Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264

Briefe im Zusammenhang mit dem sogenannten «Fall Leadbeater» II

An Annie Besant, Anfang Juli 19061

Dear Mrs. Besant.

Ihre Mitteilungen vom 9. Juni 1906 von Simla, India, an die Wardens und Sub-Wardens der E.S. habe ich erhalten. Ich danke Ihnen herzlichst dafür. Gestatten Sie mir, daß ich darauf das folgende schreibe. Da Sie mir in der Führung der E.S.- Angelegenheiten in Deutschland volle Freiheit zugestanden haben, so wollte ich bisher durch Briefe Ihre so kostbare Zeit nicht in Anspruch nehmen; aber der gegenwärtige Fall Leadbeater - ist doch wichtig genug, um diesen Brief zu rechtfertigen. Zum voraus möchte ich bemerken, daß ich, um Ihnen das Lesen meines Briefes zu erleichtern, diesen von Marie von Sivers übersetzen lasse. Es ist dies gewiß kein Mißgriff, nach meiner Ansicht, denn diese meine Mitarbeiterin wird durch das, was ich zu sagen habe, nicht mehr irre gemacht werden können; und, was die allerletzten Dinge, die ich zu sagen habe, anbetrifft, so werde ich sie nicht ganz aussprechen. Ich denke, Sie werden sie zwischen den Zeilen lesen.

Nun noch ein Wort voraus. Ich werde in uneingeschränkter Offenheit sprechen. Und in diesem Sinne bitte ich Sie, dear Mrs. Besant, das Folgende aufzunehmen.

Mich selbst hat nicht einen Augenblick überrascht, was gegen Mr. Leadbeater vorgebracht worden ist. Und weder, was die Herren Mead und Keightley mir in Paris haben sagen können, die doch in der Sitzung des Executiv-Comites anwesend waren, noch auch der Bericht, der von dieser Sitzung den Generalsekretären zugesandt worden ist, haben vermocht, mein Urteil - im letzten Grunde - zu einem andern zu machen, als es vor dem bedingt öffentlichen Bekanntwerden dieser ganzen Angelegenheit war.

Mir stellt sich die ganze Sache in einem viel tieferen Lichte und Zusammenhang dar. Ich muf das Schlimme an der ganzen Sache in der Eigenart von Mr. Leadbeaters okkulter Methode sehen. Diese okkulte Methode muß notwendigerweise in gewissen Fällen zu solchen oder ähnlichen Fehlern führen, wie sie bei Mr. Leadbeater sich finden, weil sie für den Menschheitszyklus, dem die abendländische Bevölkerung angehört, nicht mehr anwendbar ist. Es müssen nicht dieselben Fehler in jedem Falle sein; aber es kann zu ähnlichen kommen, die nicht minder schlimm sind. Denn diese Methoden können nur dann zu einem sichern Resultat führen, wenn hinter jedem, der den Pfad betritt, eine so absolute Autorität eines Guru steht, wie sie im Abendlande wegen der allgemeinen Kulturverhältnisse ganz unmöglich ist. Eine Person darf im Abendlande zu der Stufe psychischer Entwickelung, auf welcher Leadbeater stand, nur geführt werden, wenn bei ihr der Teil von Führung, die nicht mehr vom Guru ausgehen kann, durch eine bis zu einem gewissen Grade gekommene mentale Schulung ersetzt wird. Und diese Schulung fehlt Mr. Leadbeater. Ich meine damit nicht eine bloß intellektuell-philosophische Schulung, sondern die Entwickelung jener Bewußtseinsstufe, welche in gedanklich-innerem Schauen besteht. Das fordert einfach die Stufe der Gehirnentwickelung, auf welcher der Abendländer stehen muß. In Deutschland zum Beispiel müssen die Wege zu dieser Schulung von der Gedankenmystik Fichtes, Schellings und Hegels genommen werden, die eigentlich nach ihrer in Wahrheit okkulten Grundlage gar nicht verstanden werden.

Dies alles ist deswegen der Fall, weil der Gedanke selbst für alle Plane derselbe ist. Wo auch der Gedanke ausgebildet wird, ob auf dem physischen oder einem höheren Plane: er wird für alles dann ein sicherer Führer sein, wenn er sinnlichkeitfrei und ein in Selbst-Erkenntnis erfaßter ist. Wird er zuerst - nach der abendländischen Gehirnanlage - auf dem physischen Plane entwickelt, dann bleibt er der sicher leitende Faden durch alle Stufen der physischen und der überphysischen Erkenntnis. Fehlt er, dann wandelt der Abendländer stewerlos, gleich ob er sich auf dem physischen oder einem höheren Plane bewegt. Und bei der im gegenwärtigen Zeitpunkt so nahen Verwandtschaft aller höheren Menschenkräfte mit den Kräften, die auf niederer Stufe der Sexualsphäre angehören, kann in jedem Augenblicke eine Entgleisung ähnlich derjenigen Mr. Leadbeaters stattfinden. Es ist doch sein «Fall» nicht der einzige, sondern etwas, das auf das Gebiet gehört, welches gegenwärtig in vielen okkulten Gruppen geübt wird, die mehr oder weniger dem linken Pfade zustreben. Aus der guten Voraussicht in die Eigenartigkeit der fünften menschlichen Unterrasse haben die Meister der Rosenkreuzer-Schule für das Abendland den «Pfad» ausgearbeitet, der allein in dem gegenwärtigen Zyklus anwendbar ist. Soweit er vor die Öffentlichkeit gebracht werden darf, ist dieser «Pfad» in der Zeitschrift «Lucifer-Gnosis» von mir mitgeteilt worden.2

Es muß also nicht auf den einzelnen Fall Mr. Leadbeaters reflektiert werden, sondern auf die Gefahren seiner Methode. Diese Gefahr liegt in ihr selbst; und man sollte niemals voraussetzen, daß sie nicht auf solche Abwege führen kann. Das, was nicht richtig ist, beginnt durchaus nicht erst da, wo die eine oder andere Person zu Dingen geführt wird, die hier vorliegen, sondern schon da, wo man im Sinne dieser Methode zu den Ergebnissen kommt, wie sie sich in den Schriften Mr. Leadbeaters finden.

