Correspondence with Edith Maryon 1912–1924

GA 263 — 11 October 1922, Stuttgart

Letter to Edith Maryon

Rudolf Steiner an Edith Maryon

Stuttgart, 11. Oktober 1922
Landhausstraße 70

Meine liebe Edith Maryon,

dieses Mal läßt sich die Arbeitsmenge in Stuttgart nicht verringern. Die jungen Leute, die sich da versammelt haben, um in der Anthroposophie zu arbeiten, wollen alles mögliche, und dazu kommt das alte. Die Schule erfordert besonders in diesem Augenblicke sehr viel. Die Affaire mit den verschiedenen Schlingeln ist von den Lehrern mit unglaublicher Torheit behandelt worden. Ich mag darüber gar nicht weiter schreiben, weil die Dinge eigentlich zu albern sind. Aber sie werden der Schule immens schaden.

Dazu kommt, daß auch die Stuttgarter Herren allen Zusammenhang mit der anthroposophischen Bewegung verlieren. Sie sitzen auf ihren Stühlen, spielen Vorstand, und die Leute wollen nichts von ihnen wissen.

Ein Beispiel ist dieses. Ich hätte schon Montag in Stuttgart sein sollen. Da ich das nicht konnte, telephonierte ich Uehli - er solle den jungen Leuten Montag abends einen Vortrag halten. Sie sagten: sie wollen von ihm keinen Vortrag haben.

Und so besteht zwischen all den Leuten, die jetzt hier sind, und der Stuttgarter Leitung gar kein Zusammenhang. Man muß alles selber machen. So wächst immer Arbeit zu; aber es wachsen keine Mitarbeiter zu. Deshalb ist es auch nicht möglich, irgend etwas zu tun zur Abwehr von Gegnerschaften. Denn man kann zu solchen Dingen gar nicht kommen. Auch daß ich so lange von der Schule abwesend war, hat sich bitter gerächt. Die Lehrer haben den Kontakt mit der Schülerschaft der höheren Klassen ganz verloren. Und ich bebe schon, was für einen Bericht Hartley erstatten werde. Aber vielleicht ist er ein zu großer Tor, um die Schäden zu bemerken.

Könnte man sagen: die Leute haben nicht die Fähigkeiten! Nun ja. Aber daran fehlt es nicht. Es fehlt an Enthusiasmus, an aktiver Arbeitslust. Die Leute wollen Trott, Routine; sie wollen eine schwere Masse sein, nicht ein anfeuerndes Element. Im Grunde sind sie doch eben träge.

Besten Dank für die Nachrichten. Es tut mir leid, daß solch ein Kuddel-Muddel waltet. Hoffen wir, daß die Sachen doch gehen werden. Wir werden die Beleuchtung so einrichten, daß es auch ohne Rampenlicht geht. Ich schreibe diesen Brief rasch jetzt morgens um 1/2 7 Uhr, damit ich doch endlich einige Zeilen in unser Atelier senden kann, in dem ich so gerne wieder sein möchte. Einstweilen sende ich dahin die allerherzlichsten Grüße

Rudolf Steiner

Abfahren will ich am 15. oder 16.

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