Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264
Anhang
Die Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen im Werk Rudolf Steiners
Hella Wiesberger
Bei der ersten Generalversammlung der deutschen Sektion im Oktober 1903 skizzierte Rudolf Steiner sein zukünftiges Lehrprogramm als «okkulte Geschichtsforschung», als deren Teil die Lehre von den großen Geistesführern der Menschheit genannt wurde. Denn nach den Aspekten der großen Dreiheit Leib, Seele, Geist werde durch die okkulte Geschichtsforschung aufgezeigt werden, wie das körperliche Dasein der Menschheit bestimmt wird durch die großen kosmischen Naturkräfte; welche Rolle das persönliche Element in der Geschichte spielt; wie der Gesamtgeist des Universums in die Menschengeschicke eingreift, indem sich dessen Leben in das höhere Selbst eines großen Menschheitsführers ergießt und dadurch der ganzen Menschheit mitteilt:
«Denn das ist der Weg, den dieses höhere Leben nimmt: es fließt in die höheren Selbste der führenden Geister, und diese teilen es ihren Brüdern mit. Von Verkörperung zu Verkörperung entwickeln sich die höheren Selbste der Menschen und da lernen sie immer mehr und mehr, ihr eigenes Selbst zum Missionar des göttlichen Weltenplanes zu machen. Durch die okkulte Geschichtsforschung wird man erkennen, wie sich ein Menschheitsführer zu der Höhe entwickelt, auf der er eine göttliche Mission übernehmen kann. Man wird einsehen, wie Buddha, Zarathustra, Christus zu ihren Missionen gekommen sind.»1
Bei der nächsten Generalversammlung im Oktober 1904 wurde das Thema von den Menschheitsführern weitergeführt, indem mehrfach darauf hingewiesen wurde, daß zu deren Verständnis unterschieden werden müsse zwischen Meistern der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft.
Die Meister der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft
Nach solchen Hinweisen in den Vorträgen vom 7. und 24. Oktober 1904 wurde am 28. Oktober 1904 diese Tatsache eingehend dargestellt mit der Begründung, daß sie zwar den meisten schon bekannt sei, man sich aber doch immer wieder einschärfen müsse, daß
«im Verlauf unserer fünften Wurzelrasse, also in der Zeit vom Untergang der atlantischen Rasse bis zur nächsten Wurzelrasse, ein höchst wichtiger Schritt in der ganzen Menschheitsevolution getan wird, indem nämlich aus der Menschheit selbst heraus Führer der Menschheit, Manus entstehen werden. Alle die großen Führer, die Manus, welche während der früheren Wurzelrassen die Menschheit weitergebracht haben, welche ihr die großen Impulse gegeben haben, sie haben ihre Entwickelung nicht rein auf der Erde absolviert, sondern zum Teil auf anderen Himmelskörpern zurückgelegt und haben dabei das, was sie der Menschheit an großen Impulsen zu geben hatten, schon von anderen Welten für diese Erde mitgebracht. Die Manus der lemurischen Rasse und auch die der atlantischen, sowie der Stamm-Manu unserer fünften Wurzelrasse sind übermenschliche Individualitäten, die ihre große Schule, durch die sie die Führer der Menschheit werden konnten, auf anderen Planeten durchgemacht haben. Dagegen bilden sich während unserer fünften Wurzelrasse innerhalb unserer Menschheit selbst so hoch entwickelte Individualitäten heraus, daß sie nunmehr von der sechsten Wurzelrasse ab Führer der Menschheit werden können. Namentlich der Hauptführer der sechsten Wurzelrasse wird ein Mensch sein, wie wir sind, nur eben einer der vorgeschrittensten - der Vorgeschrittenste geradezu der Menschen. Es wird eine Wesenheit sein, die damals begonnen hat mit der Entwickelung, als in der Mitte der lemurischen Rasse überhaupt die Menschwerdung geschah, die immer Mensch unter Menschen gewesen ist, nur schneller vorschreiten konnte, und alle Stufen der menschlichen Entwickelung mitgemacht hat. Das wird der Grundcharakter des Manu der sechsten Wurzelrasse sein. Solche Wesenheiten müssen durch die mannigfaltigsten Initiationen durchgehen, müssen wiederholt initiiert gewesen sein. Daher hat die fünfte Wurzelrasse seit ihrer Begründung immer initiierte Menschen gehabt, Menschen, die sozusagen in der Richtung initiiert waren, daß sie ihren eigenen freiwilligen Weg gehen konnten. Das war während der ganzen lemurischen und auch während der ganzen atlantischen Zeit nicht der Fall. Da standen diejenigen, welche der Menschheit weitergeholfen haben, welche sie regiert und gelenkt haben, die Staatenlenker und Lenker großer religiöser Gemeinschaften waren, unter dem Einfluß von höheren Wesenheiten. Sie waren während der lemurischen undatlantischen Rasse unmittelbar abhängigvon jenen höheren Wesenheiten, welche ihre Entwickelung auf anderen Planeten durchgemacht hatten. Erst in der fünften Wurzelrasse wird die Menschheit freigegeben. Da haben wir Initiierte, die zwar im Zusammenhang stehen mit den höheren Wesenheiten, denen aber nicht so weitgehende Ratschläge gegeben werden, daß sie vollständig ausgearbeitet sind, sondern es wird den Initiierten der fünften Wurzelrasse immer mehr Freiheit gegeben in den Einzelheiten. Im allgemeinen werden Direktiven gegeben, nicht nur den Initiierten, sondern auch denen, welche von ihnen angeregt werden. Ihnen werden Impulse gegeben, aber doch so, daß es ihre eigene Geistigkeit ist, aus der heraus sie die Dinge auszuführen haben.» (Berlin, 28. Oktober 1904)
Einige Monate nach dieser Darstellung findet sich noch einmal betont, daß in der fünften Wurzelrasse - dem nachatlantischen Zeitraum - die Menschheitsführer und Meister aus dem Menschengeschlecht selbst hervorgehen sollen:
«Jetzt wird der ein Meister, der durch alle Phasen der Menschheit nur schneller hindurchgegangen ist und sich selbst zum Führer der Menschheit aufschwingt.» (Berlin, 5. Mai 1905)
Solche Menschen werden dann die «wahren» Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen sein (Düsseldorf, 7. März 1907). In welcher Richtung diese Entwicklung erstrebt werden muß, ergibt sich aus der folgenden Äußerung:
«Unsere Aufgabe besteht heute darin, das Okkulte im Manas, im reinsten Element des Gedankens zu erfassen. Das Erfassen des Spirituellen in diesem feinsten Destillat des Gehirns ist die eigentliche Mission unserer Zeit. Diesen Gedanken so kraftvoll zu machen, daß er etwas von okkulter Kraft hat, das ist die uns gestellte Aufgabe, um unseren Platz für die Zukunft ausfüllen zu können.» (Düsseldorf, 7. März 1907)
Dasselbe spricht aus der Antwort auf die einmal gestellte Frage, wo denn jetzt eigentlich die Eingeweihten der Menschheit seien, da ein solches Werk wie das seine auf dem Spiel stehe:
«Jetzt kommt es darauf an, daß die höheren Wahrheiten durch das Denken der Menschen ergriffen werden. Wenn Sie diesen Eingeweihten heute begegneten, würden Sie an ihnen vielleicht gar nicht das finden, was Sie suchen. Sie hatten ihre Aufgabe mehr in früheren Inkarnationen. Jetzt muß das Denken der Menschen spiritualisiert werden.»2
Vom zwölf-, sieben- und viergliedrigen Wirken der Meister
Bis zur Trennung des ersten esoterischen Arbeitskreises von der E.S.T. im Jahre 1907 nannte Rudolf Steiner vier Meister, die mit der theosophischen Bewegung besonders verbunden sind: die beiden Meister des Ostens, Kuthumi und Morya, und die beiden Meister des Westens, Christian Rosenkreutz und Meister Jesus. Nach der Trennung sprach er nur noch von den beiden Meistern des Westens.
