird engherzig sein dürfen in bezug auf die Aufnahme.
Ist dies genügend bekannt, dann wird auch die Anwesenheit dieser oder jener Persönlichkeit, die vielleicht sich nicht sehr gut eignet für die anthroposophische Sache, in der Anthroposophischen Gesellschaft ja keine Schwierigkeiten zu machen brauchen. Nur so lange, als man die Anthroposophische Gesellschaft verantwortlich macht für jede einzelne Persönlichkeit, die drinnen ist, entstehen natürlich Schwierigkeiten. Die Anthroposophische Gesellschaft als solche sollte unbegrenzte Möglichkeiten haben, jedem Menschen das zu geben, was er nach der eben angedeuteten Richtung sucht.
Zweitens aber sollte die Anthroposophische Gesellschaft sich klar sein darüber, daß sie nicht aus irgendeiner unbekannten oder unbestimmten Intention heraus gebildet ist. Darüber hätte sie sich schon klar sein können 1912, 1913, denn dazumal war schon ein größerer Teil des Lehrgutes da, und waren auch schon gewisse Impulse da, die darauf hingingen, das, was die geistige Welt uns in der Gegenwart sagen will, hier in der physischen Welt zu verwirklichen. Man hätte sich also vorstellen müssen, daß dazumal schon die Anthroposophische Gesellschaft nicht auf abstrakte Grundsätze gerichtet war, man solle dies oder jenes zu seinem Ideal machen, sondern daß sie begründet worden war auf das, was real vorhanden ist, was vorliegt, was erarbeitet worden ist im Laufe der langen Zeit. Und die Pflege dieses Erarbeiteten mit all den Konsequenzen für das künstlerische, für das religiöse, für das soziale Leben, kurz, für alle Zweige des menschlichen Lebens, diese Konsequenzen auszuarbeiten, das ist das, was dann ferner der Anthroposophischen Gesellschaft obliegt.
Nun, wenn man dies in rechtem Sinne faßt, dann unterscheidet sich heute eigentlich die Anthroposophische Gesellschaft von allen übrigen Gesellschaften in der Welt, denn die werden nicht begründet auf ein Reales, sondern sie werden begründet auf allerlei menschliche Ab sichten.
Deshalb ist es so stark in den sogenannten Statuten zum Ausdrucke gekommen, daß die Anthroposophische Gesellschaft diejenigen Persönlichkeiten umfaßt, die in dem, was vom Goetheanum ausgeht an Geistesleben, etwas Berechtigtes sehen. Also es ist nicht gesagt, man soll diese oder jene Prinzipien einhalten, sondern es ist alles begründet auf das, was unter Menschen schon da ist, oder wenigstens unter Menschen da sein kann.
Das ist dasjenige, was außerordentlich wichtig ist. Und man kann sogar sagen: Wenn die Anthroposophische Gesellschaft ein Zeitbewußtsein in sich entwickeln will, so kann sie das nicht, ohne Rücksicht auf das zu nehmen, was ich eben gesagt habe. Denn unsere Zeit, unsere Gegenwart ist einmal — bitte das Wort recht ernst zu nehmen -, unsere Gegenwart ist einmal die Zeit der großen Entscheidungen. Vieles, Ungeheures entscheidet sich in der Gegenwart für die Menschheit. Diese Gegenwart wird ja natürlich lange dauern, aber vieles, unermeßlich vieles entscheidet sich in der Gegenwart für die Menschheit. Viele Menschen haben eben nicht ein Bewußtsein davon, wie stark die Gegenwart die Zeit der großen Entscheidungen ist. Und vor allen Dingen muß in der Anthroposophischen Gesellschaft ein starkes Bewußtsein für diese Entscheidungen entwickelt werden.
So daß man auf der einen Seite sagen muß: Die Anthroposophische Gesellschaft darf nicht etwa den Grundsatz aufstellen, ich wähle mir Vertrauensleute, und die können dann entscheiden nach ihren Sympathien und Antipathien, wen sie aufnehmen wollen und wen sie nicht aufnehmen wollen. Dadurch, daß dies in ziemlich umfassender Weise geschehen ist, dadurch ist allmählich das gekommen, daß so viele Menschen, wenn sie eintreten wollen, sich abgestoßen fühlen von der Anthroposophischen Gesellschaft. Immer wieder hört man das Urteil: Die Anthroposophie ist schon recht, aber mit den Anthroposophen ist es ja nicht auszuhalten. — Es treten einem fast alle Tage die praktischen Konsequenzen einer solchen Sache entgegen.
Es würde außerordentlich schwierig sein, die Dinge, die geschehen müssen zur Pflege der Anthroposophie, durch die Anthroposophische Gesellschaft zu pflegen, wenn die Anthroposophische Gesellschaft nicht Verständnis zeigen würde für möglichste Weitherzigkeit, aber auch für möglichsten Eifer. Engherzigkeit und Lässigkeit verträgt eben die anthroposophische Sache als solche nicht.
Nun können Sie heute überall sehen, wie diejenigen menschlichen Zusammenhänge, die geistige Substanz in sich haben, energisch an der Pflege dieses Zusammenhanges, den sie durch diese geistige Substanz erreicht haben, wirklich arbeiten. Wir sehen ja heute, wie überall diese Menschengruppen — große, weltumspannende Menschengruppen - beginnen, in der allerregsten Weise wiederum zu arbeiten, weil eben heute die Zeit der großen Entscheidungen in den Menschenherzen ist.
