Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914

GA 265 — 12 December 1904

A. W. Sellin an Rudolf Steiner

Berichte über Memphis-Misraim-Maurerei

Hamburg, 12. Dezember 19041

Ägyptische Maurerei

Als Begründer der sogenannten ägyptischen Maurerei gilt Cagliostro.2 Dieser war nach seiner eigenen Behauptung in London in den Freimaurerbund aufgenommen worden, was aber nicht erwiesen ist.

Zu der Begründung der genannten Lehrart soll ihm ein gewisser George Coston die erste Idee und die Papiere gegeben haben.

Cagliostro versuchte Logengründungen im Haag und in Rußland, aber ohne Erfolg, dagegen gelang es ihm am 8. Oktober 1779 in Straßburg seine erste Loge vom Rite &gyptien zu errichten. Dieselbe bestand bis 1783.

Im Oktober 1784 errichtete Cagliostro in Lyon mit 12 Mitgliedern der dortigen Freimaurerloge eine Mutterloge seiner ägyptischen Maurerei unter dem Namen «La sagesse triomphante» und am 5. Juli 1785 eine solche in Paris.

Damals war Cagliostros Ansehen so gestiegen, daß der in Paris tagende Freimaurerkonvent alles aufbot, um von ihm Belehrung zu erlangen, obgleich er diese nur unter der Bedingung erteilen wollte, daß die Philalethen verpflichtet würden, ihr gesamtes maurerisches Archiv den Flammen zu opfern. Nach Erfüllung dieser Bedingung wollte er den Freimaurern zeigen, wie sie befähigt werden könnten durch Handlungen und Tatsachen, sowie durch Sinneswahrnehmungen zu erkennen, zu welcher Wissenschaft die wahre Maurerei die Symbole darbiete und den Weg andeute.

Am 21. November 1786 erfolgte Cagliostros Entlarvung in der Antiquity-Lodge in London durch den Optiker Mach und damit der Zusammenbruch des Systems, an dessen Spitze er als Großkophta stand.

Dasselbe war Männern und Frauen zugänglich, bestand aus einer Stufenleiter von 90 Graden und verhieß Vollkommenheit durch physische und sittliche Wiedergeburt aller, die daran glaubten. (Vgl. Goethe, Neue Schriften 1792, S. 243-284)

Der Graf von Saint Germain hat in Beziehungen zu Cagliostro gestanden und dessen System, wahrscheinlich in umgemodelter Form, an deutsche Fürstenhöfe (Ferdinand von Braunschweig, Friedrich August von Braunschweig, Carl von Hessen u.a.) gebracht. Namentlich Carl von Hessen, der den Grafen Saint Germain bis zu seinem Tode verpflegt hat, ist okkulten Studien mit großem Eifer zugetan gewesen, wozu dieser die Anregung gegeben hatte. Von ihm erschien u.a. im Jahre 1824 in Kopenhagen eine «Erklärung über den Zodiakalstein des Tempels zu Dendera.

Der Rite de Memphis oder wie er sich selbst nannte «der orientalische Freimaurerorden von Memphis» soll nach der Ordenssage von einem im Jahre 46 n.Chr. durch den Hl. Markus zum Christentum bekehrten Ormus oder Ormuzd und einer unter ihm vereinigten Essenerschule herrühren. Er soll schon 1150 durch schottische Ritter nach Edinburg verpflanzt worden und der Vorläufer der heutigen Freimaurerei gewesen sein.

In Edinburg selbst weiß man von dieser Geschichte nichts, dagegen ist bekannt, daß ein gewisser SamuelHonisausKairo 1815 dieerste Großloge dieser Lehrart in Paris gegründet hat, dieaber nur bis 1816 von Bestand gewesen ist.

1838 wurde dort ein zweiter Versuch mit der Einführung dieser Lehrart durch Begründung der Loge Osiris gemacht, der aber wieder fehlschlug, denn schon 1843 wurde der Orden polizeilich aufgehoben.

1848 erfolgte der dritte Versuch, und zwar wurde der Orden dann in 90 «Grade des Wissens» eingeteilt. Der oberste Grad (das Sanctuaire) sollte auf die Verwaltung keinen Einfluß haben und ganz esoterisch sein.