Versucht man der Frage nachzugehen, warum nur vier beziehungsweise zwei Meister genannt wurden, während es nach sonstigen Äußerungen zwölf sind, welche die große weiße Loge bilden (Köln, 3. Dezember 1905), und es fernerhin heißt, daß es nie mehr als sieben Eingeweihte zu gleicher Zeit gegeben habe (Berlin, 10. Oktober 1905), so ergibt sich, daß den Zahlen 12, 7, 4 gewisse Gesetzmäßigkeiten zugrunde liegen. Zunächst besteht ein bestimmtes Verhältnis von 12 zu 7, das sich in Notizen von einer Marie von Sivers privat gegebenen Stunde (Berlin, 3. Juli 1904) wie folgt dargestellt findet:

«Wenn wir uns die Entwickelung eines planetarischen Systems vorstellen, dann müssen wir folgendes berücksichtigen. Die Entwickelung geschieht in der Weise, daß zwei immer abwechseln für jedes Wesen: Evolution und Involution. Nun müssen wir die sieben uns vorstellen sich evolutionierend und involutionierend. Beim nächsten Planeten hat jeder von den Regierenden um eine Stufe weiterzugehen. 8 ist die evolutionierte 7. Indem sie sich weiterentwickeln, entwickeln sie sich in den andern hinein. Beim 7. angekommen kann es nicht weitergehen. Wenn 7 zu 8 würde, würde der Vorgang schon dagewesen sein, es ist nichts als Wiederholung des ersten, 7 auf einer andern Stufe. Indem wir weiterrücken, sehen wir, daß sich die Leiter selbst verändern. Wir kriegen 12 Regenten und einen 13., Überflüssigen. Dieser 13. bringt den ganzen Planeten in einen Zustand, wie er im Anfang war, nur in einen höheren. Mit 12 müssen wir abschließen. So daß wir in jeder Verfassung einer planetarischen Kette nicht 7, sondern 12 erhabene führende Geister haben. Von denen ist nur beim ersten der 8. nicht in Aktion und so weiter. (Unsere Begriffe gehören der rupisch-mentalen Welt an, diese Wesenheiten liegen jenseits unserer Begriffe, so daß nicht von einem Hervorgehen die Rede ist, sondern von Verhältnissen - zeitlos).3 Anerkannt hat man diese Wesen als 12 Regenten in Symbolen, zum Beispiel des Tierkreises, durch welche die Sonne geht. Entsprechend den Etappen des Makrokosmos ist auch die Bewußtseinssteigerung der mikrokosmischen Entwickelung. So daß die 12-Zahl immer maßgebend gewesen ist und es 12 führende Geister gegeben hat überall: 12 Stämme Israels, 12 Apostel, 12 Ritter vom Gral. Sowohl makrokosmisch wie mikrokosmisch ist also 12 die heilige Zahl, die allem zugrunde liegt. 7 sind in Aktion, 5 haben andere Aufgaben. Für den physischen Planeten kommen nur 7 in Betracht, daher auch von 12 nur 7 Prinzipien des Menschen gelehrt werden.»4
Durch diese Darstellung, wie auch durch die Fragenbeantwortung vom 29. Mai 1915 (S. 201), daß von den führenden zwölf Geistern nur sieben für den physischen Plan in Betracht kommen, erklärt sich, warum in der Theosophical Society von sieben Meistern gesprochen wurde: den Meistern Kuthumi, Morya, Jesus, Christian Rosenkreutz (nach seiner Inkarnation im 18. Jahrhundert auch der Graf von Saint-Germain genannt), Hilarion, Serapis und der sogenannte venezianische Meister. Diese Siebenheit verstand man als die sieben Ausstrahlungen des Logos und jedem Meister wurde entsprechend seinem Strahl eine besondere Wirkensweise zugeschrieben. Von Christian Rosenkreutz wurde zum Beispiel gesagt, daß er als Repräsentant des siebten Strahles durch zeremonielle Magie wirke. Rudolf Steiner lehnte dies offensichtlich ab, denn im Vortrag Berlin, 20. Juni 1912, findet sich die Bemerkung, daß die Individualität von Christian Rosenkreutz, den «wir anerkennen als den Führer der okkulten Bewegung in die Zukunft hinein», auch von Okkultisten viel verkannt werde und daß er seine Autorität ganz gewiß nicht durch einen «äußeren Kultus» in der Welt je entfalten werde.