Die Anthroposophische Gesellschaft kann nun wirklich etwas werden, was mitzureden hat in der Gegenwart, wenn die angedeuteten Intentionen aufgenommen werden von den Mitgliedern dieser Anthroposophischen Gesellschaft.
Nun muß vor allen Dingen immer mehr und mehr feststehen, wie sich das Verhältnis des einzelnen Mitgliedes zur Anthroposophischen Gesellschaft denken läßt. Sehen Sie, das, was man Lehrgut, was man die Impulse der Anthroposophischen Gesellschaft nennen kann, das ist ja von jedem einzusehen — ich habe das unzählige Male gesagt -, der nur seinen allgemeinen Menschenverstand gebrauchen will. Es handelt sich wirklich gar nicht darum, daß man zum Einsehen, zum Verstehen desjenigen, was als Anthroposophie vor die Welt hintritt, irgendwie eine Initiation schon oder dergleichen braucht, sondern dasjenige, was vor die Welt hintritt, kann, wenn man nur vorurteilslos genug ist dazu, verstanden werden.
Ja, wenn man nur vorurteilslos genug ist dazu! Gewiß, diese Vorurteilslosigkeit ist schwer in unserer Zeit, denn die Menschheit hat fast ganz den Zusammenhang mit der geistigen Welt verloren. Und wo man heute hinschaut, kommen einem Urteile entgegen wie dieses, was ich nun nennen will. Da wird einem gesagt: Ja, gewiß, es gibt eine geistige Welt, aber die geistige Welt ist eben das Geheimnis. Der menschliche Verstand ist nicht geeignet, irgendwie etwas von der geistigen Welt einzusehen. — Und es wird geradezu als eine Eigenschaft eines richtigen Hinschauens auf die geistige Welt angesehen, daß diese geistige Welt als etwas Geheimnisvolles auftreten soll. Was man nicht wissen kann, wovon man nur eine Ahnung haben kann, was man möglichst nur fühlen soll und dergleichen, das wird als das wirkliche Geistige angesehen. Und es ist den Leuten unangenehm, zuzugeben, daß das Geistige wirklich auch eingesehen werden soll. Die meisten Menschen haben dazu gar nicht den Mut. Die meisten Menschen finden es außerordentlich bequem zu sagen: Das Geistige ist das, was man eben ahnen muß, was man nicht einsehen kann, was das Geheimnis ist. Nun besteht alle Geisteswissenschaft darinnen, daß das Geheimnis eben enthüllt werde, daß das Geheimnis wirklich vor die Welt hintrete.
Man kann sagen, die einzige große Institution, obwohl das selbst von Angehörigen dieser Institution nicht immer richtig eingesehen wird, die wirklich darauf ausgeht, das Geheimnis vor die Welt hinzustellen, es zu offenbaren, das ist die katholische Kirche. Die katholische Kirche wird, wenn sie richtig verstanden wird, kein Verständnis dafür haben, zu sagen: Dasjenige, was Inhalt der geistigen Welt ist, darf nicht in Ideen, in Begriffen ausgedrückt werden. — Denn es beruht gerade das Wesen der katholischen Kirche darauf, daß ausgedrückt werde in Begriffen das, was Geheimnis, was also zunächst vor der Sinnenwelt verhüllt ist. So daß man die ganze Stimmung, die ich jetzt charakterisiert habe, eigentlich erst in den allerletzten Jahrhunderten hatte. Sie muß aber heute wiederum dahinschwinden. Man muß wiederum einsehen, daß eben die Aufgabe der Menschheit gerade darinnen besteht, zur Enthüllung des Geheimnisvollen zu kommen.
Als ich in den achtziger Jahren zunächst in Wien viele der damaligen Mitglieder der sogenannten Theosophischen Gesellschaft traf-es waren zum Teil Mitglieder, die den intimsten Kreisen der Theosophischen Gesellschaft, der Theosophical Society angehörten —, da konnte man eine Redensart immer wiederum hören: «Abgrundartig tief.» Es waren manchmal von den Leuten die einfachsten Sätze angeführt, die einfachsten Dinge, aber es wurde bemerkt, daß diese einfachsten Dinge die Menschen doch nicht verstehen können, weil sie abgrundartig tief sind. Und wenn man dann so einen fragte, wie er nun die Sache auffaßt, dann sagte er, das könne er eben nicht sagen, weil sie abgrundartig tief ist. — Ja nun, mit dem Herumreden um das Geheimnis und nur immer darauf aufmerksam machen, daß es geheimnisvoll ist, mit dem darf eben die Anthroposophische Gesellschaft nicht arbeiten. Es sollte gerade die Anthroposophische Gesellschaft darauf kommen, daß sich jeder einzelne, der darinnen ist — sonst hat es ja keinen Zweck, daß er in sie eintritt —, wirklich mit demjenigen bekanntmacht, was über die Geistwelt von der Anthroposophie gegeben werden kann. Er sollte sich zunächst bemühen, das, was da gegeben werden kann, zu seinem Verständnis zu bringen. Es ist wirklich nicht zuviel verlangt. Wie gesagt, in nichts soll Pedantismus herrschen, es wird sich nicht darum handeln, daß man in pedantischer Weise die Richtlinien, die ich jetzt sagen werde, auch unbedingt befolgt. Ausnahmen muß es überall geben, und es werden zahlreiche Ausnahmen nötig sein, nach der einen und nach der anderen Richtung hin. Aber es ist tatsächlich so, daß man wirklich zwei Jahre eigentlich braucht, um sich innerhalb desjenigen zu orientieren, was die Anthroposophische Gesellschaft jetzt schon, da ihr Lehrgut und ihre Impulse durch Jahre ausgearbeitet worden sind, in sich hat. Wer nicht zwei Jahre in der Anthroposophischen Gesellschaft ist, tut ja nicht besonders gut, gleich in eine Klasse einzutreten. Es ist das zu seinem eigenen Guten, wenn er gar nicht daran denkt, sondern wenn er zunächst daran denkt, wirklich dasjenige zu pflegen — und dessen ist ja genug da -, was als Anthroposophie vorhanden ist.
