Our Dead
GA 261 — 11 May 1917, Stuttgart
Ansprache Bei Der Kremation Von Pauline Dieterle
Nicht leicht gewobene Trostesworte geziemt es sich zu sprechen, wenn man als Freund eines Dahingegangenen inmitten derjenigen steht, welche ein Teuerstes verloren haben. Denn allzuberechtigt, allzubegreiflich ist der tiefe Schmerz, den wir in einem solchen Augenblicke fühlen, wenn Lebensbande zerrissen werden, die fest gewoben sind, die gewoben waren, um in gemeinsamen Schicksalen und in gemeinsamen Lebensaufgaben durch das Dasein hindurchzugehen.
Aber ein anderes darf vielleicht hineinsprechen in solchem Augenblick auch in den größten, in den herbsten Schmerz, in die bitterste Trauer: Es ist der Mitschmerz, die Mittrauer derjenigen, welche zu den Nächststehenden hinzu in tiefster Seele, aus vollstem Herzen schätzen und lieben gelernt haben diejenigen, die den physischen Plan verlassen haben. Und vielleicht darf gerade ich in diesem Traueraugenblick gedenken derjenigen Seele, von der wir wissen dürfen, daß ihr zueilt diejenige, die uns jetzt im physischen Erdendasein verläßt. Denn gedenken datf ich der Seele des lieben, uns so teuer gewordenen Gatten der teueren Dahingeschiedenen, dieser suchenden, tief in die Geheimnisse des Daseins schürfenden Persönlichkeit. Unvergeßlich werden mir bleiben viele Augenblicke, die ich im Gespräche über geistige Angelegenheiten, über geistige Verhältnisse und geistige Welten haben durfte mit der Seele, die jetzt schon seit langer Zeit von uns hinweg in geistige Welten gegangen ist, mit der Seele des Gatten der Dahingegangenen und des Vaters der hier traurig Zurückgebliebenen. Und wenn in unserem Kteise die liebe, suchende Seele der jetzt Dahingegangenen erschien, so spiegelte sich aus ihren Augen, aus diesen suchenden und, man darf wohl sagen, lichttragenden und liebetragenden Augen dieselbe Kraft echten, wahren, geistigen Strebens und Suchens nach höheren, lichten Welten, die da lebte in der Seele des ihr Vorangegangenen. Und wir dürfen in diesem Traueraugenblick der schönen Geistbegegnung gedenken der beiden, die eine Aussöhnung sein darf für die dahingegangene Seele gegenüber alle dem, was sie hier in ihrem teuren, lieben Kreise verlassen hat, in jenem Kreise, für den sie durch das Schicksal so tief vorausbestimmt erschien, in jenem Kreise, aus dem heraus Welteninteresse im tiefsten Umfang jedem entgegentrat, der diesem Kreise nahetritt. Erhebend war es, zu hören, zu sehen, wie diejenigen, denen Mutter geworden ist die teuere Dahingegangene durch Schicksalsfügung, wie sie den suchenden Geist der Familie Dieterle hinaustrugen in die weitesten Weltenkreise, wie sie suchten Menschenglück zu finden im Menschenwirken, wie sie suchten aus dem Engen stets heraus in das Weite hineinzukommen.
Das ist es, was vor unserer Seele stehen darf für diesen Kreis, den die Teuere uns Liebgewordene verläßt, und versichert darf der Kreis, der Verwandtenkreis sein, daß sein Schmerz, seine Trauer Mitschmerz, Mittrauer findet in dem weiteren Kreise derer, in den die Dahingeschiedene getreten ist, um nach dem Geiste zu suchen, um Annäherung zu finden an die Lösung derjenigen Rätsel, die ihr so stark in der Seele brannten. Und diejenigen, die mit ihr verbunden waren in diesem, nach dem Geiste suchenden Kreis, ihnen werden sie unvergessen bleiben, die geistsuchenden, liebetragenden beiden Dahingeschiedenen. Wir werden sie hier im physischen Leben nicht mehr schauen, diese beiden, diese milden, starken, diese suchenden Seelen, aber wir werden wissen, daß unserer Erinnerung lebendig bleiben wird und als lebendige Erinnerung mit der lebendig bleibenden Seele der nur physisch von uns Gegangenen sich immer verbunden fühlt, jener Seele, die mit dem ewigen Geiste Harmonie suchte und bis zu einem gewissen Grade ganz gewiß gefunden hat, so daß sie diese hinübertragen kann in geistige Welten, um dort in der entsprechenden Weise weiter die Sorge für das eigene und der andern Menschen Heil, für die eigene und der andern Menschen Entwickelung zu pflegen.
