The Constitution of the General Anthroposophical Society

GA 260a

Näheres über die Entstehung der Zyklen

Ein Bericht von Marie Steiner aus dem Jahre 1944

Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, wie die Veröffentlichung der Vorträge als Zyklen für die Mitglieder zustande kam. Sie geschah gegen den ursprünglichen Wunsch Dr. Steiners; er wurde durch die Verhältnisse dazu gezwungen und mußte sich zu diesem Schritt entschließen, um Schlimmeres zu verhüten. Zunächst arbeiteten fleißige Zuhörer an Hand von Nachschriften, die ja nur als Notizen bewertet werden konnten, in kleinen Kreisen; dann schickte man solche Nachschriften jenen, welche die Vorträge selbst nicht hatten hören können. Es gab dabei natürlich viel Ungenaues, leider aber auch manchmal Verkehrtes, das durch wiederholtes Abschreiben sich vermehrte. Das Unterscheidungsvermögen in bezug auf das Geeignetsein gewisser Nachschreiber für diese Aufgabe fehlte. Zwei besonders krasse Fälle ereigneten sich, in denen wirklicher Nonsens verabreicht wurde. Dagegen mußte nun eingeschritten werden. Die Verbreitung solcher Nachschriften war aber manchen bereits zur Gewohnheit geworden; es hatten sich auch schon zu diesem Zweck kleine Zentren gebildet, wo alles gesammelt wurde. So blieb denn nichts anderes übrig, als die Sache bestmöglich zu sanieren; das konnte nur durch eine gewisse Kontrolle geschehen. Wir mußten die Sache selbst in die Hand nehmen und die Verbreitung der Vervielfältigungen von unbefugter Seite her untersagen. Die von uns bestätigten, in Betracht kommenden Stenographen mußten sich natürlich auch erst allmählich einüben, um einem langen Vortrage nachzukommen. Versuche, die mit Berufsstenographen, auch parlamentarischen, gemacht wurden, erwiesen sich als durchaus ungenügend. Der ihnen fremde Stoff verwirrte sie, und es kamen merkwürdige Verballhornungen zustande; auch waren jene Persönlichkeiten gewöhnt, öfter miteinander beim Schreiben abzuwechseln. Allmählich arbeiteten sich unsere Stenographen immer mehr ein. Aber ein sorgsames Korrigieren ist immer notwendig, denn das gesprochene Wort gibt durch den Tonfall des Sprechers Möglichkeiten der Satzbildung, der Gedankenverbindungen, die im geschriebenen Wort erst durch eine geschickte Umstellung der einzelnen Satzglieder ihren Sinn voll enthüllen. Besonders gefährlich bei den Übertragungen der Stenogramme ist Verwirrung durch falsche Interpunktion desjenigen, der das Diktat entgegennimmt: es werden da manchmal miteinander zusammenhängende Sätze auseinandergerissen, wodurch arge Verstümmelungen entstehen. Und so gibt es noch mancherlei. Leider sind in den Zeiten, wo ich auf Reisen war, viele Vortragsnachschriften ganz unkorrigiert in die Zeitschriften hereingenommen worden. Soweit als möglich sind sie mit aus diesem Grunde schori im Neudruck erschienen: um mit den nötigen Korrekturen versehen zu werden; es soll unser Bestreben sein, nach Kräften .dies weiter zu ermöglichen. Wir wissen, daß auch dann noch manches verbesserungsbedürftig bleiben wird. Es ist eben keine leichte Arbeit, den Wortlaut durchaus zu respektieren und ihn doch von Entstellungen zu befreien. Es gehört Mut dazu und Zeit. Die Zeit dazu hat ja Dr. Steiner selbst durchaus gefehlt. Einige Male versuchte er es anfänglich auf meine Bitte hin. Doch gab er die Blätter zurück mit der Erklärung, es würde ihm weniger Zeit nehmen, die ganze Sache neu zu schreiben, als das gesprochene Wort für die Schrift umzusetzen.

