Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914

GA 265

Esoterische Stunde

in Kristiania (Oslo), 18. oder 20. Mai 1923

Undatierter späterer Erinnerungsbericht von Helga Geelmuyden

Beim Besuch des Doktors in Oslo - dem letzten - Mai 1923 - hielt der Doktor eine M.E.-Versammlung.1

In der Versammlung erzählte er sehr eindrucksvoll weiter die Tempellegende. Und er ging dazu über, darüber zu sprechen, wie die Abelsöhne sich zu den Kainssöhnen gefunden hatten, indem die Theologen ihn um den neuen Kultus gebeten hatten. Das erregte gesteigerte Feindschaft von Seiten der Abelsöhne und der Kainssöhne in der äußeren Welt. (Gemeint waren die Jesuiten und die okkulten Brüderschaften, so faßte ich es jedenfalls auf.)

Und weiter sprach er dann, daß im selben Saal, wo den Theologen der neue Kultus gegeben wurde, das Feuer entzündet wurde, das das Goetheanum zerstörte.

Im Anschluß an die Tempellegende wurde weiter gesagt, daß es notwendig wäre, das Goetheanum wieder aufzubauen. Es wurde gesagt, ungefähr so: der Tempel Salomos wäre nie physisch materiell dagewesen. Er müßte aber einmal auf der Erde da sein. (Mir hat der Doktor früher einmal gesagt, daß Abelsöhne nicht in die M.E. aufgenommen werden könnten. Dies wurde in der Beziehung gesagt, daß jemand eine Frau mit atavistischem Hellsehen hineinbringen wollte.)

Die Dinge, die der Doktor mit Bezug auf den Wiederaufbau des Goetheanum sagte, machten auf mich einen starken Eindruck. Später - im Sommer - war ich bei der Generalversammlung des Goetheanum-Vereins [in Dornach] anwesend, wo man die Frage des Wiederaufbaus behandelte. Ich frug dann den Doktor, ob er nicht das sagen wollte, was er uns in Norwegen gesagt hat. Er schüttelte den Kopf und sagte kurz: ganz unmöglich.

Nun muß ich gestehen: das neue Goetheanum hat mich nie befriedigen können auf dem Hintergrund dieser eindrucksvollen Erinnerung. Besonders ist es mir schmerzlich, die Christusgruppe ganz und gar isoliert zu sehen. Im Jahre 1916, da ich den Doktor in Berlin auf meiner Durchreise nach Dornach sprach, sagte er mir: Nun müssen Sie, wenn Sie den Bau besuchen, die ganze Zeit die Gruppe auf ihrem Platz sich vorstellen. - Das tat ich auch und so entstand eine lebendige Bewegung durch die ganze Säulen- und Architravreihe hindurch, und das Bewegende war das Christus-Ich, so wie es sich darstellte in der Gruppe. Das alte Goetheanum starb, gleichsam ohne ganz dieses Ich verkörpert zu haben - es war noch außerhalb. Im neuen Goetheanum besteht keine Möglichkeit einer organischen Verbindung.

Die Vereinigung der Abelsöhne und Kainssöhne hat sich auch nie ganz verwirklicht.2



  1. Die Bezeichnung «M.E.-Versammlung» für die esoterische Stunde erklärt sich aus ihrem einer M.E.-Instruktionsstunde gleichenden Charakter. ↩

  2. Eine Ergänzung hierzu kann in der folgenden überlieferten Äußerung Rudolf Steiners gesehen werden (über Paul Michaelis maschinenschriftlich überlieferte Tagebuchaufzeichnung von Ludwig Polzer-Hoditz von dessen letztem Besuch am Krankenlager Rudolf Steiners am 3. März 1925): «... Tragen Sie aber stets im Bewußtsein: Die Jesuiten haben die Religiosität, die Frömmigkeit, den Menschen genommen, sind ganz identisch mit der römischen Staatsgewalt. Der Kampf, d.h. die Sünde gegen den Geist, ist ihr Herrschaftsgewaltmittel, die einzige Sünde, von der die Schrift sagt, daß sie nicht vergeben wird. Und doch kann der Geist nicht ganz ausgerottet werden, aber nur wenige werden ihn hinübertragen in die Zukunft. Diese Strömung sei auch innerhalb der Gesellschaft stark zu verspüren und er hoffe, durch die Weihnachtstagung sie paralysiert zu haben. (Vgl. GA Bibl.-Nr. 260) Denn ohne Grund habe er nicht eine gewisse Parität des weiblichen und männlichen Geistes innerhalb des Vorstandes zu wahren gesucht, da die Tendenzen doch wahrnehmbar seien, wie aus alten Zusammenhängen heraus der weibliche Geist ausgeschaltet werden soll. Das habe ich schon in den Anfängen betont, als ich über die Tempellegende gesprochen habe. Aber es wurde wohl nicht verstanden, und dennoch ist es ein bedeutsamer Unterstrom innerhalb der Gesellschaft.» ↩

German original of Esoteric Session · ← Previous · Next →