Und dabei komme ich gleich auf das Wesentliche der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich habe es in der dritten Abteilung der Ansprachen an die Mitglieder auch kurz angedeutet als das Wesentliche der Gesellschaft.
Wenn man die Dinge von außen anschaut, kann man sagen: Was die Anthroposophie gibt, ist in Büchern, ist in öffentlichen Vorträgen enthalten, das kann ich für mich kennenlernen. — Das kann auch jeder, und es ist im Grunde genommen gar nichts einzuwenden, wenn jemand so etwas sagt. Und es schadet nicht, im Gegenteil, es wird sehr gut sein, wenn möglichst viele Menschen in der Welt sind, die auch bei diesem Standpunkte bleiben, daß sie sagen: Ich brauche keine Gesellschaft, ich beschäftige mich mit dem, was in der Literatur gegeben ist oder was sonst von Anthroposophie in die Öffentlichkeit dringt. —- Die Anthroposophische Gesellschaft ist gerade dazu da, Anthroposophie lebendig zu machen. Und da tritt doch nun dasjenige auf, was auch die Gesellschaft berechtigt erscheinen läßt, trotzdem die Anthroposophie da ist. Anthroposophie soll unter Menschen leben. Und es handelt sich denn doch darum, daß, wenn Anthroposophie unter Menschen lebt, man wirklich berücksichtigt, was es heißt, mit Menschen zusammen ein gemeinsames Geistesziel zu verfolgen. Das heißt nämlich sehr viel.
Ich kann in einen Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft gehen, dort kann in mehr oder weniger geschickter oder ungeschickter Weise meinetwillen irgend etwas vorgebracht werden, was derjenige, der da hingeht, längst kennt, weil er es da oder dort gelesen hat. Es ist unter allen Umständen etwas nicht richtig in der Gesellschaft, wenn dann der Betreffende weggeht mit dem Urteil: Ich hätte ja nicht hinzugehen gebraucht, denn das, was vorgebracht ist, habe ich ja schon gewußt. — Es muß schon die Möglichkeit sein, daß auf anthroposophischem Gesellschaftsboden Realempfindungen als Urteile sich geltend machen.
Wenn die Menschen essen, so sagen sie in der Regel nicht: Ich brauchte jetzt nicht ein Huhn zu essen, denn ich weiß ja schon, wie das Huhn schmeckt. Ich kenne das Huhn in seinem Verhalten zu meinem Gaumen, auf meiner Zunge. Was brauche ich denn das Huhn zu essen, da ich es doch schon ganz gut kenne in seiner Wirkung auf mich. — Nicht wahr, das ist ein Nonsens, ein Unsinn.
Und ebenso sollte es gar nicht möglich sein, daß dieses Urteil aufkommt: Ich brauche ja nicht in die anthroposophische Mitgliederversammlung zu gehen, denn ich weiß schon dasjenige, was da geboten wird. - Dann aber, wenn solch eine Empfindung in berechtigter Weise entstehen soll, dann ist es notwendig, daß man eben in die Gesellschaft als solche oder in ihre einzelnen Zweige nicht deshalb bloß geht, um das zu erfahren, was dort gesagt werden kann, oder gar was dort debattiert werden kann, sondern daß man hingeht, weil dort Menschen sind. Man muß um der Menschen willen hingehen können.
Und das ist es gerade, was einmal gründlich erfaßt werden muß, daß man in die Anthroposophische Gesellschaft geht, nicht bloß, um belehrt zu werden, sondern um mit den Menschen zusammenzusein, die in der Anthroposophischen Gesellschaft oder in ihren einzelnen Zweigen sind. Ob die Anthroposophische Gesellschaft gedeihen wird oder nicht, hängt davon ab, daß man ein Gefühl hat für das Leben der Anthroposophie in Menschenseelen; nicht bloß in der eigenen Seele, sondern in Menschenseelen. Sonst wird es immer so gehen, daß die Menschen, die in der Anthroposophischen Gesellschaft sind, da hingehen, um etwas zu erfahren. Wenn sie aber Menschen finden wollen, dann gehen sie da hin, wo die Menschen sich näherkommen: zu Fiveo’clock-Teas oder anderen Dingen, die ich jetzt nicht nennen will. Also ich meine, der Mensch braucht den Menschen. Aber es darf nicht so sein innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft, daß man nicht um der Menschen willen hingeht, und es muß dafür gesorgt werden, daß man um der Menschen willen, in denen Anthroposophie lebt, in die Anthroposophische Gesellschaft geht. Damit kommt ein ganz neues Element in das Leben der Anthroposophie innerhalb der Gesellschaft hinein, ein Element, das aber drinnen sein muß. Es kommt das Moment des rein Menschlichen hinein. Das sind die Dinge, die in der Gegenwart wirklich im eminentesten Sinne verlangt werden.