Jedoch von einer siebengliedrigen Wirksamkeit der Meister hat auch Rudolf Steiner gesprochen, wie aus der angeführten Darstellung Berlin, 3. Juli 1904, und jener Fragenbeantwortung vom 29. Mai 1915 hervorgeht. Auf eine ihm von anderer Seite gestellte Frage nach dieser Siebengliedrigkeit habe er geantwortet: Zwei wirken im Osten, zwei im Westen, zwei in der Mitte, einer aber geht durch.5 Der Ausdruck «in der Mitte» bezieht sich nicht auf Mitteleuropa, sondern auf den Mittelmeerraum als Weltmitte; Mitteleuropa gehört global gesehen zum Weltwesten, weshalb Rudolf Steiner auch immer von den beiden Meistern des Westens als denjenigen sprach, die für Mitteleuropa maßgebend sind.
Schaut man nun noch auf die verschiedenen Angaben über Inkarnationen der Meister, so könnten diese auf den ersten Blick hin wiederum als widersprüchlich erscheinen, wenn es einerseits heißt, daß sie als hochentwickelte Individualitäten der Welt bereits entrückt sind und andererseits von konkreten Inkarnationen gesprochen wird, von gewissen Meistern mit einer besonderen Mission sogar derart, daß ihr physischer Leib erhalten bleibt, so daß der Tod überhaupt nicht eintritt (vgl. Seite 205). Dieser scheinbare Widerspruch weist aber nur hin auf die vielfältige komplizierte Wirkensart der Meister, wie auch auf die Rangstufen der Meisterschaft, wie sie zum Beispiel an den Stufen Boddhisattva-Buddha von Rudolf Steiner oft dargegestellt worden sind.6 Auf das Sowohl-als-Auch in der Frage Inkarnation oder Nichtinkarnation weisen zum Beispiel die beiden folgenden Aussagen:
«Die Meister sind in der Regel nicht gerade historische Persönlichkeiten, sie inkarnieren sich manchmal, wenn es notwendig ist, in historischen Persönlichkeiten; aber es ist bis zu einem gewissen Grade ein Opfer. Der Grad ihres Bewußtseins ist nicht mehr vereinbar mit einem Wirken für sich selbst. Und ein Wirken für sich selbst ist schon die Erhaltung des bloßen Namens.» (Berlin, 23. Dezember 1904) «Wenn da draußen in der Welt in ihrem Menschengewand die heutigen Führer der Menschheit herumgehen, dann werden sie in der äußeren exoterischen Welt nicht erkannt. Und reden wir auf dem Boden der Geisteswissenschaft von den Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen, dann würden sich die Menschen oftmals wundern, in welcher einfachen, schlichten Menschlichkeit durch alle Länder diese Meister der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen kommen. Sie sind vorhanden auf dem physischen Plan. Die wichtigsten Lehren aber erteilen sie nicht auf dem physischen Plan, sondern ... auf dem Geistplan. Und derjenige, der sie hören will, um Lehren von ihnen zu empfangen, der muß nicht nur den Zugang zu ihnen haben als zu ihrem physischen, fleischlichen Leibe, sondern als zu ihrer Geistgestalt». (München, 24. August 1911)
Letztere Aussage gerade deutet auch an, daß es geboten ist, im Urteilen und Weiterdenken von Angaben Rudolf Steiners über Inkarnationen der Meister - insbesondere bei nur mangelhaft und nicht wirklich authentisch überlieferten - Vorsicht walten zu lassen. Denn es kommt noch hinzu, daß die Meister nicht in physischer Inkarnation, sondern auch durch Inkorporisation, Inspiration oder auch astrales Erscheinen wirken. Darauf deutet die überlieferte Notiz aus einer esoterischen Stunde, in der von der Wirkensweise des Meisters Kuthumi gesprochen worden ist und gesagt wurde, «daß diese Inkarnation nicht in einer bestimmten Persönlichkeit gewesen sei, sondern seine Kraft bald hier, bald dort gewirkt hätte». (Berlin, 13. Dezember 1905, S. 213). Es ist einleuchtend, daß es sich dabei für das gewöhnliche Verstandesbewußtsein um nur schwer oder gar nicht zu erfassende okkulte Phänomene handelt, weshalb wohl auch die verschiedenen Erscheinungs weisen der Mahatmas bei H.P. Blavatsky und anderen in der T.S. zu großen Mißverständnissen führen mußten. Die Möglichkeit der Materialisierung bezweifelte jedoch auch Rudolf Steiner nicht, denn Friedrich Rittelmeyer überlieferte, daß ihm Rudolf Steiner einmal davon sprach:
«Besonders lebendig ist mir in der Erinnerung ein Gespräch nach einem Berliner Zweigabend. Dr. Steiner erzählte von den vorgehenden Inkorporationen der Meister. «Da tritt jemand zu ihnen ins Zimmer. Sie geben ihm die Hand und sprechen mit ihm, er verläßt das Zimmer wieder, aber Sie werden nicht bemerken, daß er das Haus verläßt.»
Friedrich Rittelmeyer berichtet dazu aber auch noch, daß Rudolf Steiner, so bereitwillig er ihm auch auf solche Fragen antwortete, doch allmählich in doppelter Richtung davon abgelenkt habe: auf der einen Seite auf die heute wichtigste Aufgabe, nämlich das Denken zu spiritualisieren, auf der anderen Seite auf die geschichtlichen Zusammenhänge.
Die sieben großen Geheimnisse des Lebens und die Meister
Geht man inbezug auf das Wirken der Meister in der Menschheit von der Frage nach dem Verhältnis von zwölf zu sieben über zu der Frage nach dem Verhältnis von sieben zu vier, so stößt man auf ein noch komplizierteres Problem. Um es zu verdeutlichen, muß von dem Brief an Günther Wagner vom 24. Dezember 1903 ausgegangen werden. Dieser Brief beantwortet die Bitte um eine nähere Erklärung dessen, was bei der im Oktober 1903 in Berlin stattgefundenen ersten Generalversammlung der deutschen Sektion angedeutet worden war, nämlich, daß jede der sieben Rassen ein Geheimnis zu lösen habe. Die Antwort an Günther Wagner beginnt mit einem Satz aus der «Geheimlehre» von H.P. Blavatsky:
«Von den sieben Wahrheiten oder Offenbarungen sind uns bloß vier ausgehändigt, da wir noch in der vierten Runde sind.»
