Our Dead
GA 261 — 25 October 1920, Basel
Ansprache Bei Der Kremation Von Harald Lille
Liebe Trauergemeinde! Jung ist unser lieber Freund FZarald Lille von uns gegangen. Eine Wegstrecke seines Lebens hat er in gemeinsamer Arbeit, gemeinsamem Bestreben, gemeinsamem Trachten mit uns zurückgelegt. Wir haben ihn kennen gelernt, in ihm kennen lernen, was wirken kann, daß unsere Gedanken, unsere Empfindungen nachkommen seiner nunmehr in geistige Welten hinaufsteigenden Seele.
Seit, lieber Freund Lille, Deine Seele diesen Leib verlassen hat, traten noch einmal vor mein Inneres alle diejenigen Augenblicke, in denen ich Dich kennen lernen konnte. Die Erinnerungen, sie brachten mir das Bild Deines Wesens, das sich uns nun, den Trauernden hier in diesem Augenblicke, da wir hinaufschauen zu Deiner in Geisteswelt enteilten Seele und Abschied nehmen von Dir auf dem physischen Plan, das sich mir vor die Seele stellt. Und das vor die Seele Gestellte soll Dein Bild dieser unserer Trauergemeinde geben:
Des Geschickes übermenschlich Walten,
Es erzog zur Kunst des Messens, Formens
Und der Technik Leistung Deine Kräfte. Dieses blieb Deines Wesens Schale nur.
Tief im Innern wies ein mächtig Sehnen
Auf den Weg nach Geistessonnenwärme. Und es wies dies Sehnen aus dem Norden
Dich zu uns nach unserer Goethestätte,
Wo der Technik Kraft sich eint mit Geisteswirken. Und da ward Dir dann die Seelenwärme,
Die Du Deinem Herzen geben wolltest
Als den Seinsgehalt, den Du erstrebtest. In des Geistes Höhenwelten
Hin nun trag’, was Du gefunden
Durch der Seele Leistung: Gotteskräfte.
Vor jetzt schon einer größeren Anzahl von Jahren hat sich unser lieber Freund Lille innerhalb unserer geisteswissenschaftlichen Gemeinschaft eingefunden zu gemeinsamem Streben, zu gemeinsamem Wirken und vor allen Dingen zu gemeinsamem Leben. Er ist erzogen in den technischen Wissenschaften unserer technischen Kunst. Das brachte er aus der äußeren Welt in unsere Gemeinschaft herein. Aber in seinem Inneren war ihm etwas gegeben aus ewigen Welten. Ein inniger Drang nach Seelenwärme, nach einer solchen Seelenwärme, die durchleuchtet sein will von dem Lichte des Geistes, in dem des Menschen wahres Wesen doch atmen muß, zu dem des Menschen wahres Wesen doch gehört. Und wie, man möchte sagen selbstverständlich fanden sich diese beiden Pole des Lebens unseres Freundes zusammen, da wo er zunächst nach beiden Richtungen hin wirken konnte, wo er mit uns zusammen in den Dienst einer großen Sache stellen konnte sein technisches Können, wo aber dieses technische Können nur insofern in dem Dienste einer großen Sache für die äußere Welt steht, als diese Sache durchstrahlt sein soll von alledem, wozu als zu ihrem innersten geistigen Wesen die wahre menschliche Seele doch streben muß.
Das Innere unseres Freundes war auf diese Seelenwärme hin gestimmt. Sein immer liebes, freundliches Gesicht, seine Innigkeit strahlenden Augen, aus ihnen sprachen die Sehnsuchten nach dieser Seelenwärme, die durchleuchtet sein wollten von dem Lichte einer geistigen Erkenntnis, die arbeiten wollten im Dienste der geistigen Menschheitsentwickelung. Ihm war es ein tiefes Bedürfnis, eine Arbeit zu leisten im Menschheitsdienste, die er durchwirken konnte von dem Bewußtsein, dem Geiste der Menschheit in seiner Wahrheit anzugehören. Und so hat er unter uns gewirkt, gewirkt fleißig immer in dem Bewußtsein, wie jeder kleinste Teil, der von uns gewirkt werden kann, sich stellen will in den Dienst der ganzen Menschheitsbewegung.