Sie wissen, wir haben während der Weihnachtstagung gebeten, daß gewisse Persönlichkeiten uns ihre Erfahrungen über das geistige Leben der Gegenwart draußen in der Welt schreiben, daß sie an Herrn Steffen schreiben, als dem Redaktor des «Nachrichtenblattes» und des «Goetheanum», ihre Erfahrungen über das geistige Leben in der Gesellschaft und auch außer der Gesellschaft. Und ich habe ja über die Bedeutung dieser Sache im letzten Nachrichtenblatt mich ausgesprochen.
Nun, dadurch, daß zum Teil dies schon befolgt worden ist, haben sich wirklich allerlei interessante Dinge, die man aber im Grunde schon wußte, wiederum eingestellt, so zum Beispiel das Folgende: Da hat die religiöse Gemeinschaft für christliche Erneuerung, von der Sie ja wissen, daß sie von der anthroposophischen Sache aus ihre Impulse bekommen hat — sie arbeitet als selbständige Gemeinschaft, hat aber von der anthroposophischen Sache ihre Impulse bekommen -, vor ganz kurzer Zeit eine Versammlung abgehalten in Kassel. Diese Versammlung in Kassel hat zunächst das Eigentümliche geboten — was sehr charakteristisch ist für die Gegenwart -, daß sie aus Teilnehmern bestanden hat, die entweder ziemlich jung waren, oder die schon bejahrt waren. Der Berichterstatter sagt, daß zumeist Leute da waren, so bis zu den Zwanzigerjahren hin, dann wiederum Leute vom fünfunddreißigsten oder achtunddreißigsten Jahre an ins höhere Alter, daß aber gerade das mittlere Alter, die mittlere Menschheit, die in den Zwanziger-, Dreißigerjahren gestanden hätte, bei dieser Versammlung gefehlt hat. Das ist sehr charakteristisch. Denn das ist das Bedeutsame —- man kann das, wenn man die Augen offen gehalten hat, überall beobachten -—, daß bei allen wichtigen Angelegenheiten und Entscheidungen der Welt in der letzten Zeit die Leute gefehlt haben, auf die es gerade ankommt, die zwischen dem zwanzigsten, zweiundzwanzigsten Jahre und dem achtunddreißigsten Jahre und so weiter stehen, auf die es ganz besonders ankommt. Ich sage nicht, daß es auf die anderen nicht ankommt für die Sache, aber es kommt darauf an, daß man diese Menschen auch hat, dann können auch die anderen etwas machen, die jünger und älter sind. Aber wenn man gerade diejenigen Menschen nicht hat, die in diesem wichtigen Lebensalter stehen, die Wichtigkeit dieses Lebensalters können Sie aus manchen anthroposophischen Andeutungen ersehen, dann ist es außerordentlich schwierig.
Aber trotzdem, bei dieser Versammlung in Kassel hat sich allerlei ergeben. Sie war ja durchaus veranstaltet von der Christengemeinschaft. Da waren die Leute zunächst eingeführt worden in Kreisen, aufzusteigen zu den höheren Wahrheiten, eingeführt worden in dasjenige, was eben vom freien religiösen Standpunkte die Christengemeinschaft zu sagen hat. Dann wurde angeschlossen das, was ja die Christengemeinschaft auch hat: die Kultushandlung. So war die Woche vergangen, ich glaube vom Mittwoch bis zum Sonntag, am Sonntag hat sich die Kultushandlung darangeschlossen. Dann gab es noch zwei bis drei Tage für Debatten, wo die Leute untereinander reden konnten. Da zeigte sich, wie diese Menschen, aus einem wirklich in der Gegenwart ganz energischen Bedürfnisse des Menschenherzens, mit voller Seele aufgestiegen sind durch diese Tage bis zu der Kultushandlung hin, und wie sie dann nachher alle gefragt haben: Es muß doch nun noch etwas sein, wozu man kommen muß? Das alles kann ja nur eine Vorbereitung sein. Es muß etwas sein, wozu man kommen muß.
Und da hat sich denn herausgestellt, daß das, was die Leute verlangen, Anthroposophie ist. Und wahrscheinlich wird gerade aus dieser Jugendtagung in Kassel manches Schöne hervorgehen, zum Beispiel, daß man, ebenso wie die Christengemeinschaft an religiöse Erneuerung gedacht hat, denken wird an pädagogische Erneuerung. Und wenn mit all der Kraft, die da ist, nun wirklich einmal gearbeitet wird auch an der pädagogischen Erneuerung, dann kann schon auch etwas entstehen.
Ich führe den Fall aus dem Grunde an, weil ja daraus ersichtlich ist, daß Anthroposophie wahrhaftig nicht aus irgendeinem Eigensinn hervorgeht, sondern aus dem, wonach die menschliche Seele heute verlangt. Und wird sie zunächst durch das Gefühlsmäßige vorbereitet, dann kommt sie notwendigerweise darauf, nicht mehr nur das Geheimnis verschwimmen und verschwebeln zu lassen, sondern tatsächlich auch das enthüllte Geheimnis in der Anthroposophie gerade zu ergreifen. Es darf nun eben nicht weiter die Anthroposophische Gesellschaft ein Hindernis sein für dieses in die Welt Hinaustragen dessen, was die Welt verlangt, was zahlreiche Herzen, zahlreiche Seelen verlangen. Und das ist auch dem zugrunde liegend, daß durch die Weihnachtstagung die Anthroposophische Gesellschaft als eine völlig öffentliche ausgearbeitet worden ist.
