The Constitution of the General Anthroposophical Society

GA 260a

Vorbemerkungen Des Herausgebers Zur Zweiten Auflage

Als sich Rudolf Steiner zu Beginn des 20. Jahrhunderts entschlossen hatte, für eine öffentliche Verbreitung übersinnlicher Erkenntnisse einzutreten, tat er dies als völlig selbständiger Geistesforscher im Strom der abendländisch-christlichen Esoterik, aber doch im Rahmen einer bereits bestehenden Organisation, der damaligen Theosophischen Gesellschaft. Zusammen mit Marie von Sivers (später Marie Steiner) baute er aus kleinsten Anfängen heraus die mit ihm als Generalsekretär und Marie von Sivers als Sekretär begründete deutsche Sektion zu einer immer weiterreichenden mitteleuropäischen Bewegung auf.

Gegen Ende dieser ersten zehnjährigen Aufbauarbeit kam es mit Annie Besant, der damaligen Präsidentin der Theosophischen Gesellschaft, zu tiefgehenden geistigen Differenzen, die schließlich dazu führten, daß die deutsche Sektion im März 1913 offiziell aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen wurde. Da dies zu erwarten gewesen war, wurde an Weihnachten 1912 die Anthroposophische Gesellschaft gegründet, der sich Theosophen aus aller Welt anschlossen. Rudolf Steiner wollte nunmehr keine Verwaltungsfunktion mehr ausüben, weil, wie er später rückblickend äußerte, es schwierig sei, das, was in der heutigen Zeit ein äußeres Amt verlangt, mit den okkulten Pflichten gegenüber den Offenbarungen der geistigen Welt zu vereinigen (S. 354 und 370).1 Die Anthroposophische Gesellschaft sollte sich daher ganz auf sich selbst gestellt verwalten und Rudolf Steiner sich ausschließlich dem geistigen Forschen und Lehren widmen können (S. 490). Er habe das in den verschiedensten in Betracht gekommenen Belangen streng durchgeführt (S. 382) und sei damals nicht einmal Mitglied der Gesellschaft gewesen (S. 178).

Nachdem im Herbst 1913 auf dem Dornacher Hügel bei Basel mit der Errichtung eines Zentralbaues begonnen worden war, durch den die Anthroposophie stärker als vorher ins Bewußtsein der Öffentlichkeit trat, wuchs auch dementsprechend ihre Gegnerschaft. Diese wurde immer heftiger, als während und insbesondere unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg, in den Jahren 1918/19 bis 1922/23, aktive Mitglieder sich mit aller Kraft dafür einsetzten, die Anthroposophie als das von ihnen als brennend notwendig erkannte Element für eine Kulturerneuerung in verschiedenen Lebenszweigen zu realisieren, was zur Bewegung für eine Dreigliederung des sozialen Organismus und daraus hervorgegangenen verschiedenen praktischen Gründungen geführt hatte (Freie Waldorfschule in Stuttgart, klinisch-therapeutische Institute in Arlesheim/Schweiz und in Stuttgart, assoziative Wirtschaftsunternehmen «Der Kommende Tag AG» in Stuttgart und «Futurum AG» in der Schweiz). Rudolf Steiner mußte damals feststellen, daß die Anthroposophische Gesellschaft der Gegnerschaft nicht in dem von ihm als notwendig erachteten Maße gewachsen war. Damals äußerte er schon manchesmal zu Marie Steiner: «Wer weiß, ob es nicht besser wäre, die [anthroposophische] Bewegung ohne Gesellschaft weiterzuführen. Für alle Fehler der Gesellschaft werde ich verantwortlich gemacht, und darunter leidet die Bewegung.»)2 Eine Reorganisierung der Gesellschaft erwies sich von Tag zu Tag als dringlicher.

Bei einem Aufenthalt in Stuttgart, wohin 1921 der Sitz der Anthroposophischen Gesellschaft verlegt worden war, ließ er am 10. Dezember 1922 dem Zentralvorstand seine Aufforderung übermitteln, entsprechende Vorschläge zur Konsolidierung der Gesellschaft zu machen. Drei Wochen später wurde das erste, ganz in Holz erbaute Goetheanum ein Raub der Flammen, Dieser schwere Schicksalsschlag machte die Neuordnung der Gesellschaft zum Hauptproblem des ganzen Jahres 1923. In kleineren und größeren Gesellschaftskreisen sprach Rudolf Steiner in eindringlicher Weise von der Notwendigkeit, ein erhöhtes Verantwortungs- und ein wahrhaft anthroposophisches Gemeinschaftsbewußtsein zu entwickeln.)3

Die Vorbereitung zur Neubildung der Anthroposophischen Gesellschaft bei der Weihnachtstagung 1923/24

Der erste Schritt war die Ordnung der deutschen Gesellschaftsverhältnisse. Bei der Delegiertenversammlung Ende Februar 1923 in Stuttgart erfolgte die Auflösung des bisherigen Zentralvorstandes und die Begründung einer deutschen Landesgesellschaft («Anthroposophische Gesellschaft in Deutschland») sowie einer «Freien Anthroposophischen Gesellschaft» für die Bedürfnisse der damaligen anthroposophischen Jugend. In den darauffolgenden Monaten wurden auch in anderen Ländern autonome Landesgesellschaften begründet (siehe Register der Institutionen, S. 712ff.).

Anfang Juni 1923 riefen englische Freunde mit Rundschreiben vom 8. Juni 1923 «an die Zweige aller Länder» dazu auf, eine internationale Delegiertenversammlung einzuberufen. Daraufhin beschloß die Anthroposophische Gesellschaft in der Schweiz an ihrer Generalversammlung am 10. Juni 1923, zu einer solchen Versammlung in Dornach (20. bis 23. Juli 1923) einzuladen. Als eine Art Vorbereitung dazu, als eine «Anregung zur Selbstbesinnung», wie er es selbst nannte, hielt Rudolf Steiner vom 10. bis zum 17. Juni 1923 acht Vorträge über «Die Geschichte und die Bedingungen der anthroposophischen Bewegung im Verhältnis zur Anthroposophischen Gesellschaft» (GA 258). Hierin stellte er u.a. fest, daß die Gesellschaft in bezug auf die Bildung eines Gemeinschaftskörpers, eines Gesellschafts-Ichs, noch nicht einmal in den Anfängen stecke und aus dem äußerlich Gesellschaftsmäßigen in das wirkliche Geist-Reale hineinfinden müsse, denn eine «anthroposophische Bewegung kann nur in einer anthroposophischen Gesellschaft leben, die eine Realität ist». Darunter wollte er vor allem verstanden wissen, daß Anthroposophie selbst «wie ein lebendiges, übersinnliches, unsichtbares Wesen» als unter den Anthroposophen wandelnd angesehen werde. In jedem Augenblicke seines Lebens sollte ein Anthroposoph fühlen, wie man mit der unsichtbaren Wesenheit der Anthroposophie verbunden und ihr verantwortlich sei (Dornach, 17. Juni 1923).

Bei der internationalen Delegiertenversammlung vom 20. bis 23. Juli wurden zwei entscheidende Beschlüsse gefaßt: der Wiederaufbau des Goetheanums (nachdem am 15. Juni die Brandversicherungssumme ausbezahlt worden war), sowie die Einberufung einer Versammlung zu Weihnachten 1923 in Dornach, um eine «Internationale Anthroposophische Gesellschaft» mit Sitz am Goetheanum zu begründen, in welcher die einzelnen autonomen Landesgesellschaften ihr Zentrum erblicken sollten. Entsprechende Statutenvorschläge und Vorschläge für den dafür zu wählenden Generalsekretär sollten bis dahin vorbereitet werden.

Letzteres wurde hinfällig, als Rudolf Steiner sich entschloß, selbst die Leitung der neu zu begründenden Gesellschaft zu übernehmen. Zu diesem Entschluß muß er sich unmittelbar vor seiner am 12./13. November 1923 angetretenen Vortragsreise nach Holland, wo am 18. November noch die letzte in Frage kommende Landesgesellschaft gegründet werden sollte, vielleicht auch erst nach seiner Ankunft, durchgerungen haben. Dies ergibt sich aus folgenden Vorgängen.