Dann kam es, daß das Geschick ihn zurückbringen mußte in seine nordische Heimat, und in dieser nordischen Heimat, in die er im Grunde genommen schon den Keim jener Krankheit mit hinübertrug, der sich eben so weit entwickelt hat, daß unser Freund von dieser physischen Welt von uns gegangen ist, in dieser Heimat, in der er sich dann einige Zeit wiederum aufhalten mußte, da erlebte er das ganze chaotische Gewoge unserer Gegenwart, da erlebte er all dasjenige, was aus dem aufgewühlten sozialen Leben heraufdringt und nach neuen Gestaltungen in der Menschheitsentwickelung die energische Forderung stellt. Da wurde er reifer und reifer, indem er geneigt war, zu vereinigen dasjenige, was er aus geistigen Erkenntnissen geschöpft hatte, mit demjenigen, was er aus Schmerzen heraus erfahren haben mußte aus den revolutionären Bewegungen, die er in seiner Heimat durchgemacht hatte.
Und so kam er, die Krankheitskeime im Leibe, aber mit einer Seele, die entgegenstrebte der Wirkungsstätte, die er innerhalb unserer Gemeinschaft gefunden hatte, wiederum zu uns. Man konnte ansehen der Art, wie dazumal unser Freund Lille zu uns kam, daß im Grunde genommen dasjenige, was wir in der Lage waren, hineinzustellen in Menschheitsstreben und Menschheitsentwickelung, für ihn den Mittelpunkt seines ganzen Seelensehnens bildete. Er war wiederum wie von innerer Geistessonne dutchstrahlt, als er bei unserem Goethe-Bau anlangte. Aber es lebte der Keim der schweren Krankheit in ihm. Mutig und dem Lichte zustrebend war seine Seele immer. Allein, eben ein übermenschlich Schicksal hatte es so bestimmt, daß dieses Lebens Uhr früh ablaufen sollte. Und so ergriff ihn auch die Krankheit, die viele in jener Zeit ergriffen hatte. Man konnte sehen, wie er, als er in der Pflegestätte unseres lieben Mitgliedes, der Frau Wirz lag, auf der einen Seite schwer trug an demjenigen, wovon sein Körper befallen war. Wie immer nach lichten Höhen hinauf strebte, nach dem Inhalt einer Geist-Erkenntnis strebte, nach Seelensonnenwärme strebte sein wirklich liebes, edles Innere.
Dann hatte er Erholung zu suchen in den Bergen. Und man darf denken, meine liebe Trauergemeinde, daß gerade während dieses Erholungssuchens fort und fort durch seine Seele zog die Sehnsucht wiederum nach der Goethestätte zurück. Das, was er an dieser Stätte erfahren hatte, was er erlebt hatte, das trug ihn, das war es, was wirklich bei unserem Freunde - wir dürfen es Dir, lieber Freund, hier so nahe sprechen bei Deinem Hinaufgehen in die geistigen Welten zuletzt jene Stimmung hervorbrachte, die ihn im Grunde genommen keinen Unterschied mehr finden ließ zwischen der Welt, die er durchzumachen hatte, und in der er nur kurze Zeit zu verleben hatte, und derjenigen Welt, in die er eintreten sollte, um zu wirken in ihr als Geist und Seele. Die Stärke der Überzeugung, die Tiefe der Erkenntnis, sie wirkten wirklich geistig sichtbarlich in unseres Freundes lieber Seele. Sie war dasjenige, was auch gegenüber dem schmerzlichen Darniederliegen einem immer entgegentrat, wenn man wiederum dieses bis zuletzt dem Lichte zu blickende Antlitz schaute.
