The Constitution of the General Anthroposophical Society
GA 260a — 3 February 1924
Bedingungen für die Aufnahme in die Erste Klasse der Freien Hochschule
Im Anschluß an den Vortrag sprach Dr. Steiner noch zu denjenigen, die sich für die erste Klasse gemeldet hatten:
Die heutige Versammlung ist selbstverständlich noch nicht etwas Bindendes, sondern es wird sich darum handeln, daß ja auch von den Freunden, die jetzt dageblieben sind, alle mit sich erst voll zu Rate gehen müssen, um in sich selber zu erforschen, ob sie die Pflichten eines Mitgliedes der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft wirklich auf sich nehmen wollen. Denn es muß dasjenige, was oftmals gesagt worden ist als die andere Bedingung für eine solche Vereinigung von Menschen, wie sie hier gemeint ist, von jetzt ab mit vollem Ernst genommen werden. Man hat in vielen Kreisen dasjenige, was mit diesem Ernst gemeint ist, eigentlich bis jetzt doch nicht einmal recht, ich möchte sagen, begonnen zu verstehen.
Wir haben ja die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, die dem Menschen der Gegenwart eben die Erkenntnisse des Geistes vermittelt. In der kann man sein, wenn man nicht Verpflichtungen auf sich nehmen will. Es ist also wirklich keine besondere Veranlassung dazu da, ohne daß man den Willen hat, wirkliche, ernstliche Verpflichtungen auf sich zu nehmen, über die Anthroposophische Gesellschaft hinauszugehen.
Aber wir brauchen eben einfach einen Kreis von Menschen, der aus dem Exoterischen in das Esoterische hineingeht. Und hineingehen kann man nicht, ohne Verpflichtungen auf sich zu nehmen. Denn gäbe es niemanden, der solche Verpflichtungen auf sich nimmt, dann würde Anthroposophie eben nicht bestehen können. Es handelt sich bei dem, was ich zunächst als die erste Klasse konstituteren möchte, darum, daß das Verhältnis der Leitung zu den einzelnen Mitgliedern gewissermaßen als ein freies Vertragsverhältnis vorgestellt werden muß, aber als ein freies Vertragsverhältnis, das man eben wirklich eingeht. So daß die Leitung eben in keinem Augenblicke sich gebunden fühlen kann, irgendwie dasjenige, was in der ersten Klasse getrieben werden soll, mit einem Mitgliede zu treiben, wenn das Mitglied eben nicht die Gegenverpflichtung übernimmt.
Also es handelt sich wirklich um ein freies Vertragsverhältnis. Aber das muß man auch ganz ernsthaftig erfassen, daß es sich um ein freies Vertragsverhältnis handelt. Und nur so werden wir zunächst in die wirkliche Esoterik allmählich hineinkommen können. Vor allen Dingen handelt es sich darum, daß alle Angehörigen der Klasse wirklich auch sich bereit erklären, Repräsentanten sein zu wollen für die Pflege der Anthroposophie in der Welt.
Sehen Sie, der Unterschied desjenigen, was entstanden ist seit Weihnachten, gegenüber dem, was früher da war, der ist ja der, daß früher im Grunde genommen die Anthroposophische Gesellschaft eine Art Verwaltungsgesellschaft war, welche die Anthroposophie aufgenommen hat, der es darauf ankam, einen Rahmen abzugeben für Anthroposophie. Dasjenige, was jetzt sein muß, ist, daß tatsächlich die Institution, die hier von Dornach ausgeht und vor die Welt sich hinstellt, selber in einer gewissen Weise als eine esoterische Angelegenheitgenommen wird. So daß der Vorstand, der zu Weihnachten gebildet worden ist, von den Mitgliedern der ersten Klasse anzusehen ist als eine Körperschaft, die unter voller Verantwortlichkeit für die Anthroposophie in der Welt eintritt, daß alles Anthroposophische diesen Vorstand als solchen angeht.
Wenn Sie das in seiner vollen Tiefe nehmen, so werden Sie es eben auch begreiflich finden, daß in der Zukunft für die Dinge, die eigentlich das Leben des Anthroposophischen ausmachen sollen, nicht dasjenige in irgendeiner Weise auftreten darf, was auch wiederum seit Weihnachten schon da oder dort aufgetreten ist. Zum Beispiel konnte man hören, wie Menschen doch wiederum das Wort gefunden haben: Ach, wir machen da etwas für uns, damit gehen wir nicht an den Vorstand heran. Warum sollen wir uns da erst um den Vorstand kümmern! — Ja, die Mitglieder der ersten Klasse müssen dann in der Zukunft erleben, daß, wenn irgend jemand etwas Anthroposophisches machen will ohne den Vorstand, dann der Vorstand auch seine Sachen ohne sie wird machen wollen.
Das ist natürlich etwas, was ich nicht aussprechen würde in der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft. Aber das ist eben dasjenige, was in jenem freien Vertragsverhältnis liegt, das zwischen den Mitgliedern der ersten Klasse und dem Vorstande bestehen muß. Der Vorstand muß also durchaus, wenn irgend jemand für irgendeine Angelegenheit, die er vertreten will vor der Welt, Anthroposophie repräsentieren will, ohne sich mit dem Vorstand in Verbindung zu setzen, auch seinerseits sagen: also wird auch er seine Angelegenheiten ohne den Betreffenden formen wollen.
