Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264 — Berlin
An Amalie Wagner in Hamburg
Berlin, 2. August 1904
Verehrtes, liebes Fräulein Wagner!
Heute ist es mir möglich, Ihnen die ersten Mitteilungen bezüglich der E.S. zukommen zu lassen. Das erste muß sein, über die Bedeutung der Schule zu sprechen. Die esoterische Schule ist eine okkulte Einrichtung, das heißt, sie steht unter der Leitung von hochentwikkelten Individualitäten. Das sind Menschen, welche den Weg bereits durchgemacht haben, weicher der Mehrzahl der Menschen noch bevorsteht. Solche hochentwickelten Individualitäten sind im Besitze eines hohen Grades von Weisheit, sind ausgestattet mit einem unbegrenzten Quell von Menschenliebe und mit der Gabe, denjenigen zu helfen, welche den Pfad der Vollkommenheit gehen wollen.
Diejenigen, welche in den Orden der Shrâvakas eintreten, verpflichten sich zu nichts anderem als dazu, bewußt nach Kräften an ihrer eigenen Vervollkommnung zu arbeiten, damit sie immer mehr und mehr auch zu Dienern in der Vervollkommnung des ganzen Menschengeschlechts werden. Jeder kann natürlich nur so viel tun, als in seinen Kräften liegt. Die Schule verlangt nichts. Sie will nur die Mittel an die Hand geben, durch welche jeder sich so vervollkommnen kann, wie es für ihn selbst und für die Menschheit notwendig ist. Und um solches zu erreichen, sind die genannten vollkommenen Individualitäten auf okkulte Art behilflich. Wer das «Versprechen» unterschreibt, für den beginnt auf eine ihm vorläufig vielleicht ganz unbewußte Art der Einfluß dieser vollkommenen Individualitäten. So arbeitet er einfach durch seine Zugehörigkeit zur Schule für die ganze Menschheit. - Alle Verpflichtungen, die der $. [Shrâvaka] übernimmt, übernimmt er nur gegen sich selbst. Denn ohne die Einhaltung dieser Verpflichtungen ist es unmöglich, das gesteckte Ziel zu erreichen; und die Mitgliedschaft an der Schule wäre zwecklos.
Verehrtes Fräulein Wagner! Ich will Ihnen nun in aller Kürze genau angeben, was zu tun ist. Beginnen können Sie mit allem erst am 18. August. Und zu diesem Zeitpunkt müßte ich Sie bitten, den Anfang zu machen. Aus Gründen, die nur dem Okkultisten bekannt sind, muß der Anfang zu ganz bestimmten Zeiten gemacht werden. Später wird Ihnen das alles klar werden.
Dann wäre folgendes zu tun. 1. Am Abend, bevor Sie sich zur Ruhe begeben - am besten ganz vor dem Einschlafen - bitte ich Sie, zuerst folgenden Satz in Gedanken -jeden Abend - zu wiederholen:
Strahlender als die Sonne
Reiner als der Schnee
Feiner als der Äther
Ist das Selbst,
Der Geist in meinem Herzen.
Dies Selbst bin Ich,
Ich bin dies Selbst.1
Wenn Sie dies durchdacht haben, aber so durchdacht, daß sich kein fremder Gedanke in Ihr Bewußtsein drängt, während Sie sich diesen Satz vorhalten: dann verwenden Sie 4 - 5 Minuten darauf, eine Rückschau auf die Erlebnisse des Tages anzustellen. Da bitte ich Sie, diese Erlebnisse des Tages vor Ihrer Seele kurz vorüberziehen zu lassen und sich selbst klar zu machen, wie Sie sich zu diesen Ereignissen stellen. Man beobachtet sich da selbst, und fragt sich, ob und inwiefern man mit sich selbst einverstanden ist, was man besser hätte erleben können, was man besser hätte machen können. So wird man sein eigener Beobachter. Der Sinn ist dabei der, daß man sich selbst von einem höheren Gesichtspunkt aus beobachtet, und allmählich so das «höhere Selbst» über den Alltagsmenschen zum Herrscher wird. Dabei sollte aber alles wegfallen, was der Sorge, dem Kummer über das Erlebte gleichkommt. Wir sollen lediglich von unserm eigenen Leben lernen, es zur Lektion machen. Wir sollen nicht in Reue an die Vergangenheit denken - dazu ist den übrigen Tag hindurch ja Zeit - sondern mutig diese Vergangenheit für die Zukunft benutzen. Dann lernen wir für unser gegenwärtiges persönliches Dasein, und wir lernen vor allem für die Zeit, die über den Tod hinaus liegt.
