Our Dead

GA 261 — 30 October 1910, Berlin

Gedenkworte gesprochen bei Generalversammlungen 1910

Berlin, 30. Oktober 1910

Wir haben nach Verlauf unserer siebenjährigen Periode auch noch anderes zu verzeichnen, welches von uns 'Theosophen immer anders charakterisiert wird als von der Außenwelt. Wir haben gerade in diesem verflossenen Jahre von einigen unserer ältesten, von einigen ganz besonders für die theosophische Sache sich einsetzenden Mitgliedern zu verzeichnen, daß sie den physischen Plan verlassen haben. Und wenn wir dieser unserer lieben theosophischen Mitglieder gedenken, so denken wir an sie in der Art, daß wir sie in derselben Weise und Liebe weiter zu uns gehörig betrachten, in der wir sie zu uns rechneten, während sie auf dem physischen Plan unter uns verweilten. Wir wollen damit sagen, daß es für uns Theosophen etwas gibt, was als Pflicht ja auch in der äußeren, nicht theosophischen Welt zu den eigentlich wichtigsten Herzenspflichten gerechnet wird, was aber eine besondere Weihe und eine besondere Durchdringung mit dem Inhalte der im theosophischen Leben erworbenen Gefühls- und Gedankennuance bei uns Theosophen erfahren muß. Das ist das Nachsenden der Liebe, das Nachsenden unserer besten Gefühle über den physischen Plan hinaus gegenüber denen, die diesen physischen Plan verlassen haben. Solche durch das theosophische Empfinden gestärkten Gefühle sollen wir gegenüber den Verstorbenen zu entwickeln trachten. Wir sollen uns fähig machen, durch unseren theosophischen Fortschritt derartige Gefühle in die anderen Welten zu senden, daß wir das Liebe, das Wahre, das Gute, das uns entgegengetreten ist bei solchen Mitgliedern, dauernd als ein immer Gegenwärtiges empfinden, und damit diese Mitglieder selber dauernd gegenwärtig empfinden, so daß wir von ihnen sprechen als solchen, die unter uns weiter wandeln, und deren Wandeln uns immer heiliger wird aus dem Grunde, weil dasjenige, was sie uns senden können aus jener Welt, für sie ein Wertvolleres sein muß, als dasjenige, was sie uns geben konnten auf dem physischen Plan. In dieser tätigen Weise gedenken wir derjenigen unserer lieben Mitglieder, die in dem verflossenen Jahre den physischen Plan verlassen haben.

Da steht vor unserer Seele ganz besonders ein älteres, seit der Begründung der Sektion mit uns verbundenes Mitglied, das uns aus dem Grunde besonders nahe steht, weil uns wiederum nahe steht der Bruder dieses Mitgliedes, der hier ist als unser lieber Freund, Herr Wagner.

Fräulein Amalie Wagner in Hamburg, die viele von uns gut kennen, hat im Verlaufe dieses Jahres den physischen Plan verlassen, und wir werden immer hinblicken auf dasjenige, was sie versuchte zu tun für das theosophische Leben. Viele derjenigen Theosophen, die unserer lieben Amalie Wagner nahe standen, haben in ihrem innersten Herzen die Tätigkeit von Amalie Wagner in außerordentlicher Weise zu schätzen gewußt, und haben eine unbegrenzte Liebe dieser Freundin entgegengebracht. Und das war ja nur der schöne Widerstrahl des schönen theosophischen Strebens in der Seele Amalie Wagners. Und in Ehrfurcht und heiliger Weihe gedenken wir eines wichtigen Augenblickes im Leben von Amalie Wagner. Das war jener Augenblick, als ihr die Schwester, die mit ihr in Hamburg Mitglied unserer Bewegung war, im Tode voran ging. Damals war es mir möglich, an mich herantreten zu lassen das schöne, das liebende Verständnis, das die Seele von Amalie Wagner entgegenbrachte jenem Ereignis, das sich in dem Abgange ihrer Schwester vollzog. Da konnte ich entgegennehmen die sozusagen im echten theosophischen Empfinden gehaltene Aufschau von Amalie Wagner zu ihrer Schwester. Wie Amalie Wagner hinaufschaute in die höheren Welten, um sich Vorstellungen zu machen von der Art, wie weiterlebt ein Mensch in diesen höheren Welten, davon wurde viel gesprochen in dem lieben, einsamen Wohnzimmer Amalie Wagners. Und jetzt blicken wir ihr selber nach in Gedanken, wie sie ihrerseits nun empfängt von oben das Entgegenkommende und von unten, vom physischen Plane, die Gefühle von Liebe und Verehrung, die wir ihr von hier entgegenbringen. Zwei Seiten können wir an dieser Seele heute schon sehen, wie sie nach oben und unten lebt, wie ein Mensch eben in der geistigen Welt lebt, wenn in seinem Herzen hier der Impuls war, sich anzuschließen dem, was als Seele durch unsere Bewegung hindurchgeht. Und so blicken wir denn in Andacht, in Liebe zu der Seele dieses lieben Fräulein Wagner hin, wie zu einer uns immer Gegenwärtigen.

