Correspondence with Edith Maryon 1912–1924
GA 263 — 29 August 1923, Hildesheim
Letter from Edith Maryon
Edith Maryon an Rudolf Steiner
Bildhauer Atelier, Goetheanum
Sehr verehrter lieber Lehrer, Dornach bei Basel, 29. Aug. 1923 solch ein wunderbar schöner Himmel heute Abend: als Grund blau, dann unter Gold verschiedene Nuancen, oben unzählige weiße goldige kleine Wölkchen, dann später ist das Gold rotgold geworden, mit einem großen Fisch, rot, mit lange ausgeschweiftem Schwanz aus rosa Wölkchen. Stille schöne Stimmung. Die Berg-Spaziergänger kehren zurück, Steffen geht vorbei, in einen dichterischen Traum versunken. Große Freude hat mir die kleine Skizze von dem Blick aus Ihrem Fenster gemacht, nur, warum haben Sie keinen Blick auf das Meer? Gewöhnlich liegen die besten Zimmer auf dieser Seite. Gehört das zu den Unbequemlichkeiten des Hotels, daß die besseren Zimmer anderweitig vergeben sind?
O, wie gerne ich in Penmaenmawr sein möchte, daß auch ich diese alte Druiden-Atmosphäre mit spüren könnte! Ich freue mich aber sehr, daß Sie diese Erlebnisse haben können, sie müssen außerordentlich interessant und wertvoll sein.
Donnerstag. Viel Windsturm in der Nacht, so daß man wenig schlafen konnte, ich dachte immer weiter an die seltsamen Druiden-Erfahrungen, die Sie jetzt dort machen; und hoffe, später mehr davon zu hören.
Ich begreife nicht, warum die Leute sich dort über die Schulfrage streiten müssen und sich schlecht benehmen!
Diesen Brief sende ich nach London - ich denke, Sie werden wahrscheinlich Samstag abend da sein. Ich möchte gerne wissen, wann Sie gedenken, hier anzukommen? Hoffentlich bleibt Stuttgart aus diesmal, nach so langer Abwesenheit.
Bitte keine Reise-Romantik und nicht erkälten. Für den Brief allerbesten Dank. Ich sende
die allerherzlichsten Gedanken
Edith Maryon