Aber all das, was da zunächst begründet werden kann, ist einzusehen — teils muß es verstandesmäßig, teils eben empfindungsgemäß eingesehen werden -, wenn es einfach da ist, wenn es einfach auftritt. Es kann doch sowohl unsere Anthroposophie, wie ihr pädagogisches Element, einfach von dem vorurteilslosen Menschen eingesehen werden. Er hat gar nicht nötig, etwas anderes als seinen gesunden Menschenverstand anzuwenden, wenn er nur seinen gesunden Menschenverstand nicht einschnüren läßt durch die Vorurteile, die in der Gegenwart vorhanden sind. So daß man sagen kann: Anthroposophische Gesellschaft muß begründet sein durchaus auf Einsicht, auf nichts anderes als auf Einsicht. Und von niemandem, der bloß in der Anthroposophischen Gesellschaft ist, ist es natürlich zu verlangen, daß er sich zum Träger oder positiv Arbeitenden der Anthroposophie macht. Es ist vollberechtigt, daß das einzelne Mitglied sich einfach so verhält, daß es erstens Anthroposophie sucht, zweitens anthroposophische Menschen innerhalb der Gesellschaft. Und einen Anspruch an ein Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft, daß das betreffende Mitglied auch etwas zur Verbreitung tut, hat man eigentlich unmittelbar nicht.
Denn auch das muß durchaus wahr sein, was ich in einem der Kapitel meines Briefes an die Mitglieder in dem Nachrichtenblatte gesagt habe: Agitieren im gewöhnlichen Sinne des Wortes kann die anthroposophische Sache nicht. Alles Agitieren ist vom Übel. - Man hat auch nicht nötig, auf anthroposophischem Boden zu agitieren, denn man hat nur nötig, das den Menschen zu geben, wonach sie ohnedies verlangen, wenn man nur die Wege findet, daß die Menschen einem ihr Verlangen eben äußern. Sie äußern es am wenigsten, wenn man mit der Miene des Hochgelehrten auftritt und ihnen erklärt: Das, was meine Überzeugung geworden ist, das mußt du glauben, sonst bist du ein Dummkopf, und jeder ist ein Dummkopf, der nicht das glaubt, was ich glaube. — Das ist sehr wichtig, daß wir uns die Gesinnung aneignen, daß es nicht so ist, als ob wir ein Recht hätten, den Menschen etwas anderes zu geben, als wonach sie verlangen, als ob wir ein Recht hätten, uns über die Menschen zu stellen, denen wir was bringen wollen. Wir müssen uns abgewöhnen, in gewöhnlich lehrhafter Weise oder in agitatorischer Weise aufzutreten, so daß man wirklich auch wahr machen kann: Einsicht muß das Grundelement des Lebens in der Anthroposophischen Gesellschaft sein.
Aber die Anthroposophische Gesellschaft muß ja auch verwaltet werden, das heißt, das Lehrgut muß verwaltet werden, und dazu braucht man Menschen. Und an diese Verwaltung des Lehrgutes mußte nun auch gedacht werden gerade durch die Weihnachtstagung. Und die Träger dieser Verwaltung des Lehrgutes müssen im Anschlusse an den gewählten Vorstand und im Anschlusse an die Leitung des Goetheanums diejenigen sein, die sich nun zu den Klassen hinwenden. Denn sehen Sie, um Anthroposophie zu verstehen, braucht man kein Vertrauen. Um Anthroposophie zu verwalten, gehört natürlich das vollste Vertrauen zu dem, der da als Mensch innerhalb der Verwaltung arbeitet. Also da, wo die Klassengliederung beginnt, da beginnt die Atmosphäre des Vertrauens, da muß man wirklich auf Vertrauen bauen. Und ich habe es ja, solange es eine Anthroposophische Gesellschaft gibt, immer wieder gesagt: Das ist kein Widerspruch, daß man Anthroposophie nicht auf Autorität hin, nicht auf Vertrauen hin annimmt, sondern auf die Einsicht annimmt, daß man aber die Verwaltung der anthroposophischen Sache nur auf Vertrauen bauen kann.
Diejenigen Persönlichkeiten, die irgend etwas unternehmen, die irgend etwas zu versorgen haben, die irgend etwas zu pflegen haben, denen gegenüber ist es notwendig, daß menschliches Vertrauen herrscht, daß also tatsächlich diese Vertrauensfrage innerhalb der Klasse ebenso ernst genommen wird, wie auf der anderen Seite weitherzig genommen werden muß das, was Anthroposophische Gesellschaft ist.
Schon aus diesem Grunde ist es notwendig, daß jeder, der zu den Klassen gehören will, sich auch frägt, ob er denn nun wirklich eine Persönlichkeit werden will, die von vornherein die anthroposophische Sache vor der Welt nicht nur vertreten, sondern repräsentieren will, mit allem Mut und in aller Weise.
Es ist ja tatsächlich so, daß jene esoterische Vertiefung, von der Sie so viel lesen können in meinem Buche «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», von der aber auch so viel gesprochen wird, nunmehr durch die drei Klassen eintreten soll.
