Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — Berlin

An die sämtlichen Mitglieder der Deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft

Briefe im Zusammenhang mit der Wahl von Annie Besant V

AN DIE SÄMTLICHEN MITGLIEDER DER DEUTSCHEN SEKTION DER THEOSOPHISCHEN GESELLSCHAFT

Berlin, 12. März 1907

Liebe Freunde!

Gewisse Vorgänge, die sich gegenwärtig innerhalb der Theosophischen Gesellschaft abspielen, machen es notwendig, daß die folgenden Zeilen an die Mitglieder der deutschen Sektion gerichtet werden. Diese Vorgänge haben bisher innerhalb der deutschen Sektion keine Rolle gespielt, und das mit Recht. Nun aber wirbeln sie innerhalb anderer Sektionen - leider ganz zum Unheil der Gesellschaft - viel Staub auf und es kann wohl nicht ausbleiben, daß die Sache von außen auch in unsere Sektion hereingespielt wird und hier die Gemüter beunruhigt. Deshalb wird dieses Schreiben notwendig. Die betreffenden Vorgänge beziehen sich auf die Wahl eines Nachfolgers für unsern lieben verehrten Präsidenten-Gründer H.S. Olcott. Nach den Statuten unserer Gesellschaft hätte die Erwählung eines neuen Präsidenten die leichteste, glatteste Sache von der Welt sein können.

Sie wird nun ganz ohne Grund verworren gemacht.

Die Statuten besagen:

Der Präsident-Gründer Colonel H.S.Olcott hat das Amt eines Präsidenten für Lebenszeit inne, und hat das Recht, seinen Nachfolger vorzuschlagen. Dieser Vorschlag unterliegt der Anerkennung durch die Gesellschaft. Die Stimmabgabe hat in der vorausgesehenen Weise zu erfolgen. Der Präsident wird für sieben Jahre gewählt. Sechs Monate vor Ablauf der Amtsdauer eines Präsidenten wird sein Nachfolger durch das Generalkonzil vorgeschlagen, auf einer durch dieses abzuhaltenden Versammlung. Und der Vorschlag wird den Generalsekretären und dem allgemeinen Sekretär der Gesellschaft mitgeteilt. Jeder Generalsekretär sammelt die Stimmen seiner Sektion ihren Satzungen gemäß, der allgemeine Sekretär diejenigen der übrigen Mitglieder der Gesellschaft. Für die Wahl ist eine Mehrheit von zwei Drittel der abgegebenen Stimmen notwendig.

Daraus ist ersichtlich, daß dem Präsidenten-Gründer besondere Rechte zugestanden waren, die in Zukunft wegfallen werden.

Im Sinne dieser Rechte müssen wir nun wählen. Das heißt, der Generalsekretär einer Sektion hat den Mitgliedern bekanntzugeben, welchen Vorschlag der Präsident-Gründer bezüglich seines Nachfolgers gemacht hat. Weiters hat der Generalsekretär jedem Mitglied seiner Sektion einen Stimmzettel auszuhändigen oder zuzuschicken, den das Mitglied nach seinem freien Ermessen ausfüllt.

Natürlich braucht kein Mitglied sich nach dem Vorschlage des Präsidenten-Gründers zu richten, sondern setzt den ihm geeignet erscheinenden Namen auf den Stimmzettel. Der Stimmzettel ist dann ausgefüllt an den Generalsekretär zurückzusenden.

Für die deutsche Sektion ist im Grunde schon alles Nötige im Sinne der Statuten geschehen, bis auf die Vornahme der Wahl selbst. Und diese muß im Sinne der Anordnungen des Vize-Präsidenten vorgenommen werden, der bis zur Übernahme des Amtes durch einen neuen Präsidenten alle Funktionen des Präsidenten zu versehen hat. Dieser amtierende Vize-Präsident ist gegenwärtig Mr. Sinnett. Es wird nun in unserer Sektion die Wahl zur richtigen Zeit richtig vorgenommen werden.

Soweit wäre also alles in absolutester Ordnung.

Unordnung wird aber in die Sache durch folgendes gebracht.

Unser verehrter Präsident-Gründer hat vor seinem Hingange an die Generalsekretäre und an andere allerlei Zirkulare gesandt, in denen er mitteilte, daß ihm von höheren Welten die Weisung zugekommen sei, eine bestimmte Persönlichkeit, nämlich Mrs. Besant zu seinem Nachfolger zu ernennen.