Dieser Satz entstammt dem Kommentar von Blavatsky zu den zehn Strophen aus dem sogenannten Buche Dzyan, die als theosophische Kosmogenesis das Kernstück der «Geheimlehre» bilden. Deren übriger Inhalt ist ein einziger Kommentar zu ihnen. Rudolf Steiner wertete die Kommentare von H.P.Blavatsky zwar im allgemeinen sehr kritisch, von den Dzyan-Strophen selbst hat er jedoch stets mit größter Anerkennung gesprochen (z.B. im Vortrag Düsseldorf, 12. April 1909). Die erste Strophe hat er sich einmal selbst wie folgt aus dem Englischen übertragen.7
«Die ewige Mutter, gehüllt in ihre ewig unsichtbaren Gewänder, hatte wieder einmal für sieben Ewigkeiten geschlummert. Es war keine Zeit, denn sie lag schlafend in dem unbegrenzten Busen der Dauer. Das universelle Denken war nicht, denn es war kein Ah-hi, es zu enthalten. Die sieben Weisen (Wege) zur Seligkeit waren nicht. Die großen Ursachen des Leidens waren nicht, denn es war nichts da, was in sie verstrickt hätte werden können. Dunkelheit allein füllte das unendliche All, denn Vater (Gesetz, Notwendigkeit), Mutter (Weltsubstanz) und Sohn (gesetzmäßige Welt, Substanz, Kosmos) waren in Einem, und der Sohn war noch nicht zu einem neuen Umlauf und zur Pilgerfahrt erwacht. Die sieben erhabenen Wesenheiten und die sieben Wahrheiten hatten aufgehört zu sein, und das Universum, der Sohn der Notwendigkeit, war in Paranishpanna untergetaucht, um ausgeatmet zu werden von dem, was ist und nicht ist. Nichts (Übersein) war. Die Ursachen der Existenz waren ausgelöscht; das Sichtbare, das war, und das Unsichtbare, das ist, blieb im ewigen Nicht-Sein - dem Einigen Sein (Übersein). Nur diese Eine Form der Existenz (des Überseins) dehnte sich endlos, unbegrenzt, ursachenlos, in traumhaften Schlaf; und das Leben webte unbewußt (selig) im Universalraum, durch und durch jene Allgegenwart, die nur empfunden wird von dem geöffneten Auge des Dangma. Aber wo war Dangma, als das A-laya des Universums in Paramartha war, und der große Umlauf Anupadaka war? Ah-hi = Seele der Dhyan-Choans
Paranishpanna = Vollendung
Dangma = Seher
A-laya = Seele der Welt
Paramartha = Vollendung (parama = über allem, artha = erfassen)
Anupadaka = elternlos».
Der Kommentar von H.P.Blavatsky zu dem sechsten Satz der vorstehenden ersten Dzyan-Strophe, auf den sich Rudolf Steiner in seinem Brief vom 24. Dezember 1903 an Günther Wagner bezieht, lautet vollständig:8
«Die «sieben erhabenen Beherrscher sind die sieben schöpferischen Geister, die Dhyan-Choans, die den hebräischen Elohim entsprechen. Es ist dieselbe Hierarchie von Erzengeln, zu der St. Michael, St. Gabriel und andere in der christlichen Theogonie gehören. Nur wachen, während St. Michael zum Beispiel in der dogmatischen lateinischen Theologie bloß die Vorgebirge und Golfe bewachen darf, in dem esoterischen System die Dhyanis der Reihe nach über eine von den Runden und den großen Wurzelrassen unserer Planetenkette. Es heißt ferner, daß sie ihre Bodhisattvas, die menschlichen Vertreter der Dhyani-Buddhas während jeder Runde und Rasse aussenden. Von den «sieben Wahrheiten» oder Offenbarungen oder vielmehr geoffenbarten Geheimnissen sind uns bloß vier ausgehändigt, da wir noch in der vierten Runde sind, und die Welt bisher auch nur vier Buddhas gehabt hat. Es ist dies eine sehr komplizierte Frage und wird später eine ausführliche Behandlung erfahren.
Insofern sagen Hindus und Buddhisten: «Es gibt nur vier Wahrheiten und vier Vedem. Aus einem ähnlichen Grunde bestand Irenäus auf der Notwendigkeit von vier Evangelien. Aber da jede neue Wurzelrasse am Anfange einer Runde ihre Offenbarung und ihre Offenbarer erhalten muß, so wird die nächste Runde die fünfte, die folgende die sechste und so fort bringen.»
Von den sieben Wahrheiten oder Offenbarungen wurden somit nach H.P.Blavatsky — bestätigt durch Rudolf Steiners Brief vom 24. Dezember 1903 an Günther Wagner - der Welt bisher erst vier gegeben. Und weil jede Offenbarung ihren Offenbarer braucht, habe die Welt auch erst vier Buddhas gehabt. Ob und in welcher Art diese vier Buddhas mit den vier Meistern, von denen Rudolf Steiner innerhalb der Esoterischen Schule gesprochen hat, identisch sind, muß eine offene Frage bleiben, obwohl er einmal die beiden Rangstufen «Meister» und «Buddha» einander gleichsetzte (Lugano, 17. September 1911).
Hier steht man zugleich unmittelbar vor der Frage, in welchem Verhältnis die Meister zu den Buddhas respektive Bodhisattvas stehen, denn von beiden spricht Rudolf Steiner gleichermaßen als den größten Geisteslehrern der Menschheit und von beiden heißt es, daß sie eine Zwölfheit bilden, deren Aufgabe darin liegt, die fortdauernde Entwicklung zu regeln und die Bedeutung des Christus-Impulses für die Menschheitsentwicklung zu lehren. Die Voraussetzung zum näheren Studium dieser Frage ist ganz gewiß, daß es sich bei den Bezeichnungen Meister, Buddha, Bodhisattva nicht um Eigennamen, sondern um Rangstufen, um Würden in der Hierarchie der Adeptenschaft handelt, die von einer Menschenindividualität bei entsprechender Entwicklung erreicht werden können. Im Vortrag Berlin, 1. Oktober 1905, findet sich der Begriff Bodhisattva dahingehend definiert, daß ein Bodhisattva ein Mensch ist, der die ganzen irdischen Erfahrungen aufgenommen hat, so daß er von einem jeglichen Ding weiß, wie es zu verwerten ist und dadurch schöpferisch wirken kann. Die Weisen der Erde sind darum noch keine Bodhisattvas, weil es auch für einen Weisen immer noch Dinge gibt, in denen er sich noch nicht zurechtzufinden vermag. Nach einer langen Zeit des Wirkens als Menschheitslehrer im Range eines Bodhisattva steigt er zur Buddhawürde auf; er braucht sich nicht mehr zu inkarnieren, sondern wirkt rein geistig für die weitere Entwicklung.