Das wird nicht der Fall sein können, wenn nicht die Angehörigen dieser Klassen sich als wirkliche Repräsentanten der anthroposophischen Sache fühlen, wenn sie sich nicht fragen, ob sie nun auch wirklich das auf sich nehmen wollen, die anthroposophische Sache vor der Welt auf irgendeine Weise zu repräsentieren. Selbstverständlich kann sie nicht jeder in ihrer Totalität repräsentieren — das ist auch nicht notwendig, nicht einmal nützlich —, aber in irgendeinem Gebiete kann er es. Dann muß er aber tatsächlich eine Persönlichkeit sein, die sich voll auf den Boden, ich sage jetzt nicht des Vertrauens, das zur Anthroposophie nötig ist, aber des Vertrauens, das zur Verwaltung der anthroposophischen Sache notwendig ist, stellt. Da muß insbesondere unter uns aufhören — wiederum habe ich in dem dritten Kapitel meines Briefes an die Mitglieder, der diese Woche erscheinen wird, darauf hingedeutet —, was so vielfach sich aus Früherem in der Anthroposophischen Gesellschaft ergeben hat: Ich nenne es in diesem dritten Kapitel meines Briefes an die Mitglieder «das Esoterikspielen». Man kann das schon auffassen als Esoterikspielen im weitesten Umfange. Esoterik ist wirklich sowohl gegenüber der eigenen Seele, wie gegenüber dem Menschen und gegenüber unserer Zeit eine außerordentlich ernste Sache. Damit sage ich nicht, daß der Ernst dadurch zustande kommt, daß man ein langes Gesicht macht und möglichst sentimental ist und wichtig tut, sondern es muß der innere Ernst, der sogar mit ganz gutem Humor vereinbar ist, vorhanden sein. Es darf zum Beispiel nicht der Usus herrschen: Ich weiß etwas, das kann ich dir aber nicht sagen, weil du noch nicht reif bist dazu. - Und nun erregt man die sonderbarsten Gefühle dadurch. Vor allen Dingen macht man sich ungeheuer wichtig, und man merkt es nicht, daß man sich wichtig macht.
Gewiß, es gibt Dinge, die im engsten Kreise gepflogen werden müssen, aber die nicht so behandelt werden dürfen. Auf der anderen Seite sind esoterische Dinge nicht diejenigen, die man in der oftmals gepflogenen Weise beschwätzt, so daß sie nur herumgeschwätzt werden. Diese Dinge sind sogar sehr schwer zu beschreiben, weil sie auf Lebenshaltungen beruhen. Aber man wird da oder dort schon verstehen, was ich meine. Um bloß reden zu können, daß dies oder jenes ein Geheimnis der Mysterien war, oder daß diese oder jene Inkarnation existiere, dazu sind diese Dinge nicht da. Sie müssen mit dem denkbar größten. Ernste behandelt werden. Sie müssen mit einer gewissen Einsicht in das Folgende behandelt werden.
Wie leicht hört man die Redensart: Ach, das sind Leute, die treiben das oder jenes, mit denen kann man ja esoterisch doch nichts machen; machen wir unter uns Esoterik, unter uns würdigen Leuten. — Das ist an sich schon etwas, was ungeheuer zur Zerstörung (der Anthroposophischen Gesellschaft beiträgt. Erstens ist es ja zumeist nichts anderes als die maskierte Cliquenbefriedigung, Cliquenbedürfnisbefriedigung, zweitens ahnt man nicht, wenn man so etwas sagt, wieviel Esoterisches das Leben auf jedem seiner Gebiete bietet. Das Leben ist ja ganz esoterisch. Und Sie glauben ja gar nicht, wieviel Esoterik in einem Universitätslaboratorium lebt, nur daß die Professoren und die Adjunkten nichts davon wissen, aber sie lebt trotzdem da. Das Esoterische besteht ja nicht darinnen, daß man irgend etwas verachtet, um nun dasjenige zu pflegen, was einem gerade gefällt, sondern das Esoterische besteht darinnen, daß man gerade sich in der energischesten Weise mit dem Leben und seinen Tiefen auseinandersetzen kann.
Das ist eben dasjenige, was ich meine mit dem Spielen mit Esoterik. Solche Dinge verduften ja auch sehr bald. Man begründet irgendeinen Zirkel aus einem maskierten Cliquenbedürfnis heraus, aber er verduftet sehr bald. Man findet es zu schwer, sich mit der realen Esoterik des Lebens auseinanderzusetzen und findet es bequem, Esoterik zu beschwätzen. Ja, wo Esoterik geht von Mund zu Mund, wenn es auch noch so salbungsvoll geschieht, da ist sie eben ein esoterisch Schwätzen. Und das ist das, was wirklich unendliches beiträgt zum Zerstören der Anthroposophischen Gesellschaft und sogar unmittelbar zum Zerstören der anthroposophischen Sache. Daher wird es schon so sein, daß tatsächlich innerhalb der Klassen die Vertrauensfrage in der Zukunft im allereminentesten Sinne ernst genommen werden muß.
Das wird nicht gelten, daß man einfach sagt: Ich habe Anspruch darauf, wenn ich zwei Jahre in der Gesellschaft bin, in eine Klasse aufgenommen zu werden. In eine Klasse aufgenommen zu werden heißt, daß die Leitung der Anthroposophischen Gesellschaft arbeiten muß mit dem Betreffenden. Die Leiter können nicht versklavt werden. Sie können nicht gezwungen werden, mit denjenigen zu arbeiten, mit denen sie nicht arbeiten wollen, weil sie es nicht können. Daher muß schon die Möglichkeit bestehen, und das ist, worauf auch jetzt hingewiesen werden muß, daß die Weihnachtstagung in vollem Ernst genommen werden muß. Es muß die Möglichkeit bestehen, daß die Leitung der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft denjenigen, die nicht sich hineinfinden Repräsentanten der anthroposophischen Sache zu sein, sagt: Du bist in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft selbstverständlich sehr willkommen, aber Mitglied der Klasse kannst du leider nicht sein. - Das muß in der Zukunft die Möglichkeit sein. Dies muß im allereminentesten Sinne ernst genommen werden.
