Zur Geschichte und aus den Inhalten der ersten Abteilung der Esoterischen Schule 1904 bis 1914

GA 264 — Berlin

Briefe im Zusammenhang mit dem sogenannten «Fall Leadbeater» I

durch den die Trennung von der Esoteric School of Theosophy eingeleitet wurde

An Die Mitglieder Der Deutschen Sektion Der Theosophischen Gesellschaft

[Berlin, Anfang Juli 1906] Liebe Freunde! Der Präsident-Gründer der Theosophischen Gesellschaft sandte an mich als den Generalsekretär der deutschen Sektion folgende Exekutiv-Notiz und fordert mich auf, deren Inhalt den Mitgliedern mitzuteilen. Ernste Beschuldigungen,1 welche durch das Exekutiv-Komitee der amerikanischen Sektion der Theosophischen Gesellschaft gegen Mr. C. W. Leadbeater erhoben worden sind, haben den Präsidenten-Gründer veranlaßt, eine Versammlung für den 16. Mai in London einzuberufen, bei welcher zugegen waren das ganze Exekutiv-Komitee der britischen Sektion und Delegierte der amerikanischen und französischen Sektion. Es sollte mit dem Präsidenten beraten werden, welche Maßnahmen man zu treffen habe. Nach sorgfältiger Betrachtung der Beschuldigungen, und nachdem Mr. Leadbeaters mündliche Auseinandersetzung zur Kenntnis genommen worden war, wurde folgende Resolution angenommen: Nach Kenntnisnahme der gegen Mr. C.W. Leadbeater vorgebrachten Beschuldigungen und nach dem Anhören seiner Auseinandersetzungen empfiehlt das Komitee einmütig dem Präsidenten die Annahme von Leadbeaters Resignation, welche dieser schon vor irgendeiner Beschlußfassung des Komitees eingereicht hatte. Die Mitgliedschaft Mr. Leadbeaters innerhalb der Theosophischen Gesellschaft erlischt damit, ebenso sein Mandat als Präsidial-Delegierter. H. S. Olcott P.T.S.

Liebe Freunde!

Eine wichtige Mitteilung gelangt durch das obige Schriftstück in einer etwas kurzen Form an die Mitglieder der Theosophischen Gesellschaft. Mr. Leadbeater ist ja nicht nur Mitglied der Gesellschaft; er ist einer der hervorragendsten Verbreiter der theosophischen Weltanschauung. Seine Bücher sind für viele die Anleitung zur Theosophie und Führer innerhalb derselben geworden. Er hat zahlreiche Schüler, die gerade seiner Richtung folgen. Eben hat er eine lange Vortragsreise hinter sich, durch die er Bedeutsames in bezug auf die theosophische Bewegung in Amerika, in Australien geleistet hat. Und unmittelbar daran schließen sich nun «schwere Beschuldigungen», welche seitens der amerikanischen Sektion vorgebracht werden, derjenigen Sektion also, innerhalb welcher er eben vorher so tatkräftig gewirkt hat.

Ich muß angesichts dieser Verhältnisse den Mitgliedern der deutschen Sektion das Recht zugestehen, daß sie von mir als Generalsekretär eine Erklärung dieser Tatsache verlangen können. Es wird ja von manchen Seiten immer wieder betont, daß die Theosophische Gesellschaft in ihren Zielen und Aufgaben nicht zusammengeworfen werden dürfe mit dem, was einzelne ihrer Mitglieder vollbringen. Aber anderseits kann doch auch wieder nicht geleugnet werden, daß sich die Gesamttätigkeit der Gesellschaft aus den Arbeiten ihrer einzelnen Mitglieder zusammensetzt, und daß es nicht gleichgültig sein kann, wenn das Vertrauen zu hervorragenden Arbeiten durch Tatsachen von der im Zirkular des Präsidenten mitgeteilten Art eine schwere Erschütterung erleiden muß. Denn mit diesem Vertrauen in die Arbeiter fällt doch gewiß auch dasjenige in ihre Leistungen hinweg. Und diese Leistungen bilden den wahren lebendigen Inhalt der Gesellschaft. Sie sind dasjenige, wodurch die Gesellschaft eine große Aufgabe erfüllen soll, wovon ihre Mitglieder geistige Nahrung schöpfen wollen. Von der immer wiederkehrenden Aufzählung der «drei Grundziele», die höher stehen sollen als alle Leistung Einzelner, kann die Gesellschaft sicherlich nicht leben.

