Our Dead
GA 261 — 14 January 1919, Arlesheim
Ansprache Am Grabe Von Marie Leyh
Nachdem des Priesters Weihe-Wort verklungen ist, das leiten sollte die Seele unserer lieben Frau Leyh in Geistesgebiete-Höhen, darf durch meinen Mund ausgesprochen werden, was fühlen die liebenden Freunde, die hier stehen zum letzten Erden-Abschiede, zum GeistEmpfang in des Lichtes ewigen Reichen.
Ein Dulderleben, ein Dulderleben wenigstens für die letzten Jahre, das ihr reich an Leiden und Schmerzen war, ist für diese Erde für unsere liebe Frau Leyh abgeschlossen. In unseren Herzen, in unseren Seelen glimmt die Hoffnung, daß ihr erwachsen werde in dem Reiche, in das sie durch das Tor des Todes nunmehr einzieht, aus der edlen Dulderkraft, mit der sie sich wahrlich im strengsten Sinne des Wortes hier im Erdenleben bewährt hat, die Gewalt, zu wirken auf jenen Höhen und auf jenen Wegen, in denen durch des göttlichen Geistes Willen der Mensch wirken soll in unsichtbaren Höhen, wie er hier durch seine Hände und durch seinen Verstand wirkt im Erdenleben als im Sichtbaren.
Ihr lieben, sorgenden Seelen, die Ihr sie pflegtet in ihren letzten Wochen, in ihren letzten Tagen, die Ihr teilgenommen habt in Liebe an ihren Leiden, die Ihr teilgenommen habt in Liebe auch an ihren Hoffnungen, an ihrer Zuversicht und geistigen Stärke und Kraft und Liebe, Ihr habt mit ihr vereint aufgeschaut zu jenen Höhen, in die sie nun aufsteigen soll durch die Kraft ihrer Seele, Ihr wart in Liebe mit ihr vereint. Ihr kennt am besten, was es heißt, zusammenzuleben mit dieser lieben Seele, die nur für das Irdische jetzt von uns getrennt ist. O, wir dürfen gewiß sein, liebe Freunde, die Ihr sie gepflegt habt in den letzten Wochen, in den letzten Tagen, daß gerade in Euren Seelen rieseln wird auch in der Zukunft, ausgehend von jener Kraft, welche die teure Dahingegangene Euch gegeben hat, eine Quelle, aus der Euch Edles erfließen wird. Und Ihr werdet dieses Edle fühlen, mehr als erinnerndes Zusammensein, in einem rechten Geistesleben mit ihr. Und sie wird Euch nicht verloren sein. Ihr werdet sie nicht zu finden brauchen, denn Ihr werdet keinen Augenblick daran zweifeln, daß Ihr sie habt.
Und blicken wir zurück, was sagen können in der Erinnerung diese engsten lieben Freunde, die für sie gesorgt, über sie gewacht haben in den letzten Monaten und in den letzten Tagen, blicken wir zurück auf dasjenige, was die Freunde des weiteren Kreises, die hier die irdische Ruhestätte umstehen, zu sagen, zu denken haben. Die engsten Freunde wußten zu sagen, nachdem unsere liebe Frau Leyh durch das Todestor gegangen war, daß sie an ihres irdischen Lebens letztem Tage, an dem so oft im Menschenleben sich noch einmal hebt, wenn der Seele Geist sich losgelöst hat vom Leibe, Leben und Lebensschwung, daß sie dasjenige, was sie zusammenraffen konnte unsere liebe Freundin - das wußten ihre engsten Freunde zu sagen -, zusammenfassen konnte an Gedanken ihres Geistes, an Gefühlen ihres Herzens, daß sie das wandte an die Aufnahme derjenigen Geisteswahrheiten, die ihr so lieb geworden waren im Leben, die ihr - für jeden, der sie kannte, ist es Wahrheit, tiefste Wahrheit - die Kraft des Lebens geworden sind.
Und Ihr, Freunde aus dem weiteren Kreise, die Ihr vereint waret mit ihr im gemeinsamen Geistesleben, Ihr wisset es, wie sie bis in die letzten Tage hinein, da ihr Körper die Seele nicht mehr tragen konnte zu der Stätte, an der sie so gerne weilte, zu vernehmen, was mit schwachen Worten an dieser Stätte vom Geiste verkündet werden konnte, daß sie sich fahren ließ, als der Leib nicht mehr tragen konnte die nach Geist lechzende Seele, daß sie sich tragen ließ zu dem, was da gesprochen werden durfte über den Geist.