Selbstverständlich werden diese Dinge niemals aus irgendwelchen Sympathien und Antipathien heraus so sein, sie werden nicht mit Unernst gemacht werden, aber sie müssen durchaus verstanden werden. So daß also tatsächlich, wenn von Mitgliedern der Schule einfach gegen die Leitung gehandelt wird, das wird eintreten müssen, was ich eben angedeutet habe. Nicht wahr, jeder Mensch hat seine Sonderwünsche, der eine will das, der andere will jenes. Kein Mitglied der Anthroposophischen Gesellschaft im allgemeinen kann natürlich verhindert werden, seine Sonderwünsche zu haben. Dadurch würde man eben die Anthroposophische Gesellschaft zu dem machen, was sie ganz und gar nicht sein soll: zu einer Sekte oder zu einer Geheimgesellschaft. Das darf sie nicht sein.
Nun werden die Klassen auch ganz und gar nicht irgendwie den Charakter einer Geheimgesellschaft tragen. Geheimgesellschaften sind heute nicht möglich, die heutige Zeit verlangt etwas anderes. Aber das muß möglich sein, daß die Leitung nur mit denen zusammenarbeitet, mit denen sie zusammenarbeiten kann. Daher wird schon in der Zukunft von denjenigen, die irgendeiner Klasse angehören wollen, verlangt werden müssen, daß sie in bezug auf alles, was anthroposophische Sache ist, sich mit dem Vorstand auseinandersetzen, wenn sie irgend etwas von sich aus tun. Dadurch allein wird es möglich sein, daß der Vorstand sich verantwortlich fühlen kann für die ganze Anthroposophische Gesellschaft. Und er will sich verantwortlich fühlen, und er will für die anthroposophische Sache einstehen.
Also, es geht nicht, daß man in der Zukunft kommt und sagt: Ach, da machen wir Dinge, die den Vorstand nichts angehen. — Selbstverständlich kann man sie machen, aber dann kann man nicht den Klassen angehören. Es wird schon notwendig sein, daß auch dieses Prinzip des Zusammenhaltens in der Gesinnung ebenso wesentlich ist in unserer Schule, wie es immer wesentlich war in allen Mysterien. Sonst bleibt unser ganzes anthroposophisches Wesen etwas, was doch nicht zu seinem Ziele kommen kann, denn das sind einfach gesetzmäßige Anforderungen der Sache.
Man kann ja sagen: Ich will die anthroposophische Sache zerstören. Gut, das steht natürlich jedem frei. Aber man kann nicht zumuten, daß diejenigen, welche die anthroposophische Sache leiten wollen, zugeben, daß nicht die Bedingungen erfüllt werden, die zum Bestande der anthroposophischen Sache notwendig sind.
Ob es nun die Einrichtung einer Gruppe ist, ob es irgend etwas anderes ist, es wird sich darum handeln, daß dies wirklich von den Angehörigen der Klasse der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft im Einklange mit der Leitung gemacht wird, so daß die Leitung tatsächlich zentralisiert hat diese Seite der anthroposophischen Sache.
Wer also bloß aus Neugierde, um vielleicht in den Klassen noch etwas anderes zu hören als in der Anthroposophischen Gesellschaft, eintreten will, der sollte sich wirklich überlegen, es lieber nicht zu tun. Denn es war keine Redensart auf der Weihnachtstagung, daß gesagt worden ist: Es muß ein neuer Impuls in das Leben der Anthroposophischen Gesellschaft hineinkommen. Nicht wahr, es wird sich nicht darum handeln, daß man etwa geheim tut mit dem großen Wissen der Klasse, sondern daß die Menschen — und in einer je höheren Klasse sie sind, desto mehr muß das der Fall sein — tatsächlich die Repräsentanten der anthroposophischen Sache werden. Und die muß eine reale sein, die ist nicht irgend etwas, was im Wolkenkuckucksheim herumsegeln kann. Das muß etwas Reales sein. Und dann darf nicht hinter dem Rücken des Vorstandes allerlei angezettelt werden. So daß also die Verwaltung der anthroposophischen Sache in der Zukunft durchaus in den Händen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft liegen wird.