Da Rudolf Steiner gleiche Individualitäten, zum Beispiel Zarathustra, einmal Bodhisattva, einmal Meister nennt und einmal die Meister- und die Buddhaschaft gleichsetzt (Lugano, 17. September 1911), darf wohl angenommen werden, daß mit den großen Meistern der Weisheit und des Zusammenklanges der Empfindungen dieselben Rangstufen gemeint sind, die in der morgenländischen Weisheitstradition unter Bodhisattva und Buddha verstanden werden. Daß aber für die Erkenntnis der konkreten Zusammenhänge ein außerordentlich kompliziertes Gefüge in Betracht kommt, das durch das Hereinwirken von Wesenheiten der höheren Hierarchien entsteht, wurde von Rudolf Steiner verschiedentlich dargestellt.9
Ein Verständnis zu dem schon von H.P. Blavatsky als sehr kompliziert bezeichneten Verhältnis von sieben zu vier eröffnet sich allerdings erst durch Rudolf Steiners Darstellungen über die sogenannten «sieben großen Geheimnisse des Lebens». Sie sind keine anderen als die «sieben Wahrheiten oder Offenbarungen oder vielmehr geoffenbarten Geheimnisse», wie sie von H.P. Blavatsky bezeichnet werden. Rudolf Steiner nennt sie in seinem genannten Brief auch die sieben «esoterischen Wurzelwahrheiten». In den überlieferten Notizen vom Vortrag Berlin, 28. Oktober 1903, heißt es:
«Wir sprechen von sieben großen Geheimnissen. Sieben große Geheimnisse gibt es, die uns die sieben großen Phasen des Lebens enthüllen. Die «unaussprechlichen> werden sie genannt.» (Berlin, 28. Oktober 1903)
In der zehn Tage vor diesem Vortrag stattgefundenen Generalversammlung hatte Rudolf Steiner schon «im Sinne einer gewissen okkulten Tradition» (Brief vom 24. Dezember 1903) darauf hingedeutet. Diese Tradition hatte damals bereits einen literarischen Niederschlag durch den englischen Okkultisten C.G. Harrison gefunden. In der Schrift «The Transcendental Universe», London 1894,10 die sechs Vorträge wiedergibt, setzt er sich vom Standpunkt des traditionellen europäisch-christlichen Okkultismus mit der Theosophie H.P.Blavatskys kritisch auseinander, gibt aber zu, daß deren «Geheimlehre» sehr wertvolle Nachrichten über prähistorische Zivilisationen und Religionen bringt, auf gewisse Geheimnisse anspielt, «deren Dasein selbst nicht vermutet wurde» und daß einige derselben «durch einen den Okkultisten bekannten Vorgang geprüft und richtig befunden» worden sind. (1. Vortrag). Im sechsten Vortrag führt dann Harrison die «sieben großen Geheimnisse» an, Es heißt dazu, daß sie für alle Bewußtseinsstufen gelten und in Worten nicht erklärt werden können, sondern die Anwendung eines symbolischen Systems notwendig machen, dessen Natur zu erörtern er die Freiheit nicht habe. In einer dazugehörigen Fußnote werden sie wie folgt aufgezählt: «1. Abgrund, 2. Zahl, 3. Wahlverwandschaft, 4. Geburt und Tod, 5. Das Böse, 6. Das Wort, 7. Die Gottseligkeit».
In den sehr fragmentarischen Notizen aus den ersten Jahren von Rudolf Steiners geisteswissenschaftlicher Vortragstätigkeit finden sich diese sieben Geheimnisse zumeist nur teilweise genannt und der Name Harrison tritt dabei nie in Erscheinung. Auch in späteren sogar konkreteren Darstellungen werden sie nur teilweise behandelt, so daß daraus nicht erkennbar wird, daß es sich um ein siebengliedriges Ganzes handelt.11 Nur ein einziges Mal finden sich alle sieben Geheimnisse in der gleichen Benennung wie bei Harrison angeführt. Es ist dies in den Pariser Vorträgen vom Mai/Juni 1906. Da heißt es im Vortrag vom 13. Juni 1906:
«Es gibt sieben Lebensgeheimnisse, von denen man bis heute außerhalb der okkulten Bruderschaften noch niemals gesprochen hat. Erst in der gegenwärtigen Zeitepoche ist es möglich, exoterisch davon zu sprechen. Man nennt sie auch die sieben «unaussprechlichen» oder «unsagbaren» Geheimnisse.12
Dies sind die Geheimnisse:
- Das Geheimnis des Abgrunds.
- Das Geheimnis der Zahl. (Man kann es in der pythagoräischen Philosophie studieren).
- Das Geheimnis der Alchemie. (Dieses kann man durch die Werke von Paracelsus und Jakob Böhme begreifen).
- Das Geheimnis der Geburt und des Todes.13
- Das Geheimnis des Bösen, das die Apokalypse behandelt.
- Das Geheimnis des Wortes, des Logos.
- Das Geheimnis der Gottseligkeit; es ist das zutiefst verborgene.»
Daß es sich bei diesen sieben großen Geheimnissen oder esoterischen Wurzelwahrheiten nicht nur um prinzipielle Begriffe handelt, die wie «Leitmotive durch die ganze esoterische Bewegung gehen» (Paris, 5. Mai 1913), sondern daß durch sie auf hohe geistige Wesenheiten hingedeutet wird, geht aus Notizen hervor, die sich Marie von Sivers von einer ihr privat gegebenen Stunde gemacht hat (Berlin, 2. Juli 1904). Danach sind die sieben möglichen Verhältnisse, die die Trinität Vater - Sohn - Geist eingeht, als Wesenheiten zu verstehen, und die für diese sieben möglichen Verhältnis-Wesenhaftigkeiten gegebenen Bezeichnungen stimmen wiederum mit denen für die sieben Lebensgeheimnisse überein. In dem ersten Vortragszyklus über geisteswissenschaftliche Kosmologie (17. Oktober bis 10. November 1904) findet sich dann grundlegend auseinandergesetzt, wie alle Entwicklung durch die drei Prinzipien, Bewußtsein, Leben, Form, bestimmt wird und wie jedes dieser drei Prinzipien sieben Stadien oder Phasen zu durchlaufen hat. Die darin genannten Stadien oder Phasen des Lebens stimmen wiederum mit den sieben großen Geheimnissen des Lebens überein. Ihre Erkenntnis und die damit verbundenen Seelenerlebnisse machen die zwei zusammengehörigen Hälften der Initiation und somit den Inhalt der Anthroposophie als moderne Initiationswissenschaft aus (Dornach, 30 Dezember 1914).