Es hat noch ein altes Mitglied den physischen Plan verlassen, das zwar wenige kennen, aber diese wenigen sind solche, die dieses liebe Mitglied sehr lieb hatten, die immer, wenn sie mit ihm zusammenkamen, von neuem empfanden die Ehrerbietung heischende Seele unseres lieben Freundes Jargues Tschudy in Glarus, der von Anfang an unserer Deutschen Sektion angehört hat. Er ist bei den schweizerischen theosophischen Versammlungen von einer Anzahl unserer lieben Mitglieder getroffen worden. Und wenn ich mich in diesem Falle eines Wortes bedienen darf, das sehr ernst gemeint ist, so möchte ich sagen, daß die Seele dieser Persönlichkeit so wirkte, daß man gar nicht anders konnte, als sie lieb haben. Und wer oftmals sehen konnte, wie dieser Mann geliebt wurde, der weiß, daß diejenigen, die ihn kannten, dieses Gefühl ihm dauernd in die geistige Welt nachsenden werden.

Dann hat noch ein außerordentlich strebsames Mitglied, das in rüstiger Energie versuchte, in das Exoterische und Esoterische der Theosophie einzudringen, und welches erst in den letzten Jahren unserer Deutschen Sektion nahe getreten ist, den physischen Plan verlassen. Unser lieber Freund Minuth aus Riga befand sich beim letzten Stuttgarter Zyklus; dann erschien er wieder in Hamburg, und damals war schon sein äußerer physischer Leib mit dem Keim behaftet, der ihn nicht weiter leben ließ. Er konnte schon nicht mehr den vollständigen Zyklus mitmachen und verließ bald darauf auch den physischen Plan. Auch ihm werden wir diejenigen Empfindungen hinaufsenden in die höheren Welten, welche wir nicht nur gehabt haben, als wir uns entschlossen, Theosophen zu werden, sondern die wir uns angeeignet haben während unseres theosophischen Lebens.

Wir haben abgehen sehen vom physischen Plan noch eine andere Persönlichkeit: die Gattin unseres lieben Freundes Sellin. Aus früheren theosophischen Versammlungen kennen Sie ja alle unseren lieben Freund Sellin. Während er in Zürich wirkte, ging seine liebe Gattin in die geistige Welt hinauf. Dieses Hinaufgehen seiner Gattin versteht unser lieber Freund in der wunderbarsten Weise, und wer empfinden durfte dasjenige, was Sellin selber empfindet gegenüber der Toten, der weiß zu sagen, wie im echten, schönen Sinne gegenüber den Toten der Theosoph empfinden soll. Ich müßte Worte sprechen, welche in den eindringlichsten Farben Gefühle schildern würden, die lebendig hinaufströmen in die geistige Welt, wenn ich Ihnen manches schöne Wort wiedergeben wollte, das aus der Seele unseres lieben Freundes Sellin hier auf dem physischen Plan seiner geliebten Gattin hinaufgesendet wurde. Es ist aber besser, wenn wir in uns sozusagen nur eine Ahnung hervorrufen von dem, was durch so etwas Schönes gesagt werden kann, wenn wir es nicht selber gehört haben. Und derjenige, der, wie ich, so schöne Worte gehört hat wie die unseres lieben Freundes Sellin, die Zeugnis sind seiner wirklich schönen, realen Empfindung, wer dieses selber erlebt hat, der hat das Bedürfnis, solch schöne Worte durch Aussprechen nicht zu entweihen. Aber das Bedürfnis habe ich in meiner Seele in diesem Augenblicke, in Ihren eigenen Herzen Ahnungen erwachen zu lassen von dem, was schönes Empfinden, schönes innerliches Erleben ist denen gegenüber, die in der Richtung nach der geistigen Welt physisch entschwunden sind.

Eine weitere Persönlichkeit in Stuttgart ist den ihr Nahestehenden in der physischen Welt entschwunden: unser lieber Freund Frenze/ hat seine Gattin vor kurzem den höheren Planen abgeben müssen. Wenn wir sehen, wie wir Theosophen beginnen, ein wirkliches Seelenleben zu entwickeln, so brauchen wir nur an unsere liebe Frau Frenzel zu denken, die in so schöner Weise an ihrer Seele arbeitete, um in das theosophische Leben hineinzukommen. Das kann vielleicht nur würdigen, wer ihrer Seele nahe gestanden hat wie ich selber. Und so dürfen wir dasjenige, was wir gelernt haben, hinaufsenden unserer lieben Freundin Frau Frenzel.

Und so gedenken wir auch einer anderen Freundin, die durch ein tragisches Geschick den physischen Plan verlassen hat, Frau /Jedwig von Knebel, deren liebevolle Hingabe an die theosophische Sache bemerkt werden konnte, sowohl wenn wir anderen in Wiesbaden waren, als auch von den Wiesbadenern selber.

Dann aber steigt mit einer besonderen Kraft, mit einer ganz besonderen Lebendigkeit aus den höheren Welten zu uns herab das Bild einer theosophischen Persönlichkeit, die vor kurzem den physischen Plan verlassen hat, die mit einer Intensität, mit einem Verständnis und einer Hingebung, die wirklich nicht in Worten zu schildern ist, sich seit Jahren der theosophischen Sache mit allem, was sie konnte — und sie konnte viel —, in den Dienst stellte. Da wird mir selber immer unvergeßlich bleiben der Augenblick nach einer theosophischen Versammlung, wo unsere liebe FZilde Stockmeyer zum ersten Male an mich herantrat, um Genaueres über mancherlei von dem kennen zu lernen, was sie in der Theosophie, die sie mit all der Kraft, die in ihr war, aufnahm, gelernt hatte. Auf der anderen Seite versuchte sie es - und sie durfte und konnte viel versuchen — dasjenige, was sie in der Theosophie gelernt hatte, zu verbinden mit dem, was die äußere Wissenschaft an Wahrem und Gutem bietet. Und es darf gesagt werden, wie eine umfassende Gelehrsamkeit auch äußerlich imstande war, Frucht zu tragen, indem sie zur Befriedigung der äußeren Welt das letzte Examen noch kurz vor ihrem Abscheiden abgelegt hatte. Es darf in der Gelehrsamkeit von Hilde Stockmeyer das Erste gesehen werden, was uns selber als ein schönes Geschenk ihrer persönlichen Werte von ihr entgegengebracht worden ist. Dasjenige, was uns Hilde Stockmeyer, die Vorsitzende der Malscher Loge, auf dem physischen Plane gewesen ist, war sie durch ihre Fähigkeiten und durch die Art, wie sie diese Fähigkeiten verarbeitete. Sie war dadurch berufen, fruchtbringend zu wirken, und zu dem, was sich Hilde Stockmeyer durch die Ausbildung ihrer Fähigkeiten auf diese Weise erwarb, brachte sie etwas anderes hinzu, was durch seine Ausströmung auf die Nahestehenden wirkte, was bloß durch sein Wirken uns verraten konnte, wie fruchtbar echtes, wahres, theosophisches Empfinden hier im Menschenleben werden kann. Das zeigt die Art, wie Vater, Mutter, Geschwister und Freunde aufnahmen ihren Abgang in die höheren Welten. Das ist wiederum in diesem Falle ein Beweis für die Wirksamkeit der Theosophie in den Menschenseelen. Es ist dies noch in einer anderen Weise ein Beweis dafür, als es selbst bei den anderen Ge nannten der Fall war. Bei den anderen waren überall Persönlichkeiten in ihrer Umgebung, die die Theosophie gesucht hatten. Bei Hilde Stockmeyer bekannten sogar die Eltern: Sie hat uns die Theosophie gebracht, sie war uns geschickt. - Die Personen, die auf dem physischen Plan ihr vorausgegangen waren, die ihr das physische Leben gegeben haben, bekannten das, was sie fühlen konnten dem gegenüber, was in ihrer eigenen Tochter aus den höheren Welten ihnen entgegenkam, wovon sie sagen mußten: Dem konnten wir nicht zum Dasein auf dem physischen Plan helfen, dem gegenüber waren wir das Werkzeug. - Und es gehört zu den schönsten Gefühlen, die innerhalb unserer theosophischen Bewegung geäußert worden sind, daß die Eltern von Hilde Stockmeyer zum Ausdruck brachten die Größe des Dankes und der Schätzung, die sie dem Wissen ihrer Tochter entgegenbrachten, dem Wissen der Tochter, die den Eltern die Theosophie ins Haus gebracht. Und dies herrliche Echo bringen die Eltern von Hilde Stockmeyer ihrer in die spirituelle Welt abgegangenen Tochter entgegen. Wir aber sollen lernen, das besonders Hilde Stockmeyer hinaufzusenden in die höheren Welten, was sich bei solchen Dingen nur ahnen läßt. Und klar ist mir, daß ich kein besseres Gefühl hinaufsenden kann in die geistigen Welten, als wenn ich die Empfindungen der Seele von Hilde Stockmeyer selber jetzt hinaufsende, mich zum Werkzeug ihrer Seele mache für das Schöne, was aus einem schönen Gefühl heraus zu sagen wußte unsere liebe Freundin, während sie noch hier bei uns war. In zwei kleinen Dichtungen, die mir anvertraut worden sind, die der Feder unserer lieben Freundin entstammen, die ihrem so schön angelegten Geiste entsprangen, spricht sie selber noch von dem physischen Plan zu uns herein. Wie Hilde Stockmeyer empfand gegenüber den ewigen Lehren der Theosophie, das mag uns aus ihren eigenen kleinen Gedichten in diesem Augenblicke entgegentönen. So sprach, als sie noch lebte, Hilde Stockmeyer, so mag für uns nachklingen, was sie selber noch sagte:

Sind wir denn wirklich so ganz allein?
Kann nie der Eine den Andern verstehn?
Kann er ihm nie in’s Herze sehn?
Ihm erleichtern seine Pein?
Ich denke, wenn Liebe zu Liebe spricht,
So recht vom Herzen mit treuem Gesicht,
Um Liebe willen die Qualen zu lindern,
Durch liebe Worte die Schmerzen zu mindern,
Dann mein’ ich, könnt’s nicht vergebens sein!
Sind wir denn wirklich so ganz allein?
Gibt es nicht Brücken zu jedem Herzen?
Gibt es nicht Balsam für alle Schmerzen?
Wenn wir Aug’ in Aug’ versenken,
Gar nicht an uns selber denken,
Braucht es sogar der Worte nicht,
Wahres Verstehen lautlos spricht!
Auch zu den allerverstocktesten Herzen
Führt ein Weg.
Wandelst du mutig auf schwankendem Steg
Mit dem einen Gedanken: Helfer zu sein,
Bist du bald nicht mehr allein!

Versuchen wir es, nach ihrem Abgang in unseren Herzen solche Gefühle zu entwickeln, um sie ihr nachströmen zu lassen, solche, die dieser ihrer eigenen schönen Gefühle wert sind. Und lernen wir empfinden, wie sie selber empfunden hat, und wie sie es aussprach in dem anderen kleinen Gedicht:

Ich möchte sein ein reiner Quell des Segens,
Der immer fließt und nie versiegen muß,
Ein Herz voll Mut möcht ich mein eigen nennen,
Das nie verzagt und nie in Schmerzen bebt.
Und Liebe möcht ich strömen durch die Welten;
Daß all Lebendiges jauchzen sollt vor Lust.
Und also gebend möcht im All ich still versinken,
Wie eine Melodie, die leis’ verklingt.

So sprach sie im Leben, so starb sie für den physischen Plan. Es braucht nicht gesagt zu werden, daß wir uns bemühen sollen, ihr ebenso Wertvolles nachzusenden wie sie, den eigenen Tod ahnend, es in den letzten Worten sprach, der letzten kleinen Dichtung. Wer Hilde Stockmeyer kannte wie ich, weiß, daß der Tod dieser lieben Seele das war:

Und also gebend möcht im All ich still versinken,
Wie eine Melodie, die leis’ verklingt.

Die Versammlung ehrte das Andenken der genannten Personen durch Erheben von den Sitzen.

German original of Eulogies Given at the 1910 General Meeting · ← Previous · Next →