Hätte ich ganz allein gestanden, so hätte ich niemals Mr. Leadbeaters Schriften als geeignete theosophische Lektüre empfohlen. Da ich - aus tieferliegenden Gründen - einmal in die T.S. eingetreten bin, so konnte ich natürlich nicht die Bücher eines anerkannten Führers ablehnen.

So liegt also der «Fall» meritorisch betrachtet. Die Behandlung aber, die er durch das Comite der Britischen Sektion erfahren hat, ist aber doch eine im okkulten Sinne ganz unmögliche. Wie kann es denn nur nicht klar sein, daß durch ein solches Gericht man etwas getan hat, was gleichkommt der Tat eines Menschen, der den Ast absägt, auf dem er sitzt?

Die Schwierigkeit liegt doch darin, daß der exoterische Charakter der T.S. notwendig immer kollidieren muß mit dem okkulten Standpunkt, wenn es sich um einen aus den okkulten Welten ergebenden Ernstfall handelt. Es müßte unter allen Umständen dafür gesorgt werden, daß Mr. Leadbeater nicht in gewöhnlichem Sinne moralisch verurteilt werde, daß jedermann, der über die Sache hört, auch erfährt, daß hier ein Fall vorliegt, der nur dem Okkultisten verständlich sein kann, und daß Leadbeater nicht im gewöhnlichen Sinne des Wortes «moralisch gefehlt» hat, sondern daß er seiner Methode zum Opfer gefallen ist, daß dasjenige, was das Publikum hier moralisch verurteilt, nach dem Grundsatze zu beurteilen ist, «wo starkes Licht ist, muß auch starker Schatten sein». Nur durch eine solche Interpretation kann man über die Erschütterung hinauskommen, in welche im andern Fall die Gesellschaft fallen wird müssen.

Es wird gar nicht darauf ankommen, daß wir über Mr. Leadbeater urteilen, den ja jetzt so viele verurteilen, sondern allein darauf, daß wir den rechten Weg finden, wie fruchtbar weiter zu arbeiten ist. Und der kann nur darin bestehen, daß der Rosenkreuzer-Pfad für europäische Verhältnisse als der richtige anerkannt wird. Tun wir das nicht, so werden die dem Leadbeaterschen ähnlichen Fälle sich wiederholen, und die Gesellschaft wird sich in ihre Atome auflösen. In der gegenwärtigen Phase der Menschheitsentwickelung muß der Okkultismus öffentlich gelehrt werden, selbstverständlich mit alle den Einschränkungen, die uns die heiligen Meister auferlegen; aber man muß sich doch auch bei diesem Lehren auf einen wirklich okkulten Standpunkt stellen. Es wäre widersprechend den Anforderungen unserer Zeit, wenn wir auf einen bloßen Betrieb der Dinge uns beschränken würden, welche durch den sogenannten «Gemeinsinn» kontrolliert werden können. Dieses Wort «Gemeinsinn» hat nämlich auf dem Pariser Kongreß eine verhängnisvolle Rolle gespielt.

Ich möchte Sie, dear Mrs. Besant, nun nicht weiter mit Einzelvorschlägen bezüglich dessen behelligen, was in Deutschland zum Heile unserer großen Sache zu tun ist, denn es ist ja ohnedies nur möglich, daß ich auch in diesem Falle die mir zugestandene volle Freiheit habe. In Mitteleuropa sind seit dem vierzehnten Jahrhunderte die Linien des okkulten Wirkens ja bestimmt vorgezeichnet; und wir müssen hier ganz notwendig diesen Richtungen folgen. Diejenigen, welche in Deutschland noch in den Bahnen wandeln, welche hier vor der Begründung unserer Sektion eingeschlagen worden sind, haben mir bei meinen Vorträgen oft gesagt: «Ja, aber Leadbeater sagt doch anders ...». Namentlich aber haben das immer Ausländer gesagt, die nach Deutschland zu Besuch gekommen sind. Ich wußte, daß ich anderes sagen mußte.

Ich brauche zum Schluße nur zu sagen, daß ich mich bei jedem Worte dieses Briefes meiner Devotion gegen die Meister bewußt bin, und daher kann ich auch wissen, daß Sie, dear Mrs. Besant, meine Offenheit nicht im unrechten Lichte sehen werden.

In aller Treue und Anhänglichkeit

Ihr ergebener

Dr. Rudolf Steiner



  1. Text nach der handschriftlichen Vorlage zur Übersetzung ins Englische durch Marie von Sivers. A. Besant scheint auf diesen Brief nicht geantwortet zu haben; jedenfalls befindet sich im Archiv unter ihren ziemlich komplett erhaltenen Briefen keine Antwort. ↩

  2. Bezieht sich auf die Aufsätze «Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?», die als Buchausgabe erst 1909 erschienen sind. ↩

German original of The “Leadbeater Affair” II · ← Previous · Next →