Was aber war die Folge des durch die Verhältnisse notwendig gewordenen Schrittes für Dr. Steiner? Er hatte für die Öffentlichkeit nur seine geschriebenen Werke bestimmt. Mit diesen hätten die Gelehrten und sonstigen Kritiker sich auseinanderzusetzen gehabt. Da war nichts, was Gelegenheit gegeben hätte, in gehässiger Weise gegen sogenannte Phantastik vorzugehen. Vor der Nachwelt hätte der Ruf Dr. Steiners als Gelehrter und Wissenschafter ungetrübt dastehen können. Das, was in den Zyklen die gegenwärtige materialistische Denkungsart als unvorstellbar und sensationell berühren mußte, wäre nicht preisgegeben worden. Für die Mitgliedschaft aber war der Inhalt der Zyklen die Wegzehrung, das Lebensbrot, nach dem sie verlangte. Sie hat davon gelebt, besonders seit der Zeit, da er nicht mehr unter uns weilte. Und nicht nur die aus ihrem Herzensbedürfnis und intuitivem Sinn heraus suchenden Seelen, sondern auch jene Akademiker, die das abtötend Mechanische der heutigen Denkformen und Wissenschaftlichkeit überwinden wollten, sie brauchten diese geistigen Inhalte, um sich mit dem dort gespendeten Lebenselement zu durchdringen.

Aber der Duktus der Zyklen hing zum Teil zusammen mit der damals gegebenen Situation, mit den Bedürfnissen und Fragestellungen der Zuhörer — er hing auch zusammen mit dem, was in früheren Zyklen gegeben worden war und erst nach deren Verarbeitung gründlich verstanden werden konnte. Allmähliche Schulung im geistigen Denken führt zum Verständnis kosmischer Zusammenhänge. Und in immer aufsteigender Linie bewegte sich das offenbarte Geistesgut. Die Voraussetzungen für das intellektuelle Verständnis müssen vom Laien ja erst erworben werden.

Die Geheimwissenschaft als solche, wie sie Dr. Steiner in seinen geschriebenen Werken darstellte, nicht nur seine erkenntnistheoretischen Werke, wäre von der Gelehrtenwelt und zünftigen Kritik mehr respektiert worden, sie stünde heute unanfechtbarer da, wenn der Hunger der suchenden Seelen nicht gerade die Geisteskost besonders verlangt hätte, die zunächst in internen, für ihre Aufnahme vorbereiteten Kreisen gereicht worden war — oder wenn wenigstens die Nachschriften von diesen gut gehütet worden wären. Die Mahnungen und Warnungen Dr. Steiners nach dieser Richtung hin wurden durch menschliche Wünsche und Illusionen übertönt. Tatsachen wurden geschaffen, mit denen man nun rechnen mußte, die nicht übersehen werden konnten. Sie verlangten von Dr. Steiner ein anderes Vorgehen als dasjenige, was ursprünglich in seiner Absicht gelegen hatte. So kam es, daß er auch dieses Opfer bringen mußte: er gab die Zyklen für die Mitglieder frei — zunächst im Privatdruck als Manuskript. Doch wurde nach ihnen Jagd gemacht von seiten der Gegner, die sie mißbrauchten und ihren Inhalt, den eigenen Zwecken entsprechend, zerstückelten und auseinanderrissen. So gab es bald keinen anderen Schutz für die Zyklen als denjenigen, den Dr. Steiner den «moralischen» nannte und der sich im Vermerk ausdrückt, der ihnen nun beigegeben ist. Er sah sich gezwungen, sie, wenn auch nicht für den Buchhandel, so doch für die Öffentlichkeit, falls sie darnach verlangen würde, freizugeben. So brach er mit dem alten Grundsatz des Geheimhaltens esoterischer Schriften, das sich mit den Forderungen der heutigen Zeit nicht mehr verbinden läßt.

German original of More about the Creation of the Cycles · ← Previous · Next →