Am 9. November 1923 hatte in München Hitlers Marsch auf die Feldherrnhalle stattgefunden. Als Rudolf Steiner die Zeitungsmeldung darüber, die am Schwarzen Brett in der Schreinerei des Goetheanum angeschlagen war, zur Kenntnis nahm, zufällig zusammen mit der gerade in Dornach weilenden Berliner Mitarbeiterin Anna Samweber, äußerte er zu dieser: «Wenn diese Herren an die Regierung kommen, kann mein Fuß deutschen Boden nicht mehr betreten.» Am gleichen Tage noch bat er sie, sofort nach Berlin zurückzukehren, um seinen Auftrag, die dortigen Mietverträge zu kündigen, zu übermitteln.)4 Demnach hatte er sich auf dieses Ereignis hin sofort entschlossen, seinen und Marie Steiners Berliner Wohnsitz aufzugeben und den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag von Berlin nach Dornach zu verlegen. Mit Marie Steiner muß er damals verabredet haben, daß sie von Holland aus direkt nach Berlin weiterreisen und den Umzug veranlassen solle, während er selbst nach Dornach zurückkehren werde, um die Weihnachtstagung vorzubereiten.)5 Auch müssen sie - entweder noch in Dornach oder eventuell erst in Holland - über die Besetzung des künftigen Vorstandes der Gesellschaft miteinander beraten haben. Wie Marie Steiner überlieferte, wollte Rudolf Steiner, daß sie den zweiten Vorsitz übernehmen solle. Sie habe jedoch eingewendet, daß ihre gesundheitlichen Kräfte wohl nicht ausreichen würden, um zu ihrer künstlerischen Arbeit noch diese neue große Aufgabe zu übernehmen. Außerdem schiene es ihr der Außenwelt gegenüber nicht gut, wenn die neue Weltgesellschaft von einem Ehepaar repräsentiert werden würde. Letzteren Einwand habe Rudolf Steiner akzeptiert, und als sie ihm daraufhin vorschlug, an ihrer Stelle den Dichter und Redakteur der Wochenschrift «Das Goetheanum», Albert Steffen, zu berufen, war er einverstanden unter der Voraussetzung, daß sie mit diesem gemeinsam den zweiten Vorsitz übernehme. Auch die Ärztin Dr. Ita Wegman habe sie ihm vorgeschlagen.)6 Weitere jüngere, in Dornach lebende Persönlichkeiten sollten hinzukommen, solche, welche ihr Leben «in restloser Weise der anthroposophischen Sache gewidmet haben; äußerlich und innerlich» (Dornach, 24. Dezember 1923).)7

Die «Fragealternative», vor der Rudolf Steiner in den letzten Wochen vor der Weihnachtstagung gestanden habe, charakterisierte er im Eröffnungsvortrag (Dornach, 24. Dezember 1923) wie folgt:

«Nun, heute stehen die Dinge so, daß in den letzten Wochen, nach schwerem innerem Überwinden, eben in mir die Erkenntnis aufgestiegen ist: Es würde mir unmöglich sein, die anthroposophische Bewegung innerhalb der Anthroposophischen Gesellschaft weiterzuführen, wenn diese Weihnachtstagung nicht zustimmen würde darin, daß ich nun wiederum selber in aller Form die Leitung bzw. den Vorsitz der hier in Dornach am Goetheanum zu begründenden Anthroposophischen Gesellschaft übernehme.» Schon früher hatte er sich mehrmals in diesem Sinne geäußert, zum Beispiel im November in Holland. Darüber berichtet F.W. Zeylmans van Emmichoven wie folgt: «Wie schwer diese Sorgen [um den neuen Stil der Gesellschaftsführung] auf Rudolf Steiners Seele lasteten, geht hervor aus einem Gespräch am 17. November 1923, am Vorabend der Bildung der Anthroposophischen Gesellschaft in Holland, als er seine Zweifel darüber äußerte, ob ein Weitergehen mit der Gesellschaft als solcher überhaupt noch möglich sei. Er beklagte sich darüber, daß man nirgends zu verstehen scheine, was er überhaupt wolle und daß es vielleicht nötig sein würde, mit nur ganz wenigen Menschen innerhalb eines strengen Zusammenschlusses weiter zu arbeiten. Auf die Wenigen, die bei diesem Gespräch anwesend waren, machte es einen fast unerträglich schmerzlichen Eindruck.»)8 Vielleicht war es damals, daß Marie Steiner ihn bat, die Gesellschaft, die ohne ihn nicht existieren könne, doch nicht zu verlassen.)9 Dies schien ihm offensichtlich nur möglich zu sein, wenn sie von ihm persönlich geleitet würde, da vor der Welt deutlich werden müsse, wie er die Anthroposophie durch die Gesellschaft vertreten haben möchte. Denn bisher, insbesondere seit 1918, sei dem, was er selbst wollte, durch die Gesellschaft fortwährend die «impulsierende Kraft» genommen worden; in Zukunft sollte nun Anthroposophie nicht mehr bloß gelehrt und als Substanz aufgenommen werden, sondern auch in allen äußeren Maßnahmen, bis in die kleinsten Einzelheiten hinein, getan werden (S. 105, 383, 489).

Von Holland nach Dornach zurückgekehrt, berichtete Rudolf Steiner bei dem nächsten Mitgliedervortrag am 23. November 1923 über die holländischen Veranstaltungen und begann mit seiner Vortragsreihe «Mysteriengestaltungen» (GA 232) auf die Weihnachtstagung vorzubereiten. Doch bis zu dem Tag, an dem in der Wochenschrift «Das Goetheanum» in Nr. 19 vom 16. Dezember 1923 die von der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz ergangene offizielle «Einladung zur Gründungsversammlung der Internationalen Anthroposophischen Gesellschaft, Dornach Weihnachten 1923»)10 erschien, war außer Marie Steiner niemandem bekannt, daß Rudolf Steiner entschlossen war, selbst die Leitung zu übernehmen, obwohl er mit Albert Steffen als dem Redakteur der Wochenschrift «Das Goetheanum» über die Gestaltung der Einladung und des Programmes sicherlich mindestens eine Woche vorher gesprochen haben muß. Offenbar erst nachdem er wußte, daß Marie Steiner ihre Aufgabe in Berlin beendigt hatte und in der Nacht vom 17. auf den 18. Dezember nach Stuttgart reisen würde, forderte er am Sonntag, den 16. Dezember 1923, Frau Dr. Wegman, Albert Steffen und Dr. Guenther Wachsmuth zu einer Besprechung auf. Albert Steffen berichtete hiervon, laut Protokoll der außerordentlichen Generalversammlung vom Dezember 1930, wie folgt:

«Im Dezember vor der Weihnachtstagung, am 16. Dezember 1923, fand eine Sitzung statt, eine Vorsitzung. Herr Dr. Steiner rief heran Frau Dr. Wegman, Dr. Wachsmuth und mich und sprach damals so, daß ich es hörte zum erstenmal, wie er sich den Vorstand zusammengesetzt denkt, und da sagte er das habe ich aufgeschrieben -: «Vizepräsident Frau Dr. Steiner und Herr Steffen». Dann sagte er: «Frau Dr. Wegman = Schriftführer, Dr. Wachsmuth = Schatzmeister.»)11 Fräulein Dr. Vreede wurde damals noch nicht genannt.»)12 Seine Tagebucheintragung, auf die er hier Bezug nahm, lautet wörtlich:)13 «Am 16. Dezember)14 in der Villa Hansi (Frau Dr. Wegman, Dr. Wachsmuth, ich). Dr. Steiner liest die Statuten vor und sagt dann, wie er sich den Vorstand denke. Er: Präsident. Frau Dr. Steiner und ich Vicepräsident. Frau Wegman Protokollführerin. Wachsmuth Kassier (Wachsmuth schlägt vor Schatzmeister, wozu Dr. Steiner lachend sagt: Der Name tut nichts zur Sache.) Dann Vorsteher der einzelnen Fächer. Dr. Steiner der ganzen Hochschule. Ich belles lettres. Wachsmuth Nationalökonomie. Er möchte lieber Naturwissenschaften. Aber Dr. Steiner sagt, es sei schade, daß er kein Mathematiker wäre.»