Auch die wird keine Geheimgesellschaft sein. Sie wird dafür sorgen, daß man immer wissen wird im weitesten Umfange, was sie tut. Aber ihr Angehöriger zu sein, wird, ebenso wie in der Anthroposophischen Gesellschaft selber, nur sich auf das gründen, was einen Sinn hat: daß man in ihr Anthroposophie pflegen will mit anderen Menschen zusammen. Ebenso wird die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft ihren Mitgliedern immer mehr und mehr die strengsten Verpflichtungen auferlegen. Anders wird sie nicht bestehen können, und anders wird sie keinen Sinn haben. Es wird zum Beispiel durchaus zu diesen Verpflichtungen gehören, daß dasjenige nicht fortdauert, was ja schon in einer unglaublichen Weise vielfach eingerissen ist: daß man diejenigen Menschen, die verantwortungsvolle Stellungen in unserer Anthroposophischen Gesellschaft versorgen müssen durch ihre Qualitäten, nach allen Seiten hin durchkritisiert. Es ist wirklich leicht zu kritisieren; etwas zu schaffen ist unendlich schwieriger. Wenn man bequem bei seinem täglichen Leben ist, das in der Versorgung der nur unmittelbar eigenen Angelegenheiten besteht, so kann man leicht den kritisieren, der seinen Tag dazu verwenden muß, um Dinge zu tun, die innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft eben doch geschehen müssen. So also wird tatsächlich eine Gesinnung auch nach dieser Richtung Platz greifen müssen, die darin wird bestehen müssen, daß man vor allen Dingen darüber nachdenkt, was wirklich getan wird in der Anthroposophischen Gesellschaft. Die Frage muß abgelehnt werden, was einem nicht recht ist. Jetzt wird vorzugsweise darüber geredet, was einem nicht recht ist. Aber das ist die Hauptsache, daß man aufmerksam wird auf das, was getan wird, was wirklich geschieht. Das sollte eigentlich in das Bewußtsein der Mitglieder der Gesellschaft hineinkommen, was wirklich geschieht. Und wenn auch durchaus nicht etwa falsches autoritatives Prinzip für die Leitung in Anspruch genommen werden soll, in einer gewissen Beziehung ist es schon richtig, daß die Leitung nicht zurecht kommen kann mit ihrer Aufgabe, wenn jeder, der gar nicht sich kümmert darum, wie die Dinge zustande kommen, nun auch diese Leitung nach allen Richtungen abkanzelt.
Das sind die Dinge, auf die ich zunächst heute einmal habe aufmerksam machen wollen, weil ich ja gesehen habe, daß zum Beispiel nach dem, was bisher vernommen worden ist, manche geglaubt haben, es handele sich wirklich nur darum, daß man sich nun auch zu den Freitagsvorträgen melde, um auch diese hören zu können neben den Samstags- und Sonntagsvorträgen. Es wäre natürlich eine bequeme Sache. Aber die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft soll aus Menschen bestehen, (die durchaus sich als die Repräsentanten der anthroposophischen Sache fühlen. Daher möchte ich bitten, daß dies vor allen Dingen bei dem Entschluß zum Eintritte in die zunächst zu errichtende Klasse wirklich ins Auge gefaßt werde. Und in diesem Sinne werden wir dann im Anschlusse an die Freitag-, Samstag- und Sonntagvorträge den Versuch machen, die erste Klasse zu bilden. Die nächsten Vorträge werden also solche sein, die noch für alle Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gehalten werden. Und in dem, was dann in der nächsten Woche an Vorträgen gehalten wird, in dem wird schon die erste Klasse dann eine Rolle spielen.
Die zweite Klasse wird ja erst nach einiger Zeit errichtet werden können.
Das ist das, was ich zunächst heute Ihnen mitteilen wollte. Ich habe diese Stunde angesetzt, weil mich das Lesen jenes Buches, das ich zusammengestellt habe aus den Briefen, die bis zu einem gewissen Zeitpunkte eingelaufen waren, dazu veranlaßt hat. Es ist schon ein ziemlich dickes Buch geworden, es wird aber noch viel dicker werden, es werden Bände werden. Und das Lesen dieses Buches hat mich gelehrt, daß es nötig war zu sagen, was ich mir erlaubt habe heute zu sagen.
Ich möchte durchaus bitten, auch von jedem, der aufgenommen sein will in die Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, erfahren zu können, wie lange er schon in der Gesellschaft ist, denn das muß gewußt werden, und ob er geneigt ist, nun wirklich auch in bezug auf das, was ich heute über die Vertrauensfrage gesagt habe, sich in irgendeiner Weise zu engagieren, sich also auch wirklich Verpflichtungen aufzuerlegen als Mitglied der Klasse. Diese Dinge müßten schon in den Meldungen enthalten sein.
Nun wird es sich ja vielleicht darum handeln, daß man diejenigen Freunde, die auf die Aufnahme reflektieren, dann noch um das wird fragen können, was man von ihnen wissen will, außer dem, was in dem Briefe steht. Aber sehen Sie, wenn einem jemand schreibt, er will die Freitagsvorträge hören, so ist selbst die Frage schwer zu beantworten, weil es sich gar nicht darum handelt, daß er die Freitagsvorträge hören will — denn die können vielleicht am Sonntag sein -, sondern ob er ein Mitglied der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft sein will. Darum handelt es sich.
Das ist also das, was die Mitglieder angeht. Die Einteilung in Sektionen wird Sache der Leitung sein. Und es wird von der Leitung aus so gearbeitet werden, daß wirklich die Abteilungen, die vertreten werden sollen, auch vertreten werden können. Aber das wird ja in jeder Klasse geschehen. Und jeder wird nach entsprechender Übereinkunft mit der Leitung seiner Sektion auch für seine Bedürfnisse Befriedigung finden können, wie er für die ganz allgemeinen Bedürfnisse als Mensch in bezug auf das Geistige in der Allgemeinen Sektion der Anthroposophischen Gesellschaft seine Befriedigung finden wird. Also, der allgemein menschlichen anthroposophischen Sektion wird ja jeder, der irgendeiner anderen Sektion angehört, auch angehören müssen, denn die wird ja die Grundlage sein müssen für alles übrige.
Das ist also das, was zu berücksichtigen sein wird.