Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — 24 December 1903, Berlin

An Günther Wagner in Lugano

Günther Wagner hatte am 14. Nov. 1903 an Rudolf Steiner geschrieben:

Geehrter Herr Doktor!

Eingeschlossen, respektive mit gleicher Post sende ich Ihnen das Manuskript des Leadbeaterschen Artikels «Unser Verhalten den Kindern gegenüber», um den Sie mich bei Gelegenheit meiner Anwesenheit in Berlin baten, um ihn in dem «Luzifer» abzudrucken.1

Es war mir sehr erfreulich, Sie bei der Jahresversammlung haben kennenlernen zu können, und ich hoffe, daß wir noch lange am gemeinsamen Werke tätig sein und uns gegenseitig unterstützen werden.

Lieb wäre es mir, wenn Sie mir eine spezielle Auskunft geben möchten: Die Andeutung über ein Rätsel, das jede Rasse zu lösen habe, war mir vollständig neu; in der «Secret Doctrine» habe ich nichts darüber gefunden. Würden Sie mir die vier Rätsel nennen können, die die vier ersten Rassen (anscheinend doch) gelöst haben? Auch H. P. B.’s Andeutung darüber würde ich gern lesen, vielleicht geben Sie mir die genaue Stelle an.2

Inzwischen zeichnet hochachtungsvoll

Ihr Günther Wagner

Rudolf Steiner antwortete wie folgt:

Berlin, 24. Dezember 1903

Streng vertraulich!

Verehrter lieber Herr Wagner!

Seite 73 der (deutschen Ausgabe) «Geheimlehre» steht mit Bezug auf Strophe I, 6 (Dzyan): «Von den sieben Wahrheiten oder Offenbarungen sind uns bloß vier ausgehändigt, da wir noch in der vierten Runde sind.» - Ich habe nun - als Sie in Berlin waren - im Sinne einer gewissen okkulten Tradition darauf hingedeutet, daß die vierte der oben gemeinten sieben Wahrheiten zurückgeht auf sieben esoterische Wurzelwahrheiten, und daß von diesen sieben Teilwahrheiten (die vierte als das Ganze betrachtet) jeder Rasse eine - in der Regel ausgeliefert wird. Die fünfte wird ganz offenbar werden, wenn die fünfte Rasse ihr Entwickelungsziel erreicht haben wird. Nun möchte ich Ihrer Frage entsprechen, so gut ich es kann. Gegenwärtig liegt die Sache so, daß die vier ersten Teilwahrheiten Meditationssätze für die Aspiranten der Mysterien bilden und daß nichts weiter gegeben werden kann als diese (symbolischen) Meditationssätze. Aus ihnen geht dann für den Meditierenden auf okkultem Wege manches Höhere hervor. Ich setze also die vier Meditationssätze - in deutsche Sprache aus der symbolischen Zeichensprache übertragen - hierher:

I. Sinne nach: wie der Punkt zur Sphäre wird und doch er selbst bleibt. Hast du erfaßt, wie die unendliche Sphäre doch nur Punkt ist, dann komme wieder, denn dann wird dir Unendliches in Endliches scheinen.

II. Sinne nach: wie das Samenkorn zur Ähre wird, und dann komme wieder, denn dann hast du erfaßt, wie das Lebendige in der Zahl lebt.

III. Sinne nach: wie das Licht sich nach der Dunkelheit, die Hitze nach der Kälte, wie das Männliche nach dem Weiblichen sich sehnt, dann komme wieder, denn dann hast du erfaßt, welches Antlitz dir der große Drache an der Schwelle weisen wird.

IV. Sinne nach: wie man in fremdem Hause die Gastfreundschaft genießt, dann komme wieder, denn dann hast du erfaßt, was dem bevorsteht, der die Sonne um Mitternacht sieht.

