Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — 1 May 1903

An Mathilde Scholl in Köln

Mathilde Scholl hatte am 11. Februar 1903 an Rudolf Steiner geschrieben:

...In Anknüpfung an unser Gespräch möchte ich nun Folgendes fragen. Auf der Tafel XXVI des Leadbeaterschen Buches [«Man visible & invisible»] ist die Aura eines Schülers des Buddha, eines Schülers, der die vierte Stufe auf dem Pfade, die Stufe eines Arhat erreicht hat. Die Aura ist konzentrisch geordnet, die Farbenfolge von der Mitte an:

1) gelb = Intelligenz
2) rosa = Liebe
3) hellblau = Hingebung<
4) grün = Mitgefühl (Sympathie)
5) violett = Spiritualität

alles dieses umgeben von einem regenbogenfarbigen oder vielmehr perlmutterfarbigen Strahlenkranz und durchströmt von lebenden Lichtstrahlen, die von dem Körper des Arhat ausgehen. - Leadbeater sagt, an der Reihenfolge der Farben könne man die Art des Arhat, resp. auch des Meisters erkennen.

Zu welcher Art oder Hierarchie könnte nun ein Wesen gehören, bei dessen Aura vom Zentrum aus beginnend zunächst 1) hellblau = Hingebung und dann 2) rosa = Liebe folgt. Die Anordnung ist ebenfalls konzentrisch, geradeso wie bei der abgebildeten Aura - doch waren keine anderen Farben als hellblau und rosa sichtbar. [In einem Traumerlebnis.] Jedoch erschien der physische Körper nur in Umrissen und durchsichtig, nicht plastisch- und in demselben erschienen Zentren (gleich der Swastika.oder gleich Rädern) die sich in schnellster Bewegung um sich selbst drehten und Licht ausströmten. Das Gesicht hatte die Züge und den Ausdruck des Meisters M.

Wenn Sie mir sagen können und dürfen, wer dieses Wesen ist oder auf welche Weise ich selbst eine Erklärung finden kann, wäre ich glücklich. ...

Sollte später ein Zusammenschließen der E.S. in Deutschland möglich sein, würde ich mich freuen. Manche äußere Dinge sind mir noch eine Hilfe. Z.B. wäre es mir lieb, regelrechte Vorschriften zum Studium zu haben anfangs, also vor 2 1/2 Jahren, wurde auf der einen Instruktion angegeben, welche Verse ich mir Abends einprägen sollte. Da aber dann keine weiteren Angaben kamen, nahm ich auf diese Weise die Bhagavad Gita durch und dann die «Stimme der Stille», bei der ich jetzt am Ende des 2. Buches angelangt bin. Für mich wäre es eine Hilfe, nicht führerlos meine Studien zu machen und z.B. zu wissen, am Morgen bei der Meditation, daß viele ihre Gedanken mit mir auf dasselbe richten - zu wissen, daß andere mit mir dasselbe Buch studieren, und so manches andere...

Rudolf Steiner antwortete wie folgt:

Schlachtensee bei Berlin, 1. Mai 1903

Verehrtestes Fräulein Scholl!

Längst hätte ich Ihnen schreiben sollen. Allein die Verpflichtungen bezüglich des «Luzifer»1 wirkten vorläufig - zu allem übrigen etwas drückend. Nun wird er endlich in ein paar Tagen herauskommen; und ich werde dann auch hoffentlich in ganz geregelte Tätigkeit kommen. Jedenfalls werde ich in Hinkunft mit dem Antworten nicht so lang warten, wie es bis jetzt - leider - der Fall war.

Erst lassen Sie mich auf Ihre Hauptfrage kommen. Die Aura, die Sie beschreiben, ist mir nicht klar genug, um etwas Erhebliches darüber sagen zu können. Sie sagen nichts von Strahlen, die von dem beschriebenen Wesen ausgehen. Nun sind bei einem vorgeschritteneren Menschen im Kausalk örper immer Strahlen vorhanden. Diese Strahlen sind nämlich der Ausdruck der aktiven Kräfte, die der Mensch seinem fortschreitenden Karma einfügt. Es scheint also das, was Sie beschreiben, nicht ein Kausalkörperbild zu sein. Nun will ich aber durchaus nicht sagen, daß wir es in Ihrem Falle nicht mit einem höher entwickelten Wesen zu tun haben. Dann aber könnte es sich nur um die Projektion des Kausalkörpers in Mental-Materie handeln. Und in diesem Falle verstehe ich die Svastiken nicht, die wieder auf ein astrales Element deuten. Ich bitte Sie deswegen, mir etwas genaueres über die Sache noch zu schreiben. Ich möchte gerne, daß wir darüber klar würden.2

Es wäre überhaupt recht schön, wenn die neueren Mitglieder der E.S. in Deutschland sich in irgendeiner Weise näher zusammenschließen würden. Wir brauchen das gerade in Deutschland. Denn die E.S. muß die Seele der Theosophischen Gesellschaft werden. In Deutschland muß sie das aus dem Grunde noch ganz besonders, weil wir wohl noch lange auf tieferes, inneres Zusammenwirken nur bei Einzelnen hoffen können und größere Kreise nur äußerlich sich anschließen werden. Aber die Einzelnen werden einen um so treueren, sichereren und kraftvolleren Grundstock bilden. Und den brauchen wir, da bei uns so viel verfahren ist.

In Weimar ging alles recht gut. Wir haben nun auch dort eine Loge. Die Vorträge waren außerordentlich gut besucht. - Nach Köln möchte ich aus den allerverschiedensten Gründen gerne kommen, um auch dort vorzutragen. Bitte, vielleicht können Sie dort ein wenig den Boden ebnen. Es hängt viel, sehr viel davon ab, daß wir neue Zentren schaffen. Bisher haben fast alle deutschen Theosophen einen viel zu losen Zusammenhang mit der englischen Mutterbewegung gesucht. Und nur aus dieser heraus, in innigstem Zusammenhange mit ihr müssen wir jetzt wirken. Es war in Deutschland zu viel Hang zur Dogmatik, zur bloß intellektuellen Erfassung der Doktrinen vorhanden, während für die lebendige Spiritualität kein rechtes Verständnis zu finden ist. Erst wenn wir dieses letztere wecken, wenn wir das Auge dafür eröffnen, daß für den Fortgang der theosophischen Strömung nicht bloß das Erlernen der Dogmen (Hartmann), sondern der spirituellen Zusammengehörigkeit mit den zentralen Individualitäten gehört, von denen die Weisheit stammt, und bei denen sie ihre fortsprudelnde Quelle hat: - erst dann können wir vorwärts kommen. - Wir müssen klarmachen nicht durch Worte, sondern durch Imponderabilien -, daß es sich um eine fortlaufende Befruchtung der Träger der T.S. durch zentrale Individualitäten handelt. Ganz verstehen werden alle diese Dinge doch nur die esoterisch arbeitenden; aber dafür müssen diese auch in klar bewußter und kraftsicherer Weise zusammenstehen und weckend für die andern sein.

Es war mir tief befriedigend, mit Ihnen in Düsseldorf einige Stunden haben zubringen zu können. Es ist das jene Befriedigung, die wir haben, wenn wir den andern auf dem Wege sehen, auf dem stets die Meilenzeiger «Vorwärts» stehen. Es gibt eben für den T'hheosophen ein Tor, durch das er nur einmal, d.h. hingehen soll, und das er kein zweites Mal - zum Zurück - betreten soll.

Wir haben in Deutschland ganz sichere Persönlichkeiten nur vier oder fünf. Und deshalb müssen wir intensiv arbeiten. Tun wir das, dann werden wir die Mittel und Wege finden, vorwärts zu dringen. Finden wir diese Mittel und Wege in Deutschland nicht, dann würden wir wohl jetzt etwas unterlassen, was so schnell nicht wieder gut gemacht werden kann.

Meine nächste exoterische Aufgabe ist, soviel ich nur kann, die Lehre zu verbreiten. Hoffentlich leben Sie sich, liebes, verehrtestes Fräulein Scholl, in Köln gut ein und können dort für unsere Sache und zu Ihrer Befriedigung wirken. Wie geht es Ihrer Pflegebefohlenen?

In der Hoffnung, bald wieder von Ihnen zu hören, bin ich herz lichst grüßend

ganz

Ihr Rudolf Steiner

Frl. von Sivers läßt herzlichste Grüße senden.



  1. Die von R.Steiner begründete und redigierte Zeitschrift. Siehe GA 34. ↩

  2. Darauf antwortete Mathilde Scholl am 7. Mai 1903 noch folgendes: «...Meinen herzlichen Dank für die Beantwortung meiner Frage. Das Traumbild, welches ich Ihnen beschrieb, strahlte allerdings Licht aus, und dieses Licht schien hervorzusprudeln aus den Swastiken, die sich im Kopf und Oberkörper befanden. Überhaupt waren nur Kopf und Oberkörper sichtbar und das nur in Umrissen. Das Wesen erschien nicht körperlich, sondern schien nur eine Lichterscheinung zu sein. Der Eindruck aber war so stark, daß ich im Traum glaubte, mich diesem Wesen zu Füssen zu werfen und besinnungslos zu werden. Beim Erwachen stand mir alles lebhaft vor Augen und ich fühlte noch lange nachher die innere Ergriffenheit. Nach einer Erklärung suchte ich in der ersten Zeit überhaupt nicht. Durch das Leadbeatersche Buch habe ich erst verstanden, wie es möglich ist, daß man eine solche Farbenanordnung sieht. Aber gern möchte ich wissen, wer dieses Wesen war, denn wenn es auch die Züge des Meisters M. zu haben schien, kann das ebensowohl auf meiner individuellen Stimmung wie auf Wirklichkeit beruht haben.» [Die Antwort auf diese Frage ist nicht bekannt.] ↩

German original of To Mathilde Scholl in Cologne · ← Previous · Next →