Ja, in einigen von uns, liebe leidtragende Freunde, war etwas aufgekommen wie Sorge. Die Stätte des äußeren leiblichen Heiles, in die sie durch liebende Freunde fürsorglich versetzt werden konnte für die letzten Monate ihres Lebens, wollte sie verlassen, weil sie nicht suchen konnte die Heilung ihres Leibes, ohne zu empfangen, wie sie glaubte in ihrem reinen, starken, kindlichen und zu gleicher Zeit in ihrem reinen, starken, geistigen Glauben, das Heil der Botschaft, in der sie den Geist zu vernehmen suchte. So blickte sie denn von der Stätte der leiblichen Heilung zu dem, was ihr war Stätte der geistigen Heilung. Und beruhigt durften die Freunde, die etwa Sorge empfanden über das Verlassen ihrer leiblichen Heilungsstätte, nur sein, da die Ärztin ihr folgen konnte und sorgen konnte für die leibliche Heilung auch, da die teure Dahingegangene nur suchen wollte noch dasjenige, was wie geistig-seelischer Lebensbalsam in ihre Seele, in ihr Herz rieseln soll.
Nun blicken wir alle zurück auf dieses Leben hin in dasjenige, wovon wir glauben können, daß es die tiefsten Gedanken, die innigsten Empfindungen dieser Seele, dieses Herzens waren. Wir schauen zurück auf ein Leben, von dem wir wahrhaftig glauben dürfen, daß es sich durchgerungen hatte zu heiligen drei Überzeugungen, die ihren irdischen Menschen verbunden hatten mit dem Reiche, in das nun ihre Seele, in das ihr Geist geht.
Und die erste Wahrheit, sie hatte sie wohl geschöpft aus der Kenntnisnahme der Krankheit, die ihr in so reichem Maße zugeteilt worden ist. Sie kannte aus ihrem edlen Dulderleben Krankheit des Leibes. Doch wir dürfen es glauben, sie wußte, daß es eine Krankheit geben kann, die da schlimmer ist für Menschenheil und Menschenziel als alle andere Krankheit des Leibes, jene Krankheit, die nur aus einem zerstörten Leibe kommen könnte, die oftmals aber heimtückisch, ja, durch Täuschung wie Wahrheit wirkt, jene Krankheit, die den Menschen nicht erkennen läßt, daß aus allem Weben, aus allem Streben, Wirken und Wesen gerade des Menschenleibes im Umkreise des Erdendaseins spricht die ewige, einzig große Wahrheit: Der Leib des Menschen verkündet das göttliche Sein und Wirken in tiefster, in ernstester Weise. Die Krankheit wäre die größte, die den physischen Leib bestimmte, einen Verstand zu entwickeln, der dieses leugnen wollte. - Dies war wohl die erste Überzeugung, zu der sich dieses Leben durchgerungen hatte selber durch Krankheit.
Und die zweite ihrer Grundüberzeugungen war wohl die, daß sie wußte: Wie auch gesund mag sein dieser Leib, wie auch gesund mag sein der Leib von der Geburt bis zum Tode, eines braucht er, wenn er selbst die größte Gesundheit sein eigen nennte, eines braucht er: jenen Erwecker, welcher die Seele an ihren geistigen Ursprung immerdar erinnert, wenn sie sich zu sehr gefesselt fühlen muß an den vergänglichen Leib. Durch ihr Hinschauen zum Geiste, durch ihr Aufnehmen des geistigen Wortes hatte sie ihn kennen gelernt, jenen großen Erwecker der Seele, welcher der Seele die Kraft gibt, zu wissen: Wenn Du durchgehst durch das Tor des Todes, werde ich Dich führen in die lichte Höhe des Geistes, ich, der Christus, der mit Dir, der in Dir, der für Dich ist, der Christus, der durch den Durchgang durch das Mysterium von Golgatha, der durch die Besiegung des Todes errungen hat für den Menschen die Kraft, erweckt zu werden im Tode mit dem Lichte des Geistes, hindurchzugehen durch die dunkle Pforte des Todes.
Wahrhaftig, Bescheidenheit war Dir eigen, liebe Freundin. Du schriebst Dir wahrlich nicht übermenschliche Kräfte zu. Du warst nicht beseelt von blindem Stolz und eitlem Hochmut, Du kanntest Deine Schwächen. Doch nimmer hättest Du Dir vergeben können, wenn Du eine Schwäche Dein eigen hättest nennen müssen, jene Schwäche des Geistes, die des Geistes Stumpfheit und Dumpfheit
ist, und die nicht aufblicken läßt zum ewigen Walten des Heiligen Geistes selbst durch alles Menschenweben und Menschenwollen, durch alles Naturwirken und Naturkraften. Gott, den Vater, hattest Du Dir errungen, indem Du wußtest, daß Gott, den Vater, nicht _ erkennen des Menschen stärkste Erdenkrankheit wäre. Gott, den Sohn, den Christus, hattest Du Dir errungen, indem Du mit Deiner Seele zu verweben suchtest die Kraft des lebendigen Wortes, das vom ewigen Seligwerden spricht. Gott, den Heiligen Geist, hattest Du Dir errungen, indem Du Dich verpflichtet fühltest, Deine Seele so zu erkraften, daß sie nicht der Schwäche und Dumpfheit verfallen kann, die da sagt: Es ist kein Geist.