Nun gibt es aber Gründe dafür, in einem Zirkular über diejenigen Dinge nicht zu sprechen, wegen welcher einige unserer amerikanischen Mitglieder schwere Beschuldigungen gegen Mr. Leadbeater erhoben haben, und wegen welcher sich die Mitglieder des Exekutiv-Komitees der britischen Sektion und einige Delegierte der französischen und amerikanischen Sektion bewogen gefühlt haben, ihre Zustimmung zu geben zur Annahme von Mr. Leadbeaters Resignation.

Ich selbst kann nun über diesen Fall Leadbeater um so unbefangener sprechen, als ich immer von demjenigen Standpunkte des Okkultismus aus, den ich vertreten muß, die Methoden ablehnen mußte, durch welche Mr. Leadbeater zu seinen okkulten Erkenntnissen kommt und die er auch als brauchbare Methoden für andere empfiehlt. Ich sage damit nichts für oder gegen die Richtigkeit dessen, was Leadbeater in seinen Büchern als okkulte Wahrheiten vertritt. Es ist im Okkultismus so, daß jemand zu einigen richtigen Einsichten kommen kann, trotzdem die Methoden, die er anwendet, gefährlich sind und leicht auf Abwege führen können. Ich muß also den Fall Leadbeater auf viel tiefer liegende Untergründe zurückführen. Zugleich aber muß ich erklären, daß fast für niemanden eine Garantie besteht, nicht in eine verhängnisvolle Verirrung zu kommen, wenn er diejenigen Methoden anwendet, welche Leadbeaters Arbeiten zugrunde liegen. Deshalb, weil ich diesen Standpunkt einnehme, war für mich der Fall Leadbeater keine Überraschung. Aber ich glaube nicht, daß irgend jemand, der mit der methodischen Grundlage von Leadbeaters okkulten Forschungen einverstanden ist, jetzt einen Grund hat, ihn zu verurteilen. Entweder müßte in dem an die Mitglieder gesandten Zirkular klar angegeben sein, daß die Beschuldigungen solche Dinge betreffen, die ganz und gar nichts mit dem Okkultismus zu tun haben, oder aber es fällt mit Leadbeater sein ganzes okkultes System. Ich bin mir über das letztere ganz klar; deshalb habe ich hier statt einer offiziellen Erklärung, die in der Exekutiv-Notiz nicht enthalten ist, meinen Standpunkt den Mitgliedern der deutschen Sektion auseinandergesetzt.

Was die Beurteilung Mr. Leadbeaters als Mensch angeht, die vielleicht für manchen wichtig sein könnte, so darf angeführt werden, daß er bei seinen Erklärungen die gute Absicht immer betont hat, die er bei all dem gehabt hat, wessen er beschuldigt wird. Und einen vernünftigen Grund, dieser Behauptung Leadbeaters irgend welche Zweifel entgegenzubringen, hat niemand. Auch kommt für diese Frage in Betracht, daß eben jetzt eine größere Anzahl von amerikanischen Mitgliedern der Theosophischen Gesellschaft ein Rundschreiben versandt hat, in dem energisch Verwahrung eingelegt wird gegen das Vorgehen in bezug auf Mr. Leadbeater und daß kräftig darinnen dessen Wiedereinsetzung in alle seine Rechte verlangt wird. Daraus könnte doch auch der Schluß gezogen werden, daß man über das gegen Leadbeater Vorgebrachte auch eine andere Ansicht haben kann, als das amerikanische Exekutiv-Komitee sie hat, und als sie diejenigen haben, welche die Meinung dieses Komitees einfach zu der ihrigen machen.

Ich bitte die verehrten Mitglieder der deutschen Sektion, sich in ihrem Festhalten an der theosophischen Sache nicht erschüttern zu lassen, was auch immer für Folgen der Fall Leadbeater noch haben mag; und damit sende ich allen Freunden

herzlich theosophischen Gruß

Dr. Rudolf Steiner
Generalsekretär der deutschen Sektion

Für weitere mündliche Aufklärung über die Sache stehe ich bei entsprechender Gelegenheit jedem Mitgliede gern zur Verfügung.



  1. Zu den gegen Leadbeater erhobenen Beschuldigungen siehe die Biographie Leadbeaters von Gregory Tillet «The Elder Brother», London 1982. ↩

German original of The “Leadbeater Affair” I · ← Previous · Next →