Und so darf ich als letzten Gruß nachsprechen aus der Erinnerung, aus dem Zusammensein mit der Seele und dem Geiste der teueren Freundin, ihrer Seele, ihrem Geiste die Worte nachsenden, die sich mir vor die Seele gestellt haben, als die irdische Hülle verlassen wurde von dieser Seele, von diesem Geiste:
Seele, aus dem Reich der milden Kraft erstanden,
Die im Kampf des Erdenlebens Felsengrund
Für die innern Wesenstiefen
Mutig sich erworben, Die im Suchen nach der Wahrheit Segen
Echtem Menschenziel sich zugerungen,
Und in edler Menschenliebe
Sinnvoll wirken wollte; Geist, der in den Lebensweiten
Nach der Seele Tiefen strebte,
Und die Quellen wahrer Daseinswerte
Sich ergründen wollte, Der im Strom des Lebens
Stets das Selbsterrungene gütig
Andern Menschen segensvoll
Wirksam reichen wollte: Du betrittst der Seele Lichtbereich.
Blick in Deiner Kinder Herzen,
Und in Deiner Freunde Seelen,
Blick zu uns hernieder,Wie wir Dich geleiten möchten
Mit dem Seelenschritt der Liebe,
Mit dem Herzenswort der Treue,
Hier vom TrauerortZu den Höhen, wo Dich wissen kann
Unser Seelensinnen unverloren,
Wo das Licht durch Todesschleier
Nicht verdunkelt werden kann.
Und so scheiden wir denn von Deiner irdischen Hülle, die uns in dem nie verlöschenden Lichte geistigen Lebens erstrahlen wird, und wir wissen, daß wir in jenem Geiste, der in Dir gesucht hat nach seines Wesens Ursprung, gesucht hat nach derjenigen Überwindung des Todes, die aus der geistigen Erkenntnis heraus zu dem Christus kommen will, der da finden will aus der Versenkung des eigenen Wesens in die Christus-Wesenheit die Kraft der Wiedergeburt der ewigen Seelenkraft, - so wissen wir, daß wir im Suchen nach diesem Geiste uns mit Dir gefunden haben, und daß dieser Geist, der Menschenseelen durch Ewigkeiten und Todestore und Lebenstore trägt, uns für immer mit Dir zusammenhalten wird. Wir werden uns verbunden wissen nicht nur in toter Erinnerung, sondern in voller Lebendigkeit, da wir Dich gefunden haben in einer Art, daß wir Dich nimmermehr verlieren können.
Meine lieben Freunde!
Seit wir uns das letztemal gesehen haben hier, haben innerhalb und außerhalb des Kreises, der hier vereint ist, zahlreiche unserer Mitglieder, zum Teil infolge der Ereignisse, die in der Gegenwart die Menschheit so schwer prüfen, teilweise ohne Zusammenhang mit diesem Äußerlichen, den physischen Plan verlassen. Es ist nicht möglich, im einzelnen auf alle diejenigen, die.für uns fortan ihre Vereinigung mit uns haben in der geistigen Welt und nicht mehr auf dem physischen Plan, mit Namen hinzuweisen. Lebhaft vor der Seele stehend sind Ihnen die schweren Verluste, die gerade unsere Bewegung hier durch den Hingang unseres lieben Herrn Barth, unseres lieben Fräulein Reitich und unserer lieben Frau Pauline Dieterle erlitten hat. Es würde lange Zeit in Anspruch nehmen, wenn ich alles das jetzt vor Ihren Seelen hier aufrollen wollte, was in diesen unseren Seelen aufsteigt in dem Augenblick, wo wir an diese teuren Seelen denken. Allein darum kann es sich uns nicht handeln. Für einen jeden von diesen lebt hier ein sehr großer Kreis, welcher das, was in Worten ausgesprochen lange Zeit in Anspruch nehmen würde, mit ungeheurer Intensität und voller Hingebung an diese Seelen in seiner eigenen Seele fühlen kann. Und daß wir dieses in unserer Seele lebendig halten, daß wir uns gewissermaßen geloben, dies in unseren Seelen lebendig zu halten, daß wir keine Gelegenheit zur Aufmerksamkeit verlieren, den Zusammenhang mit diesen Seelen aufrecht zu erhalten, das ist es, was uns nahegehen muß.
Wer Fräulein Rettichs stille, ruhige Art gekannt hat, wer mit ihr lebte, wer mit ihr wirkte, der weiß, daß ein reicher Geist, der durch schwere Prüfungen des Lebens hindurchgegangen ist, der beseelt war von ernstem, heiligstem Streben nach Wahrheit, beseelt war von reinstem Menschenwohlwollen und von Menschenliebe, in dieser unserer Freundin lebte. Und die Individualität von Fräulein Rettich ist so, daß wohl niemand sie wird vergessen können, der in irgend einem Lebenszusammenhang mit ihr war. Die stille, bescheidene Art, verbunden mit einer starken inneren Kraft des Strebens, das war bei dieser Persönlichkeit das besonders Anziehende. Das war dasjenige, welches machte, daß uns die fortwirkende Seele gerade Fräulein Rettichs, mit der wir uns vereinigt fühlen wollen, besonders nahestehend bleiben wird, sofern wir das Glück hatten, ihr schon im Leben nahezustehen.
