Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914
GA 265 — 14 December 1904
A. W. Sellin an Rudolf Steiner
Hamburg, den 14. Dezember 1904
Sehr geehrter Herr Doktor!
Zunächst habe ich noch folgendes über die bewußte Großloge ermittelt:
Sie wurde vor etwa zwei Jahren unter dem Namen «Groß-Orient des Schottischen und Angenommenen 33° Ritus und Souveränes Sanktuarium des Adler- und Pelikan-Ritus 95° von Memphis- und Misraim» in Berlin errichtet und hat den bestehenden Großlogen anderer Lehrarten ihre Konstituierung ordnungsmäßig angezeigt, worauf diese aber nicht reagiert haben.
Aus ihrer offiziellen Kundgebung an die maurerischen Körperschaften Deutschlands geht folgendes hervor:
Der neue Groß-Orient ist auf Veranlassung deutscher Freimaurer, welche im Auslande in Logen dieser Lehrart aufgenommen, errichtet worden.
Der Souveräne General-Großmeister Br.John Yarker, 33°, 90°, 96° hat den Br.Dr.Franz Hartmann, 33°, 95° (aufgenommen in den Bund in der Washington-Loge Nr. 12, Orient Georgetown, Amerika), Heinrich Klein 33°, 95° (aufgenommen in den Bund in der Pilger-Loge Nr. 238 im Orient London) und Theodor Reuß 33°, 96° (aufgenommen in den Bund in der Pilger-Loge Nr. 238 in London) und den mit denselben verbundenen Brüdern einen Freibrief zur Konstituierung eines Groß-Orient und Souveränen Sanktuarium des Ritus für das Deutsche Reich ausgestellt.
Oberster geistiger Leiter und Ehren-Großmeister desselben ist der Br. Dr. Carl Kellner, 33°, 90°, 96° (aufgenommen in den Bund in der Loge Humanitas in Wien), Direktor der Kellner-Partington Paper Pulb-Fabriken Hallein, Liverpool, Manchester etc. und Mitglied des K.K.Industrierates in Wien.
Reuß ist zu sprechen Berlin W. im Columbia-Bureau, Equitable-Palast, Leipzigerstrasse 101/102.
Die Mehrzahl der 33 respektive 95 Grade sind als «Erkenntnisstufen» zu betrachten, welche schriftlich bearbeitet werden und ein Studium der verschiedenen Religions- und Philosophie-Systeme bedingen. Beförderungsgebühren werden nicht genommen.
In den Hochgraden dieser Lehrart sind, einem Manifest des GroßOrients zufolge,1 Geheimnisse vorhanden, «die auf den Orden durch mündliche Überlieferung von den Vätern aller wahren Freimaurerei, den weisen Männern des Ostens überkommen und nur mündlich weitergegeben werden.»
Selbstverständlich - heißt es in dem Manifest - hängt aber der Erfolg dieses praktischen Unterrichtes zur Erlangung dieses Geheimnisses wiederum ganz vom Kandidaten selbst ab.
Diejenigen Brr., welche das Geheimnis gefunden hatten, bewahrten es als ein köstliches, selbsterrungenes Eigentum, und um von den Alltagsmenschen nicht verkannt oder gar verspottet zu werden, verbargen sie es unter Symbolen, so wie wir das heute noch tun.
Unsere Hochgrade geben - mit Hilfe dieser Symbole - dem Bruder die Möglichkeit, einen sicheren Beweis für die Unsterblichkeit des Menschen zu erlangen. Er bedarf der Überzeugung von seinem Fortleben nach dem Tode, um in diesem Leben wahrhaft glücklich sein zu können. Daher haben auch die Mysterien aller Religionen und Weisheitsschulen sich mit dieser Frage als ihrer höchsten und vornehmsten Aufgabe beschäftigt. Die Kirche tut dies auch, aber sie verweist den Suchenden auf den Weg der Gnade. Unser Orden stellt es jedoch in die Möglichkeit eines jeden Suchenden, mittelst praktischer Mittel sich mit dem Weltbewußtsein, der Ur-Schöpferkraft, bewußt und selbst gewollt schon in diesem Leben zu vereinen.