Und von dieser Sehnsucht getrieben nach der Zentral-Geistesstätte, mit der er die eigene Seele so verbunden hatte, kam er denn auch, als vor kurzer Zeit unsere Hochschulkurse am Goetheanum eröffnet wurden. Er konnte noch die ersten acht Tage dieser Hochschulkurse mitmachen. Als Schwerkranker, dem Tode Entgegeneilender machte er sie mit, doch mit einer Seele, die voll dabei war bei all dem, was da als ein neues Menschheitsgut an Erkenntnis erobert werden sollte, wie einer, der sich berufen fühlte, sei es in dieser, sei es in einer andern Welt mitzuarbeiten an demjenigen, was da an Impulsen gegeben werden sollte. Und als ich in den letzten Tagen unsern Freund noch sehen durfte, da war es mir so, als ob schließlich aus dem Streben im Mut und nach dem Lichte bei ihm sich, ich möchte sagen die Gedankenworte immer intensiver und intensiver festgesetzt hatten: Mag auch dasjenige, was von mir hier der physischen Welt angehört, zerfallen, ich bin verbunden mit dem geistigen Streben, das ich hier erworben habe, ich gehöre ihm so an, daß meine Kraft ihm gewidmet sein soll auch in anderen Welten, die ich vielleicht betreten soll. — Für ihn stand dieses Verbundensein mit der von ihm erwählten und in ihm Sehnsucht erzeugenden Geistessache in dem Mittelpunkt all seines Seelenerlebens, man darf wohl sagen, bis zur letzten Stunde. Die letzte Zeit unseres Ferienkurses, er hat sie nicht mehr mitmachen können. Er lag aber benachbart im Krankenhaus, und er machte sie mit allen Instinkten seiner Seele mit. Und so erwartete er den letzten Tag seines Erdenlebens nicht anders, als indem ihm ganz lebendig vor der Seele stand der erste Tag seines Geisteslebens, dem er mutvoll und strebend nach dem geistigen Lichte entgegenlebte. Seine Gedanken lebten in dem Strom des Denkens, das seine Seele ausgefüllt hat: Mutig dem Lichte entgegen! — Dieser Gedanke zog in den letzten Tagen durch seine Seele.
Und wir schauen hin auf diese Seele. Sie war als Seele so gesund trotz des kranken Körpers, mit dem das Schicksal sie umkleidet hatte, daß es ihr eben die Selbstverständlichkeit des Lebens war, daß sie herausgetreten ist aus den Pforten des Alls zu dieser irdischen Mission, und daß sie fühlte in sich all dasjenige, was allen Menschenseelen eignet, wenn sie ihr wahres Sein innerlich erschauen, daß sie fühlte, daß der Mensch auf dieser Erde eine Mission auszuführen hat, die ihm gegeben ist von den Göttern des Alls, aus denen sie ihrer wahren Wesenheit nach doch geboren ist. Ein edles Schauen dieses göttlichen Durchströmtseins in allem, das war es, was selbst dann, wenn unser Freund Lille die Hand anlegte an praktische Lebensbetätigung, ihn immer erfüllte. Ein Gottschauen im schönsten Sinne des Wortes, das war es, wodurch er sich sagte: Diese meine Seele, sie ist aus dem Göttlichen geboren.
Und er suchte die geistige Erkenntnis, weil er leben wollte hier und sterben wollte hier innerhalb dieser physischen Erde in der Kraft des Christus, und er fühlte, er brauche die die Seele mit dem wahren Lichte durchglänzende geistige Erkenntnis, um den Weg zu finden in seiner Art zu dem Leben und Sterben in dem Christus. Und so hat er sich denn verbunden durch unsere Geisteswissenschaft mit einem echten, wahren Christus-Bewußtsein. Wie er sich fühlte geboren aus dem Göttlichen, so fühlte er sich lebend und so lebte er dem Tode entgegen in echtem, wahrem, lebendigem Christus-Bewußtsein. Er fühlte den Christus durch geistige Erkenntnis in seiner Seele lebend.
Und aus der Kraft dieses den Menschen durchdringenden Christus, mit dieser Kraft ging ihm die Zuversicht auf darüber: Welche Welten auch des Menschen Seele durchleben muß, durch wie viele Tode sie auch gehen muß, wie oft auch die Finsternis in ihr Licht hereinfallen muß -, aus allen Leben, aus allen Toden, aus aller Finsternis heraus muß der Menschengeist, der zu Ewigem bestimmt ist, immer wieder und wiederum auferweckt werden. — Das Auferwecktwerden in dem heiligen Geiste, das ging ihm aus seinem Gottesbewußtsein, aus seinem Erlebnis des Christus durch geistige Erkenntnis hervor.