Nun ergibt sich, wenn die Meditation fruchtbar war, aus den vier Geheimnissen das fünfte. Lassen Sie mich vorläufig nur so viel sagen, daß die Theosophie - die Teil-Theosophie, die etwa in der «Geheimlehre» und ihrer Esoterik liegt - eine Summe von Teilwahrheiten des fünften ist. Eine Andeutung, wie man darüber hinauskommt, finden Sie in dem von Sinnett angeführten Briefe des Meisters K.H., [Kuthumi], der mit folgenden Worten beginnt: «Ich habe jedes Wort zu lesen...». In der ersten (deutschen) Ausgabe der «Okkulten Welt» steht er auf Seite 126 und 127.3

Ich kann Ihnen nur die Versicherung geben, in dem Satze K.H.’s (Seite 127) «Wenn die Wissenschaft gelernt haben wird, wie Eindrücke von Blättern ursprünglich auf Steinen zu Stande kommen...», in diesem Satze liegt fast das ganze fünfte Geheimnis auf okkulte Weise verborgen.

Das ist alles, was ich zunächst über Ihre Fragen zu sagen vermag. Weiteres vielleicht auf weitere Fragen.

Die vier obigen Sätze sind das, was man lebendige Sätze nennt, d.h. sie keimen während der Meditation und es wachsen aus ihnen Sprossen der Erkenntnis.

Mit frohem Weihnachtsgruß in Treuen ganz Ihr

Rudolf Steiner

Berlin W, Motzstrasse 17



  1. Erschienen in Nr. 7 vom Dezember 1903 der von Rudolf Steiner begründeten und herausgegebenen Zeitschrift «Luzifer». Zeitschrift für Seelenleben und Geisteskultur - Theosophie. ↩

  2. Die Frage bezieht sich auf Ausführungen Rudolf Steiners bei der ersten Generalversammlung der deutschen Sektion in Berlin am 18. Oktober 1903, an der Günther Wagner teilgenommen hatte. Vgl. hierzu Seite 255f. im Anhang zu «Die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen» (Abschnitt «Rudolf Steiners Wirken und das fünfte der sieben großen Geheimnisse des Leben»). ↩

  3. Der erwähnte Wortlaut aus «Die okkulte Welt» von A.P.Sinnett lautet: «... Natürlich wünschte ich mehr hierüber zu erfahren; war es ein Prozeß, vermittelst dessen die Gedanken schneller ausgedrückt werden konnten als durch die uns bekannten? Und in bezug auf empfangene Briefe - wurden sie von dem okkulten Empfänger auf gewöhnliche Art gelesen, oder verstand er den Inhalt ohne dieses? K.H.’s Antwort war: Ich habe jedes Wort zu lesen, das Sie schreiben, sonst würde ich eine schöne Unordnung machen. Und ob dies nun mit meinem physischen oder geistigen Auge geschieht - beides erfordert gleich viel Zeit. Dasselbe kann ich von meinen Antworten sagen; denn ob ich sie diktiere oder präzipitiere, oder selbst schreibe, der Unterschied in der dadurch gesparten Zeit ist sehr klein. Ich muß sie erst überdenken, dann jedes Wort, jeden Satz, sorgfältig in meinem Gehirn photographieren, ehe es durch Präzipitation wiederholt werden kann. Ebenso wie beim Photographieren, das Fixieren von Bildern auf chemisch präparierten Platten, eine vorherige Anordnung innerhalb des Brennpunktes des darzustellenden Gegenstandes nötig macht, — da sonst, wie oft an schlechten Photographien zu sehen ist, die Beine des Sitzenden außer allem Verhältnis mit dem Kopfe stehen usw. — so auch müssen wir zuerst unsere Sätze ordnen, und jeden Buchstaben, der auf dem Papier erscheinen soll, unserem Geist einprägen, ehe er gelesen werden kann. Das ist für jetzt alles, was ich Ihnen sagen darf. Wenn die Wissenschaft mehr über das Geheimnis des Litophyls (oder Lithobiblion) gelernt haben wird, und wie die Eindrücke von Blättern ursprünglich auf Steinen zu Stande kommen, dann wird es mir möglich sein, Ihnen den Prozeß klarer zu machen. Vor allem müssen Sie eines wissen und im Gedächtnis behalten: — daß wir nur der Natur folgen und sie in ihren Werken ganz genau kopieren.» Zu diesen sogenannten präzipitierten Meisterbriefen siehe die Vorbemerkungen des Herausgebers zur Trennung von der Esoteric School of Theosophy auf Seite 263 f. ↩

German original of To Günther Wagner in Lugano · ← Previous · Next →