Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914
GA 264 — Munich
An George R.S. Mead
Briefe im Zusammenhang mit der Wahl von Annie Besant IV
An George R.S. Mead, der mit Datum vom 3. März 1907 einen Brief an Rudolf Steiner schickte mit der Bitte, Meads Rundschreiben an die Zweige der T.G. vom 1. März 1907, das sich gegen die Kandidatur von A. Besant wendete, in der deutschen Sektion zur Kenntnis zu bringen. Nach einer mit Schreibmaschine geschriebenen Vorlage, auf deutsch und englisch. (Datum nach dem englischen Text, der durch ein Versehen May für März hat, auch in der ersten Zeile.)
München, 6. Mai [März] 1907 My dear colleague,
Besten Dank für Ihren Brief vom 3.3. mit dem Einschluß über die Präsidentenwahl.
Offen gestanden, ich halte doch an der ganzen Sache für das Schlimmste, daß überhaupt hat innerhalb der Gesellschaft die Idee auftauchen können, eine solche Angelegenheit wie die Präsidentenwahl mit irgendwelchen Kundgebungen der übersinnlichen Welt in Zusammenhang zu bringen. Allein die Tatsache, daß so etwas hat veröffentlicht werden können, ist schlimm. Denn was auch immer jetzt geschehen mag: die Verwirrung, die das anrichtet, ist schwer zu reparieren. Ich hätte daher am liebsten über die ganze MahatmaAngelegenheit in unserer Sektion geschwiegen, das Wort «Appointment» ignoriert. Und die Nomination von Mrs. Besant als eine persönliche Willensmeinung unseres lieben Olcott verkündet. Dadurch wären wir einfach über die fatalen Manifestationen in Adyar zur Tagesordnung übergegangen. Das schien mir nicht unberechtigt zu sein, denn Olcotts bezügliche Kundgebungen sind ja doch wohl nur auf die Schwächezustände seiner Krankheit zurückzuführen.
Das alles spreche ich natürlich nur mit Bezug auf die deutsche Sektion. Nun wird durch die Bekanntgabe der Sache und die Diskussion in den andern Sektionen eine solche Politik immer mehr und mehr zur Unmöglichkeit gemacht. Und wer wie ich in einer jungen aufstrebenden Sektion zu wirken hat, die in der letzten Zeit schöne Fortschritte gemacht hat, der ist in diesem Augenblicke vor eine klägliche Situation gestellt.
Dies durch folgendes:
- Wir dürfen unsere Mitglieder nicht vor die Situation stellen, daß sie in einer statutengemäß freien Wahl durch irgendwelche übersinnliche Kundgebungen beeinflußt werden können.
- Wir setzen uns dem Spott der außertheosophischen Welt aus, wenn diese Kundgebungen irgendwie bekannt werden. Ich würde nun keinen Augenblick mich besinnen, diesen Spott und Hohn ruhig hinzunehmen, wenn ein einschlägiges Prinzip auf dem Spiele stünde. Hier ist das nicht nur nicht der Fall, sondern die Sache steht vielmehr so, daß man sich des Rechtes begeben würde, sich jemals ferner auf die Erlebnisse der höheren Welten zu berufen, wenn man Miene machte, sich auf diese Mahatma-Kundgebungen zu berufen. Und bei der Art, wie von mir bisher die deutsche theosophische Bewegung gelenkt worden ist, ist es auf die Dauer fast unmöglich, bei einer Frage über das Inhaltliche dieser Sache nur mit den Achseln zu zucken. Schließlich haben die Mitglieder ein Recht, eine Ansicht darüber zu hören. In dem Augenblicke aber, in dem ich diese meine Ansicht sage, zerstöre ich manches von dem, was ich hier aufgebaut habe.
Aus allen diesen Gründen muß ich, wie ich bisher nichts von all dem Übersinnlichen in Adyar innerhalb der deutschen Sektion veröffentlicht habe, auch mit der Publikation Ihrer werten Mitteilungen noch meine Entschließungen mir vorbehalten. Ich werde aber niemals ermangeln, dahin zu wirken, daß eine rein administrative Angelegenheit durch das Hereinziehen übersinnlicher Dinge nicht verwirrt werde. Ich habe Mr. Sinnett benachrichtigt, daß ich die Wahl vor dem 1. Mai nicht einleiten werde. Vielleicht ergibt sich bis dahin doch noch die Möglichkeit, die uns von Adyar aus geschaffene fatale Situation zu reparieren.
Persönlich möchte ich in bezug auf den einen Punkt Ihres Zirkulars nur noch bemerken, daß ich es natürlich für ganz unmöglich halte, daß der Präsident unserer Gesellschaft das Haupt einer esoterischen Schule sein kann.
Yours very sincerely
[Rudolf Steiner]