So schauen wir auf unseres Freundes Seele, meine liebe Trauergemeinde, da sie jetzt von uns hinweggeht. Wir werden nicht mehr, lieber Freund, in Deine immer so freundlich blickenden Augen schauen können. Wir werden Deine so sehr die Sehnsucht nach dem Geiste tragenden Züge des Antlitzes hier in der physischen Welt nicht wiedersehen. Aber wir werden sie in unserem Herzen behalten, diese aus dem geistigen Auge mit Sehnsucht blickenden Züge. Wir werden unsere Gedanken vereinen mit Deiner auch im Geistigen fortstrebenden Seele. Lieber Freund, Du hast Dich mit uns verbunden, wir werden mit Dir verbunden bleiben, auch wenn wir nur in unseren Herzensgedanken dasjenige erreichen können, was Du selber, nachdem Du physisch von uns gegangen bist, in Deiner Seele als Dein Streben trägst. Wir haben Dich lieb gewonnen. Viele sind unter uns, die jetzt in diesem Augenblicke das empfinden. Sie haben Dich lieb gewonnen, lieb gewonnen zu einem Bande, das geistig-seelisch ist, das nicht reißen kann. Du bist unter uns. Wir gedenken in diesem Augenblicke Deiner fernen Angehörigen im hohen Norden, die nicht hier sein können, die Deiner in diesem Augenblicke gedenken. Wir lenken unsere Empfindungen so, daß unsere Gedanken Deinen Angehörigen im hohen Norden sagen können: Du gehst hier von der physischen Welt nicht hinweg, ohne umgeben zu sein von liebenden Herzen, von liebenden Herzen, die sich bewußt sind, daß sie Dir auch in diesem Augenblicke ersetzen müssen das Beisammensein in Liebe mit denjenigen in Deiner Heimat, die Du verlassen hast, um nach geistiger Strebensstätte zu gehen.
Und so möget Ihr es denn, Ihr Angehörigen unseres lieben Freundes Lille in seiner fernen Heimat, empfinden, wie wir in treulicher Liebe hier stehen, da seine Seele seinen physischen Leib verläßt, und seid Euch, die Ihr ihn liebet, die Ihr ihn uns gabet, seid Euch bewußt, daß er hier liebende Seelen gefunden hat, daß er nicht lieblos hinwegeilt aus dieser physischen Welt.
Des Geschickes übermenschlich Walten,
Es erzog zur Kunst des Messens, Formens
Und der Technik Leistung Deine Kräfte. Dieses blieb Deines Wesens Schale nur.
Tief im Innern wies ein mächtig Sehnen
Auf den Weg nach Geistessonnenwärme. Und es wies dies Sehnen aus dem Norden
Dich zu uns nach unserer Goethestätte,
Wo der Technik Kraft sich eint mit Geisteswirken. Und da ward Dir dann die Seelenwärme,
Die Du Deinem Herzen geben wolltest
Als den Seinsgehalt, den Du erstrebtest. In des Geistes Höhenwelten
Hin nun trag’, was Du gefunden
Durch der Seele Leistung: Gotteskräfte.
Im Leben haben wir Dich gefunden. Im Erdenleben hast Du verbunden mit uns Deine Kräfte. Hier stehen wir, um Deiner Seele nachzuempfinden, nachzufühlen, um uns vorzubereiten, zu vereinigen unsere Gedanken mit Deinen Gedanken, die Du in die Arbeit der Ewigkeiten trägst. Tief empfinden wir es, was als Anfang und Ende Deines Bildes noch einmal, zum letztenmal vor unserer Seele aufleuchten soll:
Des Geschickes übermenschlich Walten,
Es erzog zur Kunst des Messens, Formens
Und der Technik Leistung Deine Kräfte. In des Geistes Höhenwelten
Hin nun trag’, was Du gefunden
Durch der Seele Leistung: Gotteskräfte.
Im Leben: wir waren Dir vereint. Im Geiste: wir wollen Dir vereint bleiben auf ewig im Sinne dessen, was Du als Deine ErkenntnisÜberzeugung gewonnen hast. Aus dem Göttlichen ist des Menschen Seele geboren. In dem Christus muß des Menschen Seele sterben, wenn sie wahrhaftig leben will. In dem Heiligen Geiste muß sie auferweckt und wird sie stets wieder auferweckt werden. Das war Deine Überzeugung, das hast Du durch den Tod getragen. Das wird Dir als das Licht des Geistes leuchten, da Du jetzt die anderen Wege betreten sollst.
Verbunden Dir, lieber Freund, auf ewig!