Tags darauf, am 17. Dezember 1923, reiste Rudolf Steiner nach Stuttgart, um sich dort mit Marie Steiner zu treffen und dann gemeinsam mit ihr nach Dornach zurückzukehren. In Stuttgart - es kann nur am 18. oder 19. Dezember gewesen sein orientierte Rudolf Steiner nun im Beisein von Marie Steiner die Vorstände der beiden deutschen Gesellschaften über seine Absichten in bezug auf die neue Gesellschaftsbildung: «Da erfuhren wir, daß er vorhabe, eine neue Gesellschaft zu begründen und zwar unter seinem Vorsitz. Dazu würden eine Anzahl (uns da noch nicht genannte) Persönlichkeiten kommen, die mit ihm zusammen deren Vorstand bilden würden. Wir erfuhren ferner von der Neueröffnung einer esoterischen Schule als «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft> und von einigen Grundzügen ihrer Einrichtung. Den Mitgliedern stünde es frei, seinen Vorschlag anzunehmen, aber wenn dies einmal geschehen sei, dann wären die von diesem Vorstand ausgehenden Handlungen für die Mitgliedschaft bindend.»)15

Nachdem Rudolf Steiner und Marie Steiner am 19. oder 20. Dezember nach Dornach zurückgekehrt waren, richtete Rudolf Steiner beim Abendvortrag vom 22. Dezember 1923, zwei Tage vor Beginn der Weihnachtstagung - es waren schon viele der Tagungsgäste eingetroffen - im Hinblick auf die Tagung an die Anwesenden folgende Worte:

«Es wird ja diese Delegiertenversammlung die Anthroposophische Gesellschaft zu gestalten haben, und diese Gestaltung wird jetzt schon eine solche werden müssen, meine lieben Freunde, daß nun diese Anthroposophische Gesellschaft die Bedingungen erfüllt, die eben einfach sich aus den heutigen Verhältnissen heraus ergeben. Und da muß ich sagen, es muß diese Weihnachtsversammlung so ablaufen, daß man sich von ihr versprechen kann: nun wird eine arbeitsfähige Anthroposophische Gesellschaft entstehen. Ich muß schon sagen, wenn diese Aussicht nicht vorhanden sein sollte, so würde ich doch nun einmal jene Konsequenzen ziehen müssen, von denen ich wiederholt gesprochen habe. Daher betrachte ich dasjenige, was während und durch diese Weihnachtsveranstaltung zu geschehen hat für die Begründung der Anthroposophischen Gesellschaft, der vorangegangen ist die der Ländergesellschaften, als etwas außerordentlich Seriöses und etwas außerordentlich Bedeutungsvolles. So daß tatsächlich hier in Dornach wird etwas geschaffen werden müssen, was dann einfach durch seinen Bestand selber real ist. Über das Eigentliche werde ich ja zu sprechen haben bei der Eröffnungsversammlung, die ja stattfindet am nächsten Montag. Aber was heute schon gesagt werden muß - weil auch schon der, ich möchte sagen, Urbeginn so geschehen muß, daß man sieht, es wird jetzt aus anderem Grundtone heraus gehen in der Anthroposophischen Gesellschaft, die da begründet wird -, was ich eben heute schon sagen muß, das ist das, daß zunächst schon - und zwar von dem morgigen Tag ab, wo Ja die meisten der Freunde, die mitbegründen wollen diese Gesellschaft, da sein werden - ein Probevorstand, der aber im Laufe der allernächsten Tage der definitive Vorstand werden muß, da sei, der als solcher wirklich arbeiten kann. Und wirklich, meine lieben Freunde, ich habe mich mit der Frage, wie nun die Gesellschaft zu gestalten ist, wahrhaftig in der letzten Zeit viel, viel beschäftigt. Ich habe ja auch manche Begründungen von Ländergesellschaften mitgemacht, mancherlei erfahren, was jetzt unter den Mitgliedern lebt und so weiter, und ich habe mich recht gründlich beschäftigt mit dem, was unmittelbar in der nächsten Zeit notwendig ist. Und da möchte ich heute zunächst eben meine Vorschläge vorbringen, präliminarisch zunächst, weil einfach die Sache schon da sein muß, bevor man beginnt.

Sehen Sie, es kann nicht anders sein, dem Ernste der Sache wird nicht Rechnung getragen, wenn die Bedingungen zum Fortbestande, das heißt eigentlich zur Neubegründung der Gesellschaft - von denen ich am Montag sprechen werde -, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt werden. Aber um diese Bedingungen zu erfüllen, muß ich eben selber gewisse, vielleicht zunächst manchem radikal anmutende Bedingungen stellen. Es sind aber diejenigen Bedingungen, die eigentlich so sind, daß ich sage: Ich sehe nur die Möglichkeit, weiter zu arbeiten mit der Gesellschaft auf anthroposophischem Boden, wenn diese Bedingungen erfüllt werden. Und so möchte ich denn meinerseits den Vorschlag machen - damit Sie sich mit dem Gedanken vertraut machen können -, meinerseits den Vorschlag machen zur Konstituierung des Vorstandes, der einfach dadurch, daß ich Ihnen den Vorschlag heute mache, zunächst provisorisch funktionieren wird, und ich hoffe, er wird ein definitiver Vorstand werden.

Dieser Vorstand muß so sein, daß er tatsächlich Dornach in den Mittelpunkt der Anthroposophischen Gesellschaft stellen kann. Wie gesagt, ich habe mich viel mit der Frage, wie nun die Gesellschaft zu konstituieren ist, beschäftigt, und Sie dürfen mir glauben, gründlich. Und nach dieser gründlichen Beschäftigung kann ich keinen anderen Vorschlag machen, meine lieben Freunde, als den, daß Sie zum Vorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft, die begründet wird, und zwar zum ganz offiziellen Vorsitzenden, mich selber wählen. Ich muß also aus den Erlebnissen der letzten Jahre einfach die Konsequenz ziehen, daß ich eigentlich nur mitarbeiten kann, wenn ich selber zum wirklichen Vorsitzenden - ich will auf alles verzichten von Ehrenvorsitzendem und so weiter, darauf gehe ich nicht mehr ein, auf alle diejenigen Dinge, wo man sozusagen nur hinter den Kulissen zu stehen und brav zu sein hat für dasjenige, was die anderen tun - ich werde also tatsächlich nur fortarbeiten können, wenn ich selber zum wirklichen Vorsitzenden der Anthroposophischen Gesellschaft, die hier begründet werden soll, gewählt werde, Selbstverständlich ist ja dann notwendig, daß, da ich die Arbeit selber in die Hand nehmen werde, mir dann zur Seite stehen werden diejenigen Menschen, die nun schon durch die Bedingungen in der Arbeit, die sich vorbereitet hat, die nächsten sind, die nun hier mit mir im Zentrum arbeiten können. Und so werde ich meinerseits vorschlagen - also wenn ich gewählt werde zum Vorsitzenden, sonst würde ich ja gar nicht mitmachen - zum zweiten Vorsitzenden, also Vorsitzenden-Stellvertreter, Herrn Steffen; als drittes Vorstandsmitglied Frau Dr. Steiner; als viertes Vorstandsmitglied Frau Dr. Wegman als Schriftführerin. Als fünftes Vorstandsmitglied schlage ich meinerseits vor Fräulein Dr. Vreede, als sechstes Vorstandsmitglied Herrn Dr. Guenther Wachsmuth, der dann das Amt des Sekretärs und Schatzmeisters zu versehen hätte.

Ich werde am Montag die Gründe auseinandersetzen, warum ich Vorschläge mache für den eigentlichen Zentralvorstand nur von solchen Persönlichkeiten, die unmittelbar hier in Dornach am Orte ansäßig sind. Ein Vorstand, der überall in der Welt zusammenzusuchen ist, der wird niemals ordentlich arbeiten können und kann nicht eigentlich arbeiten. Also es müssen in Dornach etablierte Menschen sein. Und diejenigen, die ich jetzt vorgeschlagen habe, wie gesagt, mich selbst, Herrn Steffen als Stellvertreter, Frau Dr. Steiner, Frau Dr. Wegman als Schriftführer, Fräulein Dr. Vreede, und Dr. Wachsmuth als Sekretär und Schatzmeister, das würde dann der Vorstand sein, der von hier aus zu arbeiten hätte.

