Zur Geschichte und aus den Inhalten der erkenntniskultischen Abteilung der Esoterischen Schule von 1904 bis 1914

GA 265

Zu dem Mantram «Die Steine sind stumm ...»

(Siehe S. 163)

Zu diesem Mantram sind aus dem erkenntniskultischen Arbeitszusammenhang keine Erläuterungen überliefert. Aber im Vortrag Leipzig, 13. Oktober 1906 wurden die folgenden Ausführungen gemacht, die sich auf den Inhalt des Mantrams beziehen:

Ich sprach Ihnen früher davon, daß in jedem Menschen Kräfte schlummern, die entwickelt werden können und die ihn zu höherer Daseinsstufe erheben. Wie die physische Welt durch physische Organe wahrgenommen wird, so kann die übersinnliche Welt durch übersinnliche Organe wahrgenommen werden. Damals wurden die Mittel angegeben, wenn auch bruchstückweise, durch die der Mensch sich sehend machen kann. Heute wollen wir, um zu unserem Thema hinüberzuleiten, gewisse Mittel anführen, die innerhalb der inneren Schulung gebraucht werden.

Auf jeder Stufe sind neue Anweisungen zu befolgen. Was heute besprochen wird, genügt nicht allein, aber es reiht sich ein. Auf dem Weg zur Schülerschaft wird eine Anweisung gegeben, die dahin geht, daß der Mensch sich angewöhnt, ein ganz bestimmtes Verhältnis zur übersinnlichen Welt zu bekommen, ein moralisches Verhältnis. Auf der ersten Stufe muß der Mensch sich klarmachen, daß ebenso wie er ein empfindendes Wesen ist, auch die Tiere empfindende Wesen sind. Wie jedoch der Mensch eine individuelle Seele hat, so haben die Tiergruppen eine Gattungsseele. So haben alle Löwen, alle Haifische, alle Frösche und so weiter zusammen eine Seele. Anders ausgedrückt: Während der Mensch die Seele als Inneres hat, reichen die Tierseelen, gleichsam die seelischen Verbindungsfäden der Tiere, bis in die astrale Welt hinein, und dort sind die Gemeinschaftsseelen der Tiergruppen. Wenn man dem Menschen weh tut, so empfindet er es allein. Verletzt man aber den Löwen, so empfindet das die Gruppenseele, die nicht auf dem physischen Plan lebt, sondern auf dem astralen Plan.

Die Schulung geht nun dahin, ein Verhältnis, ein Empfindungsverhältnis zu den Tierseelen auf dem astralen Plan zu bekommen. Hierfür ein Beispiel: In manchen Gegenden galt den alten Deutschen das Pferd als Verehrungsgegenstand. Sie pflanzten einen Pferdeschädel als Symbol auf ihre Häuser. Die Wahl eines solchen Symbolszeigt, daß sie in einem ganz bestimmten Verhältnis zum Pferd standen. Woher kam das? Das Pferd entstand erst zu einer ganz bestimmten Zeit. In der Mitte der atlantischen Zeit trat diese Gattung Tiere, selbstverständlich nach und nach, auf. Dies fiel zusammen mit der Entwickelung der Klugheit. Wenn der Mensch sich das auch nicht in Begriffen besonders klarmachte, so hatte er vergleichsweise eine Anziehung zu dem Pferd wie der Liebende zur Geliebten. Der Araber hat noch heute ein besonderes Verhältnis zu seinem Pferd. Manche Hinweise finden sich in der Mythologie. So ersann die Klugheit des Odysseus ein hölzernes Pferd. In diesem Sinne wird der Mensch eine Empfindung für die Gattungsseele der verschiedenen Tiere bekommen. Wenn dies ins Bewußtsein übergehen wird, dann beginnt das Verhältnis zum astralischen Plan aufzugehen.

Auf diese Weise kann auch ein moralisches Verhältnis zur Pflanzenwelt entstehen. Der Okkultist sieht nicht nur die Schönheit der Pflanze, sondern er empfindet etwas wie ein lächelndes oder ein trauriges Antlitz. Man hat sehr viel von diesem moralischen Empfinden. Wenn Sie ein solches moralisches Verhältnis ausbilden, dann treten Sie in Beziehung zur unteren Region des Devachanplanes.

Auch für die tote Steinwelt kann man eine feine Empfindung ausbilden. Das Gestein hat eine Gruppenseele auf dem Devachanplan, so wie das Tier eine Gruppenseele auf dem astralen Plan besitzt. Im Devachan leben die Seelen der Minerale. Deshalb sind sie für den Menschen nicht erreichbar. Wie die Fliege, wenn sie über unsere Hand läuft, nicht ahnt, daß dahinter eine Seele liegt, so wissen die Menschen nicht, daß Steine Seele haben.

Wenn nun Steine Seelen haben, dann werden Sie auch verstehen, wie ein moralisches Verhältnis zu ihnen entstehen kann. Ein menschlicher, ein tierischer Leib hat Begierden, Leidenschaften und Triebe. Der Pflanzenleib hat keine Begierden mehr, aber er hat noch Triebe. Der Steinleib hat weder Begierde noch Trieb, deshalb stellt er uns Menschen ein Ideal vor, dahingehend, daß unsere Triebe vergeistigt werden sollen. Und in ferner Menschenzukunft wird das erreicht werden: Leiber ohne Begierde und Triebe werden die Menschen haben. Einst wird der Mensch diamantgleich sein, er wird nicht mehr innerliche Triebe haben, sondern solche sind dann äußerlich beherrscht.

Der Stein stellt schon heute diese Keuschheit dar, er ist begierdelose Materie. Dieses Begierdenlose muß der okkulte Schüler bereits jetzt in sich ausbilden. In diesem Sinn steht der Stein über Tier, Pflanze und Mensch. Eine alte Rosenkreuzerformel beginnt damit, daß es heißt: Ich habe das ewige Schöpferwort in den Stein gelegt. Keusch und jungfräulich bewahrt der Stein dieses Schöpferwort in den Tiefen des physischen Daseins.

Wenn man solches Empfinden gegenüber dem Stein zur spirituellen Erfahrung steigern kann, wird man hellsichtig in den höchsten Partien des Devachan.

German original of “The stones are mute...” · ← Previous · Next →