Nicht wahr, es ist dies ja eine besondere Form. Man kann diese Form, die ich da in diese Worte kleide, auch noch anders zum Ausdruck bringen. Aber es ist nur auf diese Weise zu erreichen, daß wirklich ein einheitliches Leben gerade in all das hineinkommt, was die Schule betrifft. Dadurch werden wir dazu kommen, wirklich für Anthroposophie den nötigen Ernst allmählich zu gewinnen. Und wir werden einen Grundstock von Menschen dann haben können, die sich wirklich mitverantwortlich fühlen für dasjenige, was durch Anthroposophie geschehen soll. Wir werden vor allen Dingen dadurch die Möglichkeit haben, keine Cliquen mehr unter uns zu haben. Denn dasjenige, was uns ungeheuer geschadet hat, das ist eben das Cliquenbedürfnis, das Entstehen von Cliquen. Wir werden auch keine Eigenbröteleien haben können. Die werden, wenn sie sich schon durchaus geltend machen wollen, in der Anthroposophischen Gesellschaft sich geltend machen können, Aber bei denjenigen, die den Klassen angehören, wird das eben unmöglich sein, weil sie dann, wenn sie irgendwie so handeln, eben nicht mehr der Klasse angehören werden.
Das sind die Dinge, die nun wirklich in allem Ernste einmal bedacht werden müssen. So daß gerade dadurch, daß einmal die Dinge bei uns wenigstens so ernst genommen werden, wie sie da oder dort in der Welt ernst genommen werden - für nicht ähnliches, wie es die Anthroposophie ist, aber für manche andere Dinge —, dadurch einmal das auch bei uns wirklich eintritt. Ohne das hätte eigentlich die ganze Neubegründung der Gesellschaft, wie sie zu Weihnachten vorgenommen worden ist, gar keinen Sinn. Denn es ist ja für viele Dinge so Usus gewesen, auch in jenem Teile der Gesellschaft, der unmittelbar Dornach umgibt, daß man für manche Dinge gesagt hat, nun ja, man wolle mich nicht belasten, man wolle mich nicht fragen um alle Einzelheiten. - Man hat mich meistens just um dasjenige nicht gefragt, bei dem es einem nicht gepaßt hat! Das ist aber, was dazu geführt hat, daß eine ganze Reihe von Angelegenheiten an mich in einem Stadium herangetreten sind, wo sie eben schon im Gange waren, wo man sie in einer andern Weise dann lösen mußte, als sie gelöst worden wären, wenn sie vom Anfange an an mich herangetreten wären. Ich will damit durchaus sagen, daß alles, was den Inhalt der Anthroposophie betrifft, eine einheitliche Sache werden muß.
Gewiß, es wird Schwierigkeiten geben, die geringe Anzahl der Vorstandsmitglieder, die hier sind, werden überlastet sein. Allein wir wollen die Geschichte sich entwickeln lassen, wir wollen sie zunächst so nehmen, wie sie sich aus der Sache selbst heraus ergibt. Aber wir wollen nicht wiederum in den Fehler verfallen, daß wir bei verhältnismäßig unwichtigen Dingen den Vorstand zu Rate ziehen, bei den allerwichtigsten Dingen aber sagen: Wir müssen selber weiterkommen — weil einem das besser gefällt -, wir dürfen den Vorstand nicht behelligen. Nicht wahr, man kann davon sprechen, wenn man rein im Formalen stecken bleibt: Ja, wo soll denn da die Freiheit sein! — Gewiß, jeder kann ja seine Freiheit haben, indem er eben nicht mitzutun braucht. Aber der Vorstand muß doch auch seine Freiheit haben. Ihm muß es doch auch freistehen, nicht dasjenige tun zu müssen, was er nicht tun kann unter seiner Verantwortlichkeit.
Wenn guter Wille vorhanden ist, so wird man schon die Notwendigkeit solcher Dinge einsehen, und es wird aus dem, was ich jetzt sage, eben zunächst eine genaue Prüfung, Selbstprüfung der hier Versammelten stattfinden, ob sie vor allen Dingen diejenige Verpflichtung auf sich nehmen wollen, für alles Anthroposophische sich vom Anfange an mit dem Vorstand voll in Einklang zu setzen. Sonst ist es notwendig, daß der Vorstand eben seinerseits erklärt: er erkennt die Sache nicht als Anthroposophisches an. Dann erklärt er aber natürlich auch, nicht zusammenzuarbeiten mit denjenigen, die eine extra Anthroposophie irgendwo begründen. Die Dinge sind wirklich zu ernst, und wir müssen sie von jetzt ab in aller Ernsthaftigkeit auffassen.