Nun aber fasse ich ja, wie ich einigen Freunden schon neulich im Haag gezeigt habe, die Vorstandschaft so auf, daß sie tatsächlich nicht nur auf dem Papiere steht, sondern daß sie mit aller Verantwortlichkeit auf dem Vorstandsplatze steht und die Gesellschaft repräsentiert. Deshalb werde ich bitten, daß von morgen ab sich dieser provisorische Vorstand bei jeder Gelegenheit eben hier den übrigen Freunden gegenüber als Vorstand auch tatsächlich repräsentativ plaziert, so daß die Sache wirklich so ist, wie ich ja den Freunden im Haag klar gemacht habe: es kann nicht ohne eine gewisse Form in einer ordentlichen Gesellschaft, die funktionieren soll, abgehen. Form muß vom Anfange an da sein. Ich bitte also, daß das berücksichtigt wird, daß tatsächlich hier so viele als zunächst provisorische Vorstandsmitglieder sind, Stühle stehen und diese Vorstandsmitglieder mit den Gesichtern gegen die übrigen Mitglieder da sind, so daß man fortwährend vor Augen hat, daß das eben der Vorstand ist. Wenn einer da sitzt, der andere dort, so kann man sie niemals zusammenkriegen, wenn man sie braucht. Also es handelt sich darum, daß nunmehr wirklich die Dinge als Wirklichkeiten aufgenommen werden. Wie gesagt, es ist das bloß, weil ich haben wollte, daß wir von morgen ab schon einen Vorstand haben, deshalb habe ich diesen provisorischen Vorstand genannt. Die Begründungen für die Dinge, die schon in dem liegen, was ich ja damit gesagt habe, die werde ich dann am Montag bei der Eröffnungsrede ja noch bringen. Ebenso werde ich am Montag selber einen Statutenvorschlag machen - ich hoffe, die Statuten sind dann gedruckt -, der aus den jetzigen Bedingungen heraus der Konstitution der Gesellschaft zu Grunde liegen soll.

Nun, meine lieben Freunde, damit habe ich nun zunächst dasjenige gesagt, was mein Anliegen war beim Ausgangspunkte unserer Weihnachtstagung hier.» Auch vor dem Abendvortrag am nächsten Tag, dem 23. Dezember 1923, kam er nochmals darauf zu sprechen:

«Dann habe ich noch aus der Fülle desjenigen, was morgen wird verhandelt werden müssen, nochmal mitzuteilen - was ich gestern am Schlusse mitteilte, weil ja das zusammenhängt mit dem ganzen Arrangement unserer Delegiertenversammlung, das ja schon vorbereitet werden mußte, und das auch sozusagen vor dem Beginne schon verwaltet werden muß -, ich habe noch zu erwähnen, daß ich ja in der letzten Zeit wirklich recht gründlich überlegt habe, wie nun eigentlich die Anthroposophische Gesellschaft, wenn sie ihre Aufgabe erreichen soll, in der Zukunft gestaltet werden muß.

Ich habe an einzelnen Orten immer wieder betont: die Anthroposophische Gesellschaft soll zu Weihnachten hier eine bestimmte Gestalt erlangen, die ja entstehen kann auf Grundlage desjenigen, was in den einzelnen Ländergesellschaften zustande gekommen ist. Ich habe nie gedacht, meine lieben Freunde, an eine bloß synthetische Zusammenfassung der Ländergesellschaften. Da würden wir wiederum zu einem Abstraktum kommen. Wir müssen hier, wenn es überhaupt noch zu etwas kommen soll mit dieser Anthroposophischen Gesellschaft, wir müssen hier tatsächlich eine ihre Existenzkräfte in sich selbst tragende Gesellschaft formen. Nach den verschiedenen Erfahrungen, die ich da gemacht habe, nach all dem, was ich kennengelernt habe, habe ich mich entschlossen, nun an der Formung der Gesellschaft nicht nur so mitzuarbeiten, wie das in früheren Zeiten geschehen ist, sondern tatsächlich intensiv und zentral an der Formierung dieser Gesellschaft mitzuarbeiten. Ich werde daher morgen den Freunden einen Statutenentwurf vorlegen, der aus dem engsten Kreise meiner Mitarbeiter in Dornach hier hervorgegangen ist, und ich möchte eben schon heute ankündigen, wie ich es ja gestern auch getan habe, daß ich, so schweren Herzens ich das auch tue, dennoch gegenüber dem Verlauf, den die anthroposophischen Gesellschaftsangelegenheiten genommen haben, nicht anders kann, als Ihnen eben den Vorschlag zu machen, künftig die Leitung der Gesellschaft so zu bilden, daß ich selber diese Leitung als Vorsitzender der Gesellschaft, die hier in Dornach gebildet wird, daß ich selber diese Leitung habe. Und dann wird es schon notwendig sein, daß eben gerade diejenigen Mitarbeiter mir hier im engsten Kreise zur Seite stehen, die schon bisher eigentlich in der Weise, wie ich es morgen charakterisieren werde, an der Dornacher Arbeit so teilgenommen haben, daß ich mir gerade von der Fortsetzung dieser Arbeit die richtige Entwickelung der anthroposophischen Arbeit versprechen kann.

Und so habe ich selber den Vorschlag zu machen, daß eben ich selber ausübe den Vorsitz der Anthroposophischen Gesellschaft, die hier begründet wird, daß dann Herr Steffen mir zur Seite steht als Vorsitzender-Stellvertreter. Dann würde weiter in diesem Vorstande sein Frau Dr. Steiner, dann weiter Frau Dr. Wegman als Schriftführer. Weiter würden drinnen sein in diesem engsten Arbeitsvorstand - es soll eben ein Arbeitsvorstand sein - Fräulein Dr. Vreede und Dr. Guenther Wachsmuth. Damit würden wir den Arbeitsvorstand haben, und es würde dann morgen von mir in dem Eröffnungsvortrag zu rechtfertigen sein, warum gerade in dieser Weise von mir gedacht werden muß über die Begründung und über den Fortgang der Anthroposophischen Gesellschaft.

Es ist schon so, daß gegenwärtig die Dinge sehr, sehr ernst, bitterernst genommen werden müssen. Sonst müßte eigentlich dennoch dasjenige eintreten, wovon ich ja oftmals gesprochen habe, daß ich mich von der Anthroposophischen Gesellschaft zurückziehen müßte.»

Diese Vorschläge Rudolf Steiners wurden anderntags bei der Eröffnung der Weihnachtstagung voll akzeptiert. Damit war die wichtigste Entscheidung für die neue Anthroposophische Gesellschaft getroffen, die Rudolf Steiner nunmehr ausdrücklich als allgemeine und nicht als internationale Gesellschaft verstanden wissen wollte (siehe Eröffnungsvortrag der Weihnachtstagung Dornach, 24. Dezember 1923, in GA 260, 5. 41).

Die mit dem Weihnachtstagungs-Entschluß Rudolf Steiners verbundenen ideellen Ziele

Die wichtigsten ideellen Ziele, die durch die Neubildung der Anthroposophischen Gesellschaft verwirklicht werden sollten, damit die Anthroposophie ihre wahre Kulturaufgabe - dem durch die materielle Kultur geschaffenen Weltkörper die ihm notwendige Seele zu bilden (S. 491) - erfüllen könne, charakterisierte Rudolf Steiner in seinen verschiedenen Ausführungen (in diesem Band) dahingehend:

Volle Öffentlichkeit für Gesellschaft und esoterische Schule als «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft» unter gleichzeitiger Wahrung der für das Esoterische notwendigen Lebensbedingungen. Volle Öffentlichkeit der Publikationen. Mit allem Vereinsmäßigen zu brechen und alles auf das rein Menschliche zu stellen. Ein Gemeinschaftsbewußtsein als notwendige Tragekraft für umfassende Geist-Erkenntnisse, insbesondere auf dem Gebiet von Reinkarnation und Karma, zu entwickeln.

