Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914

GA 265

Das Kreuz und das Dreieck im Kosmos und im Menschen

Text nach einer Vorlage ohne Orts- und Datumangabe mit dem handschriftlichen Vermerk von Rudolf Steiner «Esoterikers. Vermutlich handelt es sich um eine Niederschrift Rudolf Steiners, deren Original jedoch nicht vorliegt.

Vier gewaltige, erhabene Gestalten stehen im Weltenraume, ein jeder nach einer der vier Richtungen. So formen sie das kosmische Kreuz. Sie lenken und leiten die Weltenvorgänge und sind die Diener des Einen, der das Leben der Sonne ist. Während eines jeden kosmischen Tages werden sie abwechselnd von dem Sonnengeist inspiriert. Sie sind die Urkräfte, welche sich spiegeln in den drei Kräften des Denkens, Fühlens und Wollens im Kosmos und in der menschlichen Seele. Der eine, der am mächtigsten ist, enthält in sich die Kräfte der drei anderen, er ist der vollkommenste, durch ihn können die andern erst geschaut und verstanden werden. Er ist der direkte Diener des großen Sonnengeistes und leitet die Zukunft, auf daß sie zur Gegenwart wird. Die Strahlen seines Lichtes bringen den menschlichen Seelen Erkenntnis. Wie einen neuen Tag ankündigend, leuchtet sein Licht aus dem Osten.

Eine jede dieser vier Gestalten leitet insbesondere einen der planetarischen Entwickelungszustände der Erde. Die drei, welche sind die Urkräfte, die sich spiegeln in Wollen, Denken, Fühlen, leiteten die vergangenen planetarischen Zustände der Erde, welche bezeichnet werden als alter Saturn, alte Sonne und alter Mond. Der vierte leitet insbesondere denjenigen Zustand, welcher der Erdenzustand selber genannt wird. Daher enthält er in sich die Kräfte der drei anderen, die ihre Wirkung auf Erden wiederholen, und bringt sie in Gleichgewicht dadurch, daß er seine eigene Kraft hinzufügt. An seiner rechten Seite, in der Richtung des Nordens, steht derjenige, welcher insbesondere verknüpft ist mit der Saturn-Entwickelung. Sein Licht leuchtet in bläulichem Glanze, schwächer wie das der anderen. Eine erhabene, strenge Gestalt, wird er mit dem Namen des Uriel genannt. In der Richtung des Westens steht derjenige, welcher zu der Sonnen-Entwickelung in Beziehung steht. Im goldenen Glanze strahlt sein Licht. Eine erhabene, kraftvolle Gestalt, wird er mit dem Namen des Raphael bezeichnet. In der Richtung des Südens steht der, welcher verbunden ist mit der Entwickelung des alten Mondes. Im silbernen weißen Lichte erglänzt sein Wesen. Eine erhabene, liebevolle Gestalt, wird er mit dem Namen des Gabriel genannt. Der vierte, welcher die Kräfte der anderen in sich enthält und seine eigene Kraft hinzufügt, strahlt sein Licht von dem Osten aus in rosafarbiger Nuance und goldenem Glanze. Er leitet und lenkt die Entwickelung der Erde und wirkt deshalb in die Zukunft hinein. Eine erhabene, siegreiche Gestalt, welche die Eigenschaften der drei anderen in sich trägt, wird er mit dem Namen des Michael genannt. So stehen da die vier mächtigen Erzengel und leiten die Weltenvorgänge. Ein jeder von ihnen ist verbunden mit einem der vier Glieder im Menschen, denn in jedem der planetarischen Zustände wurde eines dieser Glieder in der Anlage entwickelt. Der vierte leitet die Ausbildung des menschlichen Ich. Er ist am innigsten mit der Menschheit verbunden und ist der direkte Diener des mächtigen Sonnengeistes. Gerade während der Erden-Entwickelung stieg dieses mächtige Wesen herunter auf die Erde in einer irdischen Inkarnation und verband sich mit der Erde und ihrer weiteren Entwickelung. Drei planetarische Entwickelungszustände sind gewesen, der vierte ist, und in der Zukunft werden noch drei andere folgen. Während diesen wird auf höheren Stufen in vollkommener Weise dasjenige ausgebildet, wozu in den drei ersten Zuständen die Veranlagung entwickelt ist. Mit den Kräften seines Ich, welche sich der Mensch angeeignet hat in der Erden-Entwickelung unter dem Einfluß des kraftvollen Erzengels Michael und durch die Christus-Kraft, welche in ihn gelegt worden ist, wird er imstande sein, während dieser drei folgenden planetarischen Zustände höhere Glieder in sich auszubilden. Drei höhere Glieder wird er entwickeln können, er wird sie aber in seinem Innern ausbilden. Aus den vier Gliedern wird er drei hervorwachsen lassen als eine höhere Dreiheit. Außerhalb des Menschen, im Kosmos, ist diese höhere Dreiheit schon da, aber der Mensch muß sie allmählich heranziehen, so daß sie sich in ihm verinnerlicht.