Während man den sieben Stadien des Bewußtseins und denen der Form als den sieben Prinzipien des Menschen- und Weltbaues in der Geisteswissenschaft Rudolf Steiners immer wieder begegnet, ist dies bei den sieben Phasen des kosmischen Lebens nicht in gleichem Maße der Fall. Das hängt offenbar damit zusammen, daß der Planetengeist sein Empfindungsleben für sich behält (Berlin, 3. November 1904). Darum werden die sieben Lebensgeheimnisse vermutlich auch die «unaussprechlichen» genannt, deren Beschreibung sehr schwierig sein muß, wie zum Beispiel in den Vorträgen München, 4. Dezember 1907, und Dornach, 30. Dezember 1914, angedeutet ist.
Den entscheidendsten Hinweis für die Frage nach dem Verhältnis von sieben zu vier sowohl in bezug auf die sieben Geheimnisse wie auch auf ihre Offenbarer, die Meister, geben die Notizen vom Vortrag Berlin, 1. November 1904. Danach liegt das Hauptcharakteristikum der sieben Geheimnisse des Lebens darin, daß sie für alle Entwicklungszyklen gelten, weil sie sich immer wiederholen und zwar «bei jeder Runden- und Rassenentwicklung, auch sonst bei allen zyklischen Entwicklungen, auch im Menschen». Dieser Hinweis macht erst verständlich, warum laut Brief vom 24. Dezember 1903 an Günther Wagner «die vierte der ... sieben Wahrheiten zurückgeht auf sieben esoterische Wurzelwahrheiten und daß von diesen Teilwahrheiten (die vierte als Ganzes betrachtet) jeder Rasse eine - in der Regel - ausgeliefert wird.»
Daraus läßt sich ein Dreifaches ableiten:
- Die sieben Wurzelwahrheiten oder Geheimnisse gelten in erster Linie für die großen Entwicklungszyklen der Planetenkette Saturn-Sonne-MondErde-Jupiter-Venus-Vulkan.
- Für die ganze Erdenentwicklung gilt das vierte Geheimnis von Geburt und Tod.
- Da sich die sieben Geheimnisse immer wiederholen, gelten sie auch für alle siebenfältigen Unterteilungen der Gesamt-Erdenentwicklung, jedoch als Teilwahrheiten des übergeordneten vierten Geheimnisses (Siehe z.B. Dornach, 3. und 4. November 1917).
Aus all diesem ergibt sich die Frage: In welchem Verhältnis steht die Gegenwart und das Wirken Rudolf Steiners zu den sieben großen Geheimnissen des Lebens?
Rudolf Steiners Wirken und das fünfte der sieben großen Geheimnisse des Lebens
Da die sieben großen Geheimnisse des Lebens für alle siebenfältigen Entwicklungszyklen gelten, muß für unsere unmittelbare Gegenwart als der fünften nachatlantischen Kulturepoche das fünfte Geheimnis, das des Bösen, bestimmend werden. Zwar nicht als Ganzes, sondern als vorausgenommene Teilwahrheit, denn als übergeordnetes Prinzip gilt für die Gesamt-Erdenentwicklung noch das vierte Geheimnis. Stärker als heute in der fünften Kulturepoche wird sich das fünfte Geheimnis auf der fünften Lebensstufe der Erde offenbaren und in seiner vollen Kraft, wenn die Erde sich zur fünften planetarischen Stufe, dem Jupiterbewußtsein, entwickelt haben wird. (München, 16. Januar 1908).
Wenn es nun in dem Brief vom 24. Dezember 1903 an Günther Wagner heißt, daß die Theosophie, die Teil-Theosophie, die etwa in Blavatskys «Geheimlehre» und deren «Esoterik» (dem dritten Band der «Geheimlehre») liegt, eine Summe von Teilwahrheiten des fünften Geheimnisses sei, so wirft das die schwerwiegende Frage auf: Was kann das Böse mit der Theosophie zu tun haben?
Diese Frage findet eine gewisse Antwort durch die geisteswissenschattliche Auffassung von Gut und Böse. Nach dieser ist die Erkenntnis von Gut und Böse in unserer Kulturepoche gebunden an die Erkenntnis der geistigen Entwicklungsimpulse von Mensch und Kosmos. (Dornach, 28. September 1918). Das Böse tritt auf, wenn der Mensch als Einzelner oder als Gemeinschaft von der Übereinstimmung mit den fortschreitenden Impulsen des Kosmos abirrt. Denn ein Böses an sich gibt es nicht. Alles Böse ist kein absolut Wirkliches, sondern entsteht dadurch, daß etwas, was in irgendeiner Weise gut ist, in einer nicht entsprechenden Weise in der Welt verwendet wird. Dadurch wird ein Gutes in ein Böses verkehrt. (München, 25. August 1913).