Was Herr Barth durch seine besondere Individualität und Wirkungsart dem Kerningzweig war, das werden sogar manche andere hier besser künden können als ich selber, weil sie viel zu erzählen haben werden von dem, was sie Herrn Barth verdanken. Daß ein großer Kreis mit innigster Liebe an ihm hing, das ist weithin bekannt; daß er keine Mühe gescheut hat, keine Kraft unwirksam gelassen hat, um in der Richtung zu wirken, die er als die richtige erkannt hat, das ist das, was in bleibender Erinnerung leben muß, was vorbildlich wirken kann über diese Erinnerung hinaus, und was dem zugrunde liegen wird, was viele Seelen in lebendigem Zusammenhang mit dieser Seele erlebten. Was Herr Barth seinem Kreise war, es ist von einem Angehörigen dieses Kreises geschildert worden, als unsere lieben Mitglieder sich von der irdischen Hülle dieses unseres teuren Freundes trennten, und wir können gerade bei ihm das Andenken am besten ehren, wenn wir die ungeheuer hingebungsvolle Art an die Sache und an die Persönlichkeiten nimmermehr aus den Augen verlieren.
Was in meiner Seele lebendig ist, und was ich glaube, daß in vielen Seelen lebendig ist infolge des Hinganges der lieben Frau Dieterle, das versuchte ich mit wenigen Worten heute morgen anzudeuten, als wir uns trennten von der irdischen Hülle dieser lieben Freundin. Ich glaubte hindeuten zu dürfen insbesondere bei dieser Gelegenheit darauf, wie diese Seele wie geboren war aus Gegensätzen, die zur schönsten Harmonie — wie das bei richtigen Gegensätzen immer der Fall ist - sich vereinigten, wie diese Seele erstanden war aus milder Kraft, aus Mildheit und Kräftigkeit. Gedenken mußte ich der weiten Lebensinteressen, in welche das Karma diese Frau hineingetragen hat. Und gedenken mußte ich vor allen Dingen der weiten geistigen Interessen, die in diesem Traueraugenblick lebendig vor meiner Seele standen, des Geistes des ihr lange vorangegangenen Gatten, des Vaters der Zurückgebliebenen. Gedenken mußte ich manches Gespräches mit diesem Manne, das immer erfüllt war von reinsten geistigen, unpersönlichen geistigen Interessen, erfüllt war von dem, was eigentlich niemals den Richtpunkt auf das Persönliche nahm. Und in diesem Augenblick dürfen wir dieses Mannes gedenken ganz im Sinne unserer geisteswissenschaftlichen Gesinnung, die uns im Geiste hinblicken läßt auf das nunmehr zu erfolgende Zusammentreffen unserer Freundin mit der ihr in die geistige Welt vorangegangenen Seele. Was sie mir selbst durch die Art wurde, wie sie immer hier seit langer Zeit mit teilnahm an unserem Wirken und Leben, das stellte sich mir vor die Seele in den Worten, die ich als letzten Abschiedsgruß unserer lieben Freundin heute morgen nachrief und die ich vielleicht hier wiederholen darf, die zum Ausdruck bringen sollten, wie sich mir hinstellte das Verhältnis der Seele, des Geistes dieser Frau:
Seele, aus dem Reich der milden Kraft erstanden,
Die im Kampf des Erdenlebens Felsengrund
Für die innern Wesenstiefen
Mutig sich erworben, Die im Suchen nach der Wahrheit Segen
Echtem Menschenziel sich zugerungen,
Und in edler Menschenliebe
Sinnvoll wirken wollte; Geist, der in den Lebensweiten
Nach der Seele Tiefen strebte,
Und die Quellen wahrer Daseinswerte
Sich ergründen wollte, Der im Strom des Lebens
Stets das Selbsterrungene gütig
Andern Menschen segensvoll
Wirksam reichen wollte: Du betrittst der Seele Lichtbereich.
Blick in Deiner Kinder Herzen,
Und in Deiner Freunde Seelen,
Blick zu uns hernieder,Wie wir Dich geleiten möchten
Mit dem Seelenschritt der Liebe,
Mit dem Herzenswort der Treue,
Hier vom TrauerortZu den Höhen, wo Dich wissen kann
Unser Seelensinnen unverloren,
Wo das Licht durch Todesschleier
Nicht verdunkelt werden kann.
Um das Andenken all unserer lieben Dahingegangenen zu ehren, erheben wir uns von den Sitzen. Und wir denken uns, wie wir Kraft gewinnen, wenn wir mit den Dahingegangenen im Geiste fest verbunden bleiben.