Wie die vier Glieder des Menschen in Beziehung stehen zu den vier Erzengeln, unter deren Einfluß sie veranlagt wurden, so gibt es kosmische Mächte, welche mit den drei höheren Gliedern der menschlichen Natur verbunden sind. Die zukünftigen planetarischen Entwickelungszustände werden ebenso geleitet und gelenkt werden von erhabenen geistigen Wesenheiten. Sie stehen nicht in den vier Richtungen des Raumes wie die vier Erzengel, die das kosmische Kreuz formen, so als hätten sie sich von einem gemeinsamen Mittelpunkte heraus voneinander entfernt, sondern sie sind so miteinander verbunden, daß sie ein Dreieck formen, strahlend in goldenem Glanze. In dem «Ich bin der da war, der da ist, der da sein wird» verbinden sie die drei Punkte der Zeit: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und weben diese zur Einheit. In die Vier hinein werden sie ihre Kraft ergießen, indem sie nicht neben den Vier, sondern über den Vier stehen.

Während der Erden-Entwickelung tritt die Kraft des Vierten zu den drei Vorangegangenen hinzu und durch diesen Vierten werden die Drei mit höheren Kräften begabt. Und dieser Vierte wird der Vermittler sein, durch welchen die höhere Dreiheit sich offenbaren kann in ihren Tätigkeiten; durch ihn kann sie hineinleuchten in die Vier das neue Geisteslicht, welches Leben ist, so wie auch beim Menschen das vierte Glied, das Ich, die Kräfte in sich hat, welche die drei höheren Glieder, Geistselbst, Lebensgeist, Geistesmensch, ausbilden werden und sie in Tätigkeit versetzen.

Es wurde am Wendepunkte der planetarischen Entwickelung, in dem vierten, dem Erdenzustand, der erste Impuls gegeben, auf daß die Kräfte der höheren Dreiheit weiter hineinwirken konnten in den drei folgenden. Dieselbe Kraft, die in dem Christus Jesus auf Erden lebte und sich mit der Erde verband, als das Wort Fleisch geworden war, wird in dreifacher Weise weiter hineinwirken in die drei nächsten planetarischen Zustände, in den fünften, sechsten und siebenten, welche bezeichnet werden als der Jupiter-, der Venusund der Vulkan-Zustand. Die drei höheren Glieder des Menschen stehen mit diesen drei Kräften in Verbindung. Auf der Erde wurde durch die Christus-Kraft dem menschlichen Ich die Möglichkeit gegeben, diese Glieder in der Zukunft in sich zu entwickeln. In dem nächsten planetarischen Zustand, dem Jupiter-Zustand, wird der Mensch sich durch Ausbildung des Geistselbst verbinden mit denjenigen Kräften, welche sich im Kosmos offenbaren als «Heiliger Geist». Er wird dieses Heiligen Geistes teilhaft werden durch sein Geistselbst. In dem darauffolgenden planetarischen Zustand, dem Venus-Zustand, wird er sich durch Ausbildung des Lebensgeistes vereinigen mit den Kräften, welche sich kosmisch offenbaren als der «Sohn». Durch Ausbildung des Lebensgeistes wird er der Sohn selber sein. Und in dem letzten planetarischen Zustand, dem Vulkan-Zustand, wird er sich durch Entwickelung des Geistesmenschen verbinden mit den kosmischen Kräften, welche als der «Vater» bezeichnet werden. Als Geistesmensch wird er mit dem Vater eins werden, er wird in dem Vater sein und der Vater wird in ihm sein.

So hat dann der Mensch in sich entwickelt die Kräfte des goldenen Dreiecks. Dann wird es sich in ihm offenbaren, indem in ihm erklingen wird das göttliche Schöpferwort, welches seine Kraft in dieses Dreieck ergossen hat. Dieses göttliche Wort war der Anfang aller Dinge; es hatte seine Kraft, sein Leben, in alle Dinge hineingelegt. In der Weltenentwickelung war es allmählich für die Menschen verlorengegangen, denn immer weniger konnten es die Menschen ertönen hören in ihrem Innern und in der Außenwelt. In viele einzelne Silben und Buchstaben schien es sich verteilt zu haben und keiner konnte zunächst den Zusammenhang dieser Buchstaben verstehen. Niemandem war es möglich, aus den Silben ein Wort zusammenzustellen, welches in sich lebendiger, schöpferischer Ton war. In den tiefsten Quellen des Daseins verborgen ruhte das goldene Dreieck, auf welchem dieses Wort bewahrt geblieben war. Da war es eingeschrieben. Den Menschen war es zunächst unzugänglich. Einmal aber, als der Ton des Wortes ganz verklungen schien, als die Finsternis am tiefsten war, da offenbarte es sich wieder der Menschheit und zeigte seine Kraft. Seitdem ist im Innern des Menschen geblieben ein Nachklang wie eine Erinnerung an seinen Ton. Dadurch ist möglich geworden, daß der Mensch es einmal wiederfinden wird in seinem Innern und in der Außenwelt. Ein jeder Mensch wird zu einem Sucher nach dem Wort, wenn er anfängt, die höheren Glieder in sich auszubilden, das goldene Dreieck in sich aufzubauen. Dann wird er es einmal finden. Und wie er allmählich die höhere Dreiheit in sich ausbildet, bis sie sich in einer Einheit offenbaren kann, so wird er lernen, Silbe nach Silbe zu buchstabieren, bis es in seiner eigenen Seele lebendig ertönt und er das göttliche Schöpferwort in seinem Wesen erfaßt.

German original of The Cross and the Triangle in the Cosmos and in Man · ← Previous · Next →