Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 4 September 1921, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Villa Eugenia, Ruvigliano
Presso Lugano (bis Mittwoch, dann Dornach)
[vermutlich nach dem 30. August 1921]
Sehr verehrter lieber Lehrer,
es befriedigt mich zu hören, daß die Handwunde geheilt ist, und ich sende alle guten Wünsche für die Stimme. Ich freue mich, daß Sie nicht abgehalten werden von der Arbeit in Dornach durch die vielen Forderungen nach Vorträgen, die werden immer endlos, und man muß doch Zeit dazwischen bewahren, wo man aufatmen kann, besonders nach solch einer anstrengenden Arbeit, wie sie die letzten drei Wochen hindurch stattgefunden hat; sonst wird die Stimme wirklich gänzlich ruiniert.
Gestern haben wir unsere Wohnung gewechselt, die Aussicht von hier ist ebenso schön, es liegt nicht so hoch und ist etwas weniger grandios, aber doch wunderbar. Am Nachmittag machen wir einen Ausflug nach [Ponte] Tresa mit dem Dampfer; heute ist warmes und sonniges Wetter, es sollte recht angenehm auf dem See sein. Ich erhole mich recht gut! Es gibt in Lugano sehr wenig Fremde, die «Saison» scheint recht schlecht mit Ausnahme von Monte Generoso, wohin hunderte von Gästen sich geflüchtet haben vor der großen Hitze im Juli-August, jetzt sind sie aber alle fort. Bis jetzt habe ich gute Nachricht von Dornach, hoffentlich geht es so weiter bis ich wiederkomme, gestern schickte ich Bergblumen an Geck und Kucerova.
Miss Franklin ist sehr guter Laune und scheint sich zu freuen und zu amüsieren hier. Sie wird wohl nie Anthroposoph werden, obwohl ich mich bemühe, zu erklären, wo ich kann und wo es geht, ihre Aussicht ist noch zu begrenzt und kleinlich. Schade! Denn sie arbeitet gut, wo sie etwas versteht.
Ich hoffe, daß dieser Brief zur rechten Zeit ankommen wird in Stuttgart, weil ich annehme, Sie reisen spätestens Samstag Morgen nach Berlin. Sonst werden Sie wohl gar keine Zeit haben für die Korrektur, und ich weiß, wie dringend das ist!
Ich sende herzlichste Gedanken
Edith Maryon