Eine andere Auffassung des Bösen war für die vorhergegangene Kulturepoche, die griechisch-lateinische Zeit, bestimmend, denn sie stand als vierte Epoche unter dem vierten Geheimnis, dem von Geburt und Tod. Es kann dies an der folgenden Modifikation der sieben Einweihungsstufen abgelesen werden. Der christlich-gnostische Einweihungsweg, wie er in der vierten Epoche maßgebend war, hatte die sieben Stufen: Fußwaschung, Geißelung, Dornenkrönung, Kreuzigung, mystischer Tod, Grablegung, Himmelfahrt. Der für die fünfte Kulturepoche maßgebende christlich-rosenkreuzerische Einweihungsweg hat die sieben Stufen: Studium zur wahren Selbsterkenntnis, Imagination, Lernen der okkulten Schrift oder inspirierten Erkenntnis, Rhythmisierung des Lebens (Bereitung des Steins der Weisen), die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos (Erkenntnis des Zusammenhanges von Mensch und Welt), Verweilen oder Sichversenken in den Makrokosmos, Gottseligkeit. Nun liegt das Erleben des Bösen in jedem der beiden Einweihungswege zwar auf der fünften Stufe, aber im christlich-gnostischen Weg der vierten Epoche war es als sogenannte «Höllenfahrt» verbunden mit dem Erleben des mystischen Todes. Im Einweihungsweg unserer fünften Epoche dagegen lernt man auf der fünften Einweihungsstufe das wahre Gute kennen als die Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos und das Böse als die jeweilige Abirrung von dieser Entsprechung. Da nun der für eine Epoche maßgebende Einweihungsweg immer mit den Kräften verbunden ist, die es in der jeweiligen Epoche im Zusammenhang mit den sieben Lebensgeheimnissen zu entwickeln gilt, mußte die Anthroposophie notwendig zur Wissenschaft von den Entsprechungen oder auch Nicht-Entsprechungen von Mikrokosmos und Makrokosmos werden. Die Frage von Gut und Böse muß demnach heute über die Erkenntnis der richtigen Entsprechung gelöst werden.
So gesehen erklärt sich die Stelle in dem Brief vom 24. Dezember 1903, daß die Theosophie eine Summe von Teilwahrheiten des fünften Geheimnisses ist, dahingehend, daß damit nur die Doppelbedeutung der fünften Stufe des modernen Einweihungsweges gemeint sein kann: die Entsprechungen von Mikrokosmos und Makrokosmos einerseits, das Böse als die Abirrungen davon andererseits. Dadurch erhält die Erkenntnis von Gut und Böse, die in der vierten Epoche einen mehr feststehenden, gewissermaßen mehr räumlichen Charakter hatte, im Geist der fünften Epoche einen mehr fließenden Charakter. Sie wird mehr und mehr zu einer Frage nach der Erkenntnis der richtigen Zeitimpulse, oder anders ausgedrückt, nach den richtigen kosmisch-geschichtlichen Entwicklungsimpulsen. Diesem Entwicklungsschritt von der mehr räumlichen zu einer mehr zeitlich geprägten Erkenntnis liegt eine gewisse Gesetzmäßigkeit zugrunde, auf die Rudolf Steiner einmal aufmerksam machte, als er über das Verhältnis der ersten vier Kulturepochen zu den drei folgenden sprach. Da heißt es:
«Wenn ein räumliches Verhältnis zeitlich werden soll, so geschieht es so, daß es im Verhältnis von vier zu sieben geschieht, daß die Vierheit zur Siebenheit sich erweitert... Das Verhältnis von vier zu sieben beruht auf einem ganz bestimmten Gesetz.» (Berlin, 28. Oktober 1904)
Daß zu der Frage nach Gut und Böse eine ganz andere Stellung gefunden werden muß, als sie für die vorhergegangenen Epochen richtig gewesen war, spricht auch aus der folgenden Eintragung in ein Notizbuch:14
«Die Meister sind nicht ein Schutzwall gegen das Böse, sondern die Führer zur Absorption des Bösen. Wir sollen nicht das Böse aussondern, sondern es gerade aufnehmen und in der Sphäre des Guten verwenden. Die Wut des Löwen ist nur solange böse, solange sie am Löwen egoistisch verwendet wird; könnte sich ein Herrscher diese Wut des Löwen aneignen und damit Wohlfahrtseinrichtungen machen, so wäre sie gut. Deshalb ist das Böse als Nicht-Wirkliches zu erkennen. Es gibt kein Böses. Das Böse ist nur ein versetztes Gutes. Erst mit dieser Erkenntnis ist geistige Alchemie möglich.»
In Zusammenhang mit den sieben großen Geheimnissen des Lebens kann im Sinne des Wortes von H.P. Blavatsky, daß «jede neue Wurzelrasse am Anfang einer Runde ihre Offenbarung und ihre Offenbarer erhalten muß», Rudolf Steiner in seinem Wirken nicht anders verstanden werden denn als der erste Verkünder der fünften esoterischen Wurzelwahrheit, des fünften der sieben großen Geheimnisse des Lebens und zwar in seiner Doppelbedeutung: den Entsprechungen von Mikrokosmos und Makrokosmos einerseits und den Abirrungen davon als dem Bösen andererseits.
In dem Nachschriftenmaterial aus den Anfangsjahren seiner geisteswissenschaftlichen Vortragtätigkeit tritt die Verkündigung von dem Geheimnis des Bösen zwar nur andeutungsweise, aber doch schon seiner ganzen tiefen Bedeutung nach auf. Zum Beispiel heißt es in dem Referat von Rudolf Steiners Ausführungen bei der ersten Generalversammlung der deutschen Sektion der T.S. (Berlin, 18. Oktober 1903), daß unter den vielfachen Gründen, die zur Begründung der theosophischen Bewegung als einer «im okkulten Sinne gewaltigen Notwendigkeit» geführt haben, einer der wichtigsten derjenige sei, daß jeder Menschenrasse «ein Geheimnis» ausgehändigt werde und wir als fünfte Rasse bei dem fünften Geheimnis sind, das jedoch heute noch nicht ausgesprochen werden könne. Wörtlich heißt es weiter:
«Wir sind aber dabei, uns allmählich in dasselbe hineinzuleben. Welcher Art es ist, deutet schon Paulus, der ein Initiierter war, an. Kundgegeben wird es erst im Laufe der Entwickelung unserer Rasse. Ein vorzeitiges Erraten dieses Geheimnisse durch rein intellektuelle Fähigkeiten würde eine unbeschreibliche Gefahr für die Menschheit bedeuten. Da nun schon zweimal ein solches Erraten beinahe erfolgt ist15 und in absehbarer Zeit wieder bevorsteht, haben die großen Lehrer der Menschheit die theosophische Bewegung herbeigeführt. Die Menschheit soll vorbereitet werden auf die große Wahrheit. Die Theosophie arbeitet auf einen gewissen Zeitpunkt hin. Ein Kern soll gebildet werden, der diese Wahrheit versteht, wenn sie dereinst unverhüllt hervortritt — ein Kern, der sie richtig erfaßt und nicht zum Fluche, sondern zum Segen der Menschheit verwendet. Die früheren Rassen wurden aus einer schon bestehenden, durch Auswahl geeigneter Individuen oder Familien, und Fortführung derselben durch den Manu in geeignete menschenleere Landschaften, gebildet. Dieses Verfahren sei bei dem heute über den ganzen Erdball gehenden Verkehr nicht mehr tunlich, aber auch nicht mehr notwendig. An seine Stelle trete heute die Erziehung durch die kosmopolitische internationale Theosophische Gesellschaft, welche diesen Kern bilden soll.» (Berlin, 18.10.1903).
