Our Dead

GA 261 — 22 September 1918, Reinach

Ansprache Am Grabe Von Marie Hahn

Nachdem das priesterliche Wort die Seele, die wir lieben, hinübergeleitet hat aus der sichtbaren in die unsichtbare Welt, sei es mir gestattet, im Namen der hier mit ihr versammelten und mit ihr verbundenen Geistesfreunde einige Worte zu sprechen, die jetzt in diesem Augenblicke unsere Seelen, die mit ihr so eng verbunden waren, durchdringen.

Der Lebenslauf von Marie Hahn, wie er sich abspielte in der äußeren Welt, ist eben vor unserem Seelenblick vorübergezogen. Derjenige, welcher die teure Seele kannte, ahnt wohl, wie viel der Lebensbefriedigungen, aber auch der Lebensleiden, der Lebensenttäuschungen durch diese Seele im Laufe der Jahre gezogen sind. Immer wieder zog und strahlte ein Licht durch all dasjenige, was Marie Hahn im äußeren Leben erfuhr, was Marie Hahn im äußeren Leben erarbeitete. Marie Hahn war keine bloß träumerische Seele, Marie Hahn war eine Seele, die in voller Hingabe die äußere Welt, wie sie sich den Menschen darbietet in der sinnlichen Welt, in die er hineingestellt ist, zu erfassen strebte. Marie Hahn war eine Seele, die in voller Hingabe an die Pflichten lebte, die das Leben dem Menschen stellt. Allein derjenige, welcher Marie Hahn kannte, kannte, wie die im Geiste ihr dutch mehr als ein Lebensjahrzehnt verbundenen Freunde sie zu kennen strebten, weiß, daß aus all den Lebenserscheinungen, aus aller Arbeit des Lebens heraus Marie Hahn nach dem wahren Geisteslichte suchte, nach geistiger Erkenntnis, nach jener Welt, die da liegt hinter jener Pforte, durch welche die teure, liebe Seele jetzt gezogen ist. Und wenn wir fragen, warum im Hinwenden zur Geisteswissenschaft Marie Hahn die Wege suchte, die da führen aus der Sinneswelt in die Geisteswelt, die da führen aus allen Pflichten, aus allem Beobachten der Arbeiten des Lebens heraus in das Überlebendige, in das Übersinnliche, bekommen wir Antwort durch einen tieferen Blick in die Seele der teuren Dahingegangenen, der uns sagt, daß in dieser Seele mit geboren wurde, als sie hereingetreten ist in diese Welt, das starke, feste Bewußtsein des Gottesursprungs der menschlichen Seele. Welche Wege irrend und ringend die Seele durch der Welten Erscheinungen wandeln muß, innerhalb der Welten-Wandelwege findet die Seele, wenn sie die Wahrheit sucht, das geistige Licht, findet die Seele die tiefe, ewige Wahrheit: Der Mensch ist aus dem Gotte geboren.

Und Marie Hahn, sie fand das Geisteslicht, das aus diesem Wahrworte leuchtet, in ihrer Art. Und wir dürfen ihres Suchens gedenkend in ihrem Sinne mit Angelus Silesius sprechen dasjenige, was auch ihre tiefste Überzeugung ausdrückt:

Gott muß der Anfang sein, das Mittel und das Ende,
Wo ihm gefallen sollen die Werke deiner Hände.

Ein ursprünglich frommes Bewußtsein erweckte in dieser Seele die feste Zuversicht in ihren Gottesursprung. Aber nicht dies allein erfüllte diese Seele. Das Göttliche, das die Welt durchwallt, das Göttliche, welches das Menschenleben durchstrahlt, sie wollte es fühlen, sie wollte es erleben in der eigenen Seele. Das, was sie als Geisteswahrheit erfaßt hatte, sie erfaßte es in so sicherem Wollen, daß die Treue zu diesem Wollen, zu dieser Geistes-Wahrheit, bei ihr eine Selbstverständlichkeit war. In dieser Seele ruhte tief die andere Überzeugung, daß das Christentum allein das Wahre ist, welches in der tiefsten Menschenseele, im innersten Menschenherzen durchlebt wird, welches im innersten Herzen als ganze Macht desjenigen eingreift, was in Wahrheit und in Wirklichkeit durch das Mysterium von Golgatha als Sinn dieses Erdenlebens, als Sinn dieses ganzen Erdenkörpers sich vollzogen hat. Und wiederum dürfen wir der teuren Dahingegangenen ureigenste Überzeugung aussprechen mit des Angelus Silesius Worten:

Das Kreuz auf Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,
Wo es nicht auch in dir wird aufgericht’t, erlösen.

Das gab der teuren Dahingegangenen, als sie anfing, hinfällig zu werden, als die Leiden sich lagerten über das sonst so pflichttreue Leben, die Stärke, sich zu sagen: Gehe ich ein durch die Todespforte in die geistige Welt, so gehe ich ein mit Christus: In Christus werde ich sterben.

