Our Dead

GA 261 — 7 October 1917, Dornach

Gedenkworte Für Heinrich Mitscher Und Olga Von Sivers

Die meisten der Freunde, die hier ihre Arbeit mit dem Bau verbunden haben, waren ja auch vereinigt in ihrer Arbeit mit unserem Freunde Fleinrich Mitscher, welcher vor kurzem den physischen Plan verlassen hat. Sie alle wissen ja, daß wir damit verloren haben das dritte Glied innerhalb jener teuren und treuen Gemeinschaft, aus welcher vorher von uns in die geistige Welt hinweggegangen sind Fritz Mitscher und unsere liebe Frau Noss. Ich brauche nicht viel zu sagen der Erinnerung über Heinrich Mitscher, denn es ist eine große Anzahl von Freunden hier, welche aus einer verhältnismäßig langen und schönen Arbeitsgemeinschaft heraus empfinden werden, was gerade in Verbindung mit Heinrich Mitscher zu sagen ist.

Heinrich Mitscher stand uns hier bei von den ersten Zeiten dieses Dornacher Baues an, und wie weniges war es ein Glück für diesen Bau, daß wir für viele Dinge — gerade die mit diesem Bau vereinigten künstlerischen Naturen werden dies in gleicher Weise fühlen -, daß wir für die Arbeiten dieses Baues gerade diese künstlerische Kraft haben konnten. Heinrich Mitscher war in dieser Inkarnation eine eigentümlich geartete Künstlernatur, eine Künstlernatur, von der man sagen könnte: Diese Persönlichkeit war in erster Linie Künstler, nicht Maler, nicht Künstler auf einem anderen speziellen Gebiete, sondern in erster Linie Künstler. - Solche Naturen haben das Eigentümliche, daß sie innerhalb des gegenwärtigen Künstlertums, des gegenwärtigen Künstlerwesens manchmal nur sehr schwer dazu kommen, die gerade ihnen geeignete Lebensbahn zu finden. Wer durch eine reichere Seelenveranlagung künstlerische Impulse im allgemeinen in sich hat, künstlerische Impulse von organisatorischer Kraft, der kommt dem heutigen Spezialistentum gegenüber manchmal nicht leicht zurecht. Aber - und gerade dann, wenn sich die Möglichkeit findet, allgemeines Künstlertum zu entwickeln, wie das in ganz besonderem Maße bei der Aufführung dieses Baues dann der Fall ist -, dann sind solche Kräfte so recht am Platze. Und das haben wir gefühlt, indem Heinrich Mitscher mit in unserer Mitte hier wirkte mit seiner starken Organisationskraft, mit seiner in vieler Beziehung suggestiven Kraft, durch die er Intentionen zu übertragen wußte auf andere Freunde, mit seinem starken Wollen, welches geeignet ist, durchzusetzen dasjenige, was intendiert wurde. Hier braucht man ja vor allen Dingen künstlerische Naturen, und eine solche war Heinrich Mitscher. Daher sind die Dienste, die er dem Bau geleistet hat, wirklich nicht hoch genug anzuschlagen.

Bei diesem Bau ist ja vieles von teuren, lieben Freunden geleistet worden, von dem im einzelnen, speziellen vielleicht die Welt gar nicht viel wissen wird. Manche treue, hingebungsvolle Arbeit ist hier verkörpert in demjenigen, was das Auge sieht. Vieles von der fürs Große angelegten Geistigkeit Heinrich Mitschers steckt in diesem Bau. Und sein Wollen war in der Zeit, als er seine Kraft dem Bau widmete, ungeteilt in dem ganzen Sinn des Baues darinnen. Er war innerlich verbunden mit diesem Bau mehr als mit irgend einem anderen Gliede der anthroposophischen Bewegung. Das war eine Folge gerade seiner eigentümlich gearteten künstlerischen Natur, und es wird mir immer eine traurige Erinnerung sein, wie ich schon in den ersten Tagen des Kriegsausbruchs gerade Heinrich Mitscher Abschied nehmen sah von dieser Arbeitsstätte hier. Er hat dann während der ganzen Zeit, während welcher seine Kraft gewidmet sein mußte den jetzigen traurigen in die Menschheitsentwickelung eingreifenden Ereignissen, auch überall verstanden, am rechten Ort den rechten Mann zu stellen. Und die Schätzung, die ihm sicher ist bei all denjenigen, die seinen Wert erkannt haben innerhalb der Gemeinschaft, die diesen Bau aufführt, ist ihm auch zuteil geworden in den Kreisen, in denen er dann eingetreten ist zu einer ganz anders gearteten Tätigkeit. Auch bekannt zu sein, verbunden zu sein im Leben mit solchen Naturen, ist für diejenigen, die es sind, ein außerordentlicher Gewinn des Lebens. Denn diese Bekanntschaft schließt ein das Heranklingen-Fühlen einer wirklichen, innerlich in bestimmter Art wollenden und denkenden Individualität. Das Wort ist in der neueren Zeit vielfach mißbraucht worden für alles mögliche, aber man kann seinen guten Inhalt, seine gute Wesenhaftigkeit deshalb doch empfinden. Da muß man dann sagen: Diejenigen, die Heinrich Mitscher kennen gelernt haben, lernten kennen eine wirkliche Individualität. - Individualitäten sind ja in der heutigen Zeit viel seltener als man denkt. Deshalb ist es Glück und Gewinn des Lebens, Gemeinschaft mit einer Individualität zu haben. Man muß in solchen Dingen nur recht verstehen. Gewiß konnte von Heinrich Mitscher manches scharfe, manches schneidige Wort kommen, niemals war solch ein scharfes, schneidiges Wort gebraucht worden anders als in heiligem Enthusiasmus für die Sache. Und derjenige, der diese Individualität kannte, der wußte, daß hinter der manchmal rauhen Form tatsächlich etwas ungeheuer Feines, etwas aus eben kunstgeformten und kunstwollenden Welten herauskam.