Wurde damals das fünfte Geheimnis des Lebens noch mehr allgemein charakterisiert, so wurde es später ins Konkrete hineingehend beschrieben als die unrechtmäßige Verwendung der heiligen Verwandlungskräfte:
«Es gestattet wahrhaftig, tiefe Blicke hineinzutun in das Geheimnis des Daseins, wenn man weiß, woher das Unrecht, das Böse, das Verbrechen und das Unheil kommt, das in der Welt geschieht. Dadurch geschieht es, daß die besten, die heiligsten Kräfte, die vorhanden sind, nämlich die Verwandlungskräfte, in verkehrter Weise angewendet werden. Es gäbe kein Böses in der Welt, wenn es nicht die heiligsten Verwandlungskräfte gäbe.» (Dornach, 5. Oktober 1914)
Immer eindringlicher und immer konkreter sprach Rudolf Steiner, insbesondere seit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, vom Walten des Bösen, vornehmlich von dessen Walten in der Geschichte als den Abirrungen von der fortschreitenden Evolutionsströmung. Die große Bedeutung, die der Erkenntnis des Bösen als dem Grundgeheimnis unserer Zeitepoche zukommt, läßt auch verständlich werden, warum das sichtbare Wahrzeichen der anthroposophischen Bewegung, der Goetheanumbau, damit verbunden wurde. Bei der Grundsteinlegung (Dornach, 20. September 1913) wurde, einer «okkulten Verpflichtung» folgend, zum ersten Male von dem Fünften Evangelium, dem Evangelium der Erkenntnis gesprochen, dessen Kernstück, das makrokosmische Vaterunser, lautet:
Es walten die Übel
Zeugen sich lösender Ichheit
Von andern erschuldete Selbstheitschuld
Erlebet im täglichen Brote
In dem nicht waltet der Himmel Wille
Indem der Mensch sich schied von Eurem Reich
Und vergaß Euren Namen
Ihr Väter in den Himmeln.
Und in den darauffolgenden zehn Jahren intensiver Bauarbeit wurde mit Hilfe vieler freiwilliger Helfer das Zentralmotiv, die plastische Gruppe «Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und’ Ahriman» zum künstlerisch anschaubaren Ausdruck der Doppelnatur des fünften Lebensgeheimnisses gestaltet. Der Menschheitsrepräsentant - Christus, so wie ihn Rudolf Steiner erkennend als Meister aller Meister erschaute - repräsentiert die volle Entsprechung von Mikrokosmos und Makrokosmos und überwindet durch seine Liebeausstrahlung die Mächte der Abirrung, des Bösen: Luzifer und Ahriman. Als der Bau, nahezu vollendet, durch Brand in der Silvesternacht 1922/23 vernichtet wurde, ist einzig erhalten geblieben diese Holzplastik - ein Vermächtnis und ein Mahnmal ihres Schöpfers zur Erkenntnis des tiefsten Lebensgeheimnisses unseres fünften Zeitraumes.
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Autoreferat «Okkulte Geschichtsforschung in «Luzifer-Gnosis», GA 34. ↩
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Friedrich Rittelmeyer, «Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner». ↩
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Über Raum und Zeit im Zusammenhang mit der 7- und 12-Zahl siehe auch Vortrag München, 31. August 1909. ↩
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Auch in der Schrift «Aus der Akasha-Chronik», GA 11, ist angedeutet, daß es eigentlich zwölf Bewußtseinsstufen gibt, von denen jedoch nur sieben beschrieben werden könnten. Das Auge des Sehers vermöge zwar auf weitere fünf zu blicken, aber eine Beschreibung derselben sei ganz unmöglich. ↩
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Überliefert durch Friedrich Rittelmeyer. ↩
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Siehe z. B. Vortrag Berlin, 25. Oktober 1909 in «Der Christus-Impuls und die Entwickelung des Ich-Bewußtsein», GA 116. ↩
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Notizbuch aus dem Jahre 1903, Archivnummer 427 und Notizblätter 580/81. ↩
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Blavatsky, «Geheimlehre», I. Band, deutsche Ausgabe Leipzig o.J., Seite 73. f ↩
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Zur Bodhisattva-Buddha-Frage siehe «Grundelemente der Esoterik», GA 93a; «Geistige Hierarchien und ihre Widerspiegelung in der physischen Welw, GA 110; «Der Christus-Impuls und die Entwickelung des Ich-Bewußtseins», GA 116; «Das esoterische Christentum und die geistige Führung der Menschheit», GA 130. ↩
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deutsche Übersetzung 1897 durch den Theosophen Carl Graf zu Leiningen-Billigheim, «Das transzendentale Weltall». Neuausgabe Stuttgart 1990. ↩
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Siehe «Die Geheimnisse der Schwelle», GA 147; «Okkultes Lesen und okkultes Hören»; GA 156; «Geisteswissenschaftliche Erläuterungen zu Goethes Faust» (3.,4.Nov.1917)GA 273. ↩
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Das Referat von Schure ist ursprünglich in französischer Sprache. In der deutschen Übersetzung in GA 94 «Kosmogonie» heißt es anstatt «unsagbaren» (innomable) «namenlose», was ein Übersetzungsfehler ist. ↩
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Dieses vierte Geheimnis ist in dem Referat von Schur£ nur als «Das Geheimnis des Todes» festgehalten, was ein Mangel der Nachschrift sein dürfte. ↩
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1906, Archivnummer 105; vgl. im Anhang zu dem Abschnitt «Individuell gegebene Übungen», 5. 188. ↩
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Nähere Ausführungen darüber sind nicht bekannt. ↩