Der neue Großorient gibt eine Zeitschrift unter dem Titel «Oriflamme» heraus, die von Max Perl in Berlin verlegt wird. Dr. Franz Hartmann soll die meisten Beiträge dafür liefern. Mir ist nur die «Historische Ausgabe der Oriflamme» vom Jahre 1904 bekannt geworden. Diese beginnt mit dem Gruße «Friede, Toleranz, Wahrheit!» und hält dann den Freimaurern ihre Unkenntnis betreffs der Entwickelung und des wahren Wesens der Freimaurerei vor. Namentlich Findel sei als freimaurerischer Historiker ganz unzuverlässig; die für den Beweis dieser Behauptung angeführten Beispiele sind jedoch wenig. oder gar nicht stichhaltig.
Der Verfasser verwirft das Hervorgehen der Freimaurerei aus der alten Werkmaurerei, und führt ihren Ursprung auf die Tempelritter zurück. Protokollarische Beweise seien dafür allerdings nicht zu erbringen, da es strengstens verboten gewesen, irgendwelche schriftliche Aufzeichnungen über die Versammlungen oder über die Zugehörigkeit zu den die Tradition der Tempelritterschaft pflegenden maurerischen und rosenkreuzerischen Körperschaften zu machen. Die für diesen Zusammenhang mit den Templern vorhandenen Beweise würden nur Eingeweihten mitgeteilt. Die Richtigkeit dieser Behauptung ist natürlich unkontrollierbar, und die Aufrechterhaltung solcher historischen Geheimniskrämerei in unserer nach Öffentlichkeit drängenden Zeit mindestens unverständlich.
Glücklicherweise wird die Entstehung des schottischen 33° Ritus, soweit dieselbe auf Dokumente Friedrich des Großen zurückgeführt wird (Charlestoner System) als eine große Ordenslüge bezeichnet, und die Erklärung abgegeben, daß man es in dem mit dem Orden Memphis und Misraim verbundenen System mit dem gesetzmäßigen System des Brs.Cerneau zu tun habe.2
Da nun aber der neue Orden seinem innersten Wesen nach ein durchaus theosophisches Gepräge trägt, so werde ich ihm eine ganz besondere Aufmerksamkeit zuwenden, und sogar direkte Fühlung zu seinen Führern suchen.
Sollte ich dabei die Überzeugung gewinnen, daß er der theosophischen Bewegung zu dienen vermag, so kann ja die Frage, wie dies am besten geschehen kann, gelegentlich zwischen uns erörtert werden.3
Beifolgend sende ich Ihnen meinen Logenvortrag «Fürstliche Brüder», bitte aber um baldige Rücksendung desselben, da er ein Glied in einer ganzen Serie von Vorträgen ist, und ich wahrscheinlich auf ihn noch einmal zurückzugreifen habe.
Mit herzlichem Gruß
Ihr ergebenster
A.W. Sellin.
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Dieses Manifest ist abgedruckt und von Rudolf Steiner besprochen im Vortrag Berlin, 9. Dezember 1904. ↩
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Sellin, dessen eigene Loge damals nach dem Cerneau-Ritus arbeitete, deutet hier auf den Gegensatz zwischen den beiden Schottischen 33%Systemen (Cerneau und Charleston). Durch das um 1801/02 in Charleston/USA geschaffene System sollen durch gefälschte Dokumente die ursprünglichen auf Cerneau (1763-1829) zurückgehenden Ritualien geändert worden sein. In der von Sellin angeführten «Historischen Ausgabe der Oriflamme», die von Yarker mitverfaßt wurde, heißt es, daß man in bezug auf den Schottischen Ritus nach dem früheren rechtmäßigen Cerneau-System arbeite. ↩
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Rudolf Steiner muß wohl Sellin mündlich darüber orientiert haben, daß er in der Zwischenzeit schon selbst mit dem Orden Fühlung genommen hatte. Daraus erklärt sich auch, warum er im Brief vom 15. August 1906 auf die Bemühungen Sellins von 1904 keinen Bezug nimmt. Vgl. hierzu auf Seite 50. ↩