1851 wurde der Orden in Frankreich verboten und der Sitz seiner Verwaltung nach London verlegt. Dort machte er bessere Fortschritte und errichtete Tochterlogen in Genf, Brüssel, New York und Australien. Seine 90 Grade wurden auf 30 herabgemindert, und in dieser Gestalt suchte man ihn 1861 auch in Deutschland einzuführen, was aber infolge des Widerspruchs der maurerischen Behörden der altpreußischen Großlogen mißlang.

In anderen Ländern, wie in England, Irland, Schottland, Italien, Rumänien, Ägypten, Ostindien, Kanada, den Vereinigten Staaten von Nordamerika und Australien gelang seine Verbreitung, zumal seitdem er sich mit dem Rite de Misraim verschmolzen hatte.

Der Rite de Misraim oder auch Rite Egyptien wurde im Anfang des 19. Jahrhunderts durch den jüdischen Kaufmann Michel Bedarride von Italien nach Frankreich gebracht und dort ausgestaltet. Die Ordenssage behauptet, Misraim, ein Sohn Hams, sei nach Ägypten gezogen, habe dasselbe in Besitz genommen und es nach seinem Namen benannt (Misraim, d.i. Ägypten).

Von ihm habe sich eine uralte Geheimlehre über alle Länder und Zeiten verbreitet und sei an allen Philosophenschulen und mystischen Geheimbünden, von den verschiedensten Religionen und Maurereivereinigungen, wenn schon mit mancherlei Änderungen benutzt worden, nämlich die Lehre von der Isis und dem Osiris, der Natur und dem Schöpfer.

Das System ist in vier Serien eingeteilt, von denen die erste die symbolische, die zweite die philosophische, die dritte die mystische und die vierte die hermetisch-kabbalistische benannt ist.

Man unterscheidet 17 Klassen und 90 Grade, die aber ungleich verteilt sind. Die Inhaber des 87.-89. Grades sind mit der Verwaltung der drei ersten bis zum 77. Grade reichenden Serie betraut. Der Souverain Prince des 78. Grades ist der Chef der vierten Serie, und den 90. Grad nimmt der unbekannte Souverain Grand maitre absolu puissant supr&me de l’ordre ein.

Der Bankerott des Begründers des Ordens in Frankreich, Bedarride, hat die weitere Verbreitung des letzteren nicht gehindert, was in der freimaurerischen Literatur, in der man sonst für die inneren Einrichtungen namentlich für die den Oberen zu erweisenden Ehrenbezeugungen nur Spott und Hohn übrig hat, auf die mustergültige Einrichtung der Wohltätigkeitsübung zurückgeführt wird.

Über die Verbreitung des jetzt verschmolzenen «Ordens von Memphis und Misraim» ist schon an anderer Stelle die Rede gewesen.

In Hamburg ist er seit wenigen Jahren vertreten und wird im Adreßbuch folgendermaßen aufgeführt: A. & A. Schottischer (33°) und A. & P. Ritus von Memphis und Misraim (95°). Kapitel «Phönix zur Wahrheit» Nr. 3 im Tale von Hamburg.3 Arbeitsloge jeden zweiten Donnerstag im Monat. Symb. (St. Joh.) Loge «Phönix» im O. Hamburg. Arbeitsloge jeden ersten, dritten und vierten Donnerstag im Monat.

Arbeit und Jurisdiktion des Großorients und des Souveränen Sanktuariums für Deutschland in Berlin. Freundschafts-Repräsentant für Amerika: Franz Held, Borgfelde, Henriettenallee 18. Anfragen sind zu richten an den ersten Sekretär M. Lupschewitz, Dillstraße 4 oder Schatzmeister A. Paasch, St.G.Steindamm 68/11.

Der Orden ist vom deutschen Großlogenbunde nicht anerkannt, doch bemüht er sich, einzelne Brüder aus hiesigen Lehrarten zu sich herüberzuziehen, namentlich durch Verteilung einer Zeitschrift, die fast lediglich Arbeiten von Dr.F.Hartmann enthalten soll. Ich werde versuchen, mir diese Zeitschrift zu verschaffen. A.W.Sellin



  1. Ein Begleitbrief zu diesem Bericht liegt nicht vor. ↩

  2. Siehe Vortrag Berlin, 16. Dezember 1904. ↩

  3. «Tal» = Bezeichnung für freimaurerische Behörden. ↩

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