Durch die volle Öffentlichkeit sollte die Gesellschaft zur modernsten esoterischen Gesellschaft der Welt werden und der esoterische Impuls bis in die ganze Verfassung hinein in Erscheinung treten (S. 209). Darum wurde die Gesellschaft nunmehr als völligöffentlich konstituiert, und die vordem nur für Mitglieder erhältlich gewesenen Manuskriptdrucke von Rudolf Steiners Vortragszyklen wurden freigegeben. Auch die neue esoterische Schule als «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft» mit ihren drei Klassen und den verschiedenen wissenschaftlichen und künstlerischen Sektionen sollte in keiner Weise «den Charakter einer Geheimgesellschaft tragen», denn «Geheimgesellschaften sind heute nicht möglich, die heutige Zeit verlangt etwas anderes» (S. 127). Nicht nur, daß sie als «Zentrum des Wirkens»» in den Statuten der Gesellschaft (S 5) verankert und den Mitgliedern das Recht zuerkannt wurde, sich um Aufnahme bewerben zu können, sondern Rudolf Steiner wollte auch dafür sorgen, «daf man immer wissen wird, im weitesten Umfange, was sie tut» (S. 127f.). Ein erster Schritt in diese Richtung war, daß Rudolf Steiner über den Inhalt von Vorträgen, die er für den «allgemein anthroposophischen Teil der Freien Hochschule» innerhalb deren erster Klasse gehalten hatte, im allgemeinen Nachrichtenblatt für die Mitglieder berichtete (S. 202) und dazu bemerkte: «In diesen Andeutungen soll zunächst das esoterische Wirken der Freien Hochschule charakterisiert werden. (...) Was hier exoterisch gesagt ist, das wird in der Schule esoterisch entwickelt.» Andererseits wurde denen, die in die «Freie Hochschule für Geisteswissenschaft» eintreten wollten, dringlich ans Herz gelegt, zu bedenken, daß von ihnen verlangt werden müsse, daß sie, wo sie auch im Leben stehen, wirkliche Repräsentanten der anthroposophischen Sache sein müßten. Dies sei keine Beschränkung der Freiheit. Die Leitung der Schule müsse ebenso frei sein können, an wen sie ihre Arbeiten mitteilen will, wie diejenigen frei sein müssen, die diese Arbeiten empfangen. Der Hinweis auf die in der kurzen Zeit ihres Bestehens erfolgten neunzehn Ausschließungen sollte zeigen, wie ernst Rudolf Steiner die Forderungen dieses freien Vertragsverhältnisses genommen wissen wollte (S. 374f.).

Die Auswirkungen von Rudolf Steiners Weihnachtstagungs-Entschluß auf ihn persönlich

Die schweren Hindernisse, die sich Rudolf Steiners Zukunftswillen entgegenstellten, begannen noch während der Weihnachtstagung, die zwar von der gesamten Mitgliedschaft mit größter Begeisterung getragen wurde, doch zugleich, wie Marie Steiner schreibt, mit «einer unendlichen Tragik» verbunden war, denn «am letzten jener "Tage, dem 1. Januar 1924, erkrankte er schwer und ganz plötzlich. Es war wie ein Schwerthieb, der sein Leben traf bei jener geselligen Zusammenkunft, die verbunden war mit einer Teebewirtung und dazugehörigen Zutaten, auf dem Programm als «Roub verzeichnet.» (Vorwort zu «Die Weihnachtstagung ...», GA 260).

Diese von Marie Steiner mehrfach dokumentierte Vergiftungsattacke (S. 589) muß wohl zu dem Risiko gerechnet werden, das Rudolf Steiner mit seinem Entschluß eingegangen war, anthroposophische Bewegung und Gesellschaft miteinander zu vereinen, dadurch, daß er selbst die Leitung der neuen Gesellschaft übernommen hatte. Überall, wo er von der Weihnachtstagung an bis zu seiner schweren Erkrankung im September 1924 Vorträge für die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft gehalten hat, bezeichnete er diesen Entschluß nicht nur als den «denkbar schwierigsten» (S. 382), sondern sogar als ein «Wagnis, insbesondere auch gegenüber der geistigen Welt (S. 236). Denn er habe nicht gewußt, wie jene geistigen Mächte, die in der geistigen Welt die anthroposophische Bewegung lenken und denen es «einzig und allein obliegt, zu entscheiden darüber, in welcher Weise die anthroposophische Bewegung geführt werden soll» (S. 364), sich zu seinem Entschluß stellen würden. Es hätte durchaus sein können, daß dadurch diese geistigen Mächte ihre Hände abgezogen hätten, so daß der Fortgang der geistigen Offenbarungen in Frage gestellt gewesen wäre. Jedoch sei das Gegenteil eingetreten: die geistigen Offenbarungen, «auf die wir doch durchaus angewiesen sind, wenn es sich um Verbreitung der Anthroposophie handelt», seien sogar noch stärker geworden. Es liege aber auch «ein Versprechen» gegenüber der geistigen Welt vor, das «in unverbrüchlicher Weise» erfüllt werde. Man werde sehen, daß «in der Zukunft die Dinge geschehen werden, wie sie der geistigen Welt gegenüber versprochen wurden» (S. 236, 325, 371, 382). Die für ihn daraus folgenden Konsequenzen hat er einmal dahingehend angedeutet, daß er dasjenige, was im Zusammenhang mit der Leitung geschieht, hinauftragen muß in die geistige Welt, «um nicht nur eine Verantwortung zu erfüllen innerhalb von irgend etwas, was hier auf dem physischen Plane ist, sondern eine Verantwortung, die durchaus hinaufgeht in die geistigen Welten». Darum sollte bedacht werden, welche Schwierigkeiten ihm erwachsen müssen, wenn er «zuweilen mitzubringen hat mit dem, was er zu verantworten hat, das, was aus den persönlichen Aspirationen der teilnehmenden Menschen kommt», denn das bewirke die «schauderhaftesten Rückschläge» (Dornach, 3. Mai 1924, siehe Beilage S. 18). Wenige Wochen später fiel noch die Außerung, daß «sehr starke gegnerische, dämonische Mächte gegen die anthroposophische Bewegung anstürmem, daß aber doch zu hoffen sei, daß durch die «Kräfte des Bündnisses», das durch die Weihnachtstagung mit den guten geistigen Kräften geschlossen werden durfte, diese gegnerischen Kräfte auf geistigem Gebiete, die sich, um ihre Wirkungen zu erzielen, «doch der Menschen auf Erden bedienen», aus dem Felde geschlagen werden können (Paris, 23. Mai 1924, siehe S. 236).

Dies gehört wohl zu den Hintergründen von Marie Steiners Wort, daß Rudolf Steiner durch seinen Weihnachtstagungsentschluß das Karma der Gesellschaft auf sich genommen habe, was seinen frühen Tod bewirkte:

«Er nahm ihr Karma auf sich. Er hat keine weitere Weihnachtstagung mehr leiten können. Nach einem Jahr und drei Monaten war er von uns gegangen.

Inzwischen aber hat er uns das gegeben, was, wenn es richtig verstanden und gelebt wird, weltumwandelnd, seelenneuschaffend, geistschöpferisch wirken kann. Wenn es richtig gelebt wird, mit dem Ernst, um den er bat und mit dem reinen Herzen. Er hat von uns gehen müssen. Was aus der Gesellschaft wird, liegt in deren Gruppenseelenerkenntnis. Die Gesamtheit wird den Ausschlag geben. Eines wird sie geleistet haben, wie es auch ausgehen mag, ob aufwärts oder abwärts: sie ist die Brücke gewesen, die sich, der grünen Schlange im Märchen gleich),16 über den Abgrund geworfen hat, in dem die Menschheit zu versinken drohte; die Menschheit wird über sie hinwegschreiten können zum jenseitigen Ufer. Sie wird dort in Empfang nehmen das, was Rudolf Steiner als Vermächtnis zurückgelassen hat. Auch die Fehler der Gesellschaft werden gesühnt sein durch seinen Tod. Er durfte ihr so viel geben, weil er für sie und für die Menschheit hat sterben wollen, damit er es geben könne.»)17

Die konstitutionellen Auswirkungen von Rudolf Steiners Weihnachtstagungs-Entschluß

