Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — Berlin

An Anna Minsloff in Rußland

Briefe im Zusammenhang mit der Wahl von Annie Besant VI

An Anna Minsloff in Rußland

Privat! Berlin, 26. März 1907

Mein liebes Fräulein Minsloff!

Ihr Gefühl in bezug auf das, was an Mitteilungen über okkulte Vorgänge von Adyar aus verbreitet wird, leitet sie richtig. Nun aber befinden wir uns in einer schweren Zeit, nicht nur für den Fortgang der Theosophischen Gesellschaft, sondern für das spirituelle Leben überhaupt. Es sind viele dunkle Mächte an der Arbeit, um gerade das redlichste okkulte Streben, das für die gegenwärtige Zeit zum Heile der Menschheit so notwendig ist, zu zerstören. Im gegenwärtigen Augenblicke muß mein Mund noch geschlossen bleiben über die eigentlichen tieferen Grundlagen des Kampfes, der hinter den Kulissen geführt wird. Es kann ein furchtbarer Kampf werden und wir werden mit offenen Augen dem gegenüberstehen müssen, was da kommt. Es wird vielleicht bald die Zeit kommen, wo über die Vorgänge in Adyar mein Mund nicht mehr geschlossen sein wird. Vorläufig bleibt es das beste, alles einfach zu ignorieren, was von Adyar oder sonst über okkulte Vorgänge verbreitet wird, wenn es sich in der Linie bewegt, wie das bisher Veröffentlichte. Es heißt sich wirklich die Augen verbinden, wenn man es so macht wie Fräulein Kamensky und froh ist, wenn man irgendwo einen Strohhalm findet, um sich damit einen Stein vom Herzen zu wälzen. Man muß alles von dieser Quelle Kommende ignorieren.

Nun ist in gegenwärtigem Augenblicke nicht die Frage das wichtige, wer gewählt wird, sondern die Hauptsache ist, daß die heilige Sache der Meister nicht zusammengeworfen werde mit einer solchen Sache, wie eine Wahl ist. Nicht darauf, ob Mrs. Besant gewählt wird oder nicht, kommt es an, sondern darauf, daß sie die Wahl überhaupt in Zusammenhang bringen kann mit den erhabenen Meistern. Das ist es, was die denkbar größte Verwirrung anrichten muß, und was in Zukunft dahin führen könnte, daß auch der letzte Zusammenhang zwischen den Meistern und der Gesellschaft unterbrochen wird. Denn die Meister werden sich vielleicht gar nicht mehr um eine Gesellschaft kümmern, in der man ihnen zumutet, daß sie eine solche Rolle spielen, wie gegenwärtig von Adyar aus behauptet wird.

Viel wichtiger, ob Mrs. Besant gewählt wird, ist, daß sie selbst wieder auf den richtigen Weg kommt. Wenn nicht ganz besondere Verwicklungen noch eintreten, so wird Mrs. Besant wohl gewählt werden müssen. Von allen älteren Mitgliedern der Gesellschaft muß sie bis jetzt als das geeignetste erscheinen. Bitte sagen Sie nur ja gar keinem Menschen, daß Sie an mich denken, denn abgesehen davon, daß das so aussichtslos als möglich ist, ist meine Aufgabe auf einem ganz anderen Gebiete gelegen, als auf dem der Verwaltung der Gesellschaft. Es muß doch darnach getrachtet werden, daß die Stellung des Präsidenten ihn immer mehr zu einer bloßen Administrativpersönlichkeit mache. Derjenige wird der beste Präsident sein, der gut die Register macht, die Schreibereien von Adyar aus besorgt und im übrigen über okkulte Dinge den Mund nicht aufmacht. Daß Mrs. Besant ihr Amt nicht so auffassen werde, das scheint der gewichtigste Grund gegen ihre Wahl zu sein. Allein eine solche Auffassung von der Stellung des Präsidenten wird sich erst nach vielen Jahren durchringen. Deshalb wird wohl vorläufig das beste sein, wenn Mrs. Besant gewählt wird. Die Praxis, wie wir dann handeln und wie wir okkulte Mitteilungen, die so verbreitet werden wie die jetzigen, immer streng zurückweisen, davon wird es abhängen, ob die Gesellschaft in der Zukunft ein Pfleger des Spirituellen wird sein können. Doch möge sich vorläufig kein Mitglied noch entscheiden. Die Wahl in der deutschen Sektion wird erst am ersten Mai stattfinden, und da kann noch manches geschehen, was die Abstimmung in diese oder jene Richtung lenken könnte. Bis dahin aber werden Sie noch durch mich hören, was ich für das richtige halte.

Ihr inneres Leben geht in den richtigen Bahnen weiter, wie wir es hier besprochen haben. Da Sie alles richtig machen, habe ich Ihnen keine neuen Weisungen zu geben, sondern nur aus der physischen Ferne, aber der geistigen Nähe, in Gedanken das zu schicken, was ich Ihnen zu schicken vermag.

In diesem Sinne ganz der Ihre

Dr. Rudolf Steiner

German original of To Anna Minsloff in Russia · ← Previous · Next →