Wenn man in dieser Art die Tagesrückschau vollbracht hat, dann schläft man ein mit dem Gedanken an die Menschen, die man lieb hat und denen man helfen will. Es kann sich daran noch schliessen die Vorstellung eines Lebensideals, mit dem man besonders verwachsen ist.
Nun am Morgen. Möglichst bald nach dem Erwachen ist eine kleine Meditation zu leisten. Sie besteht in folgendem:
- Wiedervorhalten obigen Gedankens: «Strahlender....»
- Die eigentliche Meditation (6-8 Minuten)
Ich bitte Sie, dazu jeden Tag einen Satz zu nehmen aus der «Nachfolge Christi» von Thomas a Kempis. Dies in folgender Weise.
Sie nehmen in den ersten 8 Tagen aus dem 3. Kapitel «Wohl dem, den die Wahrheit...» Diesen Satz prägen Sie sich gut ein, so daß er Ihnen ganz im Gedächtnis ist. Dann erfüllen Sie die angezeigten 6 bis 8 Minuten Ihr ganzes Bewußtsein mit diesem Satze. Es soll jeglicher andere Gedanke ausgeschlossen sein. Wir erreichen dadurch, daß wir einen solchen spirituellen lebendigen Satz in unser ganzes Wesen aufnehmen. Wir durchdringen uns mit ihm. Und er strahlt dann über alles, was wir tun und sind, seine Kraft aus. Sie behalten denselben Satz jeden Tag durch 8 Tage bei. Dann kommt der nächste Satz und so fort.
Der dritte Teil der Morgenmeditation ist die Devotion zu dem, was uns göttlich-heilig ist, zum Beispiel zu Christus. Das soll mindestens 4 bis 6 Minuten dauern und in hingebender Verehrung unseres Heiligen Wesens bestehen.
Das sind zunächst alle Übungen. Durch diese Übungen wird es den vollkommenen Wesen (Meistern) möglich, an uns heranzukommen, uns aufzunehmen in den Strom, der zur Vervollkommnung führt. Bezüglich 6. der Regeln2 bemerke ich nur noch, daß die einzige Ausnahme, in der ein Schluck Wein genommen werden darf, das heilige Abendmahl ist; da ist die schädliche Wirkung nicht vorhanden, weil es sich um eine Zeremonie handelt. Diese Enthaltsamkeit sonst sollte allerdings ganz streng geübt werden. Es handelt sich nicht darum, eine Pflicht gegenüber der Schule zu erfüllen, sondern darum, die Vollkommenheit zu fördern. Insbesondere beim Shrâvaka wird es genügen, wenn im wesentlichen der Alkoholgenuß vermieden wird. Doch besser ist auch hier besser.
Das Buch 3. schreibe ich nächstens.3 «Engel» ist der [Julius] Engel in Berlin. Er hat die «Briefe, die mir geholfen haben» übersetzt.4 Ich bitte Sie aber, vorläufig die Dinge, die da angegeben sind, nicht zu üben, sondern... [Schluß des Briefes fehlt].
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Siehe hierzu Seite 447. ↩
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Dem Brief waren Regeln und ein Versprechen-Text beigefügt, siehe Seite 139. ↩
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Vermutlich ist damit die «Geheimwissenschaft im Umriß» als das dritte theosophische Buch gemeint (1. Buch «Das Christentum als mystische Tatsache» (1902), 2. Buch «Theosophie» (Mai 1904). Die «Geheimwissenschaft» war ursprünglich als zweiter Teil der «Theosophie» geplant und seit 1905 als in Vorbereitung angekündigt, konnte jedoch infolge der Überbeanspruchung erst Ende 1909 erscheinen. ↩
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«Briefe, die mir geholfen haben». Gesammelt von Jasper Niemand [Pseudonym für Julia Campbell Ver Plank, seit 1891 die Frau von Archibald Keightley]. Übersetzung aus dem Englischen von Julius Engel. Selbstverlag Charlottenburg o.J. Die englische Originalausgabe erschien 1891. Neuausgabe «Letters That Have Helped Me» by William Q. Judge (compiled by Jasper Niemand), Theosophical University Press, Pasadena, California. 1981). ↩