Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — Berlin

An Jan Lagutt in Binningen bei Basel

Berlin, 12. Januar 1906

Verehrtester Herr Doktor!

Der richtige Anfang des Meditierens ist der folgende:

Man sucht in einer Morgenzeit, in der noch keine anderen Eindrücke durch die Seele gezogen sind - am besten gleich nach dem Erwachen - die volle Windstille der Seele herzustellen. Vollkommene Ablenkung der Aufmerksamkeit von allen äußeren Eindrücken und auch von allen Gedächtnisvorstellungen, die sich auf das alltägliche Leben beziehen.

Aus dieser so still gewordenen Seele läßt man dann aufsteigen die folgenden Sätze, so daß das ganz Innere davon (3-5 Minuten) erfüllt ist:

«In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglänzt die Gottheit der Welt
In der reinen Liebe zu allen Wesen
Erstrahlt die Göttlichkeit meiner Seele
Ich ruhe in der Gottheit der Welt
Ich werde mich selbst finden
In der Gottheit der Welt.»

Es kommt darauf an, daß diese Sätze ganz wörtlich vorgestellt werden.

Dann folgt (durch weitere 3-5 Minuten)
im 1. Monat: der erste Satz in «Licht auf den Weg»
im 2. Monat: der zweite Satz in «Licht auf den Weg»
im 2. Monat: der dritte Satz in «Licht auf den Weg»
im 2. Monat: der vierte Satz in «Licht auf den Weg»

Dann (durch weitere 3-5 Minuten) devotionelle Hingabe an sein göttliches Ideal, woran man schließt die intensive Empfindung des Wertes einer Tugend, die man sich einimpfen möchte.

Abends: Rückschau auf die Taten und Erlebnisse des Tages. Rückläufig, vom Abend zum Morgen. Ohne Reue, bloß mit der Tendenz, vom Leben zu lernen. Schläft man dabei ein, so macht es nichts. Es kommt nicht auf Vollständigkeit, sondern darauf an, die Gesinnung zu entwickeln, vom Leben zu lernen.

Nur morgens bei der Meditation muß vollkommenes Wachsein stattfinden.

Mit den herzlichsten Grüßen

Dr. Rudolf Steiner

German original of To Jan Lagutt in Binningen near Basel · ← Previous · Next →