Nun hat wie so viele der Gegenwart, deren Karma im engeren Sinne verbunden ist mit diesen gegenwärtigen Ereignissen, auch Heinrich Mitscher die Kugel getroffen, und er ist von uns gegangen. Wir dürfen das Gefühl haben, meine lieben Freunde, daß so wie die anderen Glieder der Familie Mitscher-Noss, auch diese Seele uns Hilfe- und Stärkequell sein kann gerade von den geistigen Welten aus. Und die Schwester, die in unserer Mitte weilt, sie darf wissen und darf versichert sein, daß diejenigen, die ihres Bruders Wert erkannt haben, ihres Bruders Wert und Freundschaft erlebt haben, mit ihr brüderlich-schwesterlich fühlen werden und tragen werden treu das Gedächtnis dieses unseres lieben Freundes. Ich brauche, wie gesagt, darüber nicht viele Worte zu machen, denn gerade in diesem Fall sitzt auch das Beste in den Seelen, die diesen Wert einer Freundesseele, einer Künstlerseele, einer treu arbeitenden Seele erkannt haben.

Ein anderer erinnernder Gedanke muß noch kürzer sein, meine lieben Freunde, weil es nicht statthaft ist, daß ich gerade dann ausführlich spreche, wenn das Ereignis, von dem zu sprechen ist, mir selbst persönlich außerordentlich nahesteht. Aber auch in diesem Falle ist es so, daß, wenn ich auch nur wenige Worte spreche, trotzdem diese Worte, wie es in diesem Falle sein muß, aus persönlichstem Empfinden und Fühlen heraus gesprochen werden müssen, daß diese Worte einen von diesem persönlichen Ton in diesem Falle abseits stehenden, selbständigen Widerhall bei vielen Herzen und vielen Freundesseelen, die hier vereinigt sind, finden. Unter den Verlusten der letzten Zeit für den physischen Plan, die ja so zahlreich sind, ist auch der der Schwester von Frau Dr. Steiner, Fräulein Olga von Sivers, welche vielen von uns ganz gewiß als treue Freundin, als mit unserer Bewegung in der schönsten Weise verbundene Seele in liebendem Gedächtnis verbleiben wird. Wer wird sich, der es gesehen hat, nicht erinnern an die liebenswürdige, schöne Verkörperung der Gestalten, die Olga von Sivers für unsere Mysterien darstellen konnte. Wer wird sich nicht erinnern des stillen an sich haltenden Waltens gerade nun dieser Persönlichkeit innerhalb der Kreise unserer Gesellschaft.

Olga von Sivers war eines derjenigen Mitglieder -— das darf ich sagen -, welche von Anfang an in ganz spezifischer Art mit unserer Bewegung verbunden sind. Sie lehnte im umfassendsten Sinne eigentlich alles dasjenige ab, was an okkulten Wahrheiten, an okkulten Impulsen, an okkulten Einsichten nicht gerade kam von jener Strenge, die wir anstreben, von jener Reinheit, mit der wir die Sachen ansehen sollen. Man kann sagen: Unsere Bewegung, meine lieben Freunde, war ja, weil man immer Geschichtliches an Geschichtliches anknüpfen muß, in der mannigfaltigsten Weise von anderen Bewegungen durchsetzt. Die eine oder die andere Seele fand sogar nur schwer den Weg heraus aus anderen allerlei okkulten Gesellschaften und theosophischen Bewegungen.

Olga von Sivers gehörte zu denjenigen Persönlichkeiten, die niemals irgendwie angezogen waren von etwas anderem. Und daher konnte man sich um so enger gerade mit ihr verbunden fühlen, treu. An demjenigen Ort, dem sie sich zugewiesen fand, pflegte sie im intimen Kreise dasjenige, was von dieser Bewegung ausgehend als den Bedürfnissen der Gegenwart und der nächsten Zukunft dem geistigen Leben angemessen gehalten werden muß. So still sie auftrat, so sanft ihr Wirken war, so energisch im Inneren, wenn auch an sich haltend, war ihr Verbundensein mit gerade der spezifischen Artung unserer Bewegung.

Als dann der Krieg ausbrach, hatte sie neben der weiteren Pflege, die sie treulich besorgt hat — der anthroposophischen Sache in Petersburg, in Rußland überhaupt -, ihre Kräfte dem Samariterdienst des Krieges gewidmet, hatte durch ihre Seele ziehen lassen müssen den schweren Verlust ihres Bruders, der auf dem Schlachtfelde gefallen ist, hatte ihre Kräfte verbraucht, war bis zuletzt beseelt von der Hoflnung, die ihr aber fast keine Hoffnung mehr war, weil sie sie nicht mehr für erfüllbar hielt: vereinigt zu sein mit all dem, was sich um diesen Bau herum bildet.

Weiteres zu sagen, wie gesagt, verbietet mir der Umstand, daß ich selbst so unendlich viel gerade an dieser Persönlichkeit verloren habe. Und ich darf auch hier sagen: Es ist meine tiefste Überzeugung, daß diejenigen, die Wert und Wesen dieser Persönlichkeit kennen gelernt haben, ihr das treueste Andenken bewahren werden und mitfühlen werden, daß es schwer ist, diese Persönlichkeit in Zukunft nicht an der Seite ihrer Schwester in unserem Kreise hier auf dem physischen Plan wissen zu dürfen. Auch sie wird uns von der geistigen Welt aus in Treue weiterhelfen.

German original of Eulogy for Heinrich Mitscher and Olga von Sivers · ← Previous · Next →