Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914

GA 265 — Berlin

A. W. Sellin an Rudolf Steiner

Hamburg, 20. Dezember 1904

Lieber Herr Doktor!

Unter Bezugnahme auf mein Schreiben vom 14.d.M. übersende ich Ihnen anbei das letzte Heft der «Oriflamme», das einen Beitrag von Dr. Franz Hartmann enthält, der für Sie Interesse haben dürfte.

Im Septemberheft von 1903 der «Oriflamme» finde ich folgende merkwürdige Mitteilung:

«In Nordamerika gehören 50.000 Frauen dem nur aus FreimaurerFrauen, Töchtern und Witwen bestehenden Orden vom Eastern Star an. In London ist in diesem Jahre durch die bekannte Theosophin Frau Annie Besant, die in Paris in den Freimaurerbund aufgenommen wurde, eine sogenannte «gemischte Loge gegründet und von Paris aus gestiftet worden.»

Die letztere Notiz ist recht so zu verstehen, daß die von Frau Annie Besant in London gegründete «gemischte Loge» von Paris her eine Stiftungsurkunde erhalten hat.1

Ist Ihnen darüber etwas bekannt?

«Gemischte Logen» gibt es erst seit 1893. Damals war es Maria Deraismes in Paris, welche am 14. März 16 Frauen in den Freimaurerbund aufnahm, und die Schottenloge «Le droit humain» gründete.

Diese «gemischten Logen» sind von unseren deutschen Großlogen ebensowenig anerkannt, wie die Memphis- und Misraim-Logen und die Adoptionslogen, wie sie im Orden vom Eastern Star tätig sind.

Sehr lieb wäre es mir, wenn Sie mir das beifolgende Heft, sowie die beiden Bundesblätter und meinen Vortrag zurücksenden möchten. Hoffentlich gestattet es Ihre Zeit bei Ihrer Anwesenheit im Januar, mir eine Zwiesprache über persönliche, meine innere Entwickelung betreffenden Fragen zu gewähren.

Mit brüderlichem Gruß und besten Wünschen für das kommende Fest Ihr Sie hochschätzender und treu verbundener :

A.W. Sellin



  1. Adoptionsmaurerei und Annie Besant Bis zum Ende des 17. Jahrhunderts waren Frauen aus der Freimaurerei gänzlich ausgeschlossen. Erst als Anfang des 18. Jahrhunderts in Frankreich Vereinigungen entstanden, die der Freimaurerei ähnelten und auch Frauen zuließen, kam es zur sogenannten Adoptionsmaurerei, Frauenlogen, die den Männerlogen unterstanden, d.h. jeder weibliche Würdenträger wurde von einem ebensolchen männlichen adoptiert. Die erste solche Adoptionsloge - ausgehend vom Grand Orient de France - entstand 1775 in Paris. Zu dieser Zeit hatte auch Cagliostro in seine ägyptische Maurerei Frauen aufgenommen. Als erste Frau, die ein Jahrhundert später in eine reguläre Männerloge Einlaß fand, wird gewöhnlich die französische Frauenrechtlerin Marie Deraismes (1828-1894) genannt. Nach ihrer Aufnahme hielt sie eine Rede, in der sie sich wie folgt äußerte: «Aus welchem Grund hat die Freimaurerei uns Frauen ausgeschaltet? Ist sie etwa im Besitze höherer Wahrheiten, die nur einer erleuchteten Elite zugänglich wären? Befaßt sie sich mit abstrakten transzendenten Problemen, die vorbereitender Studien bedürfen? Nein. Man wird ja ohne jedes Patent oder Abschlußzeugnis aufgenommen. Hat die Freimaurerei vielleicht Geheimnisse, Arkana oder Mysterien zu bieten, die nur einer kleinen Zahl von Auserwählten mitgeteilt werden dürften? Nein, denn die Zeit der Mysterien, der Geheimnisse und Arkana ist endgültig vorüber!» (Zitiert nach A.Mellor in «Logen, Rituale, Hochgrade», 2. Auflage deutsche Ausgabe 1985, ohne Verlags- und Ortsangabe, S. 202) Da ihre Aufnahme in eine reguläre Männerloge im Jahre 1882 jedoch ein Ausnahmefall blieb, gründete sie zusammen mit einigen Maurern vom Schottischen 33°-Ritus im Jahre 1882 in Paris einen neuen Orden, den «Ordre Magonnique Mixte International» (Internationale gemischte Freimaurerei), bekannt unter dem Namen der französischen Großloge «Le droit humain», deren Rechtmäßigkeit jedoch bestritten wird. In diesen Orden wurde im Jahre 1902 Annie Besant aufgenommen, erhielt 1903 eine Stiftungsurkunde für London und verhalf ihm neben ihren theosophischen Aktivitäten zur Ausbreitung in der englischsprachigen Welt, dort als «Order of Universal Co-Masonry» bekannt. Nach einer Mitteilung von Emil Adriänyi an Rudolf Steiner habe ihm Reuß auf seine Anfrage, ob Annie Besant Mitglied des Memphis-Misraim-Ritus sei, erklärt, daß sie sich zwar bei Yarker und bei Reuß um Aufnahme bemüht habe, aber von beiden Seiten abgewiesen worden wäre. ↩

German original of A. W. Sellin to Rudolf Steiner · ← Previous · Next →