Was ist alles wiederum geschwätzt worden über die Öffentlichmachung unserer Gesellschaft, namentlich über die Tatsache, daß die Zyklen öffentlich sein sollen. Das ist eine Tatsache, die nicht ernst genug aufgefaßt werden kann! Denn, ich möchte sagen, es fliegen einem die Dinge so in die Hand herein, die Beweise, wie notwendig eine solche Maßregel ist. Sehen Sie, heute morgen hat mir Dr. Unger eine neue Publikation von Hans Leisegang gebracht: «Die Geheimwissenschaften», erschienen in einer Sammlung: Perthes’ Bildungsbücherei, Verlag von Friedrich Andreas Perthes AG, Gotha-Stuttgart; einer der angesehensten Verlage, die es gibt.
Nunmehr können Sie wissen, was die Leisegangsche Denunziation eigentlich bedeutet. Sie erscheint heute in einem der angesehensten Verlage. Es handelt sich also wirklich darum, daß man solche Dinge vor allem mit Ernst aufzufassen in der Lage ist. Dem Büchelchen liegt ein Zettel bei. Unter der Ägide des Herrn von Leisegang vollzieht sich folgendes:
«Eine geistige Revolte gegen die bisher unbekannten Zyklen Rudolf Steiners! Hans Leisegang, Die Geheimwissenschaften. Die Schrift - eine wichtige Neuerscheinung von Perthes Bildungsbücherei — gibt einen mit reichlichen, zum weiteren Studium anleitenden Literaturnachweisen ausgestatteten Überblick über die Entwicklung und den gegenwärtigen Stand der Forschungen auf dem Gebiete des Okkultismus. Der Verfasser unterscheidet scharf den wissenschaftlichen, nicht mit der Geisterhypothese arbeitenden Okkultismus von den sich als Geheimwissenschaft gebenden okkulten Erkenntnissen der Spiritisten, Theosophen und Anthroposophen.»
Es ist ganz selbstverständlich, daß, wenn es nicht schon geschehen wäre, einer solchen Unternehmung gegenüber, die sich nennt: «Eine geistige Revolte gegen die bisher unbekannten Zyklen Rudolf Steiners», sofort die Zyklen für «öffentlich» erklärt werden müßten. Nun ist es schon im vorhinein geschehen. Denn ganz eingehend, tumultuarisch, radikal befassen sich die Gegner auch mit den neuesten Zyklen. Kaum ist einer erschienen, so haben ihn die Gegner und reden darüber. Unter den Gegnern wird eben viel mehr geredet über die Zyklen, als unter den Anthroposophen. Demgegenüber ist natürlich irgendein weiteres Geheimhalten der Zyklen geradezu eine Paradoxie, geradezu ein Sich-Ausliefern an die Gegner.
Nicht wahr, man hat vieles seit der Weihnachtstagung über das Offentlichwerden der Zyklen hören können. Aber was man bei alledem vermißt hat in bezug auf die Tatsache, daß so etwas hat geschehen müssen, ist der Ernst, mit dem eine solche Sache aufgefaßt werden muß. Und ich möchte sagen: Eine Gesellschaft des anthroposophischen Ernstes muß die Reihe der Mitglieder der ersten Klasse sein.
Vieles ist noch nicht zum Bewußtsein gekommen von dem, was die Weihnachtstagung gebracht hat. Nun werden wir sehen, ob eben die Möglichkeit besteht, in aller Sachlichkeit diese erste Klasse einzurichten. Deshalb möchte ich Sie noch einmal bitten — jetzt nur, damit eine zusammenhängende Übersicht da ist für diejenigen verehrten Freunde, die in Dornach hier zunächst an der Schule teilnehmen wollen, bitte ich Sie noch einmal -, aber nur einmal Ihren Namen auf die Bogen zu schreiben, die ich hier verteilen werde, und dann mir hier auf den Tisch wiederum zurückzubringen. Ich werde nach je zwei Stuhlreihen die Bogen verteilen, und bitte immer zwei Stuhlreihen lang die Namen daraufzuschreiben. Ich bitte, nur die Namen einzuschreiben. Dasjenige, was ich dazu brauche, steht ja wohl in den Briefen, die geschrieben worden sind. Wer nicht schon in seinem Briefe geschrieben hat, wie lange er Mitglied ist, den bitte ich, auch dies auf die Liste zu schreiben.
Ich werde dann am nächsten Freitag den Modus zu verkündigen haben, durch welchen den Aufgenommenen die Mitgliedskarte übergeben wird. Ich werde mich nun mit den Anmeldungen zu befassen haben, und wir werden dann die Mitgliedskarten auf eine Weise, die hoffentlich für den einzelnen etwas bequemer sein wird als das Sammeln der Briefe, die nicht gerade in einheitlicher Weise mir übergeben worden sind, sondern irgendwo, wo man mich gerade getroffen hat, so bei Gelegenheit, in die linke oder in die rechte Hand gedrückt worden sind, ohne zu berücksichtigen, daß es dann außerordentlich schwierig ist für den, der sehr beschäftigt ist, diese Dinge alle zusammenzuhalten. Der eine hat seinen Brief dahingetragen, der andere dorthin, ich hoffe aber, daß in einer etwas einheitlicheren Weise die Sache wird gehalten werden können.