Der Präsident-Gründer behauptet, daß gewisse Meister, welche in theosophischen Kreisen mit den Namen M. und K.H. belegt zu werden pflegen, ihm erschienen wären, und ihm die genannten Weisungen gegeben hätten.

Über die Echtheit oder Unechtheit dieser Weisungen zu diskutieren, ist Sache der Esoterik. Und nötig wäre gewesen, diese ganze Sache in der Administration vollkommen zu ignorieren. Denn von wem Ölcott für seinen Vorschlag bezüglich seines Nachfolgers einen Rat annimmt, das geht niemand außer Olcott etwas an. Es kommt dabei auch gar nicht darauf an, ob Olcott sich hat von einem gewöhnlichen Menschen oder einer übersinnlichen Macht raten lassen.

Man kann der Ansicht sein, daß Olcott die ganze Sache nicht hätte mitteilen sollen. Allein diese Mitteilung ist doch wohl einer Schwäche seiner letzten schwer kranken Zeiten zuzuschreiben. Ebenso ist es dieser Schwäche zuzuschreiben, daß er statutenwidrig sagte, er ernenne seinen Nachfolger. Denn die Statuten geben ihm kein Ernennungsrecht, sondern nur ein Vorschlagsrecht.

Es wäre daher das richtige gewesen, aus Olcotts Zirkular das richtige herauszulösen und alles andere zu ignorieren.

Dies ist nun in verschiedenen Sektionen nicht geschehen.

Es wird gerade über dasjenige viel diskutiert, was nicht zur Wahlangelegenheit gehört. Dadurch ist Gefahr vorhanden, daß eine rein administrative Angelegenheit mit Dingen der Esoterik zusammengeworfen werde. Gerade dann, wenn man den richtigen esoterischen Standpunkt einnimmt, daß unsere Lehren auf übersinnliche Quellen zurückgehen, dann sollte man sich sorgfältig hüten, eine reine Gesellschaftssache wie die Präsidentenwahl in irgendeinen Zusammenhang mit übersinnlichen Mächten zu bringen. Es würde allen esoterischen Grundsätzen widersprechen, das Übersinnliche in die Diskussion hereinzuziehen, in die man bei einer Präsidentenwahl doch immer kommen kann. Es soll hier ausdrücklich betont werden, daß es eigentlich prinzipiell gar nicht notwendig wäre, das folgende zu sagen, und daß es hier nur gesagt wird, um Mißverständnissen vorzubeugen, die durch Diskussionen hervorgerufen werden können, an denen die Leitung der deutschen Sektion unschuldig ist, die sich nun aber leider einmal erhoben haben.

Keine derjenigen Individualitäten, die wir in übersinnlichem Schauen erkennen können, wird jemals sich in eine solche Angelegenheit mischen, wie die gegenwärtige Präsidentenwahl ist. Das hieße unseren Willen binden, diese Individualitäten aber wollen unsern Willen durch die Art, wie sie zu uns stehen, gerade frei machen, so daß er im Einzelnen das Richtige treffen kann. Daher kommen die Strömungen geistigen Lebens niemals von ihnen in der Form zu uns, daß darinnen eine Beeinträchtigung der freien Wahl liegen kann. Ich sage damit schon etwas, was über die Befugnisse des Generalsekretärs hinausgeht, doch muß ich es sagen als der Freund der Mitglieder.

Es wird auch die Zeit kommen, in der ich werde sagen können, wie es sich mit den Kundgebungen über die von Adyar aus gesprochen wird, eigentlich verhält. Ich würde nicht das Richtige machen, wenn ich darüber schon jetzt sprechen würde.

Ich möchte die Mitglieder nun bitten, gerade in der jetzigen Zeit sorgfältig die offiziellen Kundgebungen von den nicht-offiziellen zu unterscheiden. Eine durchaus private Kundgebung ist zum Beispiel die von Mr. Mead jetzt an die Zweige gesandte. Sie ist als nichts anderes aufzufassen denn als die persönliche Ansicht Mr. Meads. Alle offiziellen Mitteilungen können nur durch den Generalsekretär einer Sektion den Mitgliedern zugehen. Auch der stellvertretende Präsident Mr. Sinnett wird alle Mitteilungen nur an mich gelangen lassen, und ich werde alles pflichtgemäß an die Mitglieder gelangen lassen.

Dies zur Klarstellung des Sachverhaltes. Anderes baldigst.

Mit theosophischen herzlichen Grüßen Dr. Rudolf Steiner

Generalsekretär der deutschen Sektion der Theosophischen Gesellschaft.

German original of To The Members Of The German Section Of The Theosophical Society · ← Previous · Next →