Nach Abschluß der Weihnachtstagung ging Rudolf Steiner daran, die Verwaltung der Anthroposophischen Gesellschaft und der bestehenden Institutionen neu zu gestalten, immer in dem Sinne, daß er nunmehr für alles persönlich die Verantwortung tragen wolle, Eindeutig bringt er dies noch auf seinem Krankenlager in seinem Brief vom 31. Dezember 1924 an Felix Heinemann zum Ausdruck: «Das ganze Gefüge der Goetheanum-Verwaltung muß nun einmal so bleiben, wie es jetzt ist ... Insbesondere muß die finanzielle Verwaltung ganz dieselbe Gestalt behalten, das heißt, durch mich allein besorgt werden. Anders könnte ich nicht arbeiten» (S. 567). Und in seinem Vortrag am 12. April 1924 in Dornach hatte er gesagt: «Denn natürlich muß ja die Anthroposophische Gesellschaft etwas ganz anderes sein, wenn sie von mir geleitet wird oder wenn sie von jemandem anderem geleitet wird.» An allen Orten, wo er über die Bedingungen der Weihnachtstagung sprach (siehe S. 163 ff.), wies er auch auf die Tatsache hin, wie nur dadurch, daß er persönlich den ersten Vorsitz übernommen hat, die spirituelle Strömung «anthroposophische Bewegung» mit der Anthroposophischen Gesellschaft verbunden ist. So sagte er zum Beispiel in England (Torquay, 12. August 1924): «Ich habe es ja oftmals, bevor diese Weihnachtstagung am Goetheanum war, betonen müssen, daß man zu unterscheiden habe zwischen der anthroposophischen Bewegung, die eine spirituelle Strömung in ihrer Spiegelung auf Erden darlebt, und zwischen der Anthroposophischen Gesellschaft, die eben eine Gesellschaft ist, die in einer äußerlichen Weise verwaltet wurde, indem man ihre Funktionäre wählte oder auf eine andere Weise bestimmte. Seit Weihnachten muß das Gegenteil gesagt werden. Nicht mehr kann man unterscheiden die anthroposophische Bewegung von der Anthroposophischen Gesellschaft. Sie sind beide eins: Denn damit, daß ich selber Vorsitzender der Gesellschaft geworden bin, ist die anthroposophische Bewegung eins geworden mit der Anthroposophischen Gesellschaft.»

Schritt für Schritt erfolgte nun auch die Ordnung der Verwaltung des Goetheanum-Gefüges, die bei dem schon bald eingetretenen Tod Rudolf Steiners aber durchaus noch nicht abgeschlossen war. Die wesentlichste Form der bis dahin geschaffenen neuen Organisation, die nur durch seinen Tod zu einer endgültigen geworden ist, wurde von ihm bei der 3. außerordentlichen Generalversammlung des «Vereins des Goetheanum» am 29. Juni 1924 festgelegt. Dieser Verein hatte zur Erfüllung seiner Aufgabe eine statuarisch festgesetzte, kleine Anzahl «ordentlicher» Mitglieder, welche allein stimmberechtigt waren. Dieser Zusammenkunft war vorausgegangen, daß im April das Bauprojekt des neuen Goetheanums von der Gemeinde Dornach angenommen und am 21. Mai von Rudolf Steiner persönlich dem Baudepartement in Solothurn eingereicht worden war. Nach seinen sich unmittelbar hieran anschließenden Aufenthalten in Paris, Koberwitz und Breslau wurde in der Wochenschrift «Das Goetheanum» und im «Nachrichtenblatt» vom 22. Juni 1924 zur 3. außerordentlichen Generalversammlung des «Vereins des Goetheanum» eingeladen. In dieser Versammlung, die am Sonntag, dem 29. Juni, stattgefunden hat, wies nun Rudolf Steiner darauf hin, daß sich aufgrund der ganzen Entwicklung die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft, die noch als Verein einzutragen ist, in die folgenden vier Unterabteilungen gliedern soll:

  1. Anthroposophische Gesellschaft im engeren Sinne
  2. Philosophisch-Anthroposophischer Verlag
  3. Verein des Goetheanum
  4. Klinisch-Therapeutisches Institut.

Im Verlauf dieser Versammlung wurde durch Rudolf Steiner zunächst der Vorstand des «Vereins des Goetheanum» so umgebildet, daß er auch in ihm den ersten Vorsitz übernahm und Dr. Emil Grosheintz, der bisherige erste Vorsitzende, den zweiten Vorsitz. Gleichzeitig wurden die übrigen fünf Vorstandsmitglieder des an der Weihnachtstagung gebildeten Vorstandes der Anthroposophischen Gesellschaft sowie die bisherigen Vorstandsmitglieder des «Vereins des Goetheanum» in diesen Vorstand aufgenommen. Die Statuten wurden abgeändert, weil nunmehr die Eintragung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft in das Handelsregister erfolgen sollte. Hierfür kamen nicht die Statuten der Weihnachtstagung in Betracht, die dann später laut Dr. Guenther Wachsmuth «auf ausdrückliche Angabe Dr. Steiners die Bezeichnung «Prinzipien» erhielten» (Nachrichtenblatt 1935, Nr. 20). Ein erster Entwurf von Statuten für das Handelsregister trägt das Datum vom 3. August 1924. Er liegt in der Handschrift der Schriftführerin Dr. Ita Wegman vor mit handschriftlichen Korrekturen bzw. Ergänzungen Rudolf Steiners (S. 548f.). Laut zwei Entwürfen Rudolf Steiners vom 2. August für eine Bevollmächtigung von Dr. Ita Wegman war eine «Gründungsversammlung der Anthroposophischen Gesellschaft» für diesen 3. August vorgesehen (Beilage S. 30). Wie der Rechnung von Amtsschreiber Altermatt vom 3. März 1925 (Beilage S. 31) zu entnehmen ist, hat am 3. August 1924 offensichtlich eine «Generalversammlung» stattgefunden, an der dieser als Urkundsperson und Protokollführer teilgenommen hat. Über den Verlauf underwaige Beschlüsse dieser Versammlung liegen jedoch keinerlei Unterlagen vor; auch das Handelsregister weist keine Eintragungen auf (Beilage S. 58.).

Standen die Beschlüsse vom 29. Juni 1924 noch ganz im Zeichen einer Neukonstituierung des «Vereins des Goetheanum, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach» als Unterabteilung der noch in das Handelsregister einzutragenden Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft, so ging es im Statutenentwurf vom 3. August 1924 um diese selbst. Was Rudolf Steiner in seinen einführenden Worten am 29. Juni ausgeführt hatte, nämlich «daß aus dem ganzen Geist der Anthroposophischen Gesellschaft heraus, wie sie jetzt besteht, diese Anthroposophische Gesellschaft als der eigentlich eingetragene, handelsregisterlich eingetragene Verein fungiert» (S. 503), sollte nun in eine rechtlich verbindliche Form gebracht werden (S. 548f.). In S 2 des Statutenentwurfs vom 3. August werden jene vier Unterabteilungen aufgeführt, von denen Rudolf Steiner am 29. Juni gesprochen hat. Auch die für die Unterabteilung «Verein des Goetheanum» getroffene Unterscheidung zwischen ordentlichen und außerordentlichen Mitgliedern findet Eingang in den Entwurf vom 3. August (vgl. S 4). In gleicher Weise verhält es sich hinsichtlich der Berufung der ordentlichen Mitglieder, die, so S 5, durch den Vorstand erfolgt.

Daß es am 3. August 1924 zu keinerlei Beschlußfassung und auch nicht zur beabsichtigten Eintragung in das Handelsregister gekommen war, hängt möglicherweise damit zusammen, daß sich inzwischen herausgestellt hat, daß das Vorhaben, den «Verein des Goetheanum» - der ja noch der rechtmäßige Vermögensträger war - als Unterabteilung der noch einzutragenden Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft zu führen, nicht realisierbar war, da eine Übertragung der hohen Vermögenswerte dieses Vereins auf den Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft mit hohen Handänderungskosten verbunden gewesen wäre (so auch überliefert durch den Architekten Ernst Aisenpreis). Offensichtlich ist, daß es zu einer Lösung der Probleme im Sommer und Frühherbst 1924 nicht mehr gekommen ist, da Rudolf Steiner wenige Tage später nach England reiste und nach seiner Rückkehr, Anfang September, aufgrund mehrerer zum Teil parallellaufender Fachkurse aufs höchste beansprucht war. Der Beginn seines Krankenlagers, Ende September, machte weitere Schritte zunächst unmöglich.

