Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — Berlin

An Maria Kili in Straßburg

[Undatiert, August 1908]

Gesprochen darf über die Übung mit niemand werden. Dieses schreiben Sie ab und senden es mir wieder zurück.

Liebes Fräulein Kili!

Die Ihnen bei meinem Straßburger Aufenthalt versprochenen Übungen sind folgende:

Morgens früh, möglichst bald nach dem Erwachen, wenn noch keine andern Gedanken durch die Seele gezogen sind, versuche man die Aufmerksamkeit von der Umgebung und auch von allen alltäglichen Gedanken abzulenken und sich durch 5 Minuten (doch nicht nach der Uhr, sondern nach dem Gefühl) ganz in die folgenden 7 Zeilen zu vertiefen:

In den reinen Strahlen des Lichtes
Erglänzt die Gottheit der Welt
In der reinen Liebe zu allen Wesen
Erstrahlt die Göttlichkeit meiner Seele.
Ich ruhe in der Gottheit der Welt
Ich werde mich selbst finden
In der Gottheit der Welt.

Nachdem dies geschehen, mache man einen tiefen Atemzug, wie wenn man J einatmete; nachdem man eingeatmet hat, setze man zum J noch CH hinzu, so daß man «Ich» in sich hat, wie die Kraft, welche die Atemluft durchdringt. Diese Kraft (nämlich «Ich» in der Atemluft) lasse man im Gedanken durch den ganzen Körper dringen; dann wieder zurück in die Brust. Dann atme man CH aus und J behalte man im Körper. Man soll dabei den Gedanken haben, J bedeute auch noch Jesus und CH Christus. Dieses Atmen wird dreimal wiederholt.

Dann soll das Bild einer Pflanze, wie sie aus dem Samenkorn entsteht, wie sie wächst, blüht, Frucht trägt, wieder verwelkt und erstirbt, die Seele durch etwa 5 Minuten (nicht nach der Uhr, sondern nach dem Gefühle) erfüllen.

Abends 7-8 Zeilen lesen aus Dr. Steiners «Theosophie» und dann darüber etwa 1/4 Stunde eigene Gedanken machen.

Darnach Rückschau auf die Tageserlebnisse und zwar von Abend angefangen, am Morgen aufgehört.

Mit diesen Übungen wird fortgefahren, Tag für Tag, bis von mir neue an die Stelle gesetzt werden. Man muß Geduld haben, genau dasselbe Monate lang, vielleicht Jahre lang zu üben. Die Frucht wird schon kommen.

Theos. herzl. Gruß

Dr. Rudolf Steiner

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