The Constitution of the General Anthroposophical Society
GA 260a
Vorbemerkung des Herausgebers
Die Aufgabe, die Rudolf Steiner sich selbst stellte bei der Übernahme des Generalsekretariats der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft, charakterisierte er im Brief an Wilhelm Hübbe-Schleiden vom 16. August 1902 mit den Worten:
«Ich will auf die Kraft bauen, die es mir ermöglicht, ‹Geistesschüler› auf die Bahn der Entwickelung zu bringen. Das wird meine Inaugurationstat allein bedeuten müssen. Deshalb möchte ich in allem positiv sein.»
Für diese Aufgabe entstand im Zusammenhang mit der Deutschen Sektion eine eigene Institution, die sogenannte Esoterische Schule. Mit deren Aufbau begann Rudolf Steiner nach seinem Aufenthalt in London, Mitte Mai 1904, bei welchem er von Annie Besant als Leiterin dieser von H.P. Blavatsky gegründeten Esoterischen Schule autorisiert wurde, innerhalb Deutschlands, Österreichs und der deutschsprachigen Schweiz selbständig wirken zu können. Er hatte jedoch schon vor Einrichtung dieser Esoterischen Schule einzelnen, die ihn darum baten, Ratschläge für ihre innere Entwicklung gegeben, was verschiedene Briefe aus dieser Zeit bezeugen.
Diese Esoterische Schule Rudolf Steiners bestand von 1904 bis 1914. Bis Mai 1907 war sie äußerlich ein Teil der von Annie Besant geführten Esoterischen Schule, bis beim Münchner Kongreß — Pfingsten 1907 — auf Grund persönlicher Übereinkunft mit Annie Besant dieser Zusammenhang gelöst wurde. Annie Besant schrieb darüber am 7. Juni 1907 an Wilhelm Hübbe-Schleiden: «Dr. Steiners okkulte Schulung ist von der unsrigen sehr verschieden... Er lehrt den christlich-rosenkreuzerischen Weg, der für manche Menschen eine Hilfe, aber von unserem verschieden ist. Er hat seine eigene Schule und trägt auch selbst die Verantwortung dafür.» Mit Ausbruch des ersten Weltkrieges im Sommer 1914 wollte Dr. Steiner die Schule nicht mehr weiterführen.
Erst mit der Neugestaltung der Anthroposophischen Gesellschaft als Allgemeine Anthroposophische Gesellschaft durch die Weihnachtstagung 1923 konstituierte Rudolf Steiner auch eine neue esoterische Schule in Form von drei Klassen der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft. Wie aus Gründen der Kontinuität an das historisch bereits Bestehende in der Theosophical Society angeknüpft wurde, so knüpfte Rudolf Steiner auch bei der Weihnachtstagung 1923 an das früher Bestandene an. Im Eröffnungsvortrag der Weihnachtstagung, am 24. Dezember 1923, sagte er bei Verlesung des Statutenpunktes 5: «Bitte, erschrecken Sie nicht vor diesen drei Klassen, meine lieben Freunde! Die drei Klassen waren ursprünglich in der Anthroposophischen Gesellschaft schon da, nur in einer andern Form, bis zum Jahre 1914.» Symbolisch wurde diese Anknüpfung vollzogen durch drei feierliche Hammerschläge bei der Grundsteinlegung der Allgemeinen Anthroposophischen Gesellschaft am Morgen des 25. Dezember 1923. Adolf Arenson als Angehöriger der drei Klassen der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914, bezeugt dies in seinem Brief an Albert Steffen vom 24. Dezember 1926:
«In den vorkrieglichen esoterischen Gemeinschaften waren es zwei Gesetze, die uns immer wieder vor die Seele gestellt wurden. Das eine der absoluten Wahrhaftigkeit, ohne die jedes esoterische Streben gegenstandslos werde das andere das der Kontinuität, das heißt des Anknüpfens an das vor handene Frühere. Rudolf Steiner eröffnete die Weihnachtstagung nicht mit Worten, sondern mit symbolischen Schlägen, und damit brachte er das Gesetz der Kontinuität zur Auswirkung. Denn jedem, der zu der Institution gehört, die Rudolf Steiner im 36. Kapitel seines ‹Lebensganges› schildert, sagten diese Schläge: ‹Das Neue, das ich euch geben will, knüpfe ich hiemit an an das vor handene Frühere, treu dem Gesetze der Esoterik› Auch hier ist jedes Deuteln ausgeschlossen für denjenigen, der diese Eröffnungsschläge kennt. Es braucht wohl kaum betont zu werden, daß dieses Anknüpfen an das Frühere die Möglichkeit in sich schließt, ein völlig Neues, ja sogar ein sprunghaft Neues zu bringen, wie ja auch bei der Pflanze die Blüte an die Blattbildung anknüpft und doch ein völlig Neues ist.»
Von den geplanten drei Klassen der neuen Esoterischen Schule konnte durch den Tod Rudolf Steiners nur die erste vorläufig eingerichtet werden. Einen Nachfolger hat Rudolf Steiner nicht bestimmt.