Wie einer Notiz Rudolf Steiners (siehe Beilage S. 43) zu entnehmen ist, hatte er zwischenzeitlich einen Brief von Amtsschreiber Altermatt erhalten, in dem dieser um ein Gespräch über die «Gründung der Anthroposophischen Gesellschaft» nachsuchte. Es müssen wohl einige Monate vergangen sein, ehe die Verhandlungen wieder aufgenommen worden waren. So berichtete Guenther Wachsmuth auf den Generalversammlungen der Jahre 1934 und 1935 über die mit der Eintragung der Statuten verbundenen Umstände (It. Protokoll) folgendes:

«1925, als Dr. Steiner schon krank darniederlag, da mußte ich die Eintragung behördlicherseits besorgen. Innert Jahresfrist mußte die Eintragung ins Handelsregister möglichst erfolgt sein. Damals bin ich hinuntergegangen zu einem Amtsschreiber in Dornach. Es war nicht sehr leicht, mit ihm die Statuten einer Anthroposophischen Gesellschaft zu besprechen. Nicht, daß er nicht außerordentlich willig gewesen wäre, aber es war nicht sehr einfach, ihm die Gesichtspunkte klar zu machen. Aber da er nicht mehr unter den Lebenden weilt, möchte ich da nicht weiter darüber sprechen. Aber diese Statuten, wie sie dann entstanden, kamen dabei so unvollkommen und unadäquat zu den Prinzipien heraus, daß Dr. Steiner sagte: Ja, diese Statuten sind eben nicht das, was wir wollen; man wird sie eben langsam ändern müssen, und für uns sind eben die Prinzipien das Maßgebende.»

Und 1935 führte er darüber folgendes aus:

«Als die Statuten eingetragen werden sollten, war Dr. Steiner bereits krank. Er beauftragte Dr. Wachsmuth, die Verhandlungen mit dem Registerbeamten zu führen. Dr. Wachsmuth legte Änderungsvorschläge des Registerbeamten Dr. Steiner vor. Mit einigen Punkten in der Art der Formulierung war Dr. Steiner noch nicht einverstanden. Er veranlaßte aber dennoch die Eintragung mit der Bemerkung, daß man von Zeit zu Zeit die Möglichkeit habe, Änderungen vorzunehmen.» (Nachrichtenblatt 1935, Nr. 20). Am 8. Februar 1925 war es schließlich so weit, daß auf der 4. außerordentlichen Generalversammlung des «Vereins des Goetheanum», die ohne Rudolf Steiner stattfinden mußte, die neuen Statuten verabschiedet werden konnten. Diese spiegeln einerseits wider, was bereits am 29. Juni und im Entwurf vom 3. August 1924 Gegenstand der Verhandlungen war bzw. werden sollte. Andererseits enthalten sie grundlegende Neuerungen: So erscheint die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft in S 1 als Rechtsnachfolgerin des «Vereins des Goetheanum». Ferner wurde die im Statutenentwurf vom 3. August festgehaltene Unterscheidung in «leitende (ordentliche)» und «teilnehmende (außerordentliche)» Mitglieder abgeändert in «ordentliche» und «beitragende» Mitglieder. Während vormals die ordentlichen Mitglieder, die ja eine leitende Funktion innehatten, allein durch den Vorstand berufen wurden, kann jetzt die Mitgliedschaft auf eine schriftliche Anmeldung hin erworben werden. Auch der Gesichtspunkt, daß in den Statuten vom 29. Juni (S 10) nur die ordentlichen Mitglieder stimmberechtigt waren, fiel nun weg.

Mit den Beschlüssen vom 8. Februar 1925, insbesondere durch die Veränderungen gegenüber den Statuten vom 29. Juni und dem Statutenentwurf vom 3. August 1924, war eine Situation geschaffen, die tiefgreifende Veränderungen des gesamten Gesellschaftsgefüges zur Folge hatte. Mögliche, weiterreichende Konsequenzen, die aus den Vorgängen vom 8. Februar abgeleitet werden können, hat Albert Steffen am 9. Februar in seinem Tagebuch so festgehalten: «Am 8. Februar war die Eintragung ins Handelsregister. Jedes Mitglied hat jetzt Stimmrecht. Die Gesellschaft kann sagen: Kein Bau! Keine Klinik. Ein anderer Vorstand etc.»)18

Am 3. März 1925 erfolgte die Eintragung in das Handelsregister und am 7. und 11. März die Publikation im «Schweizerischen Handelsamtsblatt». Der im Handelsregister eingetragene Wortlaut entspricht dem der von Amtsschreiber Altermatt verfaßten «Anmeldung für das Handelsregister» (S. 564 ff.). Entgegen dem Wortlaut des Protokolls der Versammlung vom 8. Februar, wo es unter § 1 der Statuten heißt: «Unter dem Namen Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft besteht als Rechtsnachfolgerin des Vereins des Goetheanums, der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft in Dornach, ein Verein ...», heißt es im Handelsregister «Der Name des Vereins wird abgeändert in < Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft > ...». Mit dieser Namensänderung sollte offensichtlich das mit den hohen Handänderungskosten verbundene Problem gelöst werden.

Im «Nachrichtenblatt» vom 22. März 1925 erschien unter der Überschrift «Mitteilungen des Vorstandes» ein Bericht über die Versammlung vom 8. Februar, in dem die Mitglieder von den dort getroffenen Beschlüssen unterrichtet wurden. Hier wird nun erstmals näher charakterisiert, wer zu den «ordentlichen» Mitgliedern zu zählen ist. Wörtlich heißt es: «Es werden in Zukunft die Mitglieder der «Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft sein: a) «ordentliche Mitglieder (dies sind alle Mitglieder der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft)» (S. 570).

Um nun auch auf der neuen Grundlage die Kontinuität in der GoetheanumbauVerwaltung aufrechtzuerhalten, wandte sich Rudolf Steiner in einem Brief vom 19. März 1925, also wenige Tage vor seinem Tode, an sieben Schweizer Mitglieder, von denen fünf zu den bisherigen «ordentlichen» Mitgliedern des «Vereins des Goetheanum» gehörten, um sie «in die Leitung der Administration des Goetheanum-Baues», der 3. Unterabteilung, welche die Aufgaben des bisherigen «Vereins des Goetheanum» übernehmen sollte, zu berufen. Obgleich diese bereit waren, im Sinne der Intentionen Rudolf Steiners tätig zu werden, konnten sie ihr Amt nicht ausüben, da die ihnen zugedachten Aufgaben nach dem Tod Rudolf Steiners vom Vorstand der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft im Zusammenhang mit einem Schatzkomitee übernommen wurden.

Die Frage, welche weiteren oder gar endgültigen Formen für die Arbeit der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft noch entwickelt worden wären, insbesondere da ja Rudolf Steiner die innere und äußere Leitung ganz auf seine Person abgestellt hatte, muß offenbleiben. Entsprechende Anweisungen für die Zeit nach seinem Tode hat er bewußt nicht gegeben (S. 694). Eine lückenlose Rekonstruktion der Vorgänge seit der Weihnachtstagung bis zum März 1925 ist heute, obwohl seit der ersten Auflage des vorliegenden Bandes im Jahre 1966 verschiedene neue Dokumente aufgefunden wurden, noch nicht möglich. Denn es fehlen einerseits immer noch wichtige Unterlagen (zum Beispiel das Protokoll vom 3. August, der Brief von Altermatt und weitere Korrespondenzen zu den mit der handelsregisterlichen Eintragung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft verbundenen Problemen), andererseits liegen von den damals unmittelbar Beteiligten keine entsprechend aussagekräftigen Verlautbarungen, Dokumente usw. vor.

Die neu aufgefundenen Dokumente, von denen einige freundlicherweise vom Goetheanum zur Verfügung gestellt wurden, beziehen sich auf die Neuordnung des Verhältnisses der verschiedenen in Frage kommenden Institutionen zueinander (Anthroposophische Gesellschaft, Philosophisch-Anthroposophischer Verlag, Verein des Goetheanum, Klinisch-Therapeutisches Institut) und sind in der «Beilage» zur zweiten Auflage abgedruckt. In den Hinweisen zu dieser Beilage wird ihr inhaltlicher und zeitlicher Bezug mit den im Band wiedergegebenen Ausführungen Rudolf Steiners hergestellt. Im Band selbst ist an den jeweils in Frage kommenden Stellen auf ihre chronologische Einordnung hingewiesen.