Aber Tod und Leben wußte sie zu verbinden, diese Seele, zu verbinden in jener heiligen Geistigkeit, die allen Tod und alles Leben im Überlebendigen, im Übersinnlichen überleuchtet und überstrahlt. Daß das, was hier durch das Erdengeschehen zu Vergänglichkeit verurteilt wird, im Reiche der Dauer wieder auflebt, im Reiche der Dauer sich in seiner wahren Wesenheit durchstrahlt und durchleuchtet von des Geistes Licht wiederfindet, das war es, was das ganze Leben unserer lieben Marie Hahn durchstrahlte und durchleuchtete, das war es, was ihr Kraft gab, rechte, wahre Kraft, Geisteskraft in den letzten schweren Jahren, schwereren Wochen und schwereren Tagen. Wer sie da besuchen durfte und schauen, mit welcher Geist-Ergebenheit, mit welcher starken Seelenkraft sie sich hinüberlebte in die andere Geistesform, in der sie nun weiter wesen soll, der hatte an ihr den lebendigsten Beweis des Geistes und der Kraft, aber auch des Wissens, des Erkennens vom Geiste und seiner Wahrheit.

Und Sie, lieber, mit uns verbundener Rudolf Hahn, teurer Freund, Sie verlieren für dieses Erdenleben das teuerste Wesen. Wir wissen es, was Ihnen das mehr als ein Lebensjahrzehnt währende Sein an der Seite dieser Seele war; wir ahnen es und wissen es zum Teil, wie nahe verbunden sich Ihre Gedanken mit den Gedanken der teuren durch die Todespforte Ziehenden fühlten. Wir sehen hin auf all die trauten, lieben Gespräche, die Sie führten nach des Tages Arbeit mit der lieben, liebenden und geliebten Gattin, die Sie weiter führen müssen nunmehr in geistiger Verbundenbeit. Aber stark war die Seele, die für die sichtbare Welt von Ihnen gegangen ist, und stark waren ihre Gedanken und stark war ihr Wollen. Und diese Stärke und diese Reinheit in ihr, sie wird bei Ihnen sein dauernd, ewig, wesenhaft als Seele durch das Leben. Und kann Ihnen die Verbindung mit den Gedanken liebender Freunde, die sich eng hineinfühlen in die durch die Todespforte ziehende Seele, Trost sein für das, was Sie im Sichtbaren verlieren sollen, um es ferner dauernd im Unsichtbaren zu gewinnen, so lassen Sie sich unsere aus tiefstem Herzen kommenden Gedanken diesen Freundestrost sein. Wir wollen sie mitsenden, unsere liebenden Freundesgedanken, hinauf in die andere, lichte Geistes-Welt, wenn Ihre Gedanken hinaufweisen und hinaufdringen in jene Geistes-Orte, wo wir die Tote, die Tote für diese Welt, nunmehr zu suchen haben.

Und so seien ihr nachgesendet als letzte Worte hier von der sichtbaren Welt in die unsichtbare Welt die Worte, die jetzt in diesem Augenblicke durch unsere Seele ziehen:

Du Seele mit dem mildestarken Fühlen:
Du hast im Erden-Wandelwege Dich
In Freundschaft uns verbunden,
Weil Du den Eintritt in die Geisteswelten
Durch jene Pforte finden wolltest,
Die unsren Seelen weisend auch sich zeigt. So wisse, daß wir in das Seelenreich
Und in das Geisteslicht in solcher Liebe,
Die Deiner Freundesliebe Spiegelbild,
Dir sinnend folgen wollen
Durch jene Pforte, die Dich jetzt
Zu Geisteslebensformen führen wird. Wir durften stets in Deinem Zeitenwandel schauen
Die Treue, die zu halten wußte,
Was Du als wahr und geistgerecht
Ergriffen mit dem sichren Willen
Und dann durch jene Pforte hast geleitet,
Die fühlend-starkes Denken Dir erschlossen. So wisse auch, daß Deine künft’ge Geistesschau
In unsren Seelen Treue finden soll,
Die wir Dir dauernd halten wollen,
Wenn wir Dich liebend-denkend suchen müssen
Im Seelenreich durch jene Pforte, die Geisteskraft
Von uns zu Dir erschließen möge.

Und wenn wir oft so zu Dir sprechen, Du wirst uns hören, denn im Geiste lebtest Du, im Geiste wirst Du weiter leben. Deine Gesinnung war die des Angelus Silesius, die uns wie aus Deinem eignen Seeleninnern selbst von hier tönt:

Du aber, an dem allermeist das ganze Werk gelegen,
Du großer Gott, Du Heil’ger Geist, sprich Du hinzu den Segen.

German original of Address at the Grave of Marie Hahn · ← Previous · Next →