Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 21 August 1923, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier, Goetheanum
Dornach bei Basel, 21. Aug. 1923
Sehr verehrter lieber Lehrer,
alles in Penmaenmawr scheint in Nebel verhüllt zu sein, es ist der vierte Tag, aber keine Nachricht ist hierher gelangt. Auch von hier aus ist wohl nichts zu schicken, nichts geschieht, außer, daß heute das Unkraut vom Garten entfernt wird! Eine Anzahl Zeitungen sind angekommen, aber alles hat mit dem 17. aufgehört — die Nachrichten meine ich.
Ich habe «Der Golem» von Meyrink gelesen, und jetzt lese ich «Der weiße Dominikaner». Die Doppelnummer «Anthroposophy» ist auch angekommen. Dann versuche ich mich zu vertiefen in meine alten Notizen von 1917-19 usw., ich nähe etwas und führe ein Klosterleben. Das Fensterbrett im Zimmer ist voll Holzwürmer geworden, Liedvogel mußte es entfernen; jeden Morgen standen haufenweise kleine weiße Holzhügel dort, in der Nacht von den Würmern angehäuft.
Es ist hier schon starkes Herbstgefühl, schöne Sonne, aber das Gefühl von abwelken, absterben ist schon zu bemerken, und morgens ist die Luft frisch und kühl. Sie sehen, welches stille kleine Leben man hier führen muß!
Ich denke oft: Gibt es Vorträge heute oder nicht? Oder gibt es Vorträge den ganzen Tag? Nichts weiß man!
Die Gesundheit geht sehr langsam etwas besser, obwohl der Hustenreiz immer bleibt - leider. Wenn das nur nicht wäre, könnte man schon etwas aktiver sein, aber so ist es vorläufig nicht möglich.
Ich hoffe, die Gesundheit bei Ihnen geht gut? Nicht zu viel Arbeit und Übermüdung?
Allerherzlichste Grüße
Edith Maryon