Ergänzend zur geschichtlichen Entwicklung der Jahre 1924/25 ist noch anzufügen, daß die Immobilien des Klinisch-Therapeutischen Instituts mit Kaufvertrag vom 5. September 1924, auf der Basis der Verträge vom 29. und 30. Juni 1924, durch den «Verein des Goetheanum» erworben und somit dem Verein Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft eingegliedert wurden (siehe Beilage S. 34ff.). 1931 wurden sie an den Klinik-Verein zurückverkauft.

Den Philosophisch-Anthroposophischen Verlag übertrug Marie Steiner, als dessen Eigentümerin, nach dem Tode Rudolf Steiners durch Vertrag vom 16. Dezember 1925 auf die Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft in der Form, daß sie sich bis zu ihrem Tode die unbeschränkte Leitung und volle Nutznießung vorbehielt und die Kaufsumme erst nach ihrem Tode fällig stellte.

Die Ordnung der nicht zum engeren Goetheanum-Gefüge gehörigen Institutionen, also der Futurum AG Dornach, der Internationalen Laboratorien AG (Weleda) Arlesheim, und der Kommende Tag AG Stuttgart, erfolgte in der Art, wie dies aus den Protokollen vom 24. und 25. März sowie vom 15. Juli 1924 mit den entsprechenden Verträgen ersichtlich ist.

Der vorliegende Band umfaßt somit alle vorliegenden schriftlichen und mündlichen Ausführungen Rudolf Steiners über die durch die Weihnachtstagung 1923/24 eingeleiteten Intentionen und Maßnahmen zur Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft. Durch die «Chronik 1924-1925» (S. 587-698) werden diese Dokumente mit dem ganzen Strom seiner übrigen immensen bis zu seinem Tod währenden anthroposophischen Tätigkeit verbunden.

Hella Wiesberger



  1. Seitenverweise ohne weitere Angaben beziehen sich auf den Band «Die Konstitution ...», 1. und 2. Auflage. ↩

  2. Marie Steiner in ihrem Vorwort zur 1. Auflage der Vorträge «Die karmischen Zusammenhänge der anthroposophischen Bewegung», Dornach 1926, wieder abgedruckt in «Nachrichten der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung Nr. 23, Weihnachten 1968. ↩

  3. Siehe «Anthroposophische Gemeinschaftsbildung, GA 257, sowie «Rudolf Steiner und die Zivilisationsaufgaben der Anthroposophie. Ein Rückblick auf das Jahr 1923», Dornach 1943 (Neuauflage in Vorbereitung). ↩

  4. Laut persönlicher Mitteilung Anna Samwebers an Hella Wiesberger. ↩

  5. Siehe Vorwort Marie Steiners in «Die Weihnachtstagung ...», GA 260. ↩

  6. Siehe «Eine Erinnerung an Marie Steiner aus dem Jahre 1947, niedergelegt durch Lidia Gentilli-Baratto», Freiburg i.Br. o.]., 2. Auflage 1966. ↩

  7. Eröffnungsvortrag in «Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24», GA 260. ↩

  8. F.W. Zeylmans van Emmichoven «Entwickelung und Geisteskampf 1923 - 1935», aus dem Holländischen ins Deutsche übersetzt von Elisabeth Vreede, 1935, Seite 10. ↩

  9. Persönliche Mitteilung Marie Steiners an Febe Arenson-Baratto und von dieser an Hella Wiesberger weitergegeben. ↩

  10. «Die Weihnachtstagung zur Begründung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft 1923/24», GA 260, S. 28/29, 4. Auflage 1985. ↩

  11. Auf die Gründe, aus denen heraus Rudolf Steiner Guenther Wachsmuth in den Vorstand aufnahm, fällt ein Licht durch einen Bericht Albert Steffens an Marie Steiner in seinem Brief an sie vom 8. August 1943, in dem es heißt: «... Es war am 22. April 1923, als Herr Storrer demissionierte und ich einen Helfer im Auftrag der Delegiertenversammlung [der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz, deren Generalsekretär er war] für die Tätigkeit im Sekretariat vorzuschlagen hatte. Ich hatte diesen Vorschlag mit Herrn Dr. Steiner beraten und schlug demgemäß Herrn Dr. Wachsmuth vor. Diese Wahl wurde in dem Beisein von Herrn Dr. Steiner von allen Delegierten einstimmig angenommen. Dr. Wachsmuth erklärte, die Tätigkeit im Sekretariat zur Unterstützung von Herrn Steffen sehr gern und unentgeltlich übernehmen zu wollen.» - Dr. Wachsmuth selbst berichtete in der Generalversammlung vom Jahre 1943 (gemäß Protokoll) folgendes: «Man denkt zurück an die Zeit des Brandes, wo wir das erste Goetheanum durch Feuer verloren, an das Jahr vor der Weihnachtstagung; es werden sich noch viele erinnern, daß damals die Dinge alle noch vom Sekretariat der Anthroposophischen Gesellschaft in der Schweiz verwaltet wurden im Hause Friedwart. Aus jener Zeit entsinne ich mich auf stundenlange Sitzungen im Hause Friedwart, die damit zusammenhingen, daß die Kasse ein mächtiges Defizit hatte, ein mächtiges Loch war in der Kasse. Und so geschah es, daß Dr. Steiner zu mir sagte: Wollen Sie nicht diese Finanzverwaltung einmal übernehmen, diese Verwaltung der Schatzmeisterei? Ich tat es, ich muß gestehen, mit einer gewissen Beklemmung; aber alles, was Dr. Steiner sagte, tat man auch wiederum gern. Und als das Jahr vorbei war, hatte es sich zum erstenmal gefügt, daß kein Defizit war, sondern ein kleiner Überschuß. Und es ist mir noch in lebendiger Erinnerung, wie gütig strahlend Dr. Steiner dieses entlastende Ergebnis entgegennahm.» ↩

  12. Nach Elisabeth Vreede hatte Rudolf Steiner ihr gegenüber aber schon in einem Gespräch am 10. Dezember eine Bemerkung gemacht, «in der im Grunde genommen enthalten war, daß er erwäge, mich in den Vorstand zu nehmen». (E. Vreede, «Zur Geschichte der Anthroposophischen Gesellschaft seit der Weihnachtstagung 1923», Arlesheim 1935.) ↩

  13. Abdruck mit Genehmigung der Albert Steffen Stiftung, Dornach. ↩

  14. Anmerkung zum Datum von Dr. Heinz Matile (Albert Steffen Stiftung): 1 Die Eintragung zum 16. Dezember befindet sich im Tagebuch nach rückschauenden Eintragungen zum 19./20.12., 18./19.12., 17./18.12., 17.12. (in dieser Reihenfolge). Die nächstfolgende datierte Eintragung (im folgenden Tagebuch) bezieht sich auf den 20./21. 12. 1923. Daraus könnte sich erklären, warum Steffen an der Generalversammlung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am 27. März 1934, als er sich auf diese Tagebucheintragung bezog, den 19. Dezember 1923 als Datum der Besprechung nannte. (Vgl. Protokoll der GV im Nachrichtenblatt vom 22.4.1934, S, 63.) ↩

  15. Ernst Lehrs, «Gelebte Erwartung, Stuttgart 1979, S. 250f. ↩

  16. Gemeint ist das Goethesche «Märchen von der grünen Schlange und der schönen Lilien. ↩

  17. Marie Steiner in ihrem Vorwort zur 1. Auflage der Vorträge «Die karmischen Zusammenhänge der anthroposophischen Bewegung», Dornach 1926, wieder abgedruckt in «Nachrichten der Rudolf Steiner-Nachlaßverwaltung» Nr. 23, Weihnachten 1968. ↩

  18. Wiedergabe mit Genehmigung der Albert Steffen Stiftung. ↩

German original of Preliminary Remarks by the Editor on the Second Edition · ← Previous · Next →