Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 31 July 1921, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier Goetheanum
Dornach bei Basel [vermutlich Ende Juli 1921]
Sonntag Abend
Sehr verehrter lieber Lehrer,
das Atelier scheint mir sehr leer, es nimmt einen anderen Charakter an, seitdem Sie abgereist sind. Heute haben die Prinzessin Mallandani und ich den ganzen Nachmittag damit verbracht, unsere neue Clientele zu besuchen. Es war eben amüsant zu sehen, wie jede ihr Zimmer ganz anders eingerichtet hatte, manchmal in sehr charakteristischer Weise. Alle waren sehr freundlich. Wir wollten namentlich die Anzahl Lampen, Steckkontakte usw. kontrollieren, weil «Fa. Elektra Birseck» doch mehrere Fehler gemacht hat in den rosa Heftchen, welche sie uns übergeben hat, z.B. hat sie das Badezimmer nach dem Mittelhaus verlegt, statt es in unserem Haus zu belassen, wo es in Wirklichkeit zu finden ist. Frau Kisseleff war die einzige, die gleich ihre Miete bezahlt hat. Jede hat sich bemüht, uns zu überzeugen, wie wenig elektrisches Licht sie benutzten — da werden wir gewiß unsere ersten Schwierigkeiten erleben, wenn die Zeit kommt, den gebrauchten Strom auszurechnen und die Kosten zu verteilen.
Nach so vielen Besuchen waren wir müde und gingen Tee trinken in Herrn Rauchs Speisehalle; nachher besuchten wir die drei neuen Häuser - sie sind wirklich schrecklich, kein Zimmer hat eine gute Form, fast jedes hat allerlei Ecken abgebissen und so viel überflüssige Eckchen und Winkelchen überall — das Haus ist noch viel schlimmer, auch äußerlich, wie die anderen. Schade.
Sonst habe ich verschiedenes getan, eine zweite Schokoladen-DameSkizze gemacht — aber sie verursachte mir viel Kummer. Die Entwürfe könnten für eine Wohltätigkeits-Arbeit benutzt werden oder als Dekoration für eine Schule, aber der Inhalt ist so inhaltlos; was kann man aus einer Dame, die Schokolade schenkt, machen?
Ich hoffe, daß Sie keine anderen Schwierigkeiten und Unannehmlichkeiten gefunden haben bei Ihrer Ankunft? Ich hoffe, daß Sie den Eucalyptus täglich gebrauchen? Und daß die Stimme gut aushält für Mittwoch; ich werde ängstlich sein, bis ich weiß, daß dieser Abend glücklich vorüber ist, auch daß Sie nicht zu müde sind. Ich werde sehr viel darüber denken.
Mit bestem Gruß
Edith Maryon