Nun bist Du aus einem Leben, das sich dieses errungen hat, dahingegangen durch des Todes Pforte. Sollen wir von Dir Abschied nehmen, so sei es nur der Abschied, der da ist zu gleicher Zeit der Empfangensgruß im Geiste.
Die engeren Freunde, die sie umgaben in den Sorgen-Monaten, Sorgen-Wochen und Sorgen-Tagen, der weitere Kreis von Freunden, der jetzt steht, aufblickend, wie der Geist sie empfangen will zu weiterem Wirken, ihnen allen wird ja unvergessen sein das liebe Gesicht unserer teuren Frau Leyh, jenes liebe Gesicht, das uns seit Jahren anblickte so, als ob sich auf diesem lieben Gesicht glätteten alle die inneren Wogen des menschlichen Strebens, der menschlichen Sehnsuchten. Reine Harmonie war ausgegossen über diesem Antlitz, das unvergeßlich durch sein eigenes Wesen sein wird. Und erinnern wir uns an den Blick, an jenen merkwürdig sehnsüchtigen, forschenden, auf die Weltenrätsel und Weltengeheimnisse hingewendeten Blick, der so eigen hinwegsah über des Lebens nächste Sinnendinge und Sinnenangelegenheiten, und der da schien, als ob er hinausblickend über all dieses Nächste hinsenden wollte des Herzens Sehnsucht nach den ewigen Gründen des Daseins. Und unvergeßlich wird uns sein der Klang Deiner Stimme, liebe Freundin, die uns überströmte mit einem rechten Lichtstrahl wahrer menschlicher Liebe. Wir haben ihn vernommen durch Jahre hindurch.
Und sahen wir Dich dann in den letzten Zeiten Deines Duldens und Leidens: das Leiden hatte nur das eigentümliche Aroma des Ewigen ausgegossen über Dein harmonisches Antlitz, es hatte nur die geistig-seelische Verinnerlichung gelegt in Deinen seelenforschenden Blick und es hatte versenkt in Deine Stimme, die so milde zu uns klang, jenes geheimnisvolle, rätselhafte Tönen, das oftmals durch das Leiden in Menschenstimmen versenkt wird und aus dem heraus gehört werden kann der Unterton des Göttlich-Ewigen, der durch alles Zeitlich-Vergängliche des Menschenwesens auch dann hindurchklingen kann, wenn wir nur einem irdischen Menschen hier gegenüberstehen. So sahen wir Dich. Das, was aus Deinem Antlitz sprach, es wird uns unverloren sein. Wir werden uns vereint wissen mit ihm für alle ferneren Zeiten, denn es hat uns ergriffen so, daß Du uns unverloren bist. Dein Blick wird in uns leben. Und wir werden gedenken dieses Blickes. Er wird uns beleben dasjenige, was aus diesem Blick sich sehnte nach dem Ewigen, wo wir Dich suchen werden, um mit Dir vereint zu sein. Der Klang Deiner Stimme wird uns nachtönen und wird uns erinnern, wie Du nicht verlassen sein sollst, sondern im Geist vereint mit uns fortleben sollst, wie wir uns verpflichtet fühlen werden, wenn die Möglichkeit vor uns liegt, mit Dir vereint zu sein in diesen Deinen Geistes-Seelen-Tagen, wie wir vereint waren mit Dir in Deinen Erden-Tagen. Dies, nicht ein Abschiedsgruß soll das Letzte sein, dieser GeistesGruß soll es sein, der zu Dir aufsteigen möge aus jenen Tiefen des Menschenherzens, aus denen darf sprechen der Menschengeist zum Weltengeist, indem er sucht die Seelen, die durch das Tor des Todes treten vor den Weltengeist, wenn er sie aufruft zu einem Wirken, das nicht vollendet werden könnte hier im physischen Erdendasein.
Und so rufen wir Dir, liebe Frau Leyh, nach als diesen HerzensGeistes-Gruß:
Das Suchen auf Geisteswegen,
Es war Dir der Seele Urtrieb.
Die Dir auf dem Erdenpfade
Bei Deinem ernsten Seelensuchen
Die Wandergenossen waren:
Sie folgen Deinem Seelenpfade
Mit liebendem Denken
In Geistes lichte Höhen. Das Leben in Geisteswärme,
Es war Dir des Gemütes Blüte.
Die Dir mit dem Erdgedanken
In Deinem starken Geistesstreben
Die Wandergenossen waren:
Sie folgen Dir in Geistesreiche
it treuem Erfühlen
In Geistes Liebesweben. Das Dasein im Geisteswillen,
Es war Dir der Seele Pendelschlag.
Die Dir in dem Erdenwollen
Bei Deinem edlen Seelenschwung
Die Wandergenossen waren:
Sie folgen Deinem Geistesflug
In Seelenvereinung
Zu Geistes Willenszielen.