Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264 — 23 July 1905, Berlin
An Günther Wagner in Lugano
Berlin, 23. Juli 1905
Verehrter lieber Herr Wagner!
An dem Schicksalsfall, der Ihre liebe Frau und Sie betroffen hat, nehme ich mit ganzer Seele Anteil, wenn ich auch erst heute im Stande bin, Ihnen das brieflich auszudrücken. Meine Gedanken weilen oft bei Ihnen. Wir Theosophen müssen ja im Stande sein, auch schwere Schicksalsfälle anders hinzunehmen, als wir das vor unserer theosophischen Zeit konnten. Zwar wird niemals die Liebe und die Teilnahme durch das theosophische Leben sich verringern können, doch das Verständnis und die Kraft, zu tragen, werden größer. Wir können durch die Theosophie nichts verlieren, aber wir gewinnen sehr viel. Verlieren würden wir, wenn die Gefühle, die zu den schönsten des Lebens gehören, nur im geringsten verblassen könnten. Deshalb weiß ich, was Sie fühlen, aus Ihrer edlen und herrlichen Liebe heraus. Aber ich kenne Sie auch als einen wahren echten Theosophen und weiß, daß Ihnen die karmischen Zusammenhänge keine bloße Doktrin sind, sondern daß Sie in ihnen leben. Aber einige Gedanken möchte ich gerade jetzt mit Ihnen tauschen. Man faßt so leicht alles, was sich als ein Kettenglied in unser Karma eingliedert auf wie eine karmische Verschuldung. Und das ist keineswegs immer der Fall. So wahr Karma ein wahres alles umfassendes Gesetz ist, so wahr ist es auch, daß karmische Fälle sich als schlechthin erste in unseren ursächlichen Zusammenhang einschieben können. Nicht immer sind Fälle, die uns treffen, Ausgleiche für Vergangenes, oft sind sie erste Posten in unserem Lebenskonto, die erst in der Zukunft ihren entsprechenden Ausgleich finden. Wie ein Kaufmann Posten zum ersten Male auf der einen Seite einzutragen hat, so ist es auch mit den Posten unseres karmischen Kontobuches. Diese Gedanken durchzogen in den letzten Wochen immer dann meine Seele, wenn ich die Gedanken hinlenkte nach Ihrem lieben Sitz in Lugano, und diese Gedanken empfingen in meinem Sehfelde jenen Charakter, der zeigt, daß Gedanken einer Realität entsprechen. Sie verstehen mich, indem ich Ihnen, verehrter lieber Herr Wagner, dieses innere Erlebnis — denn es ist ein solches — schreibe. Und vielleicht nehmen Sie nach Ihrem Ermessen auch als Realität an, was für mich eine solche ist.
Gar sehr verlangt es mich, Sie beide wieder einmal begrüßen zu können. Ich hoffe, es wird doch bald auch sein können.
Die Londoner Kongreßfestlichkeiten, bei denen Sie leider nicht sein konnten, sind vorbei.1 Es liegt in der Natur der Sache, daß solche Festlichkeiten, selbst wenn sie von Theosophen veranstaltet werden, nicht viel über Äußeres hinausgehen können. Doch meine ich, daß, wer gewollt hat, doch auch von da Dinge zur Stärkung für sein Gemüt und Herz hat mitnehmen können. Frau Besant z.B. hat Vorträge gehalten, die voll des spirituellen Impulses waren. Zu nächst am Donnerstag vor dem Kongreß über die «Schülerschaft» von H.P.B. mit Rücksicht auf manche Angriffe, die in der letzten Zeit auf die große Begründerin der theosophischen Bewegung gefallen sind. Es scheint mir doch sehr wichtig, daß diese spirituell so hochstehende Frau Besant so rückhaltlos immer wieder und wieder darauf hinweist, wie H.P.B. für sie nicht ein Mensch war wie ein anderer Hervorragender, der in ihr Leben eingetreten ist, sondern wie sie sagte - der «Lichtbringer» schlechthin. Flecken, sagte sie, sollen nicht etwa abgeleugnet werden; aber es sind Flecken wie die Sonnenflecken und diese sind eben nur da, wo Sonne ist. Ich fühlte dabei so recht die inneren Erfahrungen des eigenen Lebens in der letzten Zeit nachklingen. Denn ich muß sagen, je weiter ich selbst vorwärts komme, desto mehr lerne ich die unermeßliche Kraft kennen, die von H.P.B. ausstrahlt und desto mehr werde ich gewahr, daß ich selbst erst noch viel werde lernen müssen, um nur ein bißchen die Tiefen von H.P.B.’s Schaffen und Wirken zu erkennen.
Dann war am Freitag die Convention der britischen Sektion. Von dem da Vorgekommenen wird Sie interessieren, daß Bertram Keightley von dem Posten des Generalsekretärs zurückgetreten ist, und daß Miss Kate Spink an seine Stelle gekommen ist. Zunächst geht Keightley auf vier Monate nach Indien, dann will er sich auf eine Art der theosophischen Bewegung widmen, die ihm möglich gemacht wird durch Entlastung von den offiziellen Obliegenheiten des Generalsekretärs.
Ferner war in dieser Zeit die Eröffnung der «Kunst- und kunstgewerblichen Ausstellung» des Kongresses. Da waren neben weniger bedeutenden, doch auch einige bemerkenswerte Sachen. Ich möchte nur einige symbolische Bilder von einem Maler Russell erwähnen. Dieser versucht innere Seelenvorgänge durch symbolische Farben auf dem Bilde (Sterne, Strahlen u.s.w., die von den Figuren ausgehen, symbolische Ausmalungen der äußeren Naturobjekte u.s.w.) zu charakterisieren. Nun kann ich zwar sagen, daß ich nirgends ein wirkliches astrales Schauen den Bildern zuerkennen konnte, doch war ich über den Versuch, den da ein doch immerhin begabter Maler macht, befriedigt.
Am Sonnabend morgens wurde mit einer Rede von Frau Besant der eigentliche Kongreß eröffnet. Es war einer jener großen Umblicke über die Aufgaben und Ziele der theosophischen Bewegung, wie sie Frau Besant bei solchen Gelegenheiten gibt. Es wird Sie interessieren, daß sie das Skulpturwerk eines italienischen Bildhauers Ezechiel, einen «Christus» erwähnte, von dem sie sagte, daß er die Idee, die sie sich als Theosophin über die Christus-Individualität machen müsse, in Einigem entspreche. Auch wird für Sie von Interesse sein, daß Frau Besant bei dieser Gelegenheit auf Richard Wagner hinwies, in dessen Tönen die Geheimnisse der astralen Welt hörbar seien. Mir war das ganz besonders bemerkenswert, denn ich habe ja in diesem Frühling vor den Berliner Theosophen vier Vorträge über den spirituellen Gehalt in Richard Wagners Schaffen gehalten.2
Auf die Eröffnungsrede von Frau Besant folgte etwas ungemein mannigfaltiges. Denn die Abgesandten aller europäischen theosophischen Gebiete hielten nun ihre Begrüßungsansprachen in ihrem eigenen Idiom. So konnte man da nacheinander kurze Reden in folgenden Sprachen hören: Holländisch, Schwedisch, Französisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch, Finnisch, Russisch, Ungarisch, Indisch.
Am vorhergehenden Abend hatte Mrs. Besant vor einigen tausend Menschen in Queen’s Hall über das «Werk der 'Theosophie in der Welt» eine groß angelegte, umfassende Rede gehalten. Sie wies hin auf die Notwendigkeit einer spirituellen Vertiefung in unserer Zeit, auf das Werk, das dabei in den verschiedensten Gebieten der Welt zu leisten ist. Alles, was sie da sagte, war von schöner Weitherzigkeit und Größe.
Am Sonnabend abends folgte dann die Theatervorstellung. Dabei wird man wohl den guten Willen, der dabei obgewaltet hat, vor allen Dingen in Rechnung ziehen müssen. Allerdings ist es mir besonders an diesem Abend klar geworden, in welcher Art die Idee dieser Kongresse wird ausgebaut werden müssen, wenn sie ihren Zweck werden voll erfüllen sollen. Nicht auf das wird zu sehen sein, was die Kongreßteilnehmer hier für sich genießen, sondern vor allen Dingen darauf, daß sie theosophische Nahrung finden für ihre Seele, die sie dann in ihre theosophische Heimat mitnehmen können zu Nutz' und Frommen derer, die nicht selbst an den Zusammenkünften teilnehmen können. Ein Zentrum spirituellen Lebens sollten die Kongresse sein, von dem Ströme dann überall hingehen in die Welt.
Nun folgten die Departements-Sitzungen. Ich sende Ihnen ein Programm unter Kreuzband, aus dem Sie wenigstens die Titel entnehmen können des Reichhaltigen, was da dargeboten worden ist. Im besonderen erwähnen möchte ich nur noch den Vortrag von Mrs. Besant am Sonntag über die okkulten Untersuchungsmethoden. Das war etwas ganz großartiges. In der allerschönsten Weise hat sie dargelegt, welches die Erfordernisse der okkulten Forschung auch im Abendlande sind, und was für Vorsichten u.s.w. bei solchen Forschungen zu beobachten sind.
Ich selbst habe am Montag morgen einen kleinen Beitrag gegeben über die «okkulte Grundlage in Goethes Schaffen».
Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht ausführlicher schreiben kann; allein vor mir liegen die letzten wartenden Arbeiten für «Lucifer» Nr. 24 und 25. Und Sie können ermessen, wie mich das in Anspruch nimmt. Es ist notwendig, daß ich diese geheimwissenschaftlichen Dinge, welche der Lucifer in den letzten Zeiten gebracht hat, veröffentliche. Allein die Verantwortung lastet schwer auf mir. Und ich muß jede Zeile, jede Wendung zehnmal erwägen, um möglichst genau den geistigen Inhalt wiederzugeben, der mir zu geben obliegt, und der mir doch selbst in ganz andrer Form und Sprache überliefert wird.
Herzlichste Grüße Ihrer lieben Frau und Ihnen von
Ihrem immer gleich getreuen
Dr. Rudolf Steiner
Berlin W, Motzstrasse 17
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Am 8., 9. und 10. Juli 1905 fand in London der 2. Kongreß der Föderation europäischer Sektionen der Theosophischen Gesellschaft statt. Rudolf Steiner sprach am 10. Juli über «Die okkulten Grundlagen in Goethes Schaffen», in «Philosophie und Anthroposophie», GA 35. ↩
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In Berlin am 28. März, 5., 12. und 19. Mai 1905. ↩