Our Dead

GA 261 — 10 December 1911, Berlin

Gedenkworte gesprochen bei Generalversammlungen 1911

Vor allen Dingen obliegt es mir zu gedenken eines alten Mitgliedes der Deutschen Sektion und des Kölner Zweiges, unseres lieben Fräulein Flippenmeyer, welches mit einer immer sich steigernden Wärme für unsere theosophischen Gedanken eine außerordentlich große Regsamkeit verband für die weitesten Weltinteressen. Diejenigen, die sie näher gekannt, waren ebenso hingezogen durch ihr schönes, gutes, theosophisches Herz wie dutch ihre Weltinteressen. Fräulein Hippenmeyer ging diesen Interessen nach nicht in philisterhafter Weise, sondern unternahm in großem Umfange Reisen, die Weltreisen genannt werden können. Wenn man bedenkt nur die äußeren, rein technischen Schwierigkeiten dieser Reisen für eine einzeln reisende Dame, und Fräulein Hippenmeyer war noch dazu eine schwächliche Dame, dann ist das etwas, wofür man viel Bewunderung haben kann. Für unsere theosophische Sache war sie in äußerst sympathischer Weise rührig, und es war all denen, die sie gekannt hatten, schmerzlich zu hören, daß sie auf einer ihrer großen Reisen in Java den physischen Plan verlassen hat.

Weiter habe ich zu gedenken eines außerordentlich rührigen Mitarbeiters, der ebenfalls der Loge Köln angehörte, unseres lieben Freundes Ludwig Lindemann. Es steht noch vor mir der Eindruck, den ich hatte, als ich Ludwig Lindemann zum ersten Male sah, der mir tief lebendig seine Tendenzen darstellte. Er ist seitdem von Tag zu Tag gewachsen, trotzdem das stärkste Hindernis für ihn vorhanden war, nämlich eine schwere Krankheit. Er hat trotzdem keinen anderen Gedanken gehabt, als seine ganze Existenz einzusetzen für die Verbreitung des theosophischen Gedankens. Und als er seiner Gesundheit wegen nach Italien gehen mußte, hat er dort für die Pflege des theosophischen Gedankens gewirkt. Er hat dort die kleinen Zentren, die wir haben, Mailand, Palermo begründet. Er hat es verstanden, an diesen Orten das intensivste und herzlichste theosophische Leben zu begründen. Ludwig Lindemann war von allen, die ihn kannten, mit jener Liebe geliebt, die aus der Selbstverständlichkeit des spirituellen Zusammenhanges mit einem Menschen ersprießen kann. Lindemann folgte seinen großen theosophischen Interessen intensiv, und ich konnte sehen, als ich ihn in den letzten Wochen vor seinem Tode besuchte, wie aus dem verfallenden Leibe herausdrang ein tiefer, herzlicher, theosophischer Enthusiasmus. So war es mir eine tiefe Befriedigung zu sehen, wie unsere Mailänder Freunde innig sich verbunden fühlten mit unserern lieben Freunde Lindemann. Als ich in Mailand war, zeigte man mir das Zimmer, das für Lindemann bereitet war, in dem er hätte leben können, wenn er noch einmal hätte nach Italien kommen können. Ich war ja damals des festen Glaubens, daß er hätte noch einige Jahre wirken können, wenn es möglich gewesen wäre, daß er noch einmal nach Italien hätte kommen können; es war alles dort für ihn vorbereitet; Karma wollte es anders. Wir aber sehen ihm nach, wie Theosophen demjenigen nachsehen, der den Schauplatz seines Lebens und Wirkens in der physischen Welt in unserem Sinne verlassen hat, indem wir uns ebenso treu und herzlich mit ihm verbunden fühlen, wie wit es getan haben, als er noch unter uns auf dem physischen Plane weilte.

Einer dritten Persönlichkeit habe ich zu gedenken, die vielleicht für viele unerwartet schnell den physischen Plan verlassen hat; es ist unser liebes Sektionsmitglied Dr. Max Asch. In seinem viel bewegten Leben hatte er mancherlei zu überstehen, was es einem Menschen schwer machen kann, einer rein geistigen Bewegung nahe zu treten. Er hat aber zuletzt den Weg so zu uns gefunden, daß er, der Arzt, das beste Heilmittel für seine Leiden in der Pflege theosophischer Lektüre und Gedanken gefunden hat. Wiederholt hat er mir versichert, daß dem Arzte kein anderer Glaube in der Seele ersprießen könne an irgendein anderes Heilmittel als dasjenige, was spirituell aus theosophischen Büchern kommen kann, daß er die theosophische Lehre wie Balsam in seinen schmerzdurchwühlten Körper strömen fühlte. Wirklich bis in seine Todesstunde pflegte er in diesem Sinne Theosophie. Und es war mir eine schwere Entsagung, als, nachdem dieser unser Freund dahingeschieden war, und mir seine Tochter schrieb, ich möchte einige Worte an seinem Grabe sprechen, ich diesen Wunsch nicht erfüllen konnte, da an diesem Tag mein Vortragszyklus in Prag seinen Anfang nahm, und es mir deshalb eine Unmöglichkeit war, dem theosophischen Freunde diesen letzten Dienst auf dem physischen Plane zu erweisen. Daß ihm die Worte, die ich hätte an seinem Grabe sprechen sollen, als Gedanken nachgesandt worden sind in diejenige Welt, die er damals betreten hatte, können Sie versichert sein.

Ferner habe ich zu gedenken eines Berliner Freundes, Mitglied unseres Besant-Zweiges, der sich zuletzt nach mancherlei Bestrebungen wie in einem Hafen fand in unserer Bewegung. Es ist unser lieber Freund Ernst Pitschner, welcher seit langer Zeit mit den Keimen des Verfalles behaftet, unter uns weilte und bis zu seinem Tode in der intensivsten Weise mit uns vereint bei der theosophischen Arbeit war. Es war ein eigentümliches Karma, daß nach wenigen Wochen ihm seine Gattin in die übersinnlichen Welten nachfolgte.

Ferner habe ich zu gedenken unseres lieben Mitgliedes Christian Dieterle aus Stuttgart. Er hat sich schwer, aber außerordentlich strebsam in das theosophische Leben hineingefunden und war in den letzten "Monaten ein in der intensivsten Weise theosophisch denkender Mann.

Dann wollen wir gedenken eines älteren Theosophen, der dem Mühlhausener Zweige entrissen worden ist, Josef Keller’s. Es ist das einer der Fälle, wo man, trotzdem man im Leben nur einmal lebendig vor sich gestellt hat einen Menschen, in ihm eine tiefe Geistes- und Herzensverfassung sogleich anerkennen muß. Keller bat namentlich in seinen letzten Monaten zu den herzlich überzeugten Theosophen gehört und alle, die ihn kannten, werden ihm ein treues, liebevolles Andenken bewahren.

Weiter habe ich zu gedenken eines Mannes, der in schwerer Krankheit ans Bett gefesselt noch durch die Vermittelung einer uns teuren Persönlichkeit mit der Theosophie bekannt gemacht worden ist, Kar Gresterding’s.

Ich habe zu gedenken unseres lieben Freundes Edmund Rebstein, der uns in verhältnismäßig jungen Jahren nach kurzer Krankheit entrissen worden ist, und den diejenigen, die ihm näher getreten sind, außerordentlich schätzen gelernt haben.

Ein ganz Gleiches habe ich zu sagen von Frau Major Göring, die viele Jahre innerhalb unseres Zweiges mitgearbeitet hat.

Es ist die Liste unserer Verstorbenen diesmal eine so große, daß alles das, was ich sagen möchte, zu viel Zeit in Anspruch nehmen würde.

Noch habe ich zu gedenken unserer Mitglieder Erwin Baumberger aus Zürich, Georg Stephan aus Breslau, Frau Fanny Russenberger aus St.Gallen, Johannes Rademann aus Leipzig, Kar! Schwarze aus Leipzig, Wilhelm Eckle aus Karlsruhe, Georg Flamann aus Hannover, Wilhelmine Mössner aus Stuttgart I, Walter Krug aus Köln, Frau Sölbermann aus Heidelberg, Frau Zind/ aus München I.

Ich betrachte es heute noch besonders als meine Pflicht, an dieser Stelle zu gedenken des Abgangs vom physischen Plan einer Persönlichkeit, die viel bekannt in allen theosophischen Kreisen war, die durch einen schmerzlichen Tod uns entrissen worden ist, die viel gewirkt hat, deren wir ebenso in Liebe gedenken wie der anderen, ich meine Frau Flelene von Schewitsch. Sie kennen ihre Bücher, ich brauche sie nicht näher zu charakterisieren. Ich muß betonen, daß die Verhältnisse so lagen, daß ich ihrer Aufforderung immer Folge geleistet habe, wenn sie mich bat, bei meinem Münchener Aufenthalte, auch in ihrem Kreise einen Vortrag zu halten. Nur andeuten möchte ich, daß für mich selber dieses ganze Leben sich als etwas tief Tragisches darstellt; und ich darf wohl sagen, daß mir Frau von Schewitsch außerordentlich vertrauensvoll entgegengekommen ist, und daß ich berechtigt bin zu sagen: Dieses Leben hatte eine tiefe Tragik. - Es war mir auch vergönnt, hineinzuschauen in dieses Herz, und dasjenige, was ich tragisch nenne, fassen Sie bitte so auf, daß mit dem Tragischen dasjenige gemeint sein soll, was die meisten von Ihnen aus meinen Vorträgen heraus unter Tragik verstehen werden. Wir erfüllen eine Pflicht der Herzlichkeit, äußerlich zum Ausdruck zu bringen, wie wir gedanklich verbunden sind mit den Toten, indem wir uns von unseren Sitzen erheben.

German original of Eulogies